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NAHER OSTEN / JUDEN UND ARABER Mächtige Legende

aus DER SPIEGEL 48/1967

Wenn Ihr wollt, ist es kein Märchen

Theodor Herzl (Faksimile)

Draußen vor der Tür forderten israelische Studenten: »Gebt die besetzten Gebiete nicht zurück.« Drinnen, im Parlament zu Jerusalem, widersprach der israelische Premier Levi Eschkol: »Wir kämpften nur, um zu überleben.«

Das war im Sommer, zwei Tage nach dem Blitzsieg der Soldaten Zions über die arabischen Heerscharen. Eschkol schien die Bereitschaft der Juden zu verbürgen, die eroberten Gebiete zurückzugeben -- wenn sich dafür die Anerkennung des Juden-Staates durch die Araber einhandeln ließe.

Doch als der Herbst kam, wuchs in Israel der Wille zur Annexion. Der Studenten-Spruch vom Juni verstärkte sich zum nationalen Sprech-Chor im November. Von den beiden Möglichkeiten,

> auf Annexion arabischen Landes zu verzichten und so den zwanzig Jahre währenden Kriegszustand womöglich zu beenden

> oder aber Israel größer zu machen und den Kriegszustand zu belassen, scheinen die Israelis die letztere zu wählen.

»Ein neues Schlagwort«, so berichtete die »New York Herald Tribune« aus Jerusalem, gehe im Lande der Sieger um: »der Ruf nach Groß-Israel«.

Von Groß-Israel sprach nun auch der bis dahin auf Ausgleich bedachte Premier. Am 30. Oktober sagte Eschkol in der Knesseth, dem israelischen Parlament: »Es ist klar, daß nach dem Sechs-Tage-Krieg der Stand von vor dem 5. Juni nicht wiederhergestellt werden kann.«

Israelische Staatsmänner ersannen Argumente für die Annexionen: Ägyptens Ansprüche auf den Gaza-Streifen wie Jordaniens Forderung nach Arabisch-Palästina seien nicht mehr gültig, denn beide Gebiete seien 1948 »durch militärische Aggression« besetzt worden. Die syrischen Höhen von Golan werde Israel nicht räumen, weil von dort »die Zerstörung israelischer Dörfer im Tal drohte«. Und Jerusalem bleibe israelisch, weil die Stadt geteilt »ein Sicherheitsrisiko und eine wirtschaftliche Unmöglichkeit« darstelle.

Dreimal so groß wie Israel ist das besetzte Gebiet. »Auf eine solche Karte sieht man gern«, freute sich Israels Haudegen Mosche Dajan: »Wir hatten noch nie so gute Grenzen.« Und Eschkol assistierte: »Die Sicherheitsgrenze von Israel muß der Jordan sein«, die »natürlichste Grenze« sei der Suez-Kanal.

Just als Jordaniens König Hussein und Ägyptens Staatschef Nasser einlenkten ("Israel hat ein Recht zu leben") und sich mühten, mit Hilfe der Vereinten Nationen eine Lösung zu finden, bestand Eschkol auf direkten Verhandlungen -- die Hussein und Nasser schon mehrfach abgelehnt hatten. Resigniert klagte Jordaniens König, die »äußerste Grenze möglicher Konzessionen« sei erreicht.

Israel »festigt« derweil -- so Eschkol -- »seine Positionen im besetzten Land«, und Religions-Minister Zerach Wahrhaftig erklärte: »Wir sind für immer in unser Land zurückgekehrt.«

Um dieses Land hatten Israelis und Araber in zwei Jahrzehnten drei Kriege geführt. Jedesmal ging es den Juden zugleich darum, das Reich zu verteidigen und zu mehren. Jedesmal ging es den Arabern darum, den Juden-Staat zu liquidieren, der nach 2535 Jahren wiedererstanden war.

Jedesmal auch war es ein heiliger Krieg -- für die Juden, denen zu Abrahams Zeiten das ganze Land »von dem Wasser Ägyptens bis an das große Wasser Euphrat« verheißen worden war, wie für die Araber, denen Palästina seit Mohammed ebenfalls als gelobtes Land gilt: als Stätte der leiblichen Auferstehung nach dem Tod.

Es waren Kriege zwischen Vettern, die über Jahrhunderte hinweg keineswegs einander als Todfeinde erachteten -- solange die Juden keinen Anspruch auf einen eigenen Staat in Palästina erhoben. Doch als 1948 das neue Israel entstand, sahen 70 Millionen Araber ihr Ziel -- so ein arabischer Truppenbefehl -- in der »Vernichtung Israels und seiner Ausrottung in der kürzest möglichen Zeit in den brutalsten und grausamsten Schlachten

Der Konflikt wurde ausweglos: Um nicht vernichtet zu werden, führten die Juden Krieg. Um nicht vertrieben zu werden, vertrieben sie selber. Um ihr Land zu behalten, machten sie es größer -- im ersten Palästina-Krieg 1948/49 um 8000 Quadratkilometer, gleich 60 Prozent. Im Sinai-Feldzug 1956 stoppten die Vereinten Nationen die siegreich vorrückenden Israelis. Im Blitzkrieg 1967 eroberten die Israelis 66 642 Quadratkilometer.

Und Israels einäugiger Kriegsheld Mosche Dajan sagt: »Eisern stehen bleiben, wo wir stehen -- das ist das Rezept für den Frieden.« Araber-König Hussein dagegen: »Wir werden die verlorenen Gebiete zurückerobern oder sterben.«

Es scheint, als müsse jetzt erst der Konflikt ausgetragen werden, der vor 3217 Jahren verheißen wurde: Als Moses, 120 Jahre alt, den Tod nahen fühlte, stieg er -- wie es im Alten Testament heißt -- auf den Berg Nebo und sah vor sich, was der Herr den 601 730 Kindern Israels bei ihrem Auszug aus Ägypten verheißen hatte -- das Land, »darin Milch und Honig fließt«, Palästina.

