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»Macher ist für mich kein Schimpfwort«

SPIEGEL-Interview mit dem Koschnick-Nachfolger Klaus Wedemeier *
aus DER SPIEGEL 29/1985

SPIEGEL: Herr Wedemeier, gegen den Willen der Basis der SPD sollen Sie Mitte September als Nachfolger von Hans Koschnick Präsident des Bremer Senats und Bürgermeister der Hansestadt werden. Ist Ihnen ganz wohl dabei?

WEDEMEIER: Ihre Frage enthält eine Verfälschung der Tatsachen. Ich bin nicht gegen den Willen der Basis gewählt worden. Die Basis war zur Hälfte für mich, zur Hälfte für meinen Gegenkandidaten Henning Scherf.

SPIEGEL: Ganz unten an der Basis, in den Ortsvereinen, wo die Mitglieder entscheiden, gab es eine Mehrheit für den Gegenkandidaten.

WEDEMEIER: Das ist falsch. Es hat Ortsvereine gegeben, die sich für Henning Scherf, und andere, die sich für Klaus Wedemeier ausgesprochen haben.

SPIEGEL: Wieviel für Scherf und wieviel für Wedemeier?

WEDEMEIER: Ich schätze halbehalbe.

SPIEGEL: An der gehobenen Basis, in den vier Unterbezirken des Landes Bremen, lagen Sie hinten, 367:364 für Scherf. Erst der Parteitag, die »abgehobene Basis«, wie das ein Genosse auf dem Parteitag formulierte, veränderte das Votum zu Ihren Gunsten: 116:93. Sind die Obergenossen, die Abgeordneten und Funktionäre, die Basis des Fraktionschefs Wedemeier?

WEDEMEIER: Ich wehre mich gegen Ihre Art der Diffamierung unserer Delegierten, um das mal ganz klar zu sagen. Bei uns zählen die Mitglieder in den Ortsvereinen, die Delegierten der Unterbezirke und auch des Landesparteitags zur Basis.

SPIEGEL: Die hätte Ihr Herr und Meister Hans Koschnick ja am liebsten überfahren: Ich schlage Wedemeier vor, ihr stimmt zu, und damit basta.

WEDEMEIER: Bei uns war es immer so, daß der Landesvorstand einen Kandidaten vorschlägt und die Basis dann entscheidet. Das war auch so, und darauf lege ich ganz großen Wert, als Henning Scherf Landesvorsitzender war. Als er Finanzsenator werden wollte, hat Hans Koschnick ihn vorgeschlagen. Das gleiche Verfahren hat Henning Scherf angewandt, als er seinen Nachfolger für den Landesvorsitzenden selbst vorgeschlagen hat, Konrad Kunick. Also hier ist nichts Neues passiert.

SPIEGEL: Neu ist nur, daß Scherf, als er seine Gegenkandidatur anmeldete, im Parteivorstand, in den anderen Vorständen und in der Fraktion ganz schön was auf die Mütze gekriegt hat.

WEDEMEIER: Er hat weder im Parteivorstand noch in der Fraktion was auf die Mütze gekriegt.

SPIEGEL: Da gibt es ganz andere Lesarten. Wir wissen von Delegierten, daß Scherf, nur weil er kandidiert hatte, parteischädigendes Verhalten vorgeworfen worden ist. Und Scherf selbst sagte auf dem Parteitag, »viele in der Fraktion« hätten »entsetzt« reagiert.

WEDEMEIER: Das, was auf dem Parteitag gesagt worden ist, hatte auch eine taktische Variante. Man sollte das nicht auf die Goldwaage legen.

SPIEGEL: Sie gelten in der Partei und in der Öffentlichkeit, von der »Welt« bis zur »Süddeutschen« in Bayern, wo Sie geboren sind, als Macher. Was werden Sie nun eigentlich machen, um Bremen aus dem Schlamassel zu ziehen?

