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Macht es uns nicht zu schwer!

aus DER SPIEGEL 6/1947

Auf deutsche Ansichten über die Potsdamer Beschlüsse darf man keine Rücksicht nehmen«, zitiert der Berliner »Abend« die »Times« im Hinblick auf die Londoner Konferenz, und beklagt sich bitter über solche journalistischen Eskapaden einer so angesehenen Zeitung. Auch die Zeitungen der Westzonen mahnen, warnen und beschwören, und in erster Linie sind es nur die Kommunisten, die immer wieder darauf hinweisen, daß Deutschland sich diese Elendssuppe selber eingebrockt habe.

Nach einem Lob der Ostzone schreibt das »Norddeutsche Echo": »Keine Macht in Europa kann erwarten, daß Deutschland den vollen Schaden der Hitler-Aggression wird bezahlen können. Aber Europa und die Welt können überzeugt sein, daß ein demokratisches Deutschland nach besten Kräften an der Wiedergutmachung arbeiten wird.«

Sämtliche Kommentare ergehen sich mehr in grundsätzlichen Stellungnahmen als in einer Betrachtung der Forderungen, die die kleinen Nationen in London vorgebracht haben. Erstens fehlt der Platz und zweitens herrscht angesichts der Reparations-Unsummen die Grundstimmung vor, der die »Hamburger Freie Presse« (FDP) Ausdruck gibt: »Das Extra-Tänzchen, das man den Kleinen in London erlaubt, ist noch nicht die Quadrille, die die Großen in Moskau tanzen werden.«

Das Blatt führt eine scharfe Sprache. » - sich ja keinen Bissen von der großen Beute entgehen zu lassen -», » - da reißt man sich um jeden Fetzen Land« -. Die Zeitung meint, Polen und Jugoslawien würden sich hinsichtlich der Unterschrift des Friedensdiktats (oder Statuts) gern der amerikanischen Auffassung des Botschafters Murphy anschließen, daß für die Entgegennahme eines Statuts keine deutsche Zentralregierung notwendig sei.

Aber der Respekt vor Rußland zwinge diese Länder, die Unterzeichnung durch eine baldigst zu schaffende Zentralregierung zu befürworten.

Rußlands Botschafter, Gusew legte sich eindeutig für Zentralregierung fest, womöglich bis zum Tagungsbeginn in Moskau am, 10. März. Für die SED-Zeitungen ist diese Erklärung das Ereignis der Woche.

Der französische Plan einer Internationalisierung des Ruhrgebiets wird weniger kommentiert. Vielleicht, da, wie Radio Hamburg diskutiert, seine Konsequenzen ebenso eine Annexion auf Umwegen wie ein Schritt zu einer europäischen Wirtschaftskonzeption bedeuten können. Frankreichs gemäßigterer Ruhrplan hat nicht überrascht, nichtsdestoweniger stößt er in Deutschland auf wenig Gegenliebe, und die nicht ganz unfreundliche Aufnahme seitens England wird mit Sorge registriert

Zu Frankreichs Plan eines deutschen Staatenbundes meint der liberal-demokratische Berliner »Morgen«, das vorgeschlagene Etwas wäre nicht einmal ein »Staatenbündel«.

Die »Rheinische Zeitung« in Köln bemüht die englische Wochenschrift »Economist«, um ihren Lesern Genaueres über Hollands und Belgiens territoriale Wünsche mitzuteilen. In den annektierten Landstrichen sollen »keine Nazis bleiben dürfen«, und halb offiziell belgische Erklärungen verlangen sogar, daß alle Kriegsinvaliden vertrieben werden. »Seltsam genug,« bemerkt der »Economist« hierzu.

Für die Londoner Ansprüche der »Kleinen« prägt der »Münchener Mittag« das Beispiel geprellter Kaufleute, die ihre Forderungen möglichst hoch schrauben, um aus der viel zu geringen Konkursmasse wenigstens etwas zu erhalten.

Der schärfsten Töne bedient sich die »Lübecker Freie Presse« (SPD). Sie spricht von einer kollektiven Erkrankung, nicht nur Deutschlands, das am meisten von ihr ergriffen sei, sondern auch anderer Länder, schon lange vor 1933. Die Zeitung gibt ernsthaft zu bedenken, ob man Deutschland nicht einen schmerzlosen Euthanasie-Untergang verschaffen solle, ehe all die ungeheuren Forderungen befriedigt werden. »Gibt es das in der Welt, daß man einem Krüppel auch noch seine Beinprothese abnimmt, nur weil der viel gesündere Nachbar den Rohstoff der Prothese anderweitig verwerten möchte?«, fragt die Zeitung.

»Wehe den Besiegten!«, dieses klassische Wort des unklassischen Gallier-Fürsten Brennus steht in der gleichen Ausgabe über dem Bericht aus London.

Der Vorsitzende der LDP, Dr. Wilhelm Külz, spricht im »Morgen« von der totalen Verantwortung der Alliierten nach einem totalen Sieg, und wünscht für Deutschland einen totalen Frieden. Es war die Rede, die er vor den Berliner Stadtverordneten gehalten hatte, um sie aufzufordern, Material für die bevorstehende Friedensverhandlung zusammenzustellen. Der »Sozialdemokrat« fand dazu die Ueberschrift: »Macht es uns nicht zu schwer!«

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