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KIRCHE Macht des Wortes

Als katholischen Beitrag zum Wahlkampf werten NRW-Politiker Versuche des Klerus, Arbeitsverträge mit Kirchenmoral zu koppeln.
aus DER SPIEGEL 17/1976

Pfarrer Hermann Josef Hieronymi von der katholischen Kirchengemeinde St. Peter und Paul im oberbergischen Engelskirchen ersuchte den Kölner Orthopäden Professor Josef Steinhäuser um ein feierliches Gelübde: Er möge versprechen, so der Geistliche zu dem geschiedenen Mediziner, kein zweites Mal zu heiraten.

Der katholische Arzt, 41, mochte sich lieber nicht festlegen, und für ihn war damit ein bereits fest vereinbartes Engagement als Chefarzt des neuerbauten katholischen St.-Josefs-Krankenhauses in Engelskirchen geplatzt. Für den nordrhein-westfälischen Gesundheits- und Sozialminister Friedhelm Farthmann hingegen war das Ansinnen des Pfarrers Hieronymi ein weiteres Indiz dafür, daß im Umkreis des Kölner Doms »wieder mittelalterliche Zeiten« heraufziehen.

Vorgestrig mutet es in der Tat an, wie in letzter Zeit Erzbischof Joseph Höffner Mitarbeiter und Angestellte von Krankenhäusern oder Bildungsstätten in katholischer Trägerschaft heuern und feuern läßt. Weniger die fachliche Qualifikation scheint entscheidend als vielmehr die Übereinstimmung mit katholischen Moralgesetzen.

Bei Gesetzesbrechern gibt es in der Diözese Köln keine mildernden Umstände. So wurde in den letzten Wochen

* Barbara Schreiber-Melzer, Leiterin einer katholischen Familienbildungsstätte in Köln, gekündigt, weil sie einen geschiedenen evangelischen Mann geheiratet hatte; > Christa Teiner, Anästhesistin im »Marienhospital« in Brühl, fristlos entlassen, weil sie zwei Jahre zuvor aus der katholischen Kirche ausgetreten war;

* Hermann Dittmar, Physiotherapeut im gleichen Brühler Krankenhaus, ebenfalls fristlos entlassen, weil er von seiner Frau getrennt und mit einer Freundin zusammenlebt. Professor Steinhäuser, vorerst letztes Opfer im Kölner Glaubenskampf, hatte bereits seinen Segen vom katholischen Kirchenvorstand und vom Krankenhaus-Kuratorium in Engelskirchen, als das Generalvikariat beim Erzbistum Köln den Chefarzt-Vertrag mit einem Heiratsverbot zu koppeln suchte. Und als sein Fall publik wurde, geriet das Ganze zum Politikum.

»Eindeutige Verstöße gegen das Grundgesetz« stellte der stellvertretende Brühler Bürgermeister und Freidemokrat Günter Verheugen fest, und in Düsseldorf sprach SPD-Minister Farthmann von »überzogener Intoleranz«. Der Kölner Domkapitular Norbert Feldhoff ("Wir verfolgen diese Linie seit anderthalbtausend Jahren") sieht hingegen »die Freiheit gefährdet, wenn Gruppen in unserer Gesellschaft nicht mehr nach eigenen Gesichtspunkten arbeiten und handeln« können.

Derlei Äußerungen werden im Düsseldorfer Gesundheits- und Sozialministerium wiederum als eine »bewußt betriebene Konfliktstrategie« gedeutet. Ein hoher Ministerialbeamter: »Die wollen der katholischen Welt im Hinblick auf den Wahlkampf zeigen, daß die SPD-geführte Landesregierung nicht bereit ist, katholische Prinzipien zu akzeptieren.«

Die Vermutung des Ministerialen liegt nahe. Denn in Wahlkampfzeiten machte Höffner stets mobil. So zum Beispiel vor der nordrhein-westfälischen Landtagswahl im Mai vergangenen Jahres, als er in einer aggressiven Kanzelbotschaft den roten Teufel an die Wand malte. Und seine jüngsten Beiträge zur Kirchenpolitik haben auch schon ältere Vorbilder.

Vor 13 Jahren, als der Kirchenfürst noch Münsteraner Katholiken vorstand. fühlte sich Höffner »an das Wort des Herrn gebunden: »Wer seine Frau entläßt und eine andere heiratet, bricht ihr die Ehe"*. Deshalb verlor das Arzt-Ehepaar Sabine und Erich Wahl am katholischen St.-Ludgerus-Hospital in Billerbeck das Belegrecht. Die Kirchenherren hatten davon erfahren, daß die erste Ehe des katholischen Chirurgen Jahre zuvor geschieden worden und Protestantin Sabine des Mediziners zweite Wahl war.

Einen Mitstreiter hat Höffner nun im Essener Ruhrbischof Franz Hengsbach gefunden. In dessen Diözese wurde unlängst die Leiterin des Kindergartens »Rummelpott« der Gemeinde St. Ludgerus im Essener Vorort Werden entlassen, weil sie als Geschiedene erneut geheiratet hatte. Und für den Essener Aushilfslehrer Ulrich Dierkes endete die Lehrtätigkeit in einem katholischen Mädchen-Gymnasium bereits nach zwei Stunden Chemie-Unterricht: Schulleiterin Schwester Agnes Bernharda war dahintergekommen, daß Dierkes im April aus der katholischen Kirche ausgetreten war.

Die Entlassenen protestierten -- doch Hengsbach und Höffner sehen das Recht auf ihrer Seite. Bereits 1956 war ein höchstrichterliches Urteil ergangen, das ihren Kreuzzug gegen Gottlose und Geschiedene juristisch unterstützte. Das Bundesarbeitsgericht hatte es für rechtmäßig erklärt, daß einem schuldlos geschiedenen katholischen Anstreicher, der sich mit einem evangelischen Mädchen wieder verheiratet hatte, in einem katholischen Krankenhaus gekündigt worden war.

Generell gelten in sogenannten Tendenzbetrieben -- beispielsweise Einrichtungen, die von Kirchen oder Gewerkschaften getragen werden -- eige-

* Markus 10. 11.

ne Gesetze. So haben die Träger durchaus das Recht, ihr Personal sehr weitgehend nach selbstgewählten Kriterien einzustellen und auch zu kundigen.

Problematisch erscheint diese Praxis dem Sozialdemokraten Farthmann bei Angestellten und Mitarbeitern, die sich »nicht im eigentlichen Tendenzraum« bewegen -- wie die gekündigte Kölnerin Barbara Schreiber-Melzer, die in der »Familienbildungsstätte Weißenburgstraße« im ersten Halbjahr 1976 neben 126 weltlich orientierten Themen nur drei christliche behandeln wollte.

Fragwürdig vor allem aber ist dem Minister eine tendenzgebundene Personalpolitik in Krankenhäusern, die fast komplett aus Steuermitteln finanziert werden -- wie das neue Hospital in Engelskirchen, für das Farthmanns Ministerium 38 Millionen bewilligt hatte.

Für den Fall. »daß die das auf die Spitze treiben«, denkt Farthmann daran, per Gesetz »die Vergabe an Träger mit bestimmten Bedingungen zu verknüpfen«. Denn, so der Minister, »wir können es nicht länger hinnehmen, daß hier weiterhin sachlich-fachliche Gesichtspunkte hintangestellt werden«.

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