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Zeitgeschichte Magisches Dreieck

Terror, Todeskommandos, Rache, Vertreibung - auf Deutschen und Tschechen lastet noch immer das Trauma ihrer gemeinsamen Geschichte. Eine Prager Ausstellung zeigt erstmals die NS-Besatzungszeit unverfälscht.
aus DER SPIEGEL 20/1995

Auch Tschechien hat nun seine fragwürdige Vergangenheit: Wurden seine Bewohner im Mai 1945 tatsächlich befreit? Und standen sie am Ende des Zweiten Weltkriegs wirklich an der Seite der Siegermächte?

Über sechs Jahre mußten die Tschechen unter der martialischen Herrenrasse aus dem Nachbarreich leben, am längsten von allen Völkern. 50 Jahre ist es her, daß die deutschen Besatzer vor der heranrückenden Roten Armee aus Prag flohen.

Mit der Erfahrung von 40 Jahren sowjetischer »Bruderhilfe« sprechen heute viele Tschechen bei diesem Datum statt von »Befreiung« lieber vom »Austausch der Okkupanten«. Für Milos Zeman, Chef der tschechischen Sozialdemokraten, sind das Ketzereien, für ihn bleiben die Tschechen ein Volk von Widerstandskämpfern mit Hunderttausenden von »Opfern des Faschismus«.

»Das ist die Wahrheit, denn so mecht es gewesen sein wollen«, sagt der Touristenführer auf dem Hradschin, der alten Kaiserburg über der Moldau, wenn er wieder mal eine pikante Anekdote erzählt hat.

Widerstand? Die Tschechen hatten sich schließlich den deutschen Invasoren ergeben und auch noch das ganze Arsenal ihrer Waffen übereignet. Opfer des Faschismus? Ihr Präsident Emil Hacha hatte schließlich noch am 20. April 1945 dem in Berlin eingebunkerten Hitler enthusiastisch zum Geburtstag gratuliert. _(* Im Prager Pankrac-Gefängnis. )

Unvermeidbar bestimmt in Tschechien das magische Dreieck Widerstand - Anpassung - Kollaboration jede Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte. Und dann ist da ja auch noch »die sudetendeutsche Frage«, die, so Außenminister Josef Zieleniec, »an den Nerv der Nation rührt«. Die Vertreibung der Sudetendeutschen in den Jahren 1945 bis 1947 läßt noch immer die Emotionen auf deutscher wie auf tschechischer Seite hoch aufwallen - eine der wenigen Erblasten in der Folge des Zweiten Weltkriegs, die nicht ausgeräumt ist.

Für mehr Licht auf diesem historischen Terrain sorgt nun eine gerade in der tschechischen Hauptstadt eröffnete Ausstellung: »Prag im Schatten des Hakenkreuzes. Die Geschichte der deutschen Besatzung 1939-1945«. Schauplatz ist das Altstädter Rathaus, jenes geschichtsträchtige Gebäude, das SS-Truppen noch am letzten Kriegstag in Brand geschossen hatten. Schirmherr ist Parlamentspräsident Milan Uhde, die Resonanz sensationell. Bohumil Hrabal, Nestor unter Prags Literaten, sagt, aufgewühlt von der Erinnerung: »Jetzt werden die Wechsel von damals fällig.«

Die Ausstellung beruht auf einem Foto- und Textband mit gleichem Titel, den der schottische Historiker Callum MacDonald, 46, und der tschechischenglische TV-Dokumentarist Jan Kaplan, 47, geschrieben haben und der jetzt in einer englischen und tschechischen Ausgabe im Prager Melantrich-Verlag erscheint. Beide Autoren sind Experten: Der Professor aus Warwick hat schon ein hervorragendes Buch über das Heydrich-Attentat geschrieben, Kaplan ist ein unermüdlicher Rechercheur des historischen Wandels in seiner Vaterstadt.

»Die Kommunisten haben einen Vorhang des Schweigens vor die Komplexität des Lebens in der Okkupationszeit gezogen und einen Mythos vom Widerstand der Arbeiterklasse unter Führung der Sowjetunion propagiert« - dagegen setzen MacDonald und Kaplan, wie sie sagen, ihre »unverfälschte Geschichte«. Herausgekommen ist ein anschauliches Lehrstück für die Tschechen - aber auch für die Deutschen, die jeden Sommer millionenfach als Touristen für eine »Germanisierung« neuer Art in der Goldenen Stadt an der Moldau sorgen.

Wenn diese Scharen überhaupt einen Bewußtseinsschimmer von der deutschen Besatzung haben, dann ist es das Klischee, daß hier im Unterschied zu Polen, der Sowjetunion, dem Balkan doch alles recht zivil und harmlos abgelaufen sei. Mitnichten. Den Bildern dieser Ausstellung hält diese fromme Erinnerungslüge nicht stand.

Begonnen hat es damals in aller Herrgottsfrühe. »Verhaltet euch ruhig, geht zur Arbeit, schickt eure Kinder zur Schule. Das deutsche Heer rückt von der Grenze nach Prag vor.« Alle fünf Minuten, von halb fünf Uhr an, gab an diesem 15. März 1939 der tschechische Rundfunk die Meldung durch. »Sachlich und geduldig«, wie die Journalistin Milena Jesenska, Freundin des Prager Dichters Franz Kafka, in ihrem Tagebuch notierte. Ihre Wehmut suchte sie sarkastisch zu fassen: »So kommen die großen Ereignisse zu uns: sachte und unerwartet.«

Neun Monate später, Ende 1939, wurde Milena Jesenska von den Besatzern ins KZ Ravensbrück deportiert, wo sie 1944 umkam.

