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Farbfernsehen Mächtig hochgestapelt

Um Rom zur Einführung des französischen Farbfernsehsystems Secam zu überreden, machte Paris den Italienern politische Angebote.
aus DER SPIEGEL 32/1972

Werber aus Paris wollten den Römern Angst vor den Germanen machen zunächst auf niederer Ebene.

Italiens Wirtschaft, so übertrieb Michel Dubail, Bevollmächtigter der staatlichen französischen Farbfernsehgesellschaft »Intersecam«, sei »wegen ihrer geringen Wettbewerbsfähigkeit durch die Aggression der deutschen Industrie besonders verletzbar«. Deshalb sollten Roms Regierende nicht das deutsche TV-System Pal, sondern lieber das französische Secam einführen. Mit Hilfe einer neuen, vorteilhaften Achse Rom-Paris könnten die Italiener »auch ihren Einfluß in allen arabischen Ländern stärken«.

Vergangene Woche warb dann Staatschef Pompidou hei seinen Gesprächen mit Ministerpräsident Andreotti in der Toskana für Frankreichs (TV-)Farben. Er kam »wie ein hochgestellter Handlungs-Reisender«, fand das »Giornale d'Italia«.

Zwar disputierten Pompidou und seine Gastgeber vor allem über die geplante EWG-Gipfelkonferenz. Doch der Übergang zur Secam-Debatte ergab sich fast nahtlos.

Denn die zunächst rein technisch-wirtschaftliche Frage, ob sich Italien für Secam oder Pal entscheiden soll, ist längst ein Politikum mit europäischen Implikationen geworden. Es geht nicht mehr nur um diesen gewinnträchtigen Farbfernseh-Markt, es geht besonders für Frankreich um politischen Einfluß in und außerhalb der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft.

Vorige Woche prophezeiten römische Politiker, Andreottis Entscheidung stehe unmittelbar bevor. Pompidou versuchte, sie in letzter Stunde zu beeinflussen. Für den Fall, daß sich Rom zu Secam bekennt, boten die Franzosen an,

* Italien an der Gesellschaft »Intersecam« zu beteiligen, die das gallische Farbsystem im Ausland vertreibt;

* gemeinsam mit Italien ein elektronisches Forschungszentrum in Rom einzurichten;

* den Italienern in einigen Fragen des Exports nach Frankreich (vor allem bei Weinen) entgegenzukommen:

* den Widerstand gegen eine gemeinsame Regionalpolitik mit einem europäischen Entwicklungsfonds aufzugeben, aus dem sich Italien Finanzspritzen für den Mezzogiorno erhofft.

Diese Angebote sind nicht nur Secam-Köder, sondern Bausteine einer einheitlichen italienisch-französischen Mittelmeerpolitik. die Pompidou anvisiert.

Ihr Hintergrund: Frankreich fürchtet, daß sich durch die Erweiterung der EWG das Schwergewicht der Gemeinschaft immer mehr nach Norden verlagert. »Indem es im Süden ein Gegengewicht bilden will«, vermutete das römische Wirtschaftsblatt »II Globo«, »versucht Frankreich jetzt Prestige wiederzugewinnen.« Das Farbfernsehen wäre in diesem Konzept ein Mittel, Rom und Paris zu verbinden. Wenn Italien Secam übernimmt, so werden -- hofft Paris auch andere Mittelmeerländer dem Beispiel folgen.

Ob die Rechnung aufgeht, steht dahin. Bisher jedenfalls war Frankreichs Farbe nicht sonderlich attraktiv. Nur 13 Staaten haben das französische System gewählt, darunter die Sowjet-Union und die DDR. Im gesamten Secam-Bereich gibt es 800 000 Farbfernsehgeräte und etwa 61 Millionen Mattscheiben für Schwarzweiß-Empfang. Für Pal hingegen entschieden sich 22 Länder, so Skandinavien, England, Brasilien. Und im Pal-Revier stehen sechs Millionen Farb- sowie 65 Millionen Schwarzweiß-Geräte.

Bundesdeutsche Firmen wie Telefunken, Grundig, Körting produzieren in Italien Geräte und verkaufen sie in der Bundesrepublik. Und Italiens Elektrogeräte-Industrie peilt schon seit langem Pal an, Italiens staatliche Fernsehgesellschaft RAT strahlt ihre Versuchssendungen nur im Pal-Stil aus. Studio- und Sendekosten bisher: über 5.5 Milliarden Lire. Giorgio Tranzocchi, Chef des Elektro-Giganten Zanussi, mahnte. wenn Secam offiziell eingeführt werde, »wäre die Erfahrung jahrelanger Arbeit zunichte« --

Frankreichs Secam-Lobbyisten ließen nichts unversucht, den Pal-Vormarsch zu stoppen. Sie versprachen den Italienern gewinnreiche Straßenbau-Aufträge, sie bearbeiteten Politiker und Diplomaten, sie zahlten angeblich beträchtliche Schmiergelder.

Da die Regierung ihre Entscheidung hinauszögerte, geriet Italiens Fernsehindustrie auf dem heimischen Markt in eine schwere Absatzkrise. Scharen von Arbeitern wurden entlassen. Schließlich versicherte der neue Regierungschef Andreotti, er werde so schnell wie möglich entscheiden.

Vorige Woche -- während Italiens Fernsehvolk mutmaßte, ob es die Olympischen Spiele schon in Farbe erleben kann -- hielt sich in Rom das Gerücht, Italien wolle es weder mit Secam-Frankreich noch mit Pal-Deutschland verderben und deshalb beide mischen: Die RAI könne Farbaufnahmen nach Secam machen, der Bürger sie jedoch im Pal-Stil empfangen.

Klagte Silvano Ercoli vom italienischen Industriellen-Verband: »Dann gibt es schlechte Bilder und schlechte Farbe.«

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