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ISRAEL Lust am Wald

Während in Europa die Bäume sterben, wachsen auf den bisher kahlen israelischen Bergen dichte Wälder: Ergebnis gewaltiger Aufforstungsarbeit. *
aus DER SPIEGEL 51/1984

Als vor über dreitausend Jahren Israels Stämme Einzug hielten ins gelobte Land Kanaan, waren sie zutiefst beeindruckt von dessen Forsten.

Siebzigmal ist im Alten Testament das Wort »Eres« erwähnt, gemeint sind damit nicht nur die Zedern, sondern auch die vielen anderen Baumarten des alten Israel: Zypressen, Terebinthen, Eichen, Akazien und Tamarisken. Sie wuchsen im Norden des verheißenen Landes.

Im Gebiet des Stammes Efraim ragten die besonders hohen Tabor-Eichen auf. Schätzungsweise 100 000 Hektar groß war dort der Wald. Auf dem Karmelgebirge standen die Wälder, die dem Stamm Manasse gehörten: 150 000 Hektar Laubbäume und Koniferen.

Doch die Waldesherrlichkeit war nicht von Bestand: »Das Gebirge soll dein sein, da der Wald ist, den haue um«, heißt es in Josua 17, 18. Und: »Welches aber Bäume sind, von denen du weißt, daß man nicht davon ißt, die sollst du verderben und ausrotten und Bollwerk daraus bauen wider die Stadt, die mit dir kriegt« (fünftes Buch Mose).

Viele Jahrhunderte lang legten die Israeliten selber, aber auch Römer, Byzantiner, Araber und Mongolen die Axt an die Wälder. Als die Kreuzritter kamen, fanden sie nur noch klägliche Überreste der einst gewaltigen Forste vor, die sie prompt niederhackten.

Israel bot schon im Mittelalter jenes Bild vom Heiligen Land, das den Europäern seitdem vertraut ist: eine sonnenverbrannte, steppenartige Gegend mit kahlen Bergen.

Das Bild hat sich geändert. In rund 280 Forstrevieren wurden fast 200 Millionen Bäume gepflanzt. Jedes Jahr kommen fast fünf Millionen Setzlinge dazu. Gegen Ende des Jahrhunderts dürfte Israel beinahe wieder das reichbewaldete Land früher biblischer Zeiten sein. Einer erwarteten Bevölkerung von fünf Millionen Menschen werden 25 000 Hektar Wald zur Verfügung stehen.

Die Erfolgsgeschichte der Wiederaufforstung Israels begann vor rund hundert Jahren. Ende des 19. Jahrhunderts hatte ein Bericht der »Palestine Exploration Society« noch festgehalten: »Der Mensch, nicht die Natur, hat Wald und Boden zerstört. Nur der Mensch ist fähig, dem Boden seine Fruchtbarkeit wiederzugeben.«

Damals bedrohten große Herden schwarzer Ziegen, die mit Vorliebe Baumrinden und junge Sprößlinge anknabberten, jeden grünen Trieb. Beduinische Nomaden fällten Bäume für Feuerholz.

Was ihnen entging, holten sich die Türken im Ersten Weltkrieg. Die Lokomotiven der Transportzüge zu den Fronten am Suezkanal und im Hedschas wurden mit Holz befeuert. Damals fiel die letzte Tabor-Eiche.

Indes lief schon seit Ende des 19. Jahrhunderts ein bescheidenes Wiederaufforstungsprogramm. Anfangs pflanzten jüdische Siedler, aber auch die deutsche Templer-Gesellschaft, Pinien von der iberischen Halbinsel und später australische Eukalyptusbäume.

Die Baumanlagen jener Templer, protestantischer Siedler, die im 19. Jahrhundert eingewandert waren, wurden im Zweiten Weltkrieg von den englischen Mandatsbehörden Palästinas beschlagnahmt und später von Israel übernommen. Für die Templer-Bäume zahlte Israel im Rahmen der Reparationsverträge Entschädigungen an die Bundesrepublik.

In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts wurde eine Eukalyptus-Art, die gewaltige Mengen Wasser benötigt und deshalb eine wichtige Rolle bei der Trockenlegung der Fiebersümpfe im palästinensischen Tiefland spielte, zum Symbol der jüdischen Pionierarbeit. Bei den Arabern hießen Eukalypten bald nur noch »Judenbäume«. Zugleich kultivierten _(Im Kennedy-Wald bei Jerusalem. )

die Israelis aber auch andere Baumarten. So erweisen sich Akazien als besonders nützlich, wenn es gilt, Sanddünen zu befestigen. Tamarisken gedeihen auch im Wüstenboden des Negev und bieten dort wichtigen Windschutz. Jüdische Forstgremien zogen auch Obstbäume wie Oliven, Mandeln, Datteln und Edelpistazien erfolgreich.

Schon lange bevor im Westen der Umweltschutz ein Thema wurde, propagierten zionistische Siedlungsverbände, die Wälder aufzuforsten, wichtigste Voraussetzung für Bodenschutz und Bodengewinnung.

Heute verhindern Baumpflanzungen in den hügeligen Gebieten Israels, daß die Bodenkrume durch die heftigen Winterregen fortgeschwemmt wird, während breite Alleen Felder und Zitrus-Haine gegen Sandstürme schützen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gründete die britische Mandatsverwaltung die ersten Baum- und Samenschulen und erließ Gesetze zum Schutz der Bäume, die im Staat Israel bis heute gelten. Wer einen Baum ohne schriftliche Genehmigung fällt, muß mit hohen Geldstrafen rechnen.

Israels Wälder wuchsen auch deshalb, weil allenthalben Gedenkhaine angelegt wurden. So grünt zu Ehren des Zionismus-Erfinders Theodor Herzl ein Wald von 100 000 Bäumen. Hunderte von Forsten erinnern an Prominente, von Lord Balfour bis Kennedy, von Einstein bis Hermann Hesse. Im Januar soll Willy Brandt mit einem Hain geehrt werden.

Ein besonders großer Wald ist zum Gedenken der Opfer des Nationalsozialismus gepflanzt.

Israels Forstprogrammen kommt auch zugute, daß über 90 Prozent allen Landes dem Staat gehören und 15 Prozent des Staatsterritoriums ausschließlich für Wälder vorgesehen sind. Vorzugsweise werden minderwertige Böden bewaldet.

Der dichte Forst bei Hanita, südlich der libanesischen Grenze, ist ein Beispiel für den Erfolg. »Als ich vor 40 Jahren hier zu arbeiten begann, wuchs praktisch nichts«, sagte der aus Hamburg stammende Oberförster Elchanan Josephy, »jetzt gibt es schon Wälder, in denen man sich beim Spazierengehen verirren kann.«

In fast allen jüdischen Familien stehen traditionell »blaue Büchsen« in der Küche - für Spenden, die zur Aufforstung und Bodenerschließung bestimmt sind. Außerdem werden Israelbesucher häufig dazu angehalten, ihrer Visite durch Pflanzen eines Baumes höheren Sinn zu geben.

Fünf Dollar kostet der Besucherbaum, dazu gibt''s auch noch ein Diplom. Israels Forstleute hoffen, daß europäische Besucher, in deren Heimat die Bäume absterben, dafür spenden, daß wenigstens im Gelobten Land die Wälder wieder grünen.

Im Kennedy-Wald bei Jerusalem.

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