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Gestorben Madeleine Albright, 84

aus DER SPIEGEL 13/2022
Foto: Chris Usher / Apix

Sie nannte es »Broschendiplomatie«: Mit auffälligem Schmuck signalisierte sie ihrem Gegenüber stets mehr als Stil. Im Irak, wo sie als Schlange verhöhnt wurde, trug sie eine Schlange; für die Russen, die einen Raum im State Department verwanzt hatten, trug sie eine Wanze; und bei einem Treffen mit Palästinenserchef Jassir Arafat steckte sie sich eine Wespe an, denn Wespen stechen, und »ich wollte ihm eine spitze Botschaft übermitteln«. Mit brüskem Charme vertrat die erste Frau an der Spitze des US-Außen­ministeriums die Doktrin von einem für die Welt »unverzicht­baren« Amerika – nur um zu merken, dass die Welt immer mehr auf die Hybris der USA verzichten konnte und wollte. Sie schrieb Weltgeschichte im Jetlag. Denn nur persönliches Klinkenputzen, so ihr Glaube, könnte Kritiker umstimmen. Im Namen von US-Präsident Bill Clinton versuchte sie, weltweit Krisen zu managen, in Somalia, Ruanda, Haiti, Nordirland, Bosnien und Herzegowina sowie im Kosovo, meistens vor Ort, doch selten mit nachhaltigem Erfolg, was mitunter, aber nicht immer an ihr lag. Mittendrin fand sie heraus, dass sie einer jüdischen Familie entstammte, was diese aber verheimlicht hatte. Albright wurde in Prag geboren, als Marie Jana Körbelová. Aus Angst vor den Nazis flohen die Eltern nach London, konvertierten 1941 zum Katholizismus, ließen ihre drei Kinder taufen und gingen später in die USA. 26 Angehörige starben im Holocaust, Albright erfuhr das erst nach Jahrzehnten. Dieser Lebenslauf nährte eine Karriere, die geprägt war von historischen Feindbildern und dem Führungsanspruch der Wahlheimat USA. Amerikas Aufgabe sei es, »den Aufstieg des Bösen« in der Welt zu verhindern. 1988 lernte sie Bill Clinton kennen, der sie dann als Präsident zur Uno-Botschafterin machte und 1997 zur Außenministerin. Damals plädierte Albright für die Erweiterung der Nato durch »Kooperation« mit Ex-Ostblockstaaten – darunter die Ukraine. Zu einem Gipfeltreffen von Clinton und Putin erschien Albright im Mai 2000 mit den drei sprichwörtlichen Affen, die nichts hören, sehen und sagen, als Brosche. Warum Affen, fragte Putin sie. »Wegen Ihrer Tschetschenienpolitik«, sagte sie eiskalt. Madeleine Albright starb am 23. März in Washington.

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