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AFGHANISTAN Mächte des Bösen

Regierung und Partisanen melden gleichermaßen schwere Kämpfe und hohe Verluste.
aus DER SPIEGEL 33/1981

Im Tal von Paghman verbrachten früher die Könige von Afghanistan den hitzeschweren Sommer. In diesem Jahr kam es dort, zwanzig Kilometer nordöstlich von Kabul, mitten im Fastenmonat Ramadan zur Schlacht.

»Eine Gruppe von Dieben und gedungenen Angreifern -- Lakaien und S.96 Mächte des Bösen« sei, so der Regierungsrundfunk über den Zusammenstoß mit den Partisanen, dort plötzlich eingefallen.

Sie vergossen (immer laut Radio Kabul) das Blut der fastenden Moslems und mißhandelten die älteren Männer und Frauen, die sich ihren räuberischen Handlungen widersetzten; sie trieben mitten in der Nacht die jungen Leute aus ihren Häusern und nahmen sie mit.

Wer den »teuflischen« Forderungen nicht nachgab, habe das »Märtyrer-Schicksal« erlitten. Denn die Räuber »schlachteten für ihre eigenen Feste und Gelage das Vieh der Bauern, trieben gewaltsam Geldstrafen ein und verbrannten das Getreide am Halm«.

Darauf schrien die Bauern laut, so Radio Kabul, man möge sie von diesem Übel, diesen plündernden Kriminellen erlösen. Dem Ruf seien »heldenhafte Streitkräfte der Demokratischen Republik Afghanistan« gefolgt, gemeinsam mit den »aufopferungsvollen Kämpfern der Demokratischen Volkspartei«, der einzigen und regierenden Partei im Land.

Gewährsleuten der französischen Nachrichtenagentur AFP beschrieb ein Augenzeuge die blutigen Ereignisse etwas anders. Danach wurden zunächst 300 Kadetten der Militärakademie Kabul in Marsch gesetzt, um die Berge um Paghman von dort verschanzten Partisanen zu säubern. In den Morgenstunden des 13. Juli griffen sie an.

Per Megaphon forderten jedoch die Rebellen ihre uniformierten Landsleute zum Überlaufen auf, zwei Drittel -- 17 bis 18 Jahre alt -- seien desertiert, der Rest im Kampf getötet worden.

Am nächsten Tag, so der AFP-Bericht, bombardierten Flugzeuge und Hubschrauber des sowjetischen Oberkommandos in Afghanistan das Villen-Städtchen Paghman und die umliegenden Dörfer, beschossen Flüchtende und töteten 50 bis 100 Partisanen sowie »mehrere hundert« Dorfbewohner.

Andere sollen kaltblütig erschossen worden sein. Der Augenzeuge will in Paghman mehrere hundert Leichen gesehen haben, die »wie Brennholz aufgestapelt waren«.

Sowjetische Transporthubschrauber brachten Bodentruppen; die Guerillas vernichteten eine Einheit angeblich schon bei der Landung, während die Russen Rauchbomben warfen. Die Kämpfe gingen während der Nacht weiter. Zwei Helikopter, Dutzende gepanzerter Mannschaftswagen und Panzer wurden angeblich zerstört.

Am 15. Juli zogen sich dann die Sowjets und ihre afghanischen Alliierten hinter einem Rauchvorhang in die Hauptstadt Kabul, die Aufständischen in die Berge zurück. Es waren, urteilten Diplomaten, die heftigsten Kämpfe im Raum Kabul seit Beginn der Sowjet-Intervention Ende 1979.

Das afghanische Regierungs-Fernsehen aber zeigte zum erstenmal Bilder schwerer Verluste von Regierungstruppen: Leichen von 30 Kadetten. Deren Eltern sollen sich gegen das Opfer ihrer unausgebildeten und schlecht bewaffneten Kinder empört haben.

Am 16. Juli ging der subversive Krieg in Kabul selbst weiter: Eine bekannte, regierungstreue Sängerin namens Samina Bacht wurde in ihrer Wohnung tot aufgefunden -- gestorben an einer Krankheit, so die Regierung; mit verstümmeltem Körper, so die AFP-Informanten.

Die behaupteten, daß auch die drei Partei-Spitzel, die über die Predigten der Mullahs in einer Kabuler Moschee zu berichten hatten, der linientreue Abdul Hamid sowie ein afghanischer Polizist, der die Wohnung eines US-Diplomaten bewachte, erschossen und zwei Mitglieder der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) in der afghanischen Hauptstadt verwundet worden seien.

Die Freischärler gingen dabei angeblich nach einer Todesliste vor, auf der 30 Namen stehen. Prominentestes Opfer Mitte Juli: General Fath Mohammed Farkimischr, ein Spitzenfunktionär der Staatspartei, von dessen Meuchelmord auch die Moskauer »Prawda« berichtete. Die Regierung zählte bereits zehn Tote.

Fünf Tage nach der Kabuler Todesserie meldete der Sprecher einer afghanischen Partisanen-Organisation (von ihrem Stützpunkt im benachbarten Pakistan aus) eine sowjetische Offensive im Osten des besetzten Landes, in der Provinz Kunar: Infanterie und Panzer hätten den Rebellen schwere Verluste zugefügt und sie zum Rückzug nach Norden gezwungen, 5000 Dorfbewohner seien nach Pakistan geflüchtet.

Die Sowjets konnten demnach die von Partisanen eingeschlossene Garnison Barikot entsetzen, die monatelang nur durch die Luft hatte versorgt werden können. Nun stoßen die Russen womöglich nach Norden vor, in die Provinz Nuristan, in der sich angeblich seit Jahren kein Regierungssoldat mehr hatte sehen lassen.

Im nahen Pfirsich-Tal halten Moslem-Partisanen nach eigenen Angaben seit Juni zwei den Regierungstruppen abgenommene Vorposten gegen sowjetische Angriffe. In der Provinz Nangarhar wiederum, in Tora Bora, haben laut Radio Kabul die »Konterrevolutionäre« eine Niederlage erlitten.

Dieselbe Quelle meldet reiche Beute an leichten und schweren Partisanen-Waffen verschiedener Typen, die alle aus dem Ausland kommen: »Zusammenspiel« der Widerständler mit fremden »Herren«, mit den »USA, Westdeutschland, Großbritannien, China, Ägypten, Israel und Pakistan -den erklärten Feinden der islamischen Welt und der progressiven Kräfte«.

Die Besatzer freilich kämpften nicht nur für Koran & Kommunismus, sondern vor allem für die Staatsräson der UdSSR.

»Die Reaktionäre und Antisowjetisten aller Schattierungen«, erklärte nach den Kämpfen im Paghman-Tal der sowjetische Generalmajor Tatarnikow in der Moskauer »Iswestija«, »brauchen Afghanistan als antisowjetischen Aufmarschraum und als einen strategischen Stützpunkt der Nato an den Südgrenzen der Sowjet-Union.«

Die Russen waren nur schneller da.

S.95Ausriß aus der Moskauer »Literaturzeitung« mit der Unterschrift:"Banditen«.*

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