WEDEMEIER: Macher ist für mich kein Schimpfwort. Der Ausdruck wird zwar manchmal in der Absicht benutzt, einen Politiker abzuwerten. Aber Politik wird auch gemacht, muß gemacht werden. Man muß wissen, für wen und wofür. Das Land Bremen hat fast 40000 Arbeitslose ...

SPIEGEL: ... die höchste Arbeitslosenquote in der Bundesrepublik, 13,9 Prozent, die höchste Staatsverschuldung, pro Kopf 14000 Mark.

WEDEMEIER: 35 Prozent aller Industriearbeiter arbeiten in sogenannten Problembranchen, auf Werften, in der Fischerei, der Stahlindustrie. Wir haben Zigtausende von Sozialhilfeempfängern.

SPIEGEL: Was tun?

WEDEMEIER: Es wird die Hauptaufgabe sein, soweit das in unseren Möglichkeiten liegt, dafür zu sorgen, daß Arbeitsplätze in Bremen neu geschaffen werden und daß denen, die von Arbeitslosigkeit bedroht sind oder werden, geholfen wird.

SPIEGEL: Aber wie?

WEDEMEIER: Die Krise in Bremen und Bremerhaven ist nicht hausgemacht. Wir haben es, beileibe nicht nur hier, mit einer Strukturkrise zu tun. Ihr ist nur überregional, bundesweit beizukommen. Bund, Länder und Gemeinden müssen endlich ein gemeinsames Beschäftigungsprogramm aufstellen und entschlossen handeln.

SPIEGEL: Welche Portion der Krise ist hausgemacht?

WEDEMEIER: Da hat es Entscheidungen auf Bundesebene gegeben, die Bremen zum Teil leider mitgetragen hat. Da fehlte es auch bei der sozialliberalen Koalition in Bonn an notwendigen Entscheidungen etwa zur langfristigen Sicherung einer eigenen bundesdeutschen Schiffbauindustrie. Das will ich gar nicht verschweigen. Aber Hans Koschnick selbst hat rechtzeitig die Werften darauf hingewiesen, daß sie sich umstellen müssen, daß andere Produktionen gesucht werden müssen, allerdings zu einer Zeit, als die noch fette Gewinne machten. Ratschläge aus der Politik wurden jedoch nicht angenommen. Nur als die Unternehmer am Ende waren, da sollten die Politiker ran.

SPIEGEL: Zu Ihren Stärken zählt Koschnick, daß Sie es mit der CDU, auch der in Bonn, und mit der Wirtschaft _(Auf dem Landesparteitag der Bremer SPD ) _(am 9. Juli 1985 mit Senator Henning ) _(Scherf und Bürgermeister Hans Koschnick ) _(nach der Wahl Wedemeiers. )

besser könnten als Genosse Scherf von der Partei-Linken. Und von Bonn und der Wirtschaft hängt ja tatsächlich einiges ab.

WEDEMEIER: Das ist klar, aber ich bin sicher, daß auch Henning Scherf, wenn er Präsident des Senats geworden wäre, ebenso mit Bonn und auch mit der Wirtschaft hätte reden können.

SPIEGEL: Sie haben den Genossen auf dem Parteitag gesagt, Sie seien kein »Kandidat der Wirtschaft« und kein »Arschkriecher« ...

WEDEMEIER: ... das Wort »Arschkriecher« ist nicht von mir zuerst gebraucht worden. Henning Scherf hat gesagt, die in der Wirtschaft wollen keine Arschkriecher haben. Und dann habe ich hinterher gesagt: Also, bitte, unterstellt mir nicht durch eine solche Redewendung, ich sei der Arschkriecher; ich bin nicht der Mann der Wirtschaft.

SPIEGEL: Mit dem Kuhhandel - Bundeswehrfregatten-Aufträge für Bremer Werften gegen Zustimmung im Bundesrat zur Frühpensionierung von Offizieren - hat sich der Bremer SPD-Senat ins Gerede und bei vielen Sozialdemokraten bundesweit in Verruf gebracht. Wollen Sie nach diesem Muster auch künftig mit Bonn und der Wirtschaft verkehren?

