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ITALIEN / INFLATION Mach mal Pause

aus DER SPIEGEL 10/1964

Italiens Premier Aldo Moro, 47, erwies sich als folgsamer Schüler. Einen Monat nachdem der deutsche Wirtschaftsprofessor, Maßhalter und Kanzler Ludwig Erhard bei seiner Antrittsvisite in Rom den Italienern größere Sparsamkeit anempfohlen hatte, verkündete Moro jetzt für Italien ein Anti -Inflationsprogramm.

Um den Preisanstieg in Italien zu stoppen, der die Konjunktur in der gesamten EWG bedroht, verfügte Moros Ministerrat:

- Außer für Touristen werden die Benzinpreise um neun Pfennig pro Liter erhöht;

- Käufer von Personenkraftwagen und Motorbooten müssen eine Luxussteuer von sieben bis 15 Prozent des Kaufpreises an den Staat abführen;

- Ratenkäufer müssen künftig mindestens

30 Prozent des Kaufpreises sofort und den Rest in zwölf Monaten zahlen;

- zum Erwerb von Aktien wird angereizt, indem die Käufer der hohen Einkommensteuer entgehen können, wenn sie gleich eine Dividendensteuer von 30 Prozent entrichten.

Auch die Militärausgaben will Moro senken. Italiens Wehrpflichtige sollen nicht mehr 18, sondern nur noch 15 Monate lang dienen.

Allein von November 1962 bis November 1963 waren die Konsumgüterpreise durch verstärkte Nachfrage um acht Prozent gestiegen. Die Regierungsmaßnahmen sollen nun die Kaufwut der Italiener bremsen. Damit die Lebenshaltungskosten nicht noch weiter wachsen, will die Regierung mehr billige Lebensmittel - Fleisch, Öl, Eier, Geflügel und Kartoffeln - aus dem Ausland einführen.

Vor allem aber soll der Strom neuer Automobile vom Inland auf den Export umgeleitet werden. Heute besitzt jeder 15. Italiener ein Auto, 1951 war es erst jeder 70. gewesen.

1963 wurden in Italien 916 574 neue Autos zugelassen - exportiert wurden nur 291 880. Durch die Benzinverteuerung und die Sonderabgabe auf neue Pkw will die Regierung erreichen, daß die Motorisierungswelle in Italien abebbt. Meinte Moro: »Es ist an der Zeit, eine Pause zu machen.«

Die Ratenzahlungs-Vorschriften hat Moro verschärft, weil der Pumpkauf in Italien neue Rekorde setzte. Jeder vierte Autokäufer stottert den Preis in Raten ab. Bei Elektro- und Haushaltsgeräten zahlt nur jeder zweite bar. 1963 platzten zehn Millionen Wechsel im Wert von 3,8 Milliarden Mark.

Ob es Moro gelingt, den Inflationsbazillus mit seinen Maßnahmen zu töten, hängt von den Gewerkschaften ab. Während die Regierung einen Stillstand für Löhne und Preise anstrebt, wollen die Gewerkschaften erst die davongelaufenen Preise durch höhere Löhne einholen. Kommentierte der regierungsfreundliche »Il Messaggero": »Ohne die Gewerkschaften gibt es keine Austerity-Politik.«

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