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INDONESIEN / KOMMUNISTEN Macht der Messer

aus DER SPIEGEL 1/1966

Mit den Kolben ihrer Maschinenpistolen trieben Fallschirmjäger Männer ins Wachzimmer, die sie bei einer Routine-Razzia auf Rote in der indonesischen Hauptstadt Djakarta festgenommen hatten. Die Verhafteten hätten, so argwöhnten die Soldaten, an dem gescheiterten kommunistischen Putsch vom 30. September 1965 teilgenommen.

Einer der Sistierten war ein untersetzter Mann von etwa Vierzig. Der Vernehmungsoffizier fragte ihn nach Name, Alter, Beruf. Die Antwort kam prompt: Sugiono, 40 Jahre alt, Vogelhändler.

An einem Vogelhändler ist auf Java, wo sich viele Menschen aus Aberglauben Fetisch-Vögel halten, nichts Verdächtiges. Eine Beteiligung an dem Putsch konnte dem Verhafteten nicht nachgewiesen werden. Der Offizier ließ die Entlassungsdokumente ausfertigen und schob sie dem Vogelhändler zur Unterschrift hin.

Sugiono unterzeichnete gedankenlos mit »Njono« - seinem richtigen Namen. Njono aber stand auf der Fahndungsliste der Soldaten ganz oben: Er ist Nummer sechs in der Hierarchie der indonesischen KP, Mitglied des neunköpfigen Parteipräsidiums, Parteisekretär von Groß-Djakarta. Njono war einer der führenden Organisatoren des »Gestapu«-Putsches (Gestapu ist eine Abkürzung von »Gerakan September tiga puluh« - Bewegung des 30. September).

Njonos peinliches Verhör machte nach Mitteilung der Militärs zum erstenmal klar, daß die Gestapu-Aktion nicht das Vorpreschen eines größenwahnsinnigen Obristen der Palastwache - des Sukarno-Leibwächters Untung - war, sondern ein ernst zu nehmender Umsturzversuch der »Partai Komunis Indonesia« (PKI) - mit 3,5 Millionen Mitgliedern bis zum 30. September drittstärkste KP der Welt.

PKI-Führer Aidit zählte bei dem Putsch-Plan vor allem auf die mit eingeschmuggelten chinesischen Ysung -Karabinern ausgerüstete KP-Jugendorganisation »Pemuda Rakjat« und auf die längst von den Roten infiltrierten Streitkräfte: 40 Prozent der Armee, 30 Prozent der Marine und 80 Prozent der Luftwaffe würden, so rechneten die Kommunisten, überlaufen, wenn erst einmal die Generäle liquidiert wären.

Der Putsch scheiterte in den ersten 18 Stunden, weil es einem KP-Kommando, das alle in Djakarta anwesenden Generäle ermorden sollte, nicht gelang, den Feind Nummer eins zu erledigen: Verteidigungsminister General Nasution.

Der mit einem gebrochenen Knöchel entkommene Nasution wiederholte die Geschichte: Im September 1948 hatte er den ersten Putsch der PKI, der Indonesien zur »Sowjetrepublik« machen sollte, mit seiner »Siliwangi«-Division in Madiun in Ostjava blutig erstickt. Beim September-Putsch 1965 rückten wieder Siliwangi-Soldaten in Djakarta ein und schlugen die Aufrührer in die Flucht.

Nach dem Madiun-Mißgeschick hatte der Staat den Kommunisten erlaubt, sich unter dem jungen, in Peking geschulten Genossen Aidit neu zu organisieren. »Diesmal machen wir denselben Fehler nicht wieder«, versicherte Nasution.

Die Armee hetzte das Volk gegen die Roten auf. Das vom Militär kontrollierte Fernsehen zeigte Tag für Tag die verstümmelten Leichen von sechs in Djakarta ermordeten Generälen. Die Armee publizierte angebliche schwarze Listen der Roten mit 60 000 Todeskandidaten. Bei verhafteten PKI-Aktivisten wurden Folterwerkzeuge - etwa zum fachgemäßen Herausquetschen der Augen - und Handgranaten gefunden, mit denen KP-Funktionäre ihre Nachbarschaft von unsicheren Elementen säubern sollten.

Nun säuberten die Soldaten und - so die Sprachregelung der Offiziere - »das Volk«. Die großen Moslem-Organisationen verkündeten den Heiligen Krieg gegen die Kommunisten. Kommandos von Jung-Muselmanen fielen mit Parangs - schweren Buschmessern - über ihre roten Nachbarn her. In Ostjava spießten Jugendliche die Köpfe ihrer Opfer auf lange Stöcke und paradierten damit im Triumphzug durch die Dörfer.

In Nordsumatra, Ostjava, auf Celebes und Borneo wurde die Jagd zum Massaker. »Viele Flüsse sind mit Leichen förmlich verstopft, über vielen Quadratkilometern liegt der Geruch verwesenden Fleisches«, meldete das Nachrichtenmagazin »Time«.

Niemand kennt die genaue Zahl der Opfer. Nach vorsichtigen Schätzungen sind es Zehntausende, darunter viele Angehörige der chinesischen Minderheit. An ihr tobten sich Roten- und Rassenhaß gleichermaßen aus.

Die Kommunisten leisteten nur vereinzelt Widerstand. Ihre Führer sind tot, verhaftet oder - wie Chef Aidit spurlos verschwunden. Auf einer Geheimsitzung in Djakarta beschlossen die letzten freien Funktionäre, nicht zu kämpfen, sondern zu überleben.

Präsident Sukarno schlug eine Neuorganisation der KP auf nationaler Basis und unter unbelasteten Führern vor. Die Generäle aber wollten keine andere KP, sie wollten überhaupt keine mehr. Sukarno: »Manchmal habe ich das Gefühl, daß ich ignoriert werde.«

Der früher allmächtige Staatschef, der sich selbst »Mr. Indonesia« nannte, heute aber vom Rat der Generäle unter Nasution - der die Macht im Inselreich an sich gerissen hat - nur noch als Markenzeichen benutzt wird, resignierte. Bei der letzten Unterredung sagte er zu Nasution: »Nun gut, schlagt die Ratten tot. Aber zündet nicht das ganze Haus Indonesien an!«

Verteidigungsminister Nasution (l.): »Nun gut, schlagt die Ratten tot ...

... aber zündet nicht das ganze Haus an": Präsident Sukarno

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