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»MACHEN SIE KEIN HANKY-PANKY!«

aus DER SPIEGEL 46/1969

Ein kalter Wind weht über den Flughafen Shannon in Südirland. Die kleine Statue der Jungfrau vor dem Flugplatz ist wie üblich angestrahlt.

Michael Maloney, Oberleiter der Flugsicherungszentrale« empfängt um 19.55 Uhr von der Flugsicherungszentrale Prestwick in Schottland, Abteilung Ozean, eine Alarm-Meldung: Die Boeing 707 der Fluggesellschaft »Trans World Airlines« (TWA), Flugzeugnummer 9361, die In Amerika entführt (hijacked) wurde, soll gegen 1.45 Uhr in Shannon eintreffen.

Um 20 Uhr alarmiert die TWA-Zentrale New York ihren Niederlassungsleiter in Shannon, Martin Herlihy, in seiner Wohnung im nahe gelegenen Limerick.

Um 20.05 Uhr wird James O'Leary, Direktor der Garda-Polizeitruppe in Ennis, 25 Kilometer nördlich Shannon, vom Garda-Kommissar in Dublin Informiert; die US-Botschaft hatte die irische Regierung benachrichtigt.

Der dreifache Alarm kündigte den Iren die bislang sensationellste Flugzeug-Entführung der Geschichte an. Der vom US-Marinekorps desertierte Italo-Amerikaner Raffaele Minichiello, 20, hatte die Boeing 707 mit 39 Passagieren zwischen Los Angeles und San Francisco gekapert.

Er war der erste Skyjacker, der seine Beute von Kontinent zu Kontinent über einen Ozean fliegen ließ Und dabei viermal (in Denver, New York, Bangor und Shannon) zwischenlandete. Es war die längste Flugreise (11 100 Kilometer), die je ein einzelner mit einer Waffe erzwungen hat. Es war, wie der »Daily Express« schrieb, »Sky-Jack Fantastic«.

Funk und Fernsehen berichteten über den Flug, noch bevor er überhaupt abgeschlossen war oder die Piloten das Endziel ihrer Reise -- Rom -- kannten.

* Die zusteigenden Transatlantik-Piloten reichen Ihr Gepäck In die Maschine.

Amerikas internationale Nachrichtenagenturen AP und UPI lieferten ihren Europa-Kunden einen Tag lang keine Zeile über Präsident Nixons große Lateinamerika-Rede. Die Story vom Luftpiraten lief über alle Drähte.

Englands »Times« widmete ihm einen Leitartikel. Radio Luxemburg produzierte gar eine mehrteilige Abenteurer-Sendung, die am Sonntagvormittag abrollte: mit Gewehrgeknalle, »Marines«-Märschen und einem Erzähler, der in amerikanisch gefärbtem Französisch als Luftpirat Minichiello seine Erlebnisse zum besten gab.

In London bestiegen Journalisten Privatflugzeuge, um noch vor dem Piraten in Shannon zu sein. Der internationale Flughafen Shannon machte sich Inzwischen bereit, dem Raffaele Minichiello zu gehorchen:

20.25 Uhr. Station Prestwick in Schottland meldet: Flugzeug überquert Ozean unter Funkkennzeichen A 3100. Weiter: »8 SOB« (acht Seelen an Bord).

20.35 Uhr. TWA-Leiter Herlihy erbittet telephonische Instruktionen aus New York. Antwort: Der Kapitän verlangt, das Flugzeug in beträchtlicher Entfernung vom Flugplatzgebäude aufzutanken und niemanden in die Nähe zu lassen, ausgenommen die Treibstoff- und Betreuungsmannschaft.

22.10 Uhr. Garda-Chef O'Leary hat etwa 30 Polizisten zusammengerufen, einige In Zivil und unbewaffnet. O'Leary Instruiert sie, ihre Hauptaufgabe bestehe darin, Unberufene vom Flugzeug fernzuhalten: »Wir dürfen nichts tun, was die Mannschaft oder den Hijacker nervös machen könnte.«

23.00 Uhr. Ein erstes Sonderflugzeug mit Journalisten, Photographen und Fernsehleuten trifft ein; zwei weitere folgen. Herlihy verliest eine Mitteilung des State Department an die US-Botschaft in Dublin: »Der Hijacker ist gefährlich und schwer bewaffnet.«

Sonnabend, 0.10 MEZ. Der Bürgermeister von Limerick, Steve Coughlan, erscheint in Smoking und Amtskette in Herlihys Büro und bietet ihm an, er wolle persönlich mit dem Hijacker sprechen. Er kommt von einem Ball im Restaurant des Flughafens und ist in gehobener Stimmung. Herlihy lehnt dankend ab.

