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PROFESSOREN Magie und Mystik

Ein einstiger Strauß-Günstling, der Würzburger Soziologe Bossle, ist bei der CSU in Verruf geraten: Allzu dreist hat er den Hochschulbetrieb mit Propaganda und Privatgeschäften verquickt.
aus DER SPIEGEL 30/1989

In der wissenschaftlichen Lehre und Literatur hat der Würzburger Soziologie-Ordinarius Lothar Bossle, 59, kaum Ruhm erworben. Seine Werke strotzen, wie Kritiker bemängeln, von »Platitüden« und »ideologischem Ballast«, sein Lehrstuhl steht im Ruf einer »Doktorfabrik« und »Kaderschmiede« für CSUnahe Jungkarrieristen.

Jahrelang hatte sich der Unionspropagandist der Gunst des bayrischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß erfreut. Der rühmte Bossle als »Traumkandidaten« und »Zierde für jede bayrische Universität« und ließ ihn 1977 auf den Würzburger Lehrstuhl setzen. Seit dem Tod seines Förderers Strauß geht es mit dem Ansehen Bossles in der Union steil bergab.

Der kulturpolitische Sprecher der CSU-Landtagsfraktion, Walter Eykmann, 51, erklärte vorletzte Woche, er halte die »damalige Zwangseinsetzung« des Straußschen Traumkandidaten mittlerweile für einen »ausgemachten Fehler«.

Bossle, der seinerzeit gegen den Widerstand aller zuständigen Uni-Gremien aufgrund eines Sondervotums nach Würzburg berufen worden war, habe, so der Christsoziale Eykmann, einen »Augiasstall« angerichtet: »Die Dinge, die da herausgekommen sind, sträuben einem die Haare.«

Einen Posten hat der in Verruf geratene Strauß-Günstling bereits eingebüßt. Nachfolger Bossles als »Wissenschaftlicher Direktor« des Würzburger »Instituts für Demokratieforschung« (IfD) soll der Berliner Politologe und CDU-Bundestagsabgeordnete Heinrich Lummer, 56, werden.

Der einstige Berliner Innensenator, der wie kaum ein anderer CDU-Prominenter mit den rechtsradikalen Republikanern kokettiert, übernimmt ein Kuriosum: Das Institut ist keine Einrichtung der Hochschule, sondern nur ein eingetragener Verein.

Gleichwohl betrieb Bossle das mit seinem Lehrstuhl verquickte Privatunternehmen an der Uni stets wie sein eigentliches Metier. Dabei wurden, wie Fakultätskollegen klagen, »unter dem Deckmantel der Wissenschaft nur konservative Politik und Agitation« veranstaltet.

Wiederholt schon haben der Würzburger »Bossle-Filz« und der »geistig-moralische Sumpf« (SPD-Hochschulexperte Heinz Kaiser) den Bayerischen Landtag beschäftigt. Überprüfungen durch das Münchner Wissenschaftsministerium haben bereits Vorermittlungen gegen den Unionsfreund ausgelöst.

Der Professor müsse, teilte der vor kurzem aus dem Amt geschiedene bayrische Wissenschaftsminister Wolfgang Wild, 58, in nichtöffentlicher Sitzung mit, demnächst mit einem Disziplinarverfahren rechnen. Bossle habe »den Bogen überspannt«.

Umstritten sind vor allem die Promotionsverfahren sowie das »Lehrbeauftragtenunwesen« (SPD-Kaiser) am Bossle-Lehrstuhl. Nachprüfungen ergaben, daß bei zwei Dutzend Promotionen seit 1978 lediglich eine einzige Doktorarbeit, wie üblich, durch einen Koreferenten vom Fach begutachtet wurde. In allen anderen Fällen stammte das notwendige Zweitgutachten von fachfremden Koreferenten, meist aus anderen Fakultäten.

Auch Bossles Schüler kamen häufig aus soziologiefernen Fachbereichen. Sie betrieben in Würzburg, wie der zweite Lehrstuhlinhaber und Bossle-Kritiker Wolfgang Lipp in einer internen »Erklärung« bekundete, nur ein »Appendixstudium«.

Zahlreiche Studenten Bossles gelangten »unter Umgehung des Fachbetriebes auf Wegen zur Promotion«, spottet der Wissenschaftler, »die über ,Privatissime'-Veranstaltungen des Doktorvaters führten«. Viele Dissertanten habe er, so Lipp, »nie zu Gesicht bekommen«.

Kein Wunder, daß bei Bossles Schülerschar skurrile Themen eher die Regel als die Ausnahme waren. Da gingen die »Stiftungskindergärten im Regierungsbezirk Unterfranken« genauso durch wie die »Soziologie der Möbelstile« oder so abgelegene Vorgänge wie die »Aufzeichnung und Analyse von Augenbewegungen mit Hilfe eines elektrischen Verfahrens«.

Bislang prominentester Doktorand hatte Franz Georg Strauß, 28, einer der Söhne des verstorbenen Ministerpräsidenten, werden sollen. Während seiner Bundeswehrzeit war der Filius dem Professor mal zufällig im südfranzösischen Pilgerort Lourdes begegnet - vorgesehenes Dissertationsthema: »Die Soldatenwallfahrt nach Lourdes«.

Als der Strauß-Sproß bekundete, er sei ohne sein Einverständnis und nur zu Werbezwecken in Bossles Schüler-Liste aufgenommen worden, mußte sein Name gestrichen werden.

Bekanntester Titelträger aus Bossles Werkstatt bleibt deshalb vorerst der Meteorologe Wolfgang Thüne. Der ehemalige ZDF-Wetterfrosch promovierte 1986 mit einer ausgefallenen Arbeit über die »Heimat als soziologische und geopolitische Kategorie und als Identitätsimpuls in der Dynamik der modernen Industriegesellschaft«.

