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Großbritannien Männer im Dunkeln

Rechtsruck, Opportunismus, autokratischer Führungsstil: Labour-Chef Tony Blair zieht Feuer aus den eigenen Reihen auf sich.
aus DER SPIEGEL 35/1996

Zur Sommerfrische zog es Tony Blair dorthin, wo auch andere europäische Spitzengenossen am liebsten ausspannen: in die Toskana. Bei San Gimignano verbrachte der britische Labour-Chef Tony Blair, 43, samt Frau und drei Kindern in der Luxusvilla seines Parteifreundes Geoffrey Robinson die Ferien.

Dem schwerreichen Gastgeber, einem erfolgreichen Geschäftsmann und Parlamentsabgeordneten, gehört unter anderem das Londoner Wochenmagazin New Statesman. Ausgerechnet in diesem Lieblingsblatt linker Intellektueller rechnete die Labour-Politikerin Clare Short mit ihrem Chef ab - in einer Schärfe, die Blair die Urlaubsfreude gründlich verdarb.

Vor der Unterhauswahl, die in spätestens zehn Monaten stattfinden muß, erwecke Labour den Eindruck, »um jeden Preis die Macht erringen zu wollen und dabei für nichts zu stehen«, befand Short, 50, Mitglied im Blair-Schattenkabinett und eine der beliebtesten Politikerinnen im Vereinten Königreich.

Weitere Vorwürfe: Der strahlende Herausforderer des glücklosen Premiers John Major trete als »Macho« auf und umgebe sich mit einem fragwürdigen Beraterstab - mit Leuten, »die im Dunkeln leben«. Erstmals habe sie Angst, so Short, »daß wir den sicheren Sieg verschenken«.

Die Konservativen jubelten. Shorts Attacke war der erste öffentliche Hinweis auf den »internen Kriegszustand« (The Guardian), der unter den führenden britischen Sozialdemokraten herrscht.

Zum erstenmal in seiner steilen Karriere, die ihn zum Vorzeige-Genossen und Darling der europäischen Sozialdemokratie machte, steht Blair unter Beschuß aus den eigenen Reihen. Hinterbänkler wie Mitglieder seiner Führungsriege werfen ihm undemokratische Gepflogenheiten, selbstherrliche Entscheidungen und vor allem mangelnde Berechenbarkeit vor.

Getrieben von der Hoffnung, nach 17 Jahren Opposition und vier Wahlniederlagen in Serie endlich wieder an die Macht zu gelangen, hatten sich Abgeordnete, Funktionäre und Basis bislang hinter ihren gewandten Vormann gestellt - wenn auch mit unterdrücktem Murren und stillem Protest über den Rechtsruck. Den hatte Blair der alten Arbeiterpartei verordnet, um Stimmen aus dem wahlentscheidenden bürgerlichen Lager abziehen zu können.

Der gelernte Rechtsanwalt aus gutsituiertem schottischen Elternhaus hat Labour in den vergangenen zwei Jahren grundlegend verändert. Mit eiserner Faust kappte der bekennende Christ den traditionellen Einfluß der Gewerkschaften und säuberte das Parteistatut von klassenkämpferischer Rhetorik aus der Frühzeit der Arbeiterbewegung.

Der Erfolg gab ihm recht: »New Labour«, frei von sozialistischen Relikten, erfreut sich beim Mittelstand wachsender Sympathie. Nach jüngsten Umfragen liegen die Sozialdemokraten 20 Prozentpunkte vor den Konservativen, die - heillos zerstritten und von Skandalen zermürbt - ihr Selbstvertrauen verloren haben.

Vor allem Blairs Fähigkeit, seine Partei mit strengster Disziplin in Gleichtritt zu bringen, nötigte selbst eingefleischten Tory-Wählern Respekt ab - so hart konnte das in ihrer Partei früher nur die Eiserne Lady Margaret Thatcher, als deren glühender Bewunderer sich der geschmeidige Sozialdemokrat gern ausgibt.

