Zur Ausgabe
Artikel 24 / 115
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

FAMILIE Männer im Zeugungsstreik

Alles weiß man von der Frau ohne Kinder: Alter, Einstellung, Bildung. Der kinderlose Mann dagegen ist ein Tabu. Ein Buch widmet sich nun dem unbekannten Wesen.
aus DER SPIEGEL 13/2005

Es ist ja nicht so, dass Frauen um die vierzig nicht mehrhinterhergeschaut würde. Nur, diese Blicke sind irgendwie anders,strenger, manchmal missbilligend. Zumindest wenn kein Kinderwagen vordem Bauch daherrollt, kein Gör am Handgelenk zuppelt. Ist dieses Luderetwa kinderlos? Macht sie sich mitschuldig am Aussterben der Deutschen,am Austrocknen der Sozialsysteme?

Die Frau im Gebärstreik - sie ist spätestens seit der bedrohlichendemoskopischen Schieflage im Land unter strengster Beobachtung. Wer,wo, wie viele es sind, wird akribisch untersucht, mit Hochdruck derFrage nachgegangen: Warum verweigern sie sich? Wie kann man sielocken?

150 Milliarden Euro gibt das Land jährlich für Familienleistungenaus. Doch in einer kürzlich veröffentlichten Umfrage wurde klar: Nichtan Krippenplätzen fehlt es, sondern an geeigneten Männern. Wobei dieBetonung auf geeignet liegen muss, denn entgegen der landläufigenMeinung sind gebärwillige Frauen nicht etwa einsame Herzen. Viele lebenin Partnerschaften - mit Männern, die sich drücken, zieren oderglattweg weigern zu zeugen.

Doch während das Image der kinderlosen Frau miserabel ist - sie giltals egoistisch, karrieregeil, unsozial -, gibt es den kinderlosen Mannin der öffentlichen Wahrnehmung gar nicht. Für die Fortpflanzungscheint einzig die Person mit der Gebärmutter verantwortlich.

Ein eigentümliches, ein ärgerliches Phänomen, befand die HamburgerJournalistin Meike Dinklage, 39, keine Kinder. »Wie kann es angehen,dass Kinderlosigkeit bei Frauen nur als biologisch begründeteEntbehrungstragödie akzeptiert wird, während der Mann mit derEinsamer-Wolf-Nummer durchkommt?«, fragte sie und begab sich aufSpurensuche. Nach zahlreichen Interviews legt sie diese Woche dasErgebnis vor. »Der Zeugungsstreik« heißt ihr Buch, in dem sie die Rolledes Mannes beim Ob oder Ob-nicht beleuchtet*.

Ihre Beobachtungen bringen das Bild der vom Ehrgeiz zerfressenenEgomanin

gehörig ins Wanken. In vielen Fällen ist der Partner der Bremser,fand Dinklage heraus. Doch längst nicht alle Zeugungsverweigerergestehen sich das ein. Während bei Frauen eine biologische Uhr tickt,fühlen sich Männer bis ins hohe Alter und trotz müder Spermien alspotente und potentielle Väter. »Selbst über 50-Jährige, mit denen ichgesprochen habe«, berichtet Dinklage, »sehen sich als Männer ohne Kind,nicht etwa als Kinderlose. Sie fühlen sich von der gesellschaftlichenKritik am Geburtenrückgang längst nicht so betroffen wie Frauen. IhreKinderlosigkeit gilt als Privatsache.«

Tatsächlich sind nach einer 2003 erstellten Untersuchung desDeutschen Instituts für Wirtschaftsforschung - bezeichnenderweise dieerste ihrer Art - mehr Männer ohne Nachkommen als Frauen: 20 Prozentmehr bei den 30- bis 34-Jährigen, 16 Prozent bei den 35- bis39-Jährigen. Unter den Endvierzigern sind über ein Viertel der Männerohne Nachkommen, aber nur 15,7 Prozent der Frauen. Viele von denen, diesich für potentielle Väter halten, können sich aber nie dafürentscheiden.

Die Gründe sind multipel. Natürlich ist da die ewige Angst, nacheiner gescheiterten Ehe von der Kindsmutter ausgeplündert zu werden:oder der berufliche Erfolgsdruck, als Ernährer einer Familie bestehenzu müssen. Hinzu kommt der hormonell weniger stark ausgeprägteKinderwunsch; und das ganz schlimme Dilemma, sich für nur eine Frau zuentscheiden. Und überhaupt: Ist ein Leben ohne Kinder nicht einfachbequemer?

Neben diesen eher traditionellen Bedenken stieß Dinklage bei ihrerRecherche auch auf ein anderes Phänomen: den in seiner Rolle zutiefsterschütterten Mann, der sich im Beruf, im Sport, in der Freizeitweiblicher Konkurrenz zu stellen hat. »Die Männer verlieren an Macht«,glaubt Dinklage, »der Zeugungsstreik dient als letztes Mittel, die Frauin Zaum zu halten.« Besonders Akademikerinnen und Karrierefrauenbekommen das zu spüren. Nach Studium und beruflichem Aufstieg unterZeit- und Entscheidungsdruck stoßen sie bei ihren Männern oft auf eineJa-vielleicht-später-Haltung.

Einsame Empfängnis-Entscheidungen sind hier keine Lösung.Emanzipierten Frauen ist es wichtig, ihren Beruf fortführen zu können.Sie brauchen einen Kindsvater, der sich die Kinderbetreuung tatsächlichmit ihnen teilt - und nicht nur so tut. Zwar empfindet sich jederfünfte Mann als »neuer Vater«, der die Berufstätigkeit seiner Frauunterstützt. In Wirklichkeit aber nehmen nur zwei Prozent der VäterElternzeit.

Will die Frau ihre Karriere nicht gefährden, muss sie sich entwedergegen ihren Partner entscheiden oder gegen ein Kind. Das zeigt Wirkung:Neueste Untersuchungen des Statistischen Bundesamts belegen, dass immermehr Paare kinderlos sind (siehe Grafik).

Dinklages Schlussfolgerung: Frauen, die von den Männern einen hohenEinsatz bei der Kinderbetreuung fordern, haben geringe Chancen auf demZeugungsbasar - oder, wie eine Interviewpartnerin es ausdrückt:»Intelligente Frauen sind Sauerbier auf dem Beziehungsmarkt.« MICHAELASCHIEßL

* Meike Dinklage: »Der Zeugungsstreik. Warum die KinderfrageMännersache ist«. Diana Verlag, München; 256 Seiten; 17,90 Euro.

Zur Ausgabe
Artikel 24 / 115
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel