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POLEN Macht nur, Jungs

Das erwartete Todesurteil für einen der Popieluszko-Mörder blieb aus. Der polnische Primas will sich mit dem System arrangieren. *
aus DER SPIEGEL 7/1985

Der Berg«, höhnte Rechtsanwalt Olszewski, Nebenkläger im Thorner Priestermord-Prozeß, habe gekreißt und »einen Pietruszka geboren«.

Der polnische Geheimdienst-Oberst Pietruszka, am vorigen Donnerstag in Thorn zu 25 Jahren Gefängnis wegen Anstiftung und Beihilfe zum Mord am Priester Jerzy Popieluszko verurteilt, war der ranghöchste unter den vier Staatsschützern, die sich wegen des Verbrechens vor dem Gericht verantworten mußten. Und doch war er nur ein kleines Rad im Geheimdienst-Getriebe.

Die bedeutenderen Gestalten in der Verschwörung sind in dem für Ostblock-Verhältnisse ungewönnlichen Verfahren angeblich nicht ermittelt, in Wahrheit aber wohl nur nicht bekanntgegeben worden (siehe SPIEGEL 5/1985). So hat denn die offizielle These, bei dem Verbrechen handele es sich um eine »politische Provokation gegen Staat und Regierung«, lediglich einen Schreibtischtäter, den stellvertretenden Abteilungsdirektor im Innenministerium, eben den Obersten Pietruszka, ans Tageslicht gefördert: Nicht gerade ein Mann, der politische Verschwörungen veranlassen könnte.

Auch die Urteile gegen die Befehlsempfänger des Offiziers, die unmittelbaren Mörder des Warschauer Arbeiterpriesters fielen so aus, daß das Regime und sein durch den Sensationsprozeß schwer angeschlagener Staatssicherheitsapparat damit leben können - wenn es ihnen auch nicht leichtgemacht wurde.

Der Hauptangeklagte, Hauptmann Piotrowski ("Ja, ich habe geschlagen, ja, mit einer Holzlatte auch"), bekam eine Freiheitsstrafe von ebenfalls 25 Jahren, während seine Komplizen, die Oberleutnants Pekala ("Jawohl, ich habe geknebelt, ja, auch gefesselt") und Chmielewski ("Ich habe aus blindem Gehorsam mitgewirkt") 15 und 14 Jahre Gefängnis absitzen sollen.

Daran, daß die disziplinierten Geheimdienstoffiziere nur einen Bruchteil ihrer Strafe, und dies unter komfortablen Bedingungen, verbüßen werden, zweifelt kaum jemand in Polen.

Der einzige wirkliche Verlierer ist der regierende General Jaruzelski. Er hat es geschafft, mit allen Beteiligten in Konflikt zu geraten. Er hat sich mit der Kirchenhierarchie verfeindet, die wegen der parteilichen Prozeßführung eine kritischere Stellung einnimmt als von den Prozeßverantwortlichen vorauszusehen war. Der General hat außerdem seiner politischen Polizei das Gefühl der Straflosigkeit bei ihrem ungesetzlichen Tun genommen: Auf die Schläger, die morgens um drei bei Oppositionellen klingeln, ist kein Verlaß mehr. Die Büttel sind beleidigt.

In seinem Schlußwort sagte Hauptmann Piotrowski, daß er bereit sei, für die Idee, an die er glaubt, sogar sein junges Leben zu opfern, wenn er nur einen Sinn dieses Opfers sehen würde.

Er erinnerte sich laut, wie er vor einigen Jahren während einer schweren Krankheit in der Intensivstation eines Krankenhauses einen kurzen Abschiedsbrief an seine Frau schrieb: Sie möchte seine Kinder zu guten polnischen Kommunisten erziehen.

Nun stand er, groß und stramm, vor Gericht und zitierte aus dem Werk von Jozef Wybicki, dem Autor der polnischen Nationalhymne. Das Publikum, ohne Zweifel beeindruckt, meinte, bald würde der Angeklagte seinen Richtern »Noch ist Polen nicht verloren« ins Gesicht schreien. Doch soweit ging er nicht - der Mann, der womöglich als Heiliger Geheimdienstler in die Geschichte der polnischen KP eingehen wollte.