Der Marschbefehl Gottes erreichte die zwölf Juden-Stämme 1250 Jahre vor Christi Geburt, und sie taten, wie ihnen geheißen: Sie rückten in das gelobte Land ein. Ihr König David errichtete im Jahre 1002 vor Christus den ersten Judenstaat. Seine Hauptstadt, auf dem Berg Zion, war Jerusalem.

Doch flossen in Gottes eigenem Land nicht nur Milch und Honig, vielmehr Blut und Tränen. Palästina wurde nicht Paradies, sondern Fegefeuer der Juden: Die assyrischen Nachbarn verschleppten die Juden, die Babylonier warfen sie in die Gefangenschaft. Davids Staat ging unter, 415 Jahre nach der Gründung.

Nun zogen die Heere und Legionen kleiner und großer Reiche »durch das Heilige Land: Nacheinander -- von 587 vor bis 1920 nach Christus -- geriet Palästina unter die Herrschaft der Babylonier und Griechen, der Römer und Araber, der christlichen Kreuzritter und der Türken.

Die Kinder Israels zerstreuten sich in alle Welt. Immer aber, in dieser Zeit der Galut (Verbannung), blieben sein Tagebuch: »Ich arbeite seit einiger Zeit an einem Werk, das von unendlicher Größe ist ... Es sieht aus wie ein mächtiger Traum.«

Der am 2. Mai 1860 in Budapest geborene Herzl war in einem gutbürgerlichen Elternhaus aufgewachsen, unberührt vom Galut-Los seiner Glaubensbrüder. Als er in Wien die Rechte studierte, trat er sogar der schlagenden Verbindung »Albia« nationalgesinnter Kommilitonen bei -- der »bunten Käppis und der Bänder wegen«, wie ein Herzl-Biograph vermerkte.

Mit frischen Schmissen im Gesicht trennte sich der Studiosus von den Mensur-Schlägern erst, als eine »Albia«-Trauerfeier für den gerade heimgegangenen Barden Richard Wagner zu einem antisemitischen Spektakel ausartete. »Das«, so Herzl, »fand ich schrecklich.«

Doch sein Damaskus erlebte er erst später -- Ende 1894 -- im vollgepfropften Saal des Kriegstribunals zu Paris: Frankreich-Korrespondent Herzl berichtete für die Wiener »Neue Freie Presse« über den Prozeß des Jahrhunderts.

Auf der Anklagebank saß Hauptmann Alfred Dreyfus, der einzige Jude im französischen Generalstab. Er wurde beschuldigt, für Deutschland spioniert zu haben. Herzl ("Durch diesen Prozeß bin ich Zionist geworden") war von der Unschuld des Offiziers überzeugt -- sehr zu Recht, wie sich bald herausstellte,

Als dem zu lebenslanger Verbannung auf der Teufelsinsel verurteilten Dreyfus im Januar 1895 mitten in Paris öffentlich die Epauletten von der Uniform gerissen wurden, tobte die Menge: »Tötet die Juden!«

Herzl, der dabei war, hatte eine Vision. Er sah das Gelobte Land, »wo wir krumme Nasen, schwarze oder rote Bärte und gebogene Beine haben dürfen, ohne darum schon verächtlich zu sein

Freilich müßte sich, sc fand Herzl, die Vision nicht, unbedingt in Palästina erfüllen: »Gegen Palästina spricht die Nähe Rußlands und Europas, Mangel an Ausbreitung, sowie Klima, dessen wir schon entwöhnt. Dafür die mächtige Legende.«

Herzl war alles recht, wenn es nur ein Judenstaat war -- ob auf Sinai, in Uganda, auf Zypern oder in Südamerika, »was wegen der Entfernung vom militarisierten und versumpften Europa viel für sich hätte«.

So wenig wie die geographische Lage des Judenlandes kümmerte ihn sonderlich, ob dort hebräisch oder anders gesprochen werden sollte. Einmal meinte er sogar: »Übrigens dürfte ... deutsche Sprache Amtssprache werden. Judendeutsch

Unablässig notierte er in sein Tagebuch alle Details der geplanten Wanderung in das neue Land: »Moses Auszug verhält sich dazu wie ein Fastnachtsingspiel von Hans Sachs zu einer Wagnerschen Oper.«

* 1896 bei Jaffa (Palästina).

** Aus dem Berliner »Illustrierten jüdischen Witzblatt": »Schlemihl«.

Vor Beginn der Wanderung, so überlegte Herzl, müsse »die Rasse zunächst

verbessert werden: Man muß sie kriegsstark, arbeitsfroh und tugendhaft machen«.

Die Ankunft in der neuen Heimat las sich in Herzls Notizbuch farbig wie ein Scharnow-Prospekt: »Wenn das neue Land in Sicht kommt, wird die Fahne gehißt ... Alle müssen sich entblößen ... bei der Landnahme den gelben (Juden-)Fleck tragen.«

In Herzls Judenstaat sollte es munter zugehen: Jeder sollte alles werden können und »solange als möglich keine Steuern« zahlen. Sieben Stunden nur -- als »Weltreklame« -- sollte täglich gearbeitet, Tugend und Fruchtbarkeit prämiiert, Selbstmord bestraft werden -- »beim Versuch mit ... Irrenhaus, beim Gelingen mit Verweigerung des ehrlichen Begräbnisses«.

Die Knaben wollte Herzl »zu Kriegern« erziehen, die Beamten -- »schmuck, stramm, aber nicht lächerlich« -- in Uniformen stecken, die Werktätigen sollten kompanieweise »unter Klängen einer Fanfare zur Arbeit ausziehen«, die Dichter das Prostituierten-Problem lösen helfen, »weil sie sich ja mit der Liebe anhaltend beschäftigen«.