1.00 Uhr. Die Maschine eilt dem Funkzeichen A 3100 ist noch 500 Kilometer von Shannon entfernt und damit in Reichweite des Radios von TWA-Shannon. Kapitän Williams: »Der Mann, der hier das Wort führt, sagt, es wird keinen Ärger geben, wenn das Auftanken nicht länger als 15 Minuten dauert und das Flugzeug 15 oder 20 Minuten nach der Landung wieder startet.«

1.30 Uhr. Ein Texaco-Tankwagen und Betreuungsmänner stellen sich beim Landungsplatz auf.

1.33 Uhr. Jim Barry von der Flugsicherung in Shannon Informiert Williams: »Sie sind klar für übliche Instrumentenlandung (ILS) auf Startbahn 24. Wind 280/15 Knoten. QNH (Luftdruck) 1023 Millibar.«

1.43 Uhr: Die Boeing ist gelandet (Landegebühr für TWA: 1656 Mark), stellt die Scheinwerfer an und rollt zur verabredeten Stelle. Sie hat noch Treibstoff für etwa 800 Kilometer.

1.50 Uhr: Damen in Abendkleidern und Herren im Smoking sind aus dem Ballsaal auf den Zuschauerbalkon des Flughafengebäudes geklettert und starren durch die dort aufgestellten Fernrohre auf die Maschine. Es beginnt zu regnen.

1.52 Uhr: Das erste von vier weiteren Presseflugzeugen darf landen.

1.55 Uhr: Ein Presseflugzeug versucht, an der Boeing vorbeizufahren, um Aufnahmen zu machen. Der Pilot wird scharf verwarnt und gibt den Versuch auf.

2.02 Uhr: Das Tanken ist beendet.

2.05 Uhr: Flugsicherer Barry teilt Williams mit, er könne die »obere grüne Route Nr. 1« nach London einschlagen und nach Rom abbiegen, wo er wolle. Auf die Frage, ob Rom seine Endstation sei, antwortet Williams: »Ich weiß nicht.«

2.15 Uhr: Die Maschine befindet sich in der Luft. Das technische System hatte sich einem unbedarften, fast noch halbwüchsigen Italo-Amerikaner unterworfen: Raffaele Minichiello.

Minichiellos Entführung war die 173., die von der US-Luftfahrtbehörde »Federal Aviation Agency« registriert wurde. Es war das 51. Skyjacking in diesem Jahr. Nummer 52 und 53 folgten bereits am Dienstag vergangener Woche. 1987 waren drei Maschinen zur Kursänderung gezwungen worden; 1968 waren es schon 30. Bei Feuergefechten an Bord gab es bislang insgesamt 56 Tote.

Die meisten Maschinen werden in den USA gekidnapt -- für einen Trip über Miami ins benachbarte Kuba. Insgesamt dirigierten Piraten in diesem Jahr 43 Maschinen gewaltsam nach Kuba, durchschnittlich ein Flugzeug pro Woche.

Seit Ende 1967 machten rund 3000 Amerikaner unfreiwillig Station auf der Zuckerinsel -. etwa viermal mehr. als seit Castros Regierungsantritt 1959 offiziell nach Havana kamen.

Die Londoner Alles-Versicherer von Lloyd"s, die schon bisher nur eine Teilhaftung für Flugzeugschäden bei Entführungen übernahmen, wollen derartige Policen künftig nicht mehr ausstellen. Da die Fluggesellschaften nicht bereit sind, höhere Prämien zu zahlen, wird das Risiko zu groß.

Es wird mit jedem Tag größer: 300 Millionen Menschen bestiegen 1968 ein Flugzeug, die Hälfte von ihnen ein amerikanisches. In den USA werden fast 200 Flughäfen angeflogen. Bis 1979 werden sich die Passagierzahlen verdreifachen.

Das Fliegen, für viele Menschen noch ein Abenteuer ("Runter kommen sie immer"), bekam eine Prise Räuber-Romantik ab, die der Seefahrt nur noch selten anhaftet (so 1961, als portugiesische Rebellen den portugiesischen Luxusdampfer »Santa Maria« kaperten).

Je mehr Starts und Landungen, um so häufiger bietet sich die Gelegenheit zum Hijacking -- in den letzten beiden Jahren besonders häufig vollführt als politische Demonstration, als eine Art Apo-Aktion über den Wolken, die politischen Ideen weltweite Publizität garantieren sollte.

Als »Operation Ho Tschi-minh« deklarierten ecuadorianische Luftpiraten eine Doppel-Entführung nach Kuba am 6. September dieses Jahres. Aus Rache für den Tod von Studenten, die bei Unruhen an der Universität von Guayaquil umgekommen waren, kaperten zwölf bewaffnete Männer und eine Frau zwei ecuadorianische Maschinen.

