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SOWJET-UNION Mädchen vergiften

Anstelle der Olympia-Show bot das Sowjet-Fernsehen eine Krimi-Serie zum Lobpreis auf das KGB. *
aus DER SPIEGEL 34/1984

Es gibt ihn, den mysteriösen sowjetischen Abwehrchef, der George Smiley, dem Geheimdienst-Helden John le Carres, die Fallen stellt. Er hat wirklich sein Büro mit Schrankwand - helles Furnier - in der Moskauer Lubjanka, sein Schreibtisch ist mit vielen Telephonen und Sprechanlagen bestückt. Von der Wand schaut der gerahmte Gründer der sowjetischen Geheimpolizei, Felix Dserschinski.

Der Fallensteller heißt Konstantin Iwanowitsch Konstantinow, ungefähr 45, ist General beim Komitee für Staatssicherheit (KGB) und einfach clever.

Er braucht (wie Smiley) eine Lesebrille, die Tonsur bedeckt ein Toupet. Manchmal sagt er Weisheiten wie: »Papier ist Papier und Mensch ist Mensch.« Schießereien sind ihm zuwider, Frieden und Entspannung gehen ihm über alles.

Bei Frauen hat er Schlag, bleibt aber auf Distanz. Wollen sie einmal nicht so wie er, appelliert er mit traurigen Augen an ihre »Pflicht als Staatsbürger«.

Millionen von ihnen waren Abend für Abend hingerissen von seinem Charme, die Männer von seinem Scharfsinn: Er ist - gespielt vom Leninpreisträger Wjatscheslaw Tichonow - die Hauptfigur der Spionageserie »Tass ist bevollmächtigt zu erklären«, mit der das Sowjet-Fernsehen seinen Zuschauern Entschädigung bot für den Verzicht auf Olympia. Zehn Abende lang um 20 Uhr versammelten sich die Völker der Sowjet-Union, um Näheres über die Methoden ihrer Staatssicherheitsorgane zu erfahren.

Inhalt: Die CIA plant in dem Phantasiestaat Nagonia einen Umsturz (siehe Chile). Mit Minen sprengen die Amerikaner sowjetische Frachter mit Hilfsgütern für die Sowjetfreunde in die Luft (siehe Nicaragua). Ein Verräter im sowjetischen Außenhandelsministerium namens Dubow hält die CIA über die Kreml-Pläne auf dem laufenden und vergiftet auch noch schöne russische Mädchen.

Bis Konstantinow kommt. Der durchschaut das Komplott, verhindert den CIA-Putsch, fängt den Maulwurf Dubow (der schluckt Gift aus einem Federhalter) sowie einen als Kulturattache in Moskau getarnten US-Agenten.

Held Konstantinow, stets wie aus dem Ei gepellt, fährt zwar nur einen Mittelklasse-Wolga als Dienstwagen, setzt aber - mangels Sowjet-Produktion - japanische Sony-Videogeräte ein, um Verdächtige zu filmen. Er verfügt über Infrarotgeräte für nächtliche Observation und Computer zur Dechiffrierung.

Dabei hat er es leicht: Seine Feinde von der CIA sind nicht nur böse, sondern auch dumm. Sie bemerken über Kilometer hinweg ihre Verfolger nicht und fahren zum Tatort mit amerikanischen Schlitten, die in Moskau so auffallen wie ein T-34-Panzer in Washington. Sie wählen als Erkennungszeichen weggeworfene Milchtüten im Park, die jede ordnungsliebende Babuschka in den nächsten Papierkorb befördern würde.

Die Botschaft des Films: Bürger, schützt eure Anlagen vor Westlern, besonders jenen mit dem Autokennzeichen D 004 für US-Diplomaten.

Sofort nach Ende der TV-Serie klappten die Zeitungen nach: Die »Sowjetskaja Rossija« berichtete, besonders die US-Militärattaches sowie Journalisten schnüffelten ständig im Lande herum, die Gewerkschaftszeitung »Trud« veröffentlichte das Bild eines gefaßten Angehörigen der US-Botschaft, mitsamt Skizze für einen toten Briefkasten. Vorher hatte die »Literaturnaja gaseta« vor Gaststudenten und Austauschwissenschaftlern gewarnt, die zum Beispiel per Fernglas Vögel beobachten.

Vorsicht ist in der Tat geboten. Im KGB-Film ließ Text-Autor Julian Semjonow eine Frau über die Amerikaner sagen: »Von denen halten wir uns fern, die sind ja noch schlimmer als Wodka.«

Gerade eben hatte ihr Mann das Radio, nach dem das KGB fahndet, fortgegeben - gegen Wodka. _(Wjatscheslaw Tichonow in »Tass ist ) _(bevollmächtigt zu erklären«. )

Wjatscheslaw Tichonow in »Tass ist bevollmächtigt zu erklären«.

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