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»Maginot bleu« und »Service secret«

aus DER SPIEGEL 21/1990

Der Zweite Weltkrieg und die Jahre deutscher Okkupation werden in den Annalen der französischen Mode noch immer als »die schwarzen Jahre« bezeichnet. Aber dies ist, wie so vieles aus jenen Jahren, eine Legende: Die Pariser Mode und ihre Bannerträger, die großen Couturiers, haben diese Zeit, wie die französische Soziologin Dominique Veillon in dem jüngst erschienenen Buch »La mode sous l'Occupation« belegt, bestens überstanden.

Als Treffpunkt der Eleganz galt in den ersten Kriegsmonaten - ehe die Deutschen kamen - der Keller vom Hotel Ritz. Dorthin flüchteten die Schönen und die Reichen, wenn die Sirenen vor Feindflugzeugen warnten. Dort waren die Wände mit Edelpelzdecken behangen, die Schlafsäcke stammten vom teuren Sattelmacher Hermes. Dazwischen promenierten die Damen in ihren neuesten Roben, etwa dem bewunderten Dreiteiler von Elsa Schiaparelli - Hose, Bluse und blaugrüner Regenmantel, der mit lila Flanell gefüttert war. Mitunter war auch eine Rot-Kreuz-Uniform mit flottem Cape zu sehen, maßgenäht für eine mondäne Schwesternhelferin im Salon von Jeanne Lanvin, und manche der obligaten Gasmasken war mit seidenem Satin bezogen.

Kaum war der Krieg ausgebrochen, fanden sich die Pariser Couturiers zu einer Gemeinschaft zusammen, die mit nimmermüdem Eifer ihre Interessen vertrat, die einzig darin bestanden, weiterhin kostbare Roben zu nähen und das Welt-Renommee der Luxus-Branche keine Minute in Vergessenheit geraten zu lassen. Denn die Pariser Haute Couture hatte 1939 im Zenit ihres Prestiges gestanden. Die ganze Welt kopierte damals nur einen einzigen Stil - den Pariser. Nun mußten die Couturiers fürchten, im nationalen Kriegsgetümmel aufs Nebengleis geschoben zu werden. Manchen quälte schon der Alptraum, die Amerikaner könnten eine eigene, von Paris nicht mehr beeinflußte Mode machen.

»Wir müssen, koste es, was es wolle, die französische Couture verteidigen«, tönte der Couturier Lucien Lelong. Ihr Luxus sei nicht nur eine nationale Industrie, sondern auch eine nationale Pflicht. Damit erhob sich Lelong zum Anführer so berühmter Kollegen wie Jeanne Lanvin, Maggy Rouff, Elsa Schiaparelli und Marcel Rochas, deren bloße Namen noch heute den Nostalgie-Freaks die Tränen der Rührung in die Augen treiben. (Nur Coco Chanel hatte sich südwärts abgesetzt.)

So ließen die Couturiers unmittelbar nach Kriegsausbruch im September 1939 ihre neuen Herbstmodelle wie gewohnt durch ihre vergoldeten Salons defilieren. Daß draußen hinter den Spiegelwänden alles für den Krieg rüstete, demonstrierten nur die Generalsgattinnen auf den Goldstühlen in den ersten Reihen. Sie verstrickten khakifarbene Wolle zu Soldatenmützen, während sich vor ihnen die Mannequins drehten, und applaudierten Modellen mit Namen wie »Permission« und »Service secret« und Farben wie »Maginot-Blau« und »Flugzeug-Grau«.

