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CHINA »Macau, meine Seele«

Portugals Kolonialära geht zu Ende - der letzte Stützpunkt wird geräumt. Die Macanesen, eine eurasische Minderheit, bangen um ihre Zukunft.
aus DER SPIEGEL 50/1999

Julie de Senna Fernandes kann nur mühsam die Tränen zurückhalten. »In mir ist ein einziges Chaos«, sagt sie und tupft mit einem Taschentuch ihre Augen.

Was die elegante Assistentin des Casino-Magnaten von Macau, Stanley Ho, so beunruhigt und bewegt, ist die Nacht vom 19. zum 20. Dezember. Punkt 24 Uhr werden 442 Jahre portugiesischer Kolonialgeschichte zu Ende gehen. Lissabons letztes Territorium in Fernost fällt wieder an China zurück.

Die 450 000 Einwohner Macaus werden das Ereignis mit Feuerwerk, Ballett und Gesang feiern; für Julie Fernandes hingegen ist es ein besonders tiefer Einschnitt: »Ich werde trauern, wenn die portugiesische Flagge herabsinkt.« Sie gehört zu einer 10 000-köpfigen Minderheit, die in der Enklave am Perlfluss wohnt und nun um ihre Zukunft bangt - Fernandes ist Macanesin, Abkömmling portugiesisch-malaiischchinesischer Vorfahren.

Die Macanesen verdanken ihre Existenz der Toleranz der Portugiesen. Im Gegensatz zu den Briten in Hongkong kannten die in ihrer Kolonie keine Klassenschranken, sondern verbandelten sich gern mit Einheimischen. Das Kuriose: Obwohl die meisten Macanesen den Kontinent nie verlassen haben und in ihren Adern asiatisches Blut fließt, verstehen sie sich als Europäer. Sie sprechen Portugiesisch, sind gläubige Katholiken und werden »im Herzen immer Portugiesen bleiben«, wie Julie Fernandes, deren Urgroßvater ein portugiesischer Seefahrer war, trotzig versichert.

Zwar hat Peking Macau ebenso wie dem 66 Kilometer entfernten Hongkong nach dem Motto »Ein Land - zwei Systeme« für 50 Jahre per Grundgesetz »einen hohen Grad an Autonomie« zugesichert. Doch das nur 21,45 Quadratkilometer große Territorium wirkt wie ein fragiles Anhängsel von Chinas Sonderwirtschaftszone Zhuhai. Deren Funktionäre lassen zur Zeit eine Brücke für den Güterverkehr nach Macau bauen, ein neuer Grenzübergang für Fußgänger ist bereits fertig. Nur wenige Meter von der Demarkationslinie entfernt hat die Macau-Division der Befreiungsarmee ihre weiß geklinkerte Kaserne bezogen.

Die Macanesen fürchten, von der chinesischen Kultur aufgerieben zu werden, denn sie sind ohne Lobby. Anders als in Hongkong wirkt in Macau keine nennenswerte demokratische Opposition, die größte chinesischsprachige Zeitung ist schon gleichgeschaltet. Der neue oberste Richter wird ein Peking-freundlicher Mann sein.

»Wir sollten uns nicht selbst betrügen, wir werden Ausländer in unserem eigenen Land sein«, sagt Fernandes. »Wir werden sogar unser Aufenthaltsrecht beantragen müssen.« Dabei macht sie ein Gesicht, als hätte sie im Casino ihres Chefs gerade Haus und Hof verspielt. Es könnte aber noch weit schlimmer kommen. Wenn sich keine portugiesischen Polizisten, Richter, Anwälte, Ärzte und Kaufleute mehr in Macau niederlassen, dürfte es in wenigen Jahrzehnten kaum noch Macanesen geben.

Vor 24 Jahren zogen die Portugiesen, als Geste des guten Willen gegenüber China, ihre Truppen aus Macau ab, und die Zahl der portugiesisch-chinesischen Ehen sank seither stetig. Bald könnte es ganz vorbei sein mit den Hochzeitsfeiern, die morgens in der katholischen Kirche beginnen und abends mit einem chinesischen Bankett enden. Für Jorge Forjaz, Autor einer dreibändigen Geschichte der macanesischen Familien, ist das schlicht »eine Frage der Mathematik: Die Macanesen werden verschwinden«.

