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»Machet keine Dummheiten, während ich todt bin«

Theodor Herzl, der Zionismus und die jüdische Besiedlung Palästinas
aus DER SPIEGEL 20/1981

Zypern, Uganda, Südamerika -- alles war ihm recht, wenn es nur ein Land war, »wo wir krumme Nasen, schwarze oder rote Bärte und gebogene Beine haben dürfen«. Theodor Herzl, der Vater des Zionismus, gerade aus dem von antisemitischen Krawallen gepeitschten Paris heimgekehrt nach Wien, wünschte sich 1895 nur eines für sein Volk: weg von den Europäern, auf »irgendein für unsere gerechten Volksbedürfnisse genügendes Stück der Erdoberfläche«.

Von Palästina als Gelobtem Land war damals noch nicht die Rede. Die vorwiegend über die gemäßigten Breiten des Erdballs verstreuten Juden seien, meinte Herzl, den klimatischen Bedingungen der Levanteküste gesundheitlich nicht gewachsen.

Doch die »mächtige Legende« (Herzl) war stärker. Der erste Zionistenkongreß beschloß 1897 in Basel: »Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina.«

Juden hatte es in Palästina seit Jahrhunderten gegeben. Sie lebten in ungestörter Symbiose mit der arabischen Mehrheit.

Palästina allerdings war bis zum Ende des Ersten Weltkrieges ein vorwiegend mythologischer Begriff ohne verbürgte geographische Konturen. Niemand wußte genau, was gemeint war: das beiderseits des Jordan gelegene Land der Philister, nach dem Palästina seinen Namen hat, oder das Reich Salomos und Davids oder »das Land von dem Wasser Ägyptens an bis an das große Wasser Euphrat« (1. Mose 15, 18).

Zu Herzls Zeiten herrschten dort die Türken, deren Sultan Abdul Hamid II. aber offenbar schon eine Vorahnung vom Ende des Osmanischen Reiches hatte: Als ihm Theodor Herzl Geld für die Abtretung eines Teils von Palästina bot, winkte er nur müde ab: »Die Juden sollen ihre Milliarden sparen. Wenn mein Reich einst aufgeteilt wird, bekommen sie Palästina vielleicht umsonst.«

Der Sultan sollte weitgehend recht behalten. Die jüdische Diaspora in aller Welt half zwar, so es ging, mit Geld. Den entscheidenden Durchbruch aber verschaffte Arthur James Balfour, Außenminister des britischen Kriegspremiers Lloyd George, den Juden umsonst.

In einem Brief an den jüdischen Naturforscher Walter Lionel Baron Rothschild versicherte Balfour im November 1917, seine Regierung betrachte »die Schaffung einer nationalen jüdischen Heimstätte in Palästina für das jüdische Volk mit Wohlwollen«.

Und was die Regierung der britischen Supermacht für wohl befand, das war Gesetz in weiten Teilen der bewohnten Erde.

Für die Juden in aller Welt war die Balfour-Erklärung der wichtigste Schritt auf dem Wege zur Bildung eines jüdischen Nationalstaates. Für die Araber dagegen ist sie noch heute Großbritanniens kolonialer Sündenfall Nummer eins, das schändliche Dokument eines Doppelspiels, mit dem das perfide Albion seine arabischen Verbündeten hinterging.

Denn das Balfour-Papier stand im krassen Widerspruch zu der Absichtserklärung Großbritanniens, den Arabern für ihre Waffenhilfe gegen die Türken fast das gesamte Gebiet zwischen Mittelmeer und Persischem Golf zur Bildung eines arabischen Staates zu überlassen.

Mit den Arabern fühlte auch Kriegsheld Lawrence von Arabien, der mit seinen englandtreuen Beduinen den Türken jahrelang das Leben schwergemacht hatte. Aus Protest gegen den Verrat an der arabischen Sache schickte Lawrence seinem König die in der Wüste erdienten Orden zurück.

Im Weltbild der Zionisten war für die Araber von Anfang an nicht viel Platz. Staatsdenker Herzl ("Zunächst muß die Rasse verbessert werden") wollte sie allenfalls »bei Entsumpfungen« einsetzen. Max Nordau, einer der zionistischen Gründerväter, war überrascht, bei einem Arbeitsbesuch in dem »Land ohne Volk« (Herzl) überhaupt Menschen anzutreffen. Nordau: »Das wußte ich nicht. Wir begehen also ein Unrecht.«

Doch das war erst der Anfang. Am Rande der Friedensverhandlungen in Versailles kungelte Herzl-Nachfolger Chaim Weizmann -- später Israels erster Präsident -- mit Emir Feisal, dem Großonkel des heutigen jordanischen Königs Hussein, einen Vertrag aus, in dem sich die Araber verpflichteten, die Einwanderung von Juden nach Palästina S.121 zu fördern. Weizmann: »Die Juden stehen den Arabern blutsmäßig sehr nahe.«

Ein paar Jahre friedlicher Koexistenz schienen die These zu bestätigen. Doch je mehr Juden einwanderten, desto brüchiger wurde der Friede, die Zusammenstöße häuften sich. Im Februar 1929 genügte schon ein Fußball, den ein jüdischer Junge in den Vorgarten eines Arabers gekickt hatte, um ein Pogrom auszulösen, dem fast hundert Juden zum Opfer fielen.