Nur vermuten immer mehr Genossen inzwischen, Blair sei so weit nach rechts gerückt, daß ihn außer besseren Sympathiewerten von Major nicht mehr viel unterscheide. Einst nannten ihn Widersacher, getäuscht von seinem penetranten Dauergrinsen, herablassend »Bambi«. Jetzt aber hat Blair einen anderen Spitznamen, den er in Reden kokett aufgreift: Aus Bambi wurde »Stalin«.

Doch allmählich scheint die Sorge um den Labour-Kurs die Angst vor dem Zuchtmeister zu überdecken. Shorts Kritik am Vorsitzenden beendete den schönen Schein von Harmonie und Eintracht in der Partei.

Womöglich ließ sich die Politikerin bei ihrer öffentlichen Schelte auch von persönlichen Motiven leiten, denn Blair hatte ihr kurz vorher die Aufgabe der Verkehrsministerin im Schattenkabinett entzogen und sie ins Entwicklungshilfe-Ressort abgeschoben - auf nicht eben schöne Weise. Short erfuhr von ihrer Degradierung aus den Radionachrichten. »Tony war zu feige, mir es ins Gesicht zu sagen«, erboste sie sich.

Wenige Tage später trug ein weiterer leitender Sozialdemokrat zu Blairs Autoritätsverfall bei. John Prescott, 58, Stellvertreter im Parteivorstand und wegen seiner proletarischen Wurzeln beim Fußvolk geschätzt, gab Einblick in die Frustration seiner Partei. Blair habe die Genossen mit seinen Personalentscheidungen und Positionswechseln »an den Rand dessen gebracht, was noch zumutbar ist«.

Es sei kein Geheimnis, enthüllte der Partei-Vize, daß manche Mitglieder des überwiegend Blair-hörigen Schattenkabinetts »einfach nicht mehr zu ertragen« seien. Der einstige Schiffssteward verhehlte in letzter Zeit kaum noch, daß er Blairs Wendigkeit, die gelegentlich haarscharf an Opportunismus grenzt, ebenso verachtet wie dessen hemmungslosen Populismus.

Prescott gab seinem urlaubenden Chef, Meister der griffigen, aber belanglosen Einzeiler, den Rat: »Substance, not soundbites.«

Trotz der gegenseitigen Abneigung ist Prescott im Wahlkampf unverzichtbar, weil der Altsozialist klassische Labour-Wählerschichten anspricht, die sich von den Modernisierern um Blair kaum noch vertreten fühlen.

Immer kritischer wird in der Partei vor allem die Rolle des Parlamentariers Peter Mandelson, 42, bewertet, der als intimer Vertrauter des Labour-Chefs gilt, da er früher gelegentlich als Babysitter der Blair-Kinder amtierte. Der »Prinz der Finsternis« (sein Labour-Parteifeind Brian Sedgemore) lenkt aus dem Hintergrund Blairs öffentliche Auftritte ebenso wie dessen Wahlkampfmaschinerie.

Eine seiner umstrittenen Ideen: prominente Labour-Politiker zu Stippvisiten an von Briten bevölkerte Strände zu schicken. Die zweifache Oscar-Preisträgerin Glenda Jackson, 60, im Fall eines Labour-Wahlsiegs künftige Verkehrsministerin, verschlug es für 35 Minuten an den überfüllten Strand im spanischen Benidorm.

Die Diva vom linken Parteiflügel stakste mit hochhackigen Schuhen durch den heißen Sand und ließ sich mit Landsmännern ablichten, die ungeniert Bierbäuche und Tätowierungen zur Schau stellten. Ihr Auftritt geriet allerdings nicht immer nach den Wünschen der Labour-Strategen.

Der Urlauber John Sage, 61, arbeitsloser Eisenbahner aus Bristol, fuhr die Besucherin an: »Hey, dein Tony verrät unsere Sache. Mach erst einmal einen anständigen Sozialisten aus ihm.«

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