Zu den Arabern freilich, die schon im Lande waren, fiel dem jüdischen Staatsdenker auf den 1836 Seiten seiner Tagebücher nur wenig ein: »Als Arbeiter (bei Entsumpfungen) wären solche Araber zu verwenden, die gegen das Fieber immun sind.«

Dann verdichtete Herzl ("Ich habe in diesen Tagen öfters befürchtet, irrsinnig zu werden") seine Visionen vom starken, eher sauberen als heiligen Land zum Programm des Zionismus. In seinem Buch vom »Judenstaat« zog er die bittere Lehre aus der Erkenntnis, daß ein Volk ohne Vaterland keine Heimat auf dieser Erde findet und daß alle Versuchs, in fremden Vaterländern heimisch zu werden, scheitern müßten. Die Assimilierung, so sahen die Juden ein, brachte ihnen keine Befreiung aus Galut und Getto.

Dabei hatten es viele Juden an keiner Mühe fehlen lassen, sich einzupassen und sogar ihr Judentum zu verleugnen: Sie reformierten vielfach den Gottesdienst nach protestantischem Muster, ersetzten in den Synagogen das Hebräische durch die Landessprache, heirateten Kinder von Christen, und viele Tausende ließen sich taufen.

Doch war die Anstrengung umsonst, und auch der selber schon assimilierte Theodor Herzl, dem einst geträumt hatte, die zerstreuten Glaubensbrüder im Pilgermarsch zur christlichen Taufe nach dem katholischen Rom zu führen, sah nun ein: »Die Judenfrage ist eine nationale Frage, und um sie zu lösen, müssen wir sie vor allem zu einer Weltfrage machen.«

Er forderte Land für sein Volk ohne eigenes Staatsgebiet: »Man gebe uns die Souveränität eines für unsere gerechten Volksbedürfnisse genügenden Stückes der Erdoberfläche.«

Im Jahre 1897 beschloß der erste Zionisten-Kongreß, von Herzl einberufen, in Basel: »Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina.«

Palästina freilich gehörte den Türken, die auch über die arabischen Syrer und Libanesen, Trans-Jordanier und Iraker herrschten. Mal mit Geld, mal mit guten Worten versuchten die Zionisten, Quartier in Palästina zu machen.

Herzl ("Ich werde mit den Herren der Erde als ihresgleichen verkehren") verhandelte mit britischen und französischen Staatsmännern, mit russischen und italienischen Ministern, mit Papst und Sultan.

Sultan Abdul Hamid II., dem Herzl Geld für Land bot, beschied den Zionisten ahnungsvoll: »Die Juden sollen ihre Milliarden sparen. Wenn mein Reich eines Tages aufgeteilt wird, bekommen sie Palästina vielleicht umsonst.«

Daraufhin beschloß Herzl, sich dem deutschen Kaiser anzuvertrauen: »Der wird mich verstehen, denn er Ist erzogen, große Dinge zu verstehen.«

Nahost-Reisender Wilhelm II. verstand zwar und nickte auch freundlich, als Herzl ihm im Oktober 1898 in der deutschen Botschaft zu Konstantinopel gegenübersaß und ihn bat, doch mal mit dem Sultan zu reden. Wilhelm entsprach der Bitte, konnte bei Abdul Hamid aber auch nichts ausrichten.

So sprach der Hohenzoller vom Wetter, als er wenige Tage später, hoch zu Roß, Herzl in Palästina wiedersah: »Es ist sehr heiß, aber das Land hat eine Zukunft. Es braucht Wasser, viel Wasser.« Der Zionist gehorsam: »Ja, Majestät, Kanalisation großen Stils.«

Nun wandte er sich an den Papst. Doch Plus X. amüsierte sich: »Wir werden Kirchen und Priester in Palästina bereithalten, um Ihr Volk, wenn es kommen wird, zu taufen.«

Herzl hatte visionär das Ziel der Juden erkannt, doch als er 1904 an einem Herzmuskelschaden starb, war er diesen Ziel noch keinen Schritt nähergekommen. Allerdings: Der Zionismus war nun eine Bewegung. Zehntausend Menschen, Juden und auch Nichtjuden, folgten Herzls Sarg auf dem Wiener Friedhof.

Ein Intellektueller aus der »dunkelsten Ecke des jüdischen Siedlungsgebietes im zaristischen Rußland«, aus Motol bei Pinsk, übernahm das Erbe -- und später auch das Amt -- des Zionistenchefs, und als 1948 Herzls Judenstaat erstand, wurde er dessen erster Präsident: Dr. Chaim Weizmann.

Der 1874 geborene Holzfäller-Sohn war 19jährig nach Deutschland übergesiedelt, »als sich die deutschen Juden«, so Weizmann, »verzweifelt bemühten, ihre eigene Identität zu verwischen«. Doch Weizmann wollte Jude bleiben und wurde so Zionist.

Weizmann, Chemiker von Beruf und nüchterner Diplomatentyp, lieferte die Politik zu Herzls Visionen. Er setzte dabei auf England. Dessen Interesse an einer Neuordnung im Vorderen Orient gedachte er auszunutzen. »Ein jüdisches Palästina«, so argumentierte er englischen Politikern gegenüber, »wurde ein Schutzwall Englands sein, besonders im Hinblick auf den Suezkanal.«

Mitten im Weltkrieg ließ Englands Außenminister Arthur Balfour den Zionisten Weizmann wissen: »Wenn diese Schießerei erst aufgehört hat, dann bekommen Sie vielleicht Ihr Jerusalem.«

Doch so lange brauchten die Juden gar nicht zu warten. Schon am 2. November 1917 schrieb Balfour dem Naturforscher Lionel Walter Baron Rothschild einen 117 Wörter langen Brief, der Geschichte machte, wie kaum je ein anderer: Seine Regierung, so teilte der Minister mit, sehe »die Errichtung einer Nationalen Jüdischen Heimstätte in Palästina für das jüdische Volk mit Wohlwollen an« und wolle »nach Kräften die Ausführung dieses Vorhabens erleichtern helfen«.