Das Martyrium blieb ihm versagt: Gegen eine Todesstrafe im Thorner Prozeß, die der Staatsanwalt für Piotrowski gefordert hatte, sprachen sich auch die Familienangehörigen des Opfers aus. Priester Jerzy, betonten die Nebenkläger, sei grundsätzlich gegen jegliche Gewaltanwendung gewesen und habe Vergebung gepredigt.

Von den Staatsanwälten war da Gegensätzliches zu hören. Popieluszko, behaupteten sie immer wieder, habe »Haß gegen den sozialistischen Staat, Intoleranz gegen Nichtgläubige und Unfrieden in der Gesellschaft« gestiftet und dadurch die Killer in Offiziersrängen geradezu herausgefordert. Es war eine ziemlich genaue Wiederholung der Selbstrechtfertigung des pensionsberechtigten Bandenchefs Piotrowski: »Anderenfalls stände ich heute nicht vor Gericht.«

So kam es vor dem - über eine TV-Standleitung ins Warschauer Zentralkomitee _(Während der Urteilsverkündung am 7. ) _(Februar in Thorn. )

übertragenen - Tribunal zu einem sonderbaren Rollenwechsel: Der Staatsanwalt beschuldigte den Ermordeten »sowie eine Gruppe ihm ähnlicher Geistlicher« und entlastete die Täter, die ja nur politische, aber keine persönlichen Motive hatten, da sie bei diesem Verbrechen nichts gewinnen konnten; die drei Polizeioffiziere hätten - so der Vertreter des anklagenden Staates - nicht einmal das Geld des ermordeten Geistlichen mitgenommen. Stand zwar zum erstenmal in Polen der Geheimdienst vor einem öffentlich tagenden Gericht, so sollte die offizielle Botschaft fürs Publikum doch lauten: Im Grunde genommen sind die Täter anständige Kerle.

Ganz von allen Sünden freisprechen konnte das Regime die Geheimdienstler allerdings nicht: Ihr Opfer wurde ja schon zu Lebzeiten von seiner großen, proletarischen Gemeinde verehrt, und nur den beschwörenden Appellen des polnischen Papstes und seines Primas Glemp hatte es die Regierung zu verdanken, daß die Untat nicht zu gewaltigen Demonstrationen im Lande und zu Blutvergießen führte.

Denn unter den 38 Millionen Polen gibt es allenfalls zehn Prozent Nichtgläubige; der Anteil der Nichtpraktizierenden ist noch geringer. Man geht zur Kirche, weil dort die polnische Nation haust und weil im Weihrauch-Schwall das Gefühl von nationaler Gemeinsamkeit aufkommt.

In Polen finden manche Schäflein ihren Weg zu Gott sogar noch in einem Alter, in dem die Suche nach religiösem Glück recht ungewöhnlich ist: So fand unlängst in einer Warschauer Kirche eine Taufzeremonie mit allem Pomp und zahlreichen geladenen Gästen statt. Der frischgetaufte Stefan Staszewski, 75, in den 30er Jahren Funktionär der Komintern in Moskau, dann Stalins Gulag-Häftling, hatte nach Kriegsende bis etwa Mitte der 50er Jahre als Leiter der Presseabteilung im Zentralkomitee der polnischen KP gedient.

Der Weg zum Gotteshaus ist nicht besonders beschwerlich - trotz 40jähriger kommunistischer Herrschaft. Die Forderung des Glemp-Vorgängers, Primas Wyszynski, »kein Pole soll mehr als sechs Kilometer zur nächstliegenden Kirche haben«, geht allmählich in Erfüllung. Während im Mutterland des Kommunismus, der UdSSR, nur noch wenige Kirchen »arbeiten«, die anderen verrotten oder als Lagerhäuser und Museen für Atheismus zweckentfremdet wurden, stehen heute in Polen 14 600 Kirchen zur Verfügung, davon wurden über 1600 in den letzten fünf Jahren errichtet.