Völlig aussterben wird dann wohl auch das heimische Patois, die Sprache der Macanesen, eine Melange aus malaiischen, portugiesischen und kantonesischen Elementen. Wie Schiffbrüchige, die ihr letztes Signal abfeuern, versuchten die wenigen des Patois mächtigen Macanesen in den vergangenen Jahren, ihr Idiom zu retten. Sie inszenierten in Macaus kleinem Theater Stücke in ihrer Heimatsprache und kümmerten sich um das Liedgut ("Macau, meine Seele").

»Um zu überleben, muss man sich zusammenschließen«, sagt Julie Fernandes. Im Club der Macanesen durchleiden die Eurasier die letzten Tage, bis neben der chinesischen Flagge die grün-weiße Fahne der Sonderverwaltungsregion Macau gehisst wird. Gemeinsam mit verbliebenen portugiesischen Richtern und Polizisten speisen sie typisch macanesische Gerichte, die aus chinesischen und portugiesischen Zutaten und Gewürzen komponiert sind: Schweinefleisch mit Muscheln oder Rind und Kartoffeln auf Reis.

Einmalig wie die Kultur der Macanesen ist auch ihre Heimatstadt, die vor allem im Zentrum eine Atmosphäre aus mediterraner Beschaulichkeit und südchinesischer Hektik bewahrt hat. Viele Gebäude Macaus sind eine Mixtur aus chinesischem und europäischem Stil. Portugiesische Arkaden finden sich unter chinesischen Dächern, chinesische Fenster an barocken iberischen Fassaden.

»Wir haben immer eine große Rolle als Mittler zwischen Portugiesen und Chinesen gespielt«, sagt Pater Lancelot Rodrigues, 76. Weil sie Portugiesisch wie Kantonesisch sprechen und in beiden Kulturen zu Hause sind, hatten die Eurasier stets auch wichtige Beamtenposten inne. Den Stadtrat im »Leal Senado« betrachteten sie als ihre Domäne, traditionell kam sein Präsident aus ihrer Mitte.

Der Priester mit der Reibeisenstimme ist der wohl originellste und einflussreichste Macanese. Wegen seiner Vorliebe für Whisky nennt er sich »Sir Lancelot von der Flaschenrunde«. In seinem kleinen Büro in der Stadtmitte organisiert er Hilfsprojekte der katholischen Kirche in China.

Rodrigues pflegt seine Beziehungen zum reichsten und wichtigsten Mann von Macau, dem Casino-Besitzer Ho. Er taufte einige von Hos 17 Kindern und nahm dessen Konkubinen schon mal die Beichte ab. Auch mit dem neuen, von Peking eingesetzten Regierungschef, dem Banker Edmund Ho, kommt er gut aus: »Ein weltoffener Kerl.«

Obwohl sich die Macanesen nach dem Abzug der letzten etwa hundert portugiesischen Polizisten und Beamten »die Augen ausheulen werden«, hält Rodrigues nicht einmal die Stationierung chinesischer Militärs in der Stadt für dramatisch. Entscheidend sei, dass Peking weiterhin Religionsfreiheit gewährt: »Es ist wichtig, dass wir unsere Prozessionen behalten dürfen.«

Doch andere Macanesen klagen, ihre chinesischen Kollegen behandelten sie neuerdings von oben herab und bezeichneten sie als »Kollaborateure der ausländischen Teufel«. Einige denken bereits darüber nach, ihren Verwandten in die Diaspora zu folgen.

Das ginge ohne Probleme, denn ihren portugiesischen Ausweis dürfen sie - wie rund 100 000 chinesische Einwohner Macaus - auch nach dem 20. Dezember behalten. Wollen sie allerdings in hohen Verwaltungs- und Regierungsämtern bleiben, müssen sie das Dokument gegen ein chinesisches umtauschen.

Für Julie Fernandes wäre das so undenkbar wie für einen Pekinger Kommunisten, sich vom Großen Vorsitzenden Mao loszusagen. »Niemals«, schwört sie, »werde ich meinen portugiesischen Pass abgeben.« ANDREAS LORENZ

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