»Republik Neues Afrika« taufte ein schwarzer Entführer im vergangenen November eine Boeing 727 der US-Gesellschaft National Airlines, die von Houston nach Miami flog.

Wenige Minuten nach einer Zwischenlandung in New Orleans hatte der Kidnapper sich in der Toilette umgezogen. Mit Lederjacke, Hemd und Baskenmütze in Schwarz kam er vom WC und drückte der Stewardeß Sandra O'Brien eine Pistole an den Kopf. »Havana«, sagte er.

Dann erklärte er den 58 Passagieren, »innerhalb der nächsten hundert Tage« würden »schwarze Nationalisten täglich ein Flugzeug entführen«, und schickte die Stewardeß zum Sammeln für die »schwarzen Freiheitskämpfer« herum: 405 Dollar spendeten die Entführten.

»Wir haben das Flugzeug erobert und ihm den Namen »Freiheit Palästinas gegeben«, funkten im Juli vergangenen Jahres drei Pistolenmänner von Bord einer israelischen El-Al-Boeing-707, die auf dem Weg von Rom nach Tel Aviv war.

Nach der Zwangslandung in Algier mußten 15 der 38 Passagiere und die * Nach der Freilassung in Rom.

zehn Besatzungsmitglieder -- alle Israelis -- zurückbleiben. Erst 40 Tage später wurden die letzten freigelassen -- im Austausch gegen Palästinenser, die in Israel inhaftiert waren.

»Weil Israel eine Kolonie Amerikas ist und weil Amerika den Israelis Phantomjäger liefert«, kaperten vor zwei Monaten die arabische Lehrerin Leila Chalid und ihr Begleiter eine Boeing 707 der TWA auf dem Flug von Rom nach Tel Aviv.

Den Kontrollturm des Tel Aviver Flughafens Lod beschied Leila: »Hören Sie auf, uns als TWA-Flug zu bezeichnen! Wir sind ein Flug der Palästinensischen Befreiungsfront.«

Dann nahm die Maschine Kurs auf Damaskus. Wenige Minuten nachdem die 101 Passagiere und zwölf Mann Besatzung ausgestiegen waren, zerstörte eine Bombe das Cockpit.

»Sie werden bestraft, weil Sie nach Griechenland fliegen«, erfuhren im vergangenen November die 130 Passagiere einer Olympic-Airways-Maschine auf dem Weg nach Athen.

Die beiden bewaffneten Italiener Maurizio Panichi und Umberto Giovine zwangen den Piloten zur Rückkehr auf den Pariser Flughafen Orly. Auf Handzetteln teilten sie den Entführten mit: »Nach Griechenland zu fahren bedeutet, mit den faschistischen Obersten zusammen zu arbeiten, welche die griechische Demokratie zerstört haben.«

Protestieren will meist auch ein Skyjacker durch einen Flug, mit dem »ein äußerst dramatischer Stellungswechsel von einem politischen System ins andere« (so der amerikanische Luftfahrt-Mediziner Dr. Reighard) vollzogen werden soll. Flugflüchtlinge sind fast immer zum Äußersten entschlossen. Denn fast immer steht die Entführung am Ende vieler durchdachter und verworfener Fluchtpläne.

So entführte im vergangenen August der griechische Arzt Vassilis Tsironis gemeinsam mit Ehefrau Barbara und zwei Kindern eine Maschine der Olympic Airways ins kommunistische Albanien. Tsironis, unter der Regierung Karamanlis Arzt in einem KZ für Kommunisten auf einer Ägäis-Insel, war erbitterter Obristengegner und hatte die Flucht seit langem geplant.

Während der Entführung hielt das Ehepaar Tsironis Piloten und Passagiere mit Pistolen in Schach. Der zwölfjährige Sohn half den Eltern mit aufgeklapptem Messer.

Gründlich geplant und konsequent durchgeführt war die Flucht zweier Ost-Berliner Mechaniker, die vor drei Wochen eine Iljuschin 18 der polnischen Luftverkehrsgesellschaft Lot nach West-Berlin entführten.

Fliehen wollen auch eindeutig kriminelle Fluggäste, so der Bankräuber Lester Perry, den zwei Kriminalbeamte im vergangenen Juli auf einem Flug nach Los Angeles begleiteten: Perry setzte der Stewardeß ein Rasiermesser an die Kehle und befahl Kurs auf Kuba. 122 Passagiere und acht Mann Besatzung landeten in Havana.

»Ich habe nichts zu verlieren«, erklärte im vergangenen November ein philippinischer Luftpirat: Auf dem Flug Nr. 158 A einer Fokker Friendship von Cebu nach Manila raubte er gemeinsam mit drei Kumpanen die 39 Fluggäste aus.