In jeder dieser Kirchen und oft, über Lautsprecher, auch auf dem Platz vor ihr, wird das Wort Gottes gepredigt - sowie das des jeweiligen Pfarrers. Popieluszko sprach im Namen des Herrn, aber auch in dem der verbotenen »Solidarnosc«.

Und im Namen des Volkes sprach wohl auch der Pfarrer Teofil Bogucki in der Warschauer St.-Stanislaw-Kostka-Kirche, als er zum Thorner Prozeß sagte: »Nicht nur jene vier, sondern der ganze Apparat der Staatssicherheit sollte vor Gericht gestellt werden.«

Regierungssprecher Jerzy Urban reagierte sofort: Die Regierung werde sich nun überlegen müssen, ob nicht eine Novellierung des geltenden Strafrechts nötig sei, damit nicht nur die Gefühle der Gläubigen, sondern auch die der Atheisten gesetzlichen Schutz vor derlei ätzenden Äußerungen genießen könnten.

Damit kündigte er eine Konfrontation an, die auf der Gegenseite vom Kirchenoberhaupt Glemp gescheut wird. Denn der Primas hat für die radikalen, nicht zu Kompromissen neigenden Basis-Priester von der Art des Ermordeten nicht viel übrig. Während eines Treffens mit 300 Geistlichen in Warschau stellte er seinen unbotmäßigen Zuhörern dieselbe Frage, die auch Ronald Reagan vorige Woche aufwarf - als Bibelzitat, Lukas 14, 31-32: »Oder welcher König will sich begeben in einen Streit wider einen andern König und sitzt nicht zuvor und ratschlagt, ob er könne mit 10 000 begegnen dem, der über ihn kommt mit 20 000? Wo nicht, so schickt er Botschaft, wenn jener noch ferne ist, und bittet um Frieden.«

Aktivisten der »Solidarnosc«, die ihren Kampf nicht aufgeben wollten und in den Untergrund gingen, kritisierte der Primas als »Fundamentalisten«, Anhänger eines »Kampfes ohne Programm, nur des Kampfes willen«. Der »Widerstand gegen die Staatsmacht«, warnte der Kirchenfürst, »darf nicht künstlich angefacht werden«. Und: »Es ist nicht Sache der Kirche, Systeme zu ändern.«

Rebellische Priester und der Solidarnosc-Untergrund werfen dem Primas Feigheit vor. Der aber meint, die Kirche dürfe den Bogen nicht überspannen, sonst komme es zur Katastrophe - und so ähnelt seine Lage beinahe fatal der des Regierungs- und Parteichefs Jaruzelski.

In dem Prozeß, zu dem der Politgeneral sein Einverständnis gegeben hatte, durften nicht nur die kleinen Geheimdienstler schuldig gesprochen werden; aber auch die hohen Funktionäre, ohne die nichts läuft im Sicherheitsapparat der Volksrepublik, durften nicht ernsthaft verprellt werden. Schon die Suspendierung von General Zenon Platek, dem mächtigen Direktor der IV. Abteilung des Innenministeriums, war ein beachtliches Wagnis.

Als aber einer der Angeklagten, Chmielewski, während eines Verhörs noch höher griff und den Namen des stellvertretenden Innenministers und Chef des Sicherheitsdienstes, General Ciaston, als einen der Hintermänner erwähnte, wurde er später von dem Gerichtsvorsitzenden Kujawa gezwungen, das Geständnis zu widerrufen. Kujawa: »Woher haben Sie diesen Namen genommen? War das etwa Ihre eigene Mutmaßung?« Chmielewski: »Jawohl.«

So ist in Thorn etwas ruiniert worden, was die Partei jahrelang aufgebaut hat: die Ergebenheit, der Glaube der Geheimpolizisten an das Gute ihrer Sache. »Zum zweiten Mal würde ich eine derartige Aufgabe nicht annehmen«, sagte der Angeklagte Pietrowski einer Kollegin: »Ich mag nicht, wenn hochgestellte Leute inkonsequent sind. Wenn alles in Ordnung ist, sagen sie: ''Macht nur, Jungs!'' Und dann, wenn es unsicher und gefährlich wird, distanzieren sie sich von allem.«

Während der Urteilsverkündung am 7. Februar in Thorn.

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