Kaum war 1940 nach der französischen Niederlage der Waffenstillstand unterzeichnet, kehrten auch die Kundinnen, die sich mit Limousine und Chauffeur in den Exodus eingereiht hatten, nach Paris zurück. Bei Nina Ricci probierten sie die Kleider an, die sie noch vor der Flucht bestellt hatten. Nina Ricci fand »das alles sehr ermutigend«. Den Damen mangelte es auch nicht an Gelegenheit, die Roben auszuführen. »Der Schock der Niederlage«, schreibt die Autorin, »lähmte die Reichen nicht lange.«

Der treueste Kundenstamm rekrutierte sich aus dem Reservoir der Comtessen, Prinzessinnen und Baronessen. Aber auch Schauspielerinnen wie die Arletty und die Mistinguett mischten kräftig mit. Der Filmstar Danielle Darrieux ließ sich damals zehn Kleider auf einen Schlag anmessen. Später vergrößerten die Freundinnen reicher Kollaborateure - der Franzosen, die mit den deutschen Besatzern lukrative Geschäfte machten - den Kundenkreis.

Wirkungsvolle Rahmen für die schönen Kleider boten das mondäne Restaurant Maxim's in der rue Royal, die Rennplätze, das Restaurant Fouquet's auf den Champs-Elysees, das Grand Hotel in Cannes und das Hotel du Parc in Vichy, wo besonders »die Dichte von Juwelen und Nerzen« (Veillon) auffiel.

Aber auch mit Empfängen, literarischen Soirees und Galaabenden waren die Rendezvous-Kalender der Kleider-Damen gespickt. Bei einer Gala fürs Winterhilfswerk in der Pariser Oper erregte die lange lila Samtrobe der Chansonette Lucienne Boyer ("Parlez-moi d'amour") Aufsehen.

Denn die teuren Roben der Damen blühten nicht etwa verschämt im verborgenen, sondern im wohlwollenden Licht der Öffentlichkeit. Tageszeitungsfotos zeigten die neuen Kreationen nicht nur an Mannequins, sondern auch an Premierengästen. Die Damen wurden ermuntert, ihre »nationale Pflicht zu erfüllen« und weiter elegant zu sein. Ein bekannter Kommentator ermahnte seine Leserinnen, »dem Snobismus der Enthaltsamkeit den Rücken zu kehren«.

Natürlich versuchten die Couturiers, ihre Kunst den Bedürfnissen des schwieriger gewordenen Lebens anzupassen. Sie entwarfen praktische graue Kostüme, weite Mäntel mit Kapuzen und vor allem die berühmten kleinen schwarzen Kleider. Wahre Triumphe feierten, seit Fahrräder das Verkehrsmittel waren, Hosenröcke. Überschwenglich konnte sich die Phantasie der Modemacher in Hüten austoben, und die Pariserinnen stürzten sich auf die unrationierte Ware. Die Hüte quollen über vor Blumenbuketts, Gemüsebeeten, Schleifen und Reiherfedern. Am schicksten waren die kleinsten Hütchen, die Bibis. Der Elite-Besatzer Ernst Jünger erwarb für eine Freundin so einen winzigen Hut. Jünger: »So klein wie das Nest eines Kolibris.«

Dominique Veillon durchforschte in den letzten Jahren alle einschlägigen Archive, aber es gelang ihr nicht, im Pariser Mode-Milieu auch nur Spuren von Widerstand zu entdecken. Im Gegenteil. Die Kompromisse der Couturiers, so konstatiert sie, »reichten bei einigen bis zur Kollaboration«. Damit zielt sie vor allem auf Jacques Fath, der sich mit seiner schönen Frau Genevieve bei allen französisch-deutschen Feten zeigte und nach dem Kriege dennoch der große Mode-Star neben Dior werden konnte. Auch nach der Liberation blieben, wie Mme Veillon vermerkt, die Haute Couture und die anderen Luxus-Macher »von jeder Säuberungsaktion verschont«.

55 Eingaben wurden im Mai 1945 von einer Kommission überprüft, aber nur ein kleiner Konfektionär mußte dran glauben, ebenso wie eine Verkäuferin aus dem Kaufhaus Galeries Lafayette, weil sie während der Besatzungszeit deutsche Soldaten zu freundlich bedient hatte.

Fazit der Autorin: »Es war eben besser, ein berühmter Couturier zu sein als eine kleine Verkäuferin.«

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