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WERBUNG / FISCH Macht winterfest

aus DER SPIEGEL 36/1968

Jeder dritte Deutsche ist strikt dagegen, Fisch zu essen. Die übrigen finden es immer schwerer, frischen Dorsch oder Seelachs zu kaufen, weil es in Westdeutschland nur noch rund 3000 Fachgeschäfte gibt. »Es muß endlich einmal etwas passieren«, verlangt Walter Hubl, Chef der Hochseefischerei des Oetker-Konzerns.

Hubl glaubt auch zu wissen, was passieren könnte, denn er sitzt im Vorstand der Bremerhavener Deutschen Fischwerbung und kennt deren Misere. Das gemeinschaftliche Werbeunternehmen der Branche, die immerhin jährlich 600 Millionen Mark umsetzt, hatte 1967 nur 800 000 Mark zur Verfügung. Damit wurden Kochkurse veranstaltet, Rezepte gedruckt und zwei Verkaufsberater besoldet.

Noch nie ist während der Nachkriegszeit in Presse, Funk oder Fern-

* Lukas 17, l.: »Er sprach zu seinen Jüngern: Es Ist undenkbar, daß keine Ärgernisse (skandala) kommen; aber wehe dem, durch den sie kommen!«

sehen für Frischfisch geworben worden. Der Slogan »Eßt mehr Fisch und ihr bleibt gesund« stammt aus dem Jahre 1925. Hubl erkannte: »Der Fisch kann es sich nicht leisten, in der Werbung nicht vertreten zu sein.«

Die Branche braucht Dampf: Noch vor zwanzig Jahren aßen die Bundesdeutschen pro Kopf und Jahr 30 Pfund Fisch, jetzt verzehren sie nur noch 21 Pfund. Fast die Hälfte der Bevölkerung muß ganz auf das frische Produkt verzichten, weil es an ihren Wohnorten nicht mehr verkauft wird. Gefrorenen Fisch gibt es zwar in 100 000 Läden, aber er ist in der Regel teurer als etwa das Tiefkühl-Huhn. Andere Gründe, aus denen die Käufer oft das Fleisch vorziehen, erkundeten die Allensbacher Meinungsforscher: Fischgräten werden als lästig und gefährlich empfunden, ebenso die geringe Haltbarkeit des Nahrungsmittels, und sein Geruch stört.

Solche Verkaufs-Hindernisse kann auch Werbung nur schwer abbauen, aber im Cuxhavener Haus der Seefischmarkt GmbH spendeten 100 Manager aus der Branche Beifall, als die Hamburger Agentur Markenwerbung ihre Pläne für eine Fischkampagne vorzeigte. Nach den Vorstellungen der Werber wird es vom kommenden Herbst an »keine Fische mehr geben ... nur noch Saisonfische« (Werbetext).

Je nach Jahreszeit werden in Anzeigen und Fernsehen der Frühlingsfisch ("Macht munter"), der Sommerfisch ("Macht sommerfrisch"), der Herbstfisch ("Macht stark") und der Winterfisch ("Macht winterfest") angepriesen. Dahinter steckt die Absicht, die »völlig unverständlichen Eßgewohnheiten« (Rudolf Preisler, Geschäftsführer der Deutschen Fischwerbung) auszurotten: Im Sommer, wenn das Angebot am größten und billigsten ist, essen die Bundesbürger am wenigsten Fisch; im Dezember hingegen verspeist eine vierköpfige Familie durchschnittlich doppelt soviel Fisch wie in den Monaten Juli und August.

Die Zurückhaltung der Käufer während der Spitzensaison bewirkte, daß von den 182 000 Tonnen Fisch, die im letzten Jahr in Westdeutschland an Land gebracht wurden, 23 000 Tonnen unverkauft blieben. Ein Viertel der Fänge mußte ins Ausland verramscht werden.

Die Reeder der Fangflotten und die Großhändler wollen deshalb für die neue Werbung mehr Geld lockermachen, wenn auch nicht eben sehr viel. Die Fischwerber hoffen, daß für zwölf Monate 2,5 Millionen Mark zusammenkommen, das entspricht etwa dem Werbeaufwand für das fischhaltige Katzenfutter »Kitekat«.

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