Die entscheidenden Anstöße zur jüdischen Massenkolonisierung des Gelobten Landes aber gaben die Antisemiten Jozef Pilsudski und vor allem Adolf Hitler. Die Judenverfolgungen, zunächst in Polen, später in Deutschland, schwemmten Hunderttausende von Einwanderern an die östliche Levanteküste: 1925 fast 35 000 aus Polen, nach der Machtübernahme der Nazis in Deutschland jedes Jahr an die 50 000. Die ungewollte Förderung der jüdischen Einwanderung ist noch heute der häßliche Fleck auf dem sonst fleckenlosen Deutschen-Bild der meisten Araber.

Die Briten, die so viele Juden nun auch wieder nicht wollten, versuchten zwar, die Judaisierung Palästinas mit Seeblockaden und Massendeportationen zu bremsen. Doch der Exodus war nicht zu stoppen. Jüdische Flurbereiniger kauften zwischen 1940 und 1947 rund 33 000 Hektar Land in Palästina auf, 85 Prozent davon außerhalb der Siedlungszonen, die den Juden von den Briten zugewiesen worden waren.

Und jüdische Terrorkommandos räumten auf, wo sich einheimische Bewohner oder britische Besatzer dem Expansionsdrang der Kinder Israels in den Weg stellten. Menachem Begins nicht gerade zimperliche »Irgun« drohte renitenten Arabern: »Wenn ihr nicht freiwillig verschwindet, dann kommt die Stern-Bande.« Und die war noch viel schlimmer.

Wladimir Jabotinsky, als Chef der radikalen »Jüdischen Liga« Vorbild des späteren Premiers Menachem Begin, lehnte jede Verbrüderung kategorisch ab. Für ihn waren die Araber nichts als »Päderasten, Bastarde ..., Gesindel eines schmutzigen Hafens ... Von freiwilliger Versöhnung kann keine Rede sein«.

Mit diesem Credo im Herzen zeigten die Juden 1948 nach dem Abzug der Briten und der Gründung des Staates Israel rasch, wer die neuen Herren im Heiligen Land waren. Von 750 000 Arabern blieben nach dem Sieg der Soldaten Zions nur noch 167 000 im Land. Repatriierung kam nicht in Frage. Gründer-Premier David Ben-Gurion: »Das wäre nicht Gerechtigkeit, sondern Torheit.«

Dabei blieb es. Mit Hilfe maßgeschneiderter Gesetze gelang es den Juden, ihren Eigentumsanteil von knapp zehn Prozent der Landfläche in wenigen Jahren auf rund 85 Prozent zu steigern, den größten Teil davon durch systematische Landkäufe, einen geringeren Teil durch Enteignungen. Und die Armee nutzte ihre Chance, das im Uno-Teilungsplan von 1947 zuvor umrissene Territorium des Judenstaates kräftig zu arrondieren.

Israelische Expansionisten verteidigten die oft unter dubiosen Bedingungen erworbene Scholle stets unverblümt mit dem Anspruch rassischer Überlegenheit. In der »großen Universität der Arbeit ... wo Himmel und Erde und die ganze Natur eine neue Spezies Mensch schaffen« (so der Kibbuz-Philosoph David Gordon), war für Araber mit ihrem durchweg distanzierten Verhältnis zur körperlichen Arbeit kein Platz.

Diese Ideologie beflügelt noch heute die Siedler im Westjordanland: Wer das Land bebaut, der soll es auch besitzen.

Nach 670 000 Palästinensern aus dem israelischen Kernland flüchteten noch einmal 200 000 aus dem besetzten Westjordanien, viele unter dem Druck der Besatzer, viele auch unter dem Druck der »Palästinensischen Befreiungsorganisation«, die Kompromißbereitschaft gegenüber den Juden als Verrat an der arabischen Sache ahndet.

Theodor Herzl hat das sicher alles nicht gewollt. Aber geahnt hat er was. Er warnte, noch kurz bevor er starb: »Machet keine Dummheiten, während ich todt bin.«

S.1211898 auf der Reise nach Palästina.*

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