Allerdings, so schränkte Balfour ein, dürfe nichts geschehen, »was die bürgerlichen oder religiösen Rechte der bereits in Palästina bestehenden nichtjüdischen Gemeinschaften« beeinträchtigt.

Das bedeutete die Quadratur des palästinensischen Kreises: Balfour versprach einer Nation, die es noch nicht gab, ein Land, das einer anderen Nation, den Türken, gehörte, und das die von den Türken beherrschten Araber für sich allein haben wollten.

In den von Balfour so genannten nichtjüdischen Gemeinschaften in Palästina lebten zu dieser Zeit 635 000 Araber, in den jüdischen nur 65 000.

Doch die »Balfour-Deklaration«, die den Arabern -- und vielen Engländern auch -- als ärgster Sündenfall britischer Kolonialpolitik erscheint, begeisterte bei weitem nicht alle Zionisten. Als Balfours Arabien-Experte Mark Sykes die freudige Nachricht mit den Worten überbrachte: »Es ist ein Junge!« empfand Weizmann: »Nun ja, aber ich mochte den Jungen zuerst nicht.«

Was Weizmanns Zionisten am liebsten mochten, war nicht eine bloße Heimstatt in Palästina, sondern ganz Palästina als jüdischen Staat.

Das aber war im Doppelspiel der Engländer nicht eingeplant: Schon vorher hatten sie den Arabern für Kriegshilfe gegen die Türkei ein Reich vom Persischen Golf bis zum Mittelmeer versprochen, mit Ausnahme des Gebietes westlich der Linie Damaskus -- Aleppo.

Die Araber sahen, wie die Juden, gelobtes Land. Großscherif Hussein, Nachfahre des Propheten Mohammed und Urgroßvater des heutigen Jordanier-Königs Hussein, mobilisierte seine Untertanen. Sein Sohn Emir Feisal und der legendäre Briten-Oberst Thomas Edward Lawrence ("Lawrence von Arabien") kommandierten die kamelberittenen Araber.

Vom Kriegsglück der Kamel-Truppe wollten auch die Juden profitieren. Im Kriege traf Zionisten-Chef Weizmann den Emir in dessen Wüstenlager, nach dem Kriege handelte er auf der Friedenskonferenz zu Paris mit dem Araber einen Vertrag aus, der »alle nötigen Maßregeln« vorsah, »die Einwanderung von Juden nach Palästina in großem Stil zu ermutigen und zu fördern«. Feisal: »Die Juden stehen den Arabern blutsmäßig sehr nahe.«

Aber der Emir paßte auf und fügte der Vereinbarung handschriftlich hinzu: »Vorausgesetzt, daß die Araber ihre Unabhängigkeit erhalten, werde ich die obigen Artikel einhalten. Aber bei der leisesten Modifikation oder Abweichung wird kein einziges Wort ... für mich bindend sein.«

Der Vertrag war schon bei seiner Unterzeichnung ein Fetzen Papier. Insgeheim hatten sich die Engländer mit den Franzosen zuvor darauf geeinigt, daß es kein großarabisches Reich geben sollte. Aus der türkischen Konkursmasse sollte Frankreich den Libanon und Syrien, England den Irak und Transjordanien übernehmen. Palästina sollte Internationalisiert werden.

Empört schickte Lawrence von Arabien seine Wüstenorden nach London zurück: »Ich habe die höchsten Ideale und die Freiheitsliebe der Araber als bloßes Werkzeug im Dienste Englands ausgebeutet.« Und der spätere Briten-Premier Ramsay Macdonald gab zu: »Das war ein krasser Fall von Doppelzüngigkeit.«

Die Zionisten ließen sich nicht beirren. Chaim Weizmann prophezeite, Palästina werde einst so jüdisch sein wie England englisch. Was aus den Arabern werden sollte, kümmerte ihn nicht sonderlich. »Unterhaltungen mit Arabern«, so befand Weizmann, »gleichen der Jagd nach einer Fata Morgana ... Sie verspricht Herrliches und führt nur tiefer in die Wüste, wo man verdurstet.«

Weizmann-Gehilfe Dr. Eder erläuterte: »Es kann keine Gleichheit innerhalb der jüdisch-arabischen Partnerschaft geben, sondern nur eine jüdische Vorherrschaft.« Die Juden, so Eder, sollten Waffen tragen dürfen, die Araber nicht.

Zu den Waffen griffen bald beide: Am 1. Mai 1921 drangen arabische Fanatiker in Jaffa in eine jüdische Einwanderer-Herberge ein und machten zwölf Männer und eine Frau nieder. Die Juden rächten sich. Eine Woche lang dauerten die Unruhen -- 48 Araber und 47 Juden waren die Opfer.

Die Briten-Besatzer reagierten wie von nun an stets in den 25 Jahren ihres Palästina-Mandats: Sie sandten Untersuchungskommissionen, verfaßten Weißbücher und versuchten, sich aus den Händeln herauszuhalten.

Winston Churchill, damals Seiner Majestät Kolonialminister, ließ 1922 klarstellen, es sei keineswegs vorgesehen, »den Einwohnern ganz Palästinas jüdische Nationalität auf zuzwingen«. Und Briten-Hochkommissar Sir Herbert Samuel, selber Jude und Zionist, stoppte -- um den Konflikt zu entschärfen -- vorübergehend die ohnehin spärliche Juden-Einwanderung.

1919 waren nur 1806 Juden nach Palästina gekommen, in den Jahren danach durchschnittlich rund 8000. 1924 gab es in Palästina erst 80 000 Juden, aber 750 000 Araber. Den Juden gehörten nicht einmal drei Prozent des heiligen Landes.

1925 kam es zum ersten Einwanderungs-Boom: 34 386 neue Siedler kamen ins Gelobte Land -- die meisten auf der Flucht vor polnischem Antisemitismus. Zudem hatte in jenem Jahr auch Rußland die Auswanderungsbestimmungen erleichtert.