Weniger bösartig, aber nicht unbedingt weniger gefährlich sind jene exilkubanischen Passagiere, die das Heimweh zurück auf die Zuckerinsel treibt:

Unter dem Namen »Elpir Cofrisi« kaufte im Jahre 1961 Antulio Ramirez Ortíz einen Flugschein der amerikanischen National-Airlines-Gesellschaft. Vor Flugantritt bat er den Agenten im Reisebüro, dem »Elpir« die Endung »ata« anzuhängen.

Als »El Pirata Cofrisi« ging er am 1. Mai 1961 an Bord. El Pirata Cofrisi war ein berühmter spanischer Seeräuber des 18. Jahrhunderts. Mit Messer und Pistole eiferte Fluggast Ramirez dem großen Vorbild nach: Er entführte die Maschine nach Kuba und war der erste in einer langen Reihe von Kuba-Kidnappern, die Erlösung von persönlicher oder politischer Unbill suchten.

Häufig bricht die Bravour der Helden, der Mut der Verwirrten schon beim ersten Anstoß zusammen: Den Ruf »Kuba! Kuba!« auf den Lippen, eine Handgranate in der Rechten, stürzte im vergangenen Januar ein dominikanischer Jüngling in die Erste-Klasse-Kabine einer DC-8, die auf einem Nonstopflug nach Miami war.

Flugkapitän Smith redete dem Aufgeregten zu, sich hinzusetzen, und zeigte ihm Familienphotos. Beim Anflug auf Havana hatte der Pirat sich so weit beruhigt, daß er sich gehorsam zur Landung anschnallte.

Mit einem Messer und einer Dose Mückenspray, die er als Bombe ausgab, versuchte im Februar dieses Jahres der Student Michael Peparo, einen New-York-Miami-Flug nach Kuba umzulenken. Auf freundliches Zureden des Piloten und des Flugingenieurs erzählte Peparo schließlich weinend aus seinem Leben.

Flugingenieur Hendrickson: »Er hatte Familienprobleme, Schulprobleme und alle möglichen anderen Probleme.« Widerstandslos ließ der verhinderte Entführer sich beim vorgetäuschten Auftanken in Miami von FBI-Polizisten abführen.

So uneinheitlich der Tätertyp Luftpirat zu sein scheint, so verschieden seine Motive sind, ob er arabischer Guerilla oder kubanischer Heimkehrer ist -- einige gemeinsame Merkmale kennzeichnen ihn fast immer: Er schafft die klassische Erpressungs-Situation in fast satirischer Überspitzung -- das Faustpfand ist gleichzeitig Vehikel des Verbrechers -, aber Bereicherung ist selten sein Motiv.

Die meisten Flugzeugentführer wollen sich vielmehr, wie das amerikanische Nachrichtenmagazin »Time« annimmt, »mit ihrer Tat für immer aus der Anonymität und Ohnmacht der gesichtslosen Massengesellschaft lösen«.

Der moderne Herostrat muß sich in der Regel damit begnügen, »statt das Universum zu demolieren, die Provinz anzuritzen« (so der Schriftsteller Günther Anders). Das Flugzeug aber liefert ihm ein kleines, leicht zugängliches Universum, die Tat sichert ihm ein Höchstmaß an weltweiter Publizität.

»Ein Luftpirat ist wie ein indianischer Skalpjäger: Wenn die anderen Indianer nicht wüßten, daß er »jemand den Skalp abgeschnitten hat, würde er es nicht tun«, spottet John Dailey, Chefpsychologe der amerikanischen Bundesluftfahrtbehörde.

Für den amerikanischen Psychiatrie-Professor Frederick Hacker wird der typische Luftpirat von einer »allmächtigen Wahnvorstellung getrieben«. Und Peter Siegel vom US-Bundesluftfahrtamt mutmaßt, daß der Flugzeugentführer sein Verbrechen begeht, weil er sich selbst einmal als »wichtiger und erfolgreicher Mensch« bestätigt sehen will.

Für wenige Stunden »bestimmt der Luftpirat über sein eigenes Schicksal und das Schicksal anderer, fühlt er sich als Gott« -- so urteilt der amerikanische Psychiater Ralph Greenson.

Für Stunden entflieht der Luftpirat einer Umwelt, die ihm kaum noch Raum für Spontaneität und Eigen-Initiative läßt. Er gehört zu jener Minderheit, die Alexander Mitscherlich die »Unangepaßten unserer Gesellschaft« nennt: Menschen, denen die Eingliederung nicht gelingt und die -- so Mitscherlich -- »behinderte Aktivität in Aggression« umsetzen.