Promovieren konnte bei Bossle, der nach dem Eindruck der »Süddeutschen Zeitung« ein »Genie im Aufspüren von Querverbindungen und Finanzquellen« ist, auch ein leibhaftiger indonesischer Geheimdienstgeneral, der kein Wort Deutsch spricht. Titel der Dissertation: »Die Pancasila als Weg zur Demokratie in Indonesien«.

Das Werk wurde gegen eine »Schutzgebühr« von 65 000 Mark ins Deutsche übertragen - von einer Institutsmitarbeiterin, die im Rahmen der Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen der Bundesanstalt für Arbeit bezahlt wird. Deren Präsident Heinrich Franke (CDU) wirkte bis vor kurzem als Lehrbeauftragter am Bossle-Lehrstuhl.

Bayerns SPD-Hochschulfachmann Kaiser befürchtet, daß »die Doktorfabrik erst richtig anläuft«, wenn es Bossle gelingt, seinen ersten Schüler zum ordentlichen Professor zu befördern. Das kann schon bald sein. Von Bossle auserkoren ist der Assistent Kurt Schobert, der 1982 über die deutsche Einwanderung in Süd-Chile promovierte. Er hat gerade seine 807 Seiten lange Habilitationsschrift vorgelegt: »Magie, Mystik und Transzendenz als Phänomene indianischer Seinsforschung«.

Koreferent im Habilitationsverfahren ist wieder mal kein Fachkollege, sondern der Marburger Völkerkundler Horst Nachtigall, 65. Der Mann ist Beiratsmitglied beim Institut für Demokratieforschung. Geht der Professor Schobert durch, hat Doktorvater Bossle, so argwöhnt die SPD, seinen ersten hausgemachten Zweitgutachter.

Gebremst hat das bayrische Wissenschaftsministerium einstweilen einen Dreh, der bei Ex-Minister Wild »Zweifel an Korrektheit und Uneigennützigkeit« der Würzburger Doktorschule aufkommen ließ: Das Ministerium untersagte die Drucklegung der Dissertationen im Würzburger »Creator-Verlag«, in dem bislang zwei Drittel der Promotionsschriften erschienen sind.

Der Verlag gehört Bossle und dessen Ehefrau Eva-Maria, die zugleich Verlagsgeschäftsführerin ist. Wenn die »Creator«-Reihe »Neue Würzburger Studien zur Soziologie« eine Doktorarbeit auflegte, handelte Professor Bossle dabei im Auftrag seines eigenen Demokratie-Instituts. SPD-Kaiser: »Das ist die perfekte Verfilzung.«

Ob der Polit-Filz in Bossles dubiosem Institut unter dem neuen Direktor Lummer getilgt werden kann, ist äußerst fraglich. Zu den führenden Institutsmitgliedern, die häufig als Lehrbeauftragte Bossles im Hochschulbetrieb mitwirken durften, gehören nicht nur der Zweite Direktor Gerd Helmut Komossa, Generalmajor a. D. und ehedem Chef des Militärischen Abschirmdienstes, und Albert Herzog zu Sachsen, der einen IfD-Ableger namens »König-Friedrich-August-Institut« leitet.

Zum IfD-Vorstand zählen auch der christsoziale Münchner Finanz-Staatssekretär Albert Meyer und sein Justiz-Kollege Heinz Rosenbauer sowie Ex-Bundeswohnungsbauminister Oscar Schneider, 62. IfD-Vizepräsidenten sind der CSU-Rechtsaußen Hans Graf Huyn, 59, und der CDU-Oldie Erich Mende, 72, einst FDP-Chef und -Minister.

Die Liste der Lehrbeauftragten und IfD-Symposiumsredner liest sich, so Sozialdemokrat Kaiser, »wie ein Gotha der CSU«. Da tauchen die Bundesminister Jürgen Warnke und Ignaz Kiechle auf, ferner die Bayern-Minister Gebhard Glück und Simon Nüssel - nebst diversen Ex-Ministern wie Karl Hillermeier oder Fritz Pirkl und etlichen Staatssekretären und Parlamentariern.

Auch Thomas Goppel, 42, Staatssekretär im bayrischen Wissenschaftsministerium, ist dabei. Er referierte noch im März vergangenen Jahres auf einem Agrarsymposium des Instituts über »Landwirtschaft und Wissenschaft - zwischen Natur und Kultur«.

Mitveranstalter der Tagung waren Bossles Lehrstuhl und der Bayerische Bauernverband. Goppel, der schon als künftiger Minister gehandelt wird, verstieg sich zu der Behauptung, eher seien IfD-Veranstaltungen für die Würzburger Uni förderlich als umgekehrt die Uni für Bossles Privatinstitut.

So wird Bossle, trotz der Schelte durch den CSU-Parlamentarier Eykmann, von der bayrischen Staatsregierung wohl nicht allzuviel zu befürchten haben. Die Regierung führt ohnehin nur die Rechtsaufsicht, für die Fachaufsicht ist die Universität selber zuständig. Im Fall Bossle scheint die Selbstkontrolle indes kaum funktioniert zu haben.

Welche Folgen das laufende ministerielle Ermittlungsverfahren gegen Bossle haben mag, ist ungewiß. Ex-Minister Wild jedenfalls gab zu bedenken, daß die Suspendierung eines beamteten Hochschullehrers »äußerst schwierig« sei.

»Da müßten schon Dinge vorliegen«, erklärte Wild in nichtöffentlicher Landtagssitzung, »die kriminell sind oder fast schon seine Entmündigung fordern.«

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