Dann aber versickerte der Strom. Mehr noch: Rund ein Drittel aller Juden, die zwischen 1924 und 1928 gekommen waren, gingen wieder. Es wurde stiller im Land. Die Araber fühlten sich nicht mehr so unmittelbar bedrängt, und auch die Zionisten sannen auf friedliche Koexistenz.

Weizmann sah ein: »In Erez Israel (dem »Land Israel") lebt ein Volk, das sich unserem Kommen widersetzt und das Palästina von Norden und Süden, Osten und Westen eingekreist hält, und mit ihm haben wir uns in ernsthafter Weise zu arrangieren.«

Auch die Engländer trugen zur Entspannung bei. Ihr Hochkommissar und Weltkriegs-Held Feldmarschall Plumer schickte 4000 Soldaten und Gendarmen samt ihren Waffen nach Hause und beließ lediglich ein Fähnlein von 300 Mann, darunter auch Araber, unter seinem Kommando.

Plumers Abrüstung war so vollkommen, daß nicht einmal eine Kanone aufzutreiben war, als 1927 bei einer Heldengedenkfeier in Jerusalem Salut geböllert werden sollte. Ein altes Geschütz, mit dem sonst der Beginn des Fastenmonats Ramadan eingeschossen worden war, liehen sich die Engländer schließlich von den Wächtern der muselmanischen Omar-Moschee.

Ein Wandschirm vor der Klagemauer, den die Juden aufgestellt hatten, um betende Männer und Frauen voneinander zu trennen, beendete die Idylle -- am Vorabend des jüdischen Versöhnungsfestes.

Jerusalems britischer Distrikt-Kommissar entdeckte das Ärgernis »aus Latten und Stoff« und alarmierte arabische Moschee-Scheichs. »Die verschlagenen alten Herren ... nahmen ... sofort die Miene rechtschaffener Entrüstung an«, berichtete ein britischer Augenzeuge, und forderten Wiederherstellung des status quo ante. Ein Fußball, den ein Judenjunge einem Araber in den Garten kickte, wurde zum casus belli. Der Araber stach das Kind tot.

Als die Bestattung des Jungen am 21. Februar 1929 zu einer jüdischen Demonstration wurde, bewaffneten sich arabische Bauern mit Keulen und Messern und verwüsteten zwischen Jerusalem und Haifa mehrere jüdische Siedlungen. In Hebron, einer der ältesten Judengemeinden, töteten und verstümmelten sie 60 Juden, in Safed 20. Über 100 Häuser wurden eingeäschert.

Beatrice Webb, Ehefrau des britischen Kolonialministers Sidney Webb, beschied den erregten Zionisten Weizmann, der sich in London über den Terror beschwerte: »Ich kann nicht verstehen, warum die Juden soviel Aufhebens davon machen, daß ein paar Dutzend ihrer Leute in Palästina getötet worden sind. Ebenso viele kommen jede Woche in London durch Verkehrsunfälle ums Leben, und niemand schenkt ihnen die geringste Aufmerksamkeit.«

Doch so ließen sich die Juden nicht trösten. Immer mehr schwenkten in das nationale Zionistenlager ein. Der Radikale Wladimir Jabotinsky begehrte gegen Weizmanns weiche Diplomatenwelle auf.

Jabotinsky stammte wie Weizmann aus Rußland. Er verkehrte mit Rußlands Dichterfürsten Gorki und Tolstoi und hatte 1897 -- damals noch nicht 20 Jahre alt -- an dem historischen ersten Zionisten-Kongreß teilgenommen. Aber ganz im Gegensatz zu Weizmanns praktischem Zionismus predigte das »Wunderkind aus Odessa« die Politik der Stärke: Der Journalist, der einst die »Jüdische Legion« mobilisiert hatte, die im Ersten Weltkrieg mit den Engländern gegen die Türken kämpfte, stellte 1920 die Zionistengarde »Haganah« ("Selbstschutz") auf. Neun Jahre später gründete er die araberfeindliche »Revisionistische Partei«, 1937 die Terroristen-Gruppe »Irgun Zwa'i Le'umi« ("Militärische Nationale Organisation").

Jabotinsky wollte, so ein jüdischer Chronist, »die jüdische Ethik militarisieren«, gegen die englischen Besatzer aufbegehren, die arabischen Mitbewohner unterjochen und die Grenzen des künftigen Judenstaats über den Jordan hinausrücken: » Von der freiwilligen Versöhnung (mit den Arabern) ... kann keine Rede sein«.

Jabotinsky ließ, 1929, die Araber in seiner Zeitschrift beschimpfen ("Päderasten aus Nablus, Bastarde, Rowdys von Jaffa, Gesindel eines schmutzigen Hafens"), und die Araber gelobten: »Bei Allah, es ist ein Schimpf, den die arabische Welt reinzuwaschen wissen wird.«

Das arabische Gelöbnis wurde aktuell, als Hitler in Deutschland an die Macht kam und die Juden um ihr nacktes Leben fürchten mußten. 1931 waren 4075 Juden eingewandert, 1933 gingen in Jaffa und Haifa schon 30 327 an Land, 1934 wurden es 42 359 und 1935, im Jahr der Nürnberger Judengesetze, 61 854.

Doch noch einmal schien es, als führte Weizmanns Diplomatengeschick zu einem schnellen Erfolg. Am 8. Januar 1937 fragte Professor Sir Reginald Coupland von der britischen Peel-Untersuchungs-Kommission, die in Palästina nach den Ursachen der zunehmenden Spannung forschte, den Zionistenführer: »Könnte es ... nicht eine endgültige und friedliche Lösung darstellen Palästina in zwei Hälften zu teilen?«

Anfang Februar studierten Coupland und Weizmann in einem Schuppen hei Nahalal (Galiläa) die Landkarte: Die palästinensische Ebene, allerdings ohne den Hafen Haifa und die Städte Akkon, Nazareth, Tiberias und Safed, sollten -- so stand es später im Peel-Bericht -- den 258 000 Juden zugeschlagen, der Rest des Landes, wiedervereinigt mit Transjordanien, ein Araber-Staat werden. Die 225 000 Araber in dem projektierten Judenstaat sollten ausgesiedelt werden.