Durchdachte, durchplante, durchorganisierte Geschehensabläufe funktionieren nicht mehr -- weil ein Mensch nicht mitspielt. Mit einer Pistole, ja selbst ohne Waffe, nur mit einer Attrappe, kann der Luftpirat das hochkomplizierte Flugzeug mit seinen rund 70 000 Einzelteilen und 265 Meßgeräten unter seine Gewalt bringen.

Er parodiert die Anfälligkeit der Apparatur, er zerstört den Traum von der Unfehlbarkeit des technischen Systems.

Der typische Flugzeugentführer gehört nach Ansicht des amerikanischen Psychologen Leonard Olinger in dieselbe Kategorie wie der Attentäter: »Beide weisen einen hohen Grad emotioneller Gestörtheit auf.«

Der Eisenbahnattentäter Alexander Hembluck alias »Roy Clark« beispielsweise, der von 1966 bis 1967 mit Bomben, Kabeln und Klötzen Anschläge auf Bahnanlagen in Norddeutschland verübte, schrieb zwar Erpresserbriefe -- aber es blieb zweifelhaft, ob es ihm, dem »Staatsfeind Nummer eins« ("Bild"), überhaupt je um Geld ging.

Seine Attentate, Briefe und Telephonate waren für ihn wohl mehr ein Mittel, die triste Realität des Erfolglosen durch einen zur Wirklichkeit gewordenen Traum zu überwinden -- wie die palästinensischen Flüchtlinge in ihren Wellblech-Baracken oder die Kuba-Kranken in Florida.

Als Hembluck noch nicht »Roy Clark« war, hatte er einmal vor einem Kollegen während eines Gewitters geschwärmt: »So einen Donnerschlag müßte ich haben.«

Einen Donnerschlag wollte im letzten August auch ein Erpresser in Köln auslösen. Er verlangte von der Stadtverwaltung 100 000 Mark -- sonst werde er die 860 000 Einwohner der Domstadt vergiften.

Der Erpresserbrief enthielt detaillierte Angaben, wie der Gangster sein Vorhaben durchführen wollte: wahrscheinlich durch Verseuchung des Trinkwassers. Ein Polizeisprecher gestand ~. »Wir haben die technischen Möglichkeiten überprüft -- der Mann könnte sein Vorhaben tatsächlich verwirklichen.«

Kölns Stadtväter ließen auch ein Geldpaket mit den geforderten 100 000 Mark an dem angegebenen Versteck in Belgien deponieren. Doch der Erpresser erschien nicht.

Wie die Flugzeug-Entführungen haben die gewöhnlichen Nötigungs- und Erpressungsdelikte in den letzten Jahren rapide zugenommen, Erpressungen in der Bundesrepublik von 1961 bis 1968 um fast ein Drittel: Wachsende Interdependenzen vervielfachen die Gelegenheit zur Nötigung.

Freilich -- das gefährliche Vehikel Flugzeug macht Skyjacking durchaus zum eigenständigen Delikt, gegen das es bislang kein wirksames Mittel gibt.

Das wirksamste Mittel gegen Flugzeugentführungen wäre wahrscheinlich ein internationales Abkommen, das alle Vertragsstaaten verpflichtet, die Entführer entweder selbst zu bestrafen oder sie an jenes Land auszuliefern, in dem die entführte Maschine registriert ist.

1963 hatte die International Civil Aviation Organisation (Icao) -- eine Unterorganisation der Uno -- in Tokio eine Konvention gebilligt. Sie tritt am 4. Dezember in Kraft, schreibt aber nur vor, daß entführte Maschinen und Passagiere nach der erzwungenen Landung sofort wieder freizulassen sind. Der Kapitän darf einen Hijacker den Justizbehörden ausliefern.

Aber nur die USA und Mexiko kennen bislang den Straftatbestand der Flugzeugentführung. Alle anderen Länder -- auch die Bundesrepublik -- behelfen sich mit Strafen für Vergehen gegen die Flugsicherheit oder für Nötigung und Freiheitsberaubung.

Die Mindeststrafe für Luftpiraterie sind in den USA 20 Jahre Gefängnis, ais Höchststrafe droht die Hinrichtung. Schon ein Spaß kann teuer zu stehen kommen. Im Juli verurteilte ein Gericht in Boston einen Rechtsanwalt zu einer Geldbuße von 800 Mark, weil er eine Stewardeß gefragt hatte: »Wie lange dauert ein Flug nach Havana?«

18 echte Entführer wurden bisher von amerikanischen Gerichten nach Hijacking-Paragraphen verurteilt -- größtenteils zu langjährigen Gefängnisstrafen. Dennoch kehrten am vorletzten Wochenende sechs amerikanische Flugzeugentführer aus Kuba In die USA zurück.

