Zur Ausgabe
Artikel 20 / 94
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Prozesse Mäuschen raus

Ein Rocker-Prozeß in Karlsruhe hat das baden-württembergische Landeskriminalamt in Verruf gebracht.
aus DER SPIEGEL 15/1990

Wo die Männer herkamen, war ihm hinterher nicht mehr bewußt. Plötzlich sah Michael Heyer Pistolenläufe auf sich gerichtet, 15 Mann umstellten ihn. Einer tastete Heyer ab und legte ihm Handschellen an.

Das war im November 1988. 550 zivile und uniformierte Polizisten durchsuchten damals 38 Wohnungen, vier Klubhäuser, drei Kneipen sowie sieben Bordelle und nahmen 13 Leute fest, alle, wie Heyer, Mitglieder des badischen Rockerklubs MC Gremium.

Abends im Fernsehen präsentierte der Präsident des baden-württembergischen Landeskriminalamts (LKA), Ralf Krüger, eine umfangreiche Waffensammlung und eine lange Liste mit schweren Vorwürfen: Rauschgifthandel, Schutzgelderpressung, schwere Körperverletzung, Landfriedensbruch. Noch am selben Tag verbot das Stuttgarter Innenministerium die »kriminelle Vereinigung«.

Letzte Woche vor dem Karlsruher Landgericht entpuppte sich das aufwendige LKA-Spektakel als viel Lärm um nichts, die Richter sprachen Michael Heyer frei. Von dem Hauptvorwurf, der Motorradklub sei eine kriminelle Vereinigung, erwähnte selbst der Staatsanwalt in seinem Plädoyer nichts mehr.

Blamiert haben sich Justiz und Polizei. Für den dreimonatigen Mammutprozeß gegen die angebliche Motorrad-Mafia waren beim Karlsruher Landgericht eigens zwei neue Strafkammern eingerichtet worden. In zwei Verfahren verhandelten sechs Richter gegen 20 Angeklagte, mehr als 20 Anwälte waren im Einsatz, fast 100 Zeugen wurden vernommen.

Hinterher war selbst die Vorsitzende Richterin Eva-Marie Wollentin, 55, sauer. Ein völlig überzogener Aufwand, so ihr harsches Urteil, sei im Prozeß nötig gewesen, weil die Ermittler offenbar entlastendes Material nicht gewertet und sich auf bloße Vermutungen gestützt hätten. Heyers Verteidiger Gerhard Härdle höhnte über die Methoden der LKA-Spezialisten für Organisierte Kriminalität: »Organisierte Schlamperei.«

Das sehen die Gescholtenen ganz anders. Landespolizeipräsident Alfred Stümper, 64, findet den Flop normal: »Das gibt es immer wieder, eine wahnsinnig große Ermittlungskommission mit vielen Überstunden, und hinterher kommt ein Mäuschen raus.«

Die Erkenntnis hätte Stümper im Rocker-Fall schon früher dämmern können - spätestens, als sich viele angebliche Beweisstücke der Polizei als harmlose Utensilien erwiesen: das Kokain als Dental-Pulver für Gebißabdrücke, der Karabiner als Dekorationsstück, die Zuhälter-Preisliste als harmloses Puff-Papier. LKA-Spekulationen über Millionenumsätze des Klubs waren nach Durchsicht der beiden Klubkonten widerlegt: Dort fanden sich 4872,57 und 15,37 Mark. Das LKA, so hielt das Gericht den Fahndern vor, habe private Einnahmen mehrerer Jahre »schlicht addiert«.

Auch Zeugen erwiesen sich als dubios. Einen von ihnen schickte das Gericht gleich wieder nach Hause. Er entpuppte sich im Gerichtssaal als LKA-Gehilfe mit beschränktem Rederecht. Die Polizei hatte mehrere aussagewillige Klubmitglieder als V-Leute angeworben und quasi als Staatsdiener verpflichtet.

Verurteilt wurden schließlich letzte Woche wegen Körperverletzung, Waffenbesitz, Zuhälterei und Drogendelikten 16 der 300 Klubmitglieder. Doch die, befand das Gericht, hätten ihre Straftaten privat begangen, mit dem Motorradklub habe das nichts zu tun.

Für Vereinspräsident Michael Heyer ist der Fall damit jedoch noch nicht ausgestanden: Der ehemalige Jurastudent, der 1972 als 17jähriger Mopedfahrer den Klub gegründet hatte, kann jetzt zwar seine alte Moto Guzzi California aus der Garage holen und »irgendwo im Wald« herumdüsen. Doch der Klub ist weiterhin verboten, Heyers Vermögen - rund 180 000 Mark, die er mit seinem Reisebüro und einem Autozubehör-Handel verdient hat - als angebliches Vereinseigentum noch immer beschlagnahmt. Dagegen klagt Heyer. Zumindest am Gremium-Verbot will Baden-Württembergs Innenminister Dietmar Schlee eisern festhalten: »Da lassen wir noch nicht locker« - koste es, was es wolle.

Den Steuerzahler kommt die Schlamperei der LKA-Ermittler schon jetzt teuer genug: Allein der Karlsruher Prozeß hat mehrere hunderttausend Mark verschlungen, nicht gerechnet Haftentschädigungen in fünfstelliger Höhe. f

Zur Ausgabe
Artikel 20 / 94
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.