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»Mafiosi, Terroristen«

aus DER SPIEGEL 2/1995

Im Nordkaukasus reklamiert Moskau die widerspenstigen Tschetschenen als Inländer - in der russischen Hauptstadt dagegen werden die etwa 50 000 Bürger aus den Bergen wie unerwünschte Fremde behandelt, die allenthalben auf Argwohn und Ablehnung stoßen.

Wie von Ausländern verlangt die Moskauer Universität von tschetschenischen Studenten 1500 Dollar Studiengebühren pro Jahr. Seit Grosnys Unabhängigkeitserklärung 1991 dürfen Tschetschenen nur mit einer Aufenthaltsgenehmigung studieren. Ob die ausgestellt wird, hängt von der Willkür der Behörden ab.

In der Zeit offiziöser Verteufelung aller »Personen kaukasischer Nationalität« (so die Amtssprache) als potentielle »Mafiosi, Killer, Terroristen« hilft aber auch die griffbereite Bescheinigung oder die für Besucher obligatorische Registrierkarte nur wenig. »Jeden Tag mehrmals« wird Ruslan Elmursajew, 36, von der Polizei überprüft: Schwarze Haare und Bart machen den tschetschenischen Theologen zur Steckbrief-Figur.

Viele Moskauer Tschetschenen werden trotz gültiger Papiere regelmäßig aufs Revier gezerrt: Ein, zwei Stunden in der Zelle, zusammen mit Prostituierten und Obdachlosen, gehören ebenso zur Routine wie Prügel und permanentes Anbrüllen.

Von Staatsterror berichtet Said Sahijew, 29: Unlängst seien vier junge Tschetschenen von einer Streife festgenommen worden. Für ihre Freilassung forderten die Ordnungshüter 7 Millionen Rubel (3000 Mark). Drei ließen die Beamten ziehen, um das Lösegeld aufzutreiben; einer blieb als Geisel. Als seine Gefährten wiederkamen, habe er tot in der Zelle gelegen. Laut Polizei war er wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt erschossen worden.

Sahijew, ein moslemischer Religionsgelehrter, betreibt die kleine Nachrichtenagentur Tschetschen-Press, um die Diskriminierung zu dokumentieren. Bei einer Veranstaltung der Patriotenorganisation »Daimoh« (Vaterland) im Plechanow-Institut, auf der Hilfe für die russischsprachigen Einwohner Grosnys organisiert werden sollte, verweigerten Polizisten und Soldaten den Zutritt zum Saal.

Auch in Moskau hat die Panzer-Politik des Kreml die Tschetschenen geeint. Während früher Anhänger und Gegner des Separatisten Dudajew in der Diaspora etwa gleich stark waren, ist die Stimmung laut Sahijew »nun umgeschlagen: Heute sind alle für den Präsidenten und die Unabhängigkeit«.

Tschetschenen-Kinder kriegen in der Schule Klassenkeile; Kameraden beschimpfen sie als »Mafia-Schweine«. Die Lehrer schauen weg.

Die Moskauer Tschetschenen-Gemeinde weist zwar einen »hohen Anteil an Geschäftsleuten« aus, so ein Kriminologe. Entsprechend hoch sei ihre Beteiligung an illegalen Transaktionen. Aber gezielt gestreute Gerüchte, tschetschenische Gangster-Ringe beherrschten das hauptstädtische Glücksspiel, seien nicht zu erhärten: »Der Tschetschene soll zum Staatsfeind Nummer eins gestempelt werden, die Mafia-Vorwürfe sind nur ein Mittel dafür.«

Das klappt, weil die wendigen Händler aus dem Kaukasus beim russischen Konsumenten als Spekulanten verschrieen sind: Man ist froh, daß sie Waren ins Land bringen, und haßt sie, weil sie den Preis dafür bestimmen.

Daß Tschetschenen quasi genetisch programmierte Kriminelle seien, haben die Ordnungsbehörden statistisch nie untermauern können. Straftaten kaukasischer Banden werden zwar besonders herausgestellt, aber fast vier Fünftel der Hauptstadtfahnder sind mit der Untersuchung russischer oder multinationaler Verbrechen beschäftigt.

Eine unlängst publizierte Ethno-Kriminalübersicht ist fast eine Ehrenerklärung: Sie lastet den Tschetschenen nicht eine einzige politisch motivierte Gewalttat an. In der Sparte unerlaubter Waffenbesitz halten die Bergler dafür mit weitem Abstand Platz eins.

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