Amerikanische Luftfahrtorganisationen und das Justizministerium zahlen für Informationen, die zur Verhaftung eines Hijackers führen, eine Prämie von insgesamt 35 000 Dollar -- mit einer Einschränkung: Die Prämie verfällt, wenn der Pirat in einer fliegenden Maschine außer Gefecht gesetzt wurde. Das Risiko schießender Prämienjäger an Bord ist zu groß.

Die amerikanische Bundesluftfahrtbehörde »Federal Aviation Agency« (FAA) bekam Vorschläge für etwa 100 verschiedene Systeme, mit denen Hijacker aufgestöbert oder unschädlich gemacht werden könnten. Mit Röntgenapparaten und Magnetometern versuchten FAA-Spezialisten unsichtbare Schranken gegen waffentragende Passagiere zu errichten. Falltüren oder Betäubungsspritzen sollten Piraten an Bord bezwingen.

Selbst Amerikas Flugzeugpassagiere überhäuften die FAA mit Vorschlägen -- meist origineller Art. Einige Flugsicherheits-Amateure wollten die Piraten überlisten, indem sie vorschlugen, im Süden Floridas den José-Martí-Flughafen von Havana nachzubauen, wo entführte Maschinen landen könnten. Andere meinten, die Passagiere der entführungsanfälligen Flüge nach Miami sollten nur in der Badehose oder im Bikini reisen dürfen.

Die Onassis-Fluglinie Olympic Airways (bisher drei Entführungen) verlangt auch vor Inlandsflügen sowohl beim Kauf der Tickets als auch vor dem Besteigen der Maschine die Reisepässe. Kontrolleure an den Ausgängen durchsuchen Verdächtige.

Lediglich von der israelischen Fluggesellschaft El Al ist bekannt, daß sie bei jedem Flug einen oder zwei Sicherheitsoffiziere an Bord hat.

Einig sind sich die Sicherheitsbeamten der FAA, daß potentielle Hijacker gefaßt werden müssen, bevor das Flugzeug in der Luft ist. »Es darf kein Versuch unternommen werden, den Hijacker zu entwaffnen oder handlungsunfähig zu machen«, schreibt eine europäische Fluggesellschaft in ihrem »Flight operations manual« unter dem Kapitel »Crime on board« vor; weitere Sätze aus dem Top-secret-Buch:

* »Die Besatzungsmitglieder müssen den Wünschen eines bewaffneten Hijackers nachkommen.«

* »Mit dem bewaffneten Hijacker darf nur diskutiert werden, wenn die verlangte Umleitung wesentliche Risiken (etwa Treibstoffmangel) heraufbeschwört.«

Im März dieses Jahres erprobte die FAA erstmals ein Gerät, das Waffen in den Taschen von Fluggästen anzeigt. Auf dem Washingtoner National Airport wurde am Ausgang 14 -- dort werden die meisten Miami-Flüge der Eastern Air Lines abgefertigt -- ein Magnetometer für Schießeisen aufgestellt, wie es auch an amerikanischen Gefängnistoren verwendet wird. Später installierte die FAA noch auf acht anderen -- geheimgehaltenen -- Flughäfen diese Geräte.

Der Waffen-Detektor besteht aus zwei 1,5 Meter hohen und 2,5 Zentimeter dicken Aluminlumzylindern, in denen Meßgeräte untergebracht sind. Sie zeigen jede Veränderung des magnetischen Feldes an, die durch einen metallischen Gegenstand ausgelöst wird, Den Sensoren ist ein Aufzeichnungsgerät, ähnlich wie beim EKG, angeschlossen. Weitere Angaben speichert ein Filmapparat,

Der Waffenschnüffler kann zwar Münzen in der Hosentasche von einer Pistole unterscheiden, nicht aber ein Schlüsselbund von einem Messer.

Um zu verhindern, daß dieses Gerät nahezu ununterbrochen Alarm anzeigt, müssen Psychologen helfen: Sie entwarfen ein Täter-Porträt, nach dem 99 Prozent der Passagiere als Entführer nicht in Frage kommen. Die restlichen Verdächtigen werden von psychologisch geschulten FAA-Beamten durchleuchtet.

Stellt das Magnetometer einen großen metallischen Gegenstand fest, muß sich der Passagier einer Leibesvisitation unterziehen.

Aber auch dieses System hat Lücken: Ein FAA-Sprecher mußte zugeben, daß Raffaele Minichiello den Inspektoren nicht als Verdächtiger aufgefallen wäre.

Denn Minichlello wurde von der Besatzung der gekaperten Boeing als ein »all American boy« geschildert -- nach Aussehen und Verhalten, in seiner Naivität und seiner Brutalität.

»Ich stecke nur meine Angelrute zusammen«, erklärte er, als eine Stewardeß sich in der Maschine hilfreich über ihn beugte.