WEDEMEIER: Nein, wobei ich dazu sagen muß, daß Hans Koschnick diesen Handel bestreitet. Ich kann aber nicht leugnen, daß hier und auch über Bremen hinaus dieser Eindruck entstanden ist. Als der Senat in dieser Sache seinen Beschluß faßte, habe ich in der Fraktion dagegen gestimmt. Schließlich hat die Fraktion den Senat einhellig aufgefordert, diesem Bonner Pensionierungsgesetz nicht zuzustimmen. Doch der Senat hat anders entschieden.

SPIEGEL: Sind die Fregatten ein Abschiedsgeschenk von Hans Koschnick an das notleidende Bremen?

WEDEMEIER: Abschiedsgeschenk, ach wissen Sie. Die Fraktion ist verbittert über die Zustimmung im Bundesrat.

SPIEGEL: In die Reihe der Brandt-Enkel, die sich programmatisch profiliert haben und emotional vermitteln können, wie der Saarländer Lafontaine oder der Niedersachse Schröder, scheinen Sie nicht recht zu passen, im Gegensatz auch zu Henning Scherf. Sie könnten eher als Schmidt-Sohn durchgehen.

WEDEMEIER: Ob Sie mich als Schmidt-Sohn oder Brandt-Enkel sehen, das ist Ihre Sache. Ich habe mich jedenfalls nicht gescheut, vieles zu kritisieren, was unsere sozialliberale Koalition in Bonn unter Helmut Schmidt gemacht hat, in der Phase der Nachrüstung beispielsweise, als der SPD-Bundesparteitag noch meinte, Mehrheiten dafür beschaffen zu müssen.

SPIEGEL: Teilen Sie den Optimismus von Brandt und seinen Enkeln, die SPD sei wieder obenauf und bald wieder dran?

WEDEMEIER: Die SPD ist auf Bundesebene zweifellos im Aufwind. Wir haben eine große Chance bei der nächsten Bundestagswahl. Man darf nur nicht glauben, daß wir, weil die Wahlen im Saarland und in Nordrhein-Westfalen gewonnen worden sind, heute schon die Sieger der nächsten Bundestagswahl seien.

SPIEGEL: Glauben Sie an die absolute Mehrheit der SPD bei den Bürgerschaftswahlen in zwei Jahren?

WEDEMEIER: Ich bin zuversichtlich. Die SPD in Bremen hat ja 1971, als Hans Koschnick seinen ersten Bürgerschaftswahlkampf führte, auch schon um die absolute Mehrheit gefürchtet - grundlos, wie sich zeigte. Heute gibt es keinen, der sich schmollend in die Ecke stellt. Scherf und ich werden eng zusammenarbeiten. Hier präsentiert sich ein Tandem für die nächste Bürgerschaftswahl.

SPIEGEL: Macher und Denker - der eine holt die Wähler links, der andere rechts?

WEDEMEIER: Ich werde keine Chance haben, rechts Wähler zu holen. Es ist richtig, daß Henning Scherf zum Beispiel bei einem großen Teil der Jugend in der Friedensbewegung einen Namen hat. Es ist allerdings genauso richtig, daß ich auf diese Teile der Bevölkerung durchaus nicht abschreckend wirke.

SPIEGEL: CDU-Oppositionsführer Bernd Neumann kommentierte in Anspielung auf Ihr schickes Auto: »Der eine«, Sie nämlich, »fährt mit dem Luxus-Mercedes nach rechts, der andere«, Henning Scherf, »mit dem Fahrrad nach links.«

WEDEMEIER: Da hat er sich wieder einmal vergaloppiert.

Auf dem Landesparteitag der Bremer SPD am 9. Juli 1985 mit SenatorHenning Scherf und Bürgermeister Hans Koschnick nach der WahlWedemeiers.

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