Als Weizmann spät abends den Schuppen verließ, rief er den Juden von Nahalal zu: »Heute, an dieser Stelle, haben wir den Grundstein des jüdischen Staates gelegt.«

Der Schuppen-Plan wurde auf dem 20. Zionisten-Kongreß, der im August 1937 in Zürich zusammentrat, allerdings heftig kritisiert -- er bedeute einen Verzicht auf das größere Israel. Doch der Delegierte und spätere Israel-Premier David Ben-Gurion -- wie Weizmann einer der frühesten Herzl-Anhänger und, anders als Weizmann, zugleich einer der frühesten zionistischen Palästina-Einwanderer -- belehrte die Zionisten: »Die Debatte ist nicht darum gegangen, ab Erez Israel teilbar ist oder nicht. Kein Zionist kann auch nur auf den kleinsten Teil von Erez Israel verzichten. Die Debatte ging darum, welcher von zwei Wegen schneller zum gemeinsamen Ziel führen würde.«

Auf den kleinsten Teil verzichten wollten freilich auch die Araber nicht. Drei Jahre lang führten sie einen heftigen Kleinkrieg gegen Engländer und Juden. Der irakische Außenminister Nun es-Said drohte: »Jeder, der es wagen würde, sich zum Haupt eines solchen (arabischen Teil-) Staates machen zu lassen, würde in der ganzen arabischen Welt als Verräter betrachtet werden.«

Londons »krasse Politik der Doppelzüngigkeit« war gescheitert. Die Briten mußten sich nun entscheiden. Sie entschieden sich gegen die Juden und für die Araber, deren Land und 01 sie in dem nächsten Weltkrieg brauchten, der schon heraufzog.

Mitte Mai 1939 gab Kolonialminister Malcolm Macdonald die neuen Palästina-Richtlinien seiner Regierung bekannt. Balfours Heimstatt-Versprechen von 1917 wurde in dem Weißbuch praktisch annulliert, die Juden-Einwanderung abgestoppt, jüdischer Landkauf in Palästina drastisch eingeschränkt:

> Bis 1944 sollten insgesamt nur noch 75 000 Juden nach Palästina kommen, nach 1944 keiner mehr -- »es sei denn, die Araber Palästinas wären bereit, dem zuzustimmen«.

> Nur fünf Prozent der Landfläche von Palästina standen den Juden zum Erwerb frei zur Verfügung. Weizmann sah sich betrogen: »Daß Macdonald so etwas tun konnte! Er, der mich glauben ließ, er sei ein Freund!«

Die Juden resignierten nicht und suchten nach Wegen, die Barrikaden, die ihnen das Weißbuch entgegensetzte, zu umgehen. Sie kauften insgeheim Land auf: Die »Organisation für jüdische Siedlung« ("Keren Kajemeth") erwarb zwischen 1940 und 1947 rund 33 000 Hektar gelobten Landes, 84 Prozent davon außerhalb der Zone, die ihnen die Engländer zugedacht hatten.

Die heimliche Invasion der Juden in Palästina -- Kennwort: »Exodus« -- dagegen führte zu einem Desaster. Gewaltsam hinderten die Engländer mit

* Israel-Premier David Ben-Gurion (M.), Herzl-Bild.

Flüchtlingen beladene Schiffe, ihre Fracht an der Küste von Palästina zu löschen. Oft schafften sie die illegalen Passagiere in die britische Tropen-Kolonie Mauritius, wo sie für die Dauer des Krieges festgehalten wurden.

Als die Juden einsehen mußten, daß die Engländer den Einwanderungs-Stopp rigoros durchsetzten, arrangierten sie eine weltweite Kampagne gegen Großbritannien. Objekt der Zionisten-Propaganda: die vor Hitler flüchtenden Juden.

Schreckliches Beispiel war die »Patria«. Ende November 1940 explodierte im Hafen von Haifa der mit rund 2000 Flüchtlingen vollgepfropfte Transporter, und die Juden erklärten, die verzweifelten Passagiere hätten ihr Schiff in die Luft gesprengt.

Doch der Massen-Selbstmord der Verzweifelten war erfunden. Tatsächlich hatte die Haganah die »Patria«-Maschinen außer Betrieb setzen wollen, um das Ablegen des Schiffes zu verhindern. Ein Haganah-Techniker sprengte dabei -- aus Versehen -- ein Loch in die Bordwand: Innerhalb 75 Minuten versank das Schiff, 240 Juden ertranken.

Als weder Flüchtlings-Elend noch Hitler-Verfolgung die Briten von ihrer Weißbuch-Politik abzubringen vermochten, mobilisierte Ben-Gurion die Haganah-Truppe -- in der Mosche Dajan, heute Verteidigungsminister Israels, eine Kompanie befehligte -- und ließ die »Irgun«-Männer des radikalen Jabotinski (der 1940 gestorben war) und die Sternisten des Heimweh-Dichters Abraham Stern (der 1942 bei einer Polizei-Razzia in Palästina ums Leben kam) gewähren.

Irgun-Leute und Sternisten schmuggelten Waffen ins Land, versteckten illegale Einwanderer, liquidierten jüdische Mitbürger, die nicht zionistisch genug waren, und mordeten, die ihnen im Weg standen.