Die Angelrute war ein US-Militärkarabiner vom Typ M-2. Sekunden später ging das Mädchen an den 39 Passagieren vorbei zum Cockpit, die Gewehrmündung im Rücken, den Mann dicht hinter sich.

Einen privat reisenden TWA-Piloten, der die Situation erkannte und aufsprang, wies die TWA-Kollegin zurecht: »Sie sollten besser sitzen bleiben«, und Minichiello ergänzte: »That's business« -- »Es ist ernst gemeint.«

Im Cockpit der TWA-Boeing richtete der Skyjacker die Mündung auf den Kopf von Kapitän Cook und warnte: »No hanky-panky« -- »Keine Dummheiten.«

Die Stewardeß schickte er zurück zu den immer noch ahnungslosen Passagieren. Sie sollte ihnen eine seiner Patronen vom Kaliber 7,62 als Beweis für den Ernst der Lage zeigen und sein Handgepäck holen: ein Fernglas, einen Segeltuchsack mit Zigaretten und Konserven sowie einen Koffer mit Kleidungsstücken und eine Gebrauchsanweisung für den Karabiner M-2.

Erst jetzt wurden die Reisenden munter. Einige Minuten später dämpfte die ruhige Stimme des Kapitäns die

* Text der Warntafel: Flugzeugentführung ist ein Verbrechen, das mit dem Tode bestraft wird, wer Waffen versteckt in das Flugzeug bringt, wird mit Gefängnis oder Geldstrafe bestraft. Passagiere und Gepäck werden durchsucht.

sich ausbreitende Angst: »Hier ist ein Mann, der sich soeben das Flugzeug gechartert hat. Er möchte gerne nach New York.« Mit einem Scherz über die hohen Reisekosten heutzutage versuchte er den Gewalt-Trip an die Ostküste zu verharmlosen und die Stimmung zu heben.

Hostessen verteilten Kekse, Drinks und Spielkarten. In der ersten Klasse fand sich eine Viererrunde zum Bridge, während Cook mit »dem Entführer Denver als Reiseziel aushandelte, der östlichste mit dem verbliebenen Treibstoff erreichbare Flughafen.

In Denver verabschiedete Kapitän Cook die Passagiere mit der üblichen Floskel: »Es hat uns gefreut, daß Sie TWA geflogen sind, und wir hoffen, Sie bald wiederzusehen.«

Die kritischsten Augenblicke ereigneten sich bei der nächsten Zwischenlandung: auf der Rollbahn 4 des New Yorker Kennedy-Flughafens.

Entgegen den Anweisungen von Kapitän Cook hatten FBI-Beamte unter ihnen Scharfschützen -- mit kugelsicheren Westen die TWA-Boeing umstellt, FBI-Agent John Malone versuchte sogar, als Tankwart getarnt, durch den Fahrwerkschacht des Bugrades ins Cockpit zu gelangen. Da verlor Minichiello für einen Augenblick die Nerven: Er drückte ab. Eine Kugel durchschlug die Decke der ersten Klasse und streifte den Sauerstofftank.

Cook verscheuchte die Kriminalbeamten ("Idioten"), und Minichiello gab Order, sofort zum Tanken den 650 Kilometer nördlich gelegenen Ausweichflughafen Bangor anzufliegen. Vor dem Start kamen noch zwei TWA-Piloten mit Atlantik-Erfahrung an Bord, die Cook für die Weiterreise angefordert hatte.

Der Entführer war argwöhnisch. Zwei Triebwerke ließ er von Cook starten, die beiden anderen von den neuen TWA-Piloten. »Wären sie nicht in der Lage gewesen zu starten«, so Cook, »wäre das ihr Todesurteil gewesen.« Denn Minichiello hatte auch sie für FBI-Agenten gehalten.

Beim Flug über den Atlantik hielt sich Minichiello mit »no-doz«-Tabletten in der ersten Klasse munter. Stewardeß Coleman mixte ihm von Zeit zu Zeit einen »Minichiello-Special« aus »Canadian Club«-Whiskey und Gin.

Während er sein Gewehr reinigte, plauderte er über seine dreizehn Ledernacken-Monate in Vietnam, wo er auf Menschen habe schießen müssen, und über seine Tapferkeitsauszeichnung und seine Verwundung. Er erzählte, daß die Armee ihn um 200 Dollar betrogen und daß er deswegen gestohlen habe. Jetzt sollte er in Amerika vor ein Militärgericht, und davor habe er Angst gehabt.

Vergebens versuchte Mutter Minichiello von Seattle aus, ihren Sohn über Bordfunk zur Aufgabe zu überreden. Minichiello blieb hart -- ein »all American boy«.

Um 4.25 Uhr am Samstag vorletzter Woche näherte sieh die Boeing dem am Meer liegenden Flughafen Rom-Fiumicino.

Der Pilot meldet dem Kontrollturm: »Der Mann, der bei uns ist, hat beschlossen, in Rom auszusteigen. Er stellt als Bedingung, daß der Polizeichef ins Flugzeug kommt. Er muß allein sein, ohne Waffe, ohne Jacke, ohne Mütze, und sich durchsuchen lassen.«

Der Polizeichef des Flughafens Fiumicino, Vizequästor Dr. Pietro Gull, 47, der mit seinem Vertreter im Kontrollturm ist, erklärt sich bereit, Geisel zu sein.

Um 5.07 Uhr setzt die Maschine auf. Vizequästor Guli fährt in seinem graugrünen Alfa Romeo Giulia (mit Blaulicht) vor und steigt um 5.16 Uhr ins Flugzeug. Minichiello läßt sich von Guli den Ausweis zeigen, untersucht ihn nach Waffen und schickt ihn wieder hinaus, damit er das Blaulicht abschalte. Guli später: »Da ich den Schalter nicht fand, habe ich einfach die Kabel zerrissen.«

Um 5.22 Uhr verläßt Minichiello dicht hinter Guli das Flugzeug. Er hat den Arbeitsanzug der Mannes angezogen, einen Segeltuchsack über der Schulter und in der Hand den automatischen Karabiner M-2. Pilot Billy Williams ruft ihm nach: »Good fortune, young boy!«

Guli setzt sich ans Steuer; Minichiello nimmt im Fond Platz. Den Karabiner drückt Minichiello dem Polizisten ständig in den Rücken, Guli hat das Funksprechgerät in Betrieb gelassen, so daß die nachfolgenden Polizisten jedes Wort hören können, das er mit dem Italienisch sprechenden Minichiello wechselt. Die beiden fahren von Fiumicino zur Umgehungsautobahn von Rom »Raccordo Anulare«.

Minichiello erklärt, daß er nach Neapel wolle, um seinen Vater in Acquafredda (Provinz Avellino) zu besuchen. Als er aber andere Polizeiwagen entdeckt, ändert er seinen Plan. In einer Querstraße der Via Ardeatina schreit er: »Anhalten.« Guli: »Was hast du vor?«

Minichiello: »Ich will mich nicht schnappen lassen.«

Guli: »Wie alt bist du eigentlich?« Minichiello: »20 Jahre. Heute ist mein Geburtstag.«

Guli: »So alt ist auch mein Sohn.« Minichiello: »Keine Angst, Landsmann. Ich tue dir nichts. Aber versuche nicht, mich 'reinzulegen. Sag denen, wenn sie mir folgen, schieße ich.« Minichiello nimmt Guli den Polizeiausweis ab, steigt aus und rennt in die noch dunkle Campagna. Guli hält die nachfolgenden Polizisten zurück: »Vorsicht, der bringt euch um! Er hat ein MG mit 240 Schuß.«

Um 6.10 Uhr beginnt eine Großaktion der Polizei mit 400 Beamten, zehn Polizeihunden, 40 Polizeiautos und zwei Hubschraubern. Alle Zufahrtstraßen werden abgesperrt, die Häuser in der Campagna durchsucht.

Kurz vor 10.00 Uhr sieht der Pfarrer Don Pasquale Silla in der Nähe der Kirche »Divino Amore« den Fremden mit seinem Transistor und fragt: »Was hörst du denn da?« -- »Sie suchen einen Jungen mit einem Gewehr«, sagt Minichielio. Don Silla läuft zu den beiden Polizisten, die in der Nähe der Kirche stationiert sind. Die beiden fassen Minichiello an den Armen. Der Luftpirat leistet keinen Widerstand. »Landsmann, warum verhaftest du mich?« sagt er, »ich habe doch nichts getan.« Minichiello, der einen Düsenriesen um den halben Erdball dirigiert und Hunderten von Flugüberwachern seinen Willen aufgezwungen hatte, landete wieder in jener Welt, aus der er für 17 Stunden ausgebrochen war.

Die Aggression des Raffaele Minichiello weckte Aggression. »Wir brauchen ein internationales Gesetz, damit Flugzeugentführer sofort an die Wand gestellt werden«, verlangte Direktor Nesser von der luxemburgischen Fluggesellschaft »Luxair«, »dann wird es schnell vorbei sein.«

Amerikas Piloten wollen den Piraten Minichiello unbedingt der strengen amerikanischen Gerichtsbarkeit zuführen -- notfalls durch Piraterie. »Sollte Minichiello nicht ausgeliefert werden«, drohte Präsident Charles H. Ruby von der Pilotenvereinigung Alpa vergangene Woche in New York, »müssen wir hingehen und ihn holen -- mit jedem uns zur Verfügung stehenden Mittel.«

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