Ihr Hauptfeind aber waren die Briten: Mit ihnen »steht unser Volk nun im Krieg, bis ans bittere Ende«. Juden-Kinder riefen »Gestapo«, wenn britische Soldaten vorüberkamen, und der neue Irgun-Chef Menachem Begin, heute israelischer Minister ohne Geschäftsbereich, wandelte den französischen Philosophen Descartes ab: »Ich kämpfe, also bin ich.«

Am 31. Oktober 1945 versenkten Haganah-Männer der »Schock«-Kompanie ("Palmach") drei kleine britische Kriegsschiffe und unterbrachen die Eisenbahnlinien des Landes an fünfzig Stellen. Irgun griff den Bahnhof von Lydda an, die Sternisten überfielen die Öl-Raffinerie von Haifa.

Wenig später befreiten Haganah-Männer 200 jüdische Einwanderer, die illegal nach Palästina gekommen waren, aus britischem Gewahrsam. Irgun überfiel zwei Polizei-Hauptquartiere und ein Waffenlager, neun Briten-Soldaten wurden getötet. Stern-Leute verwüsteten einen Briten-Park-

* Oben: Überfall auf das Araber-Dorf Nahhalm bei Bethlehem im März 1954; neun Araber wurden getötet. Unten: Überfall in der Negev-Wüste im März 1954 auf Israelischen Bus; elf Juden wurden getötet.

platz in Tel Aviv und töteten sieben Besatzer.

Weizmann hatte im fernen Basel gewarnt: »Zion soll in Gerechtigkeit erlöst werden, und durch kein anderes Mittel.« Volkstribun Ben-Gurion aber verdächtigte die Briten, »die Juden als Volk ... liquidieren« zu wollen.

Währenddessen verharrten die Araber in der Hoffnung, die Briten würden das Versprechen einlösen, das sie ihnen dreißig Jahre vorher gegeben hatten: nationale Unabhängigkeit.

Und tatsächlich: Syrien, Libanon und Transjordanien wurden 1946 souverän. Palästina aber blieb unter britischem Mandat.

Ein Jahr später -- des Blutvergießens müde -- kapitulierten die Engländer. Im Februar 1947 kündigte Außenminister Ernest Bevin an, seine Regierung werde ihr Palästina-Mandat an die Vereinten Nationen geben. Mit den Stimmen der Weltmächte USA und Sowjet-Union beschlossen die Vereinten Nationen, was zehn Jahre zuvor die Briten gewollt hatten: Teilung des Landes zwischen Arabern und Juden. Das war am 29. November 1947.

Am Tag darauf begann der Kampf. Rundum schlugen die Araber zu: Im syrischen Aleppo steckten sie 300 jüdische Häuser und elf Synagogen [n Brand, im südarabischen Aden richteten sie 76 Juden hin. In Palästina selbst überfielen sie jüdische Siedlungen und plünderten Juden-Geschäfte.

Die Juden, die den Staat, in den sie vor Hitler geflohen waren, durch das UN-Dekret nun greifbar nahe sahen, schlugen zurück und besannen sich auf die Lehre, die Moses den Kindern Israels auf den Weg mitgegeben hatte: daß sie das Land einnehmen und seine Bewohner vertreiben müßten, um selber überleben zu können.

Am 8. April 1948 fielen Irgun-Leute und Sternisten in das Araberdorf Dir Jassin ein, wo sie eine arabische Terrorgruppe vermuteten, und machten 254 Bewohner, darunter Frauen und Kinder, nieder. Dir Jassin wurde zum Fanal des Schreckens: Zwei Wochen später waren schon mehr als 150 000 Araber über die Grenze geflohen.

Und es gab kein Zurück. Am 14. Mai 1948 verließ der letzte britische Soldat das Mandatsland, am gleichen Tag rief David Ben-Gurion in Tel Aviv ("Hügel des Frühlings") den neuen Judenstaat -- Israel -- aus: Es war -- nach jüdischer Zeitrechnung -- am fünften Tag des Monats Ijar, im Jahre 5708.

Sofort rückten arabische Truppen auf israelisches Gebiet vor -- aber siegen konnten sie nicht. Araber-Führer Musa el-Alami erläuterte später: »Es war offensichtlich, daß unsere Ziele unterschiedlich waren, während das Ziel der Juden einzig und allein war, zu gewinnen.«

Als die Israelis gewonnen hatten, waren von den 750 000 Arabern nur 167 000 noch im Land, und Israel-Premier Ben-Gurion versicherte, die Rückführung der Geflüchteten »wäre -- nicht Gerechtigkeit, sondern Torheit«.

Die im Lande blieben, wurden Bürger zweiter Klasse. Während jeder einwandernde Jude ("Oleh") ohne jede Formalität die Staatsbürgerschaft erwerben kann, mußten Araber, auch wenn sie immer schon ansässig gewesen waren, nachweisen, daß sie an einem bestimmten Stichtag im Lande gewohnt hatten. Doch die Dokumente dazu besaßen viele Araber nicht.

Ohnedies unterstanden bis 1966 so gut wie alle Israel-Araber militärischer Gewalt. In Galiläa, im Negev und im Jerusalem-Korridor -- wo die meisten Araber leben -- war ihnen verboten, ihre Dörfer ohne Erlaubnisschein zu verlassen, andernfalls jüdische Offiziere befugt waren, sie zu bestrafen und gar aus dem Staatsgebiet zu entfernen.

Gelegentlich wurde den Arabern auch gewaltsam klargemacht, daß sie in Israel unerwünscht seien: Am 29. Oktober 1956 füsilierten jüdische Grenzpolizisten in Kfar Kassem in, Jerusalem-Korridor 22 arabische Bauern und 29 Frauen und Kinder, die auf dem Felde geholfen hatten. Grund; Die Israelis hatten am Nachmittag kurzfristig ein Ausgehverbot verhängt, das den weit außerhalb der Ortschaft arbeitenden Arabern jedoch nicht bekannt war. Als sie ahnungslos ins Dort zurückkehrten, wurden sie auf einen Lastwagen verfrachtet und zur Hinrichtungsstelle gefahren. Der israelische Journalist Uri Avneri machte das Massaker publik, die Welt-Presse berichtete darüber.

Als einmal der arabische Abgeordnete Tewfik Tubbi im israelischen Parlament die Regierung wegen ihrer Araber-Politik zur Rede stellte, riet der damalige Ministerpräsident Ben-Gurion ihm zu: »Du darfst nicht vergessen, du ißt israelisches Brot.«

Die jüdische Zeitung »Ha'arez« in Tel Aviv notierte: »Die Politik in Israel den Arabern gegenüber kann man nur mit der Politik in den USA des vergangenen Jahrhunderts den Indianern gegenüber vergleichen.«

Durch ein Bündel von Gesetzen brachten die Juden überdies arabischen Grund und Boden unter ihre Kontrolle. So erlaubte es ihnen das »Gesetz über das Eigentum Abwesender« von 1950, das Land aller Araber zu konfiszieren, die am 29. November 1947 -- dem Tag der UN-Entscheidung über die Teilung Palästinas -- gerade nicht in Israel waren.

Aufgrund anderer Rechtsvorschriften fiel auch später noch arabischer Besitz dem Staate Israel zu, wenn Araber-Bauern ihre Äcker nicht bestellten -- was sie, wie Araber behaupten, häufig nicht konnten, weil Israelis ihnen nicht erlaubten, ihr Dorf

verlassen -- und wenn Araber ihren Wohnsitz verließen, was sie oft taten, weil sie sich von den Israelis bedroht fühlten.

Häufig wurde die Landnahme mit eher allgemeinen Rechtfertigungsgründen wie »öffentliches Wohl«, »öffentliche Sicherheit« und Bedarf jüdischer Kibbuzim motiviert.

Als die Juden 1948 ihren Staat gründeten, gehörten ihnen 9,38 Prozent des Landes. Heute sind es 84,6 Prozent. Das meiste kauften sie den Arabern ab, den kleineren Teil konfiszierten sie und stellten ihn unter Treuhand-Verwaltung.

Heute reichen Macht und Einfluß Israels vom Suez bis zum Jordan. Aber die neue Machtentfaltung schafft auch ein neues Dilemma. Unlängst schrieb der in Berlin lebende jüdische Publizist Jochanan Bloch: »In diesen Wochen ist es überdeutlich geworden daß es keinen Verzicht gibt.« Und: »Die erweiterten Gebiete Israels mit ihrer großen arabischen Bevölkerung ... können nicht ohne eine jüdische Mehrheit gehalten werden, und dies verlangt ... neue Masseneinwanderung.«

Allerdings: Die Israelis können kaum mit der notwendigen Verstärkung rechnen, und die Araber werden einen neuen Einwanderungs-Boom, käme er doch zustande, als Bedrohung betrachten.

Einstweilen bauen die Israelis -- um das Kernland zu sichern -- in den eroberten Gebieten -- im ägyptischen Sinai, Im jordanischen Westen und an den syrischen Golan-Höhen -- Wehrdörfer, Straßen und Depots.

Die rund 100 000 Araber in dem jordanischen Teil Jerusalems müssen sich israelische Ausweise zulegen. Jüdische Bürger ziehen in die jordanische Altstadt, die auch den Mohammedanern heilig ist.

In Sinai bauten Israelis schon im Juli eine Wasserleitung von El-Arisch nach Bir Gifgafa und reparierten Im Krieg beschädigte Ölquellen: Das Öl, das Nasser einst jährlich 50 Millionen Dollar einbrachte, fließt jetzt durch Israels Pipelines.

Geplant ist eine neue riesige Öl-Leitung vom Akaba-Golf zum Mittelmeer, die ein Drittel der Ölmengen pumpen soll, die alle Schiffe zusammen pro Jahr durch den Kanal schleppen, und zwei Autobahnen, die Israel mit den eroberten Gebieten verbinden werden: eine entlang dem Toten Meer, eine von Jerusalem nach West-Jordanien.

Israelische Techniker und Wissenschaftler durchstreifen das Wüstenland in Sinai. »Wir bleiben hier, solange es die politische Lage gestattet«, sagte Professor Jaacov Bentor, Leiter der Abteilung für Geologie an der Hebräischen Universität, und Informationsminister Israel Galíli versprach: »Es wird keine Rückkehr der ägyptischen Truppen in ihre Aggressions-Stellungen im Sinai geben.«

Auch eine Rückkehr in den Gaza-Streifen soll es nicht geben. »Das Ist Israel«, sagte Verteidigungsminister Dajan.

Die jordanische Siedlung Gusch Ezion, wo im Jahre 1948 Araber 245 Juden massakriert hatten, verwandelten die Israelis in ein Wehrdorf. Die Väter von sieben Neusiedlern zählten damals zu den Opfern. Israels Oberrabbiner Isaak Nissim wünschte den Söhnen telegraphisch, daß »sie niemals mehr das Land verlassen müßten, auf dem das Blut ihrer Väter geflossen« sei. Und Neusiedler David Ben-David, 48, meinte zum SPIEGEL, er fühle sich »wie ein Mann, der wieder zu Hause ist«.

Auf der Halbinsel Sinai erbauten militärisch gedrillte Kibbuznikim am Mittelmeer das Zeltdorf Nachal Jam. Sie erfüllten zugleich eine biblische Mission: Die Wehrdörfler sind die ersten jüdischen Siedler in Sinai, seit Moses vor 3217 Jahren mit seinem Volk in die Wüste zog.

Erstmals seit Gründung des Staates Israel könnten die Israelis, gestützt auf die Erfolge ihrer Waffen, den Ausgleich mit den Arabern versuchen. Erstmals scheitert er nicht allein an arabischer Traumtänzerei, sondern gleichermaßen an den Verlockungen des Sieges.

Ein Ende der Feindschaft zwischen Juden und Arabern ist nicht in Sicht.

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