Hitler war zum erstenmal in ein Land eingefallen, das außerhalb der deutschen Sprachgrenze lag. Als er gleich am ersten Tag höchstpersönlich in Prag auf dem Hradschin für eine Nacht Quartier nahm, vertraute er seinem Spießgesellen Heinrich Himmler an: »Ich muß wirklich sagen, das habe ich elegant gemacht.«

Zur Feier der planmäßigen »Erledigung der Rest-Tschechei« - ein halbes Jahr zuvor hatte er mit dem Münchner Abkommen den Westmächten die Annektion des Sudetenlandes abgepreßt - nahm der Vegetarier ein Glas Pilsner und einen Happen Prager Schinken zu sich.

Kein Schuß war gefallen, die Drohung mit seinen Bombengeschwadern hatte genügt. Die modern ausgerüstete Armee der Tschechen gab ihre Waffen kampflos ab, darunter eine Million Gewehre, 2500 Geschütze und 1500 Flugzeuge. Halb in ohnmächtiger Wut, halb in fatalistischer Gelassenheit starrten die Prager entgeistert auf die Invasoren.

Die 7,2 Millionen Tschechen, von den Appeasement-Politikern in England schmählich im Stich gelassen, lebten nun im deutschen »Protektorat Böhmen und Mähren«. Zurückgestuft auf den Status eines Kolonialvolks, hatten sie zu kuschen und zu arbeiten.

Das besetzte Land diente mit seiner hochentwickelten Industrie der deutschen Kriegsmaschinerie bei ihren Eroberungsfeldzügen als Waffenschmiede. 1941 wurden ein Drittel der deutschen Panzer, 28 Prozent der Lastwagen und 40 Prozent der Maschinenwaffen im »Protektorat« produziert.

Endziel war die »Eindeutschung von Böhmen und Mähren«. Wer von den »Protektoratsangehörigen« sich bewährte und das Prädikat »eindeutschungsfähig« erhielt, sollte später »germanisiert« - wer nicht, »nach Osten deportiert« oder »ausgemerzt« werden.

Emil Hacha, der schwer gedemütigte Tschechenpräsident, durfte als Galionsfigur in seinem Amt bleiben, stets artig bei Fuß der Besatzungsmacht. An deren Spitze stellte Hitler einen »Reichsprotektor«, zunächst seinen Ex-Außenminister Konstantin von Neurath, dann den berüchtigten Organisator der »Endlösung der Judenfrage«, Reinhard Tristan Heydrich, den nach Himmler zweitmächtigsten Mann in der SS.

Der legendenumwitterte »junge Todesgott« Heydrich erhöhte, wie er intern erklärte, »aus kriegswichtigen und taktischen Gründen« den tschechischen Arbeitern die »Fettrationen« und plante gleichzeitig von Anfang an auch schon »eine Endlösung«, um das geraubte Land »endgültig deutsch« zu machen.

Heydrichs Exekutor war Staatssekretär Karl Hermann Frank, ein Sudetendeutscher aus Karlsbad. Der SS-Gruppenführer lenkte über sechs Jahre den Terror, den Gestapo und SS in ihrem neuen Revier entfalteten. Annähernd 5000 Menschen fielen der ersten Verhaftungswelle ("Aktion Gitter") zum Opfer: Juden und Deutsche, die in den Jahren zuvor nach Prag geflohen waren, Journalisten und Intellektuelle, die im Verdacht standen, das neue Regime abzulehnen.

Die Prager mußten umdenken, ein Heer von Spitzeln arbeitete den Nazi-Machthabern zu. Auch im Straßenverkehr herrschte nun das deutsche System. Keine zwei Wochen nach dem Einmarsch hieß es: »Es wird rechts gefahren.«

Als Studenten auf dem Wenzelsplatz gegen die deutsche Unterdrückungspolitik demonstrierten, wurden neun von ihnen standrechtlich erschossen und alle tschechischen Hochschulen geschlossen.

Die meisten Tschechen versuchten, sich mit den Okkupanten zu arrangieren. Die Nachrichten aus Polen, wo der deutsche Mordfuror nach dem Überfall vom 1. September 1939 noch weit schlimmer wütete, bremsten auch die Wagemutigen, die zur Auflehnung entschlossen waren. Konfrontationen wurden vermieden, aber die Widerstandsgruppen im Untergrund hielten Kontakt mit den Exilorganisationen in London.

Im Frühjahr 1941 schien Prag ein Ort weit weg vom Krieg zu sein. Zumindest für die 120 000 deutschen Herrenmenschen, die inzwischen aus dem Reich gekommen waren und das Bild der Innenstadt dominierten. Die feinsten Hotels, die Cafes, die Restaurants - alles in deutscher Hand, die tschechischen Kellner gaben ihr Bestes. Auf dem Wenzelsplatz paradierte jeden Samstag ein SS-Wachbataillon. In Berlin lobte Goebbels die Verhältnisse in der böhmischen Kolonie und den Fleiß ihrer Bewohner: »Die Tschechen haben sich bewährt.«

Kleineren Widerstandsregungen begegneten Heydrich und Frank mit Terror: Tausende wurden verhaftet, in zwei Monaten fällten Sondergerichte über 400 Todesurteile, die sofort vollstreckt wurden.

Zum Mord kam das Zuckerbrot: 200 000 Schuhe gratis für die Rüstungsarbeiter, Lebensmittelzulagen für die Schwerarbeiter, Empfang auf der Prager Burg für eine Arbeiterdelegation.

Wenige Monate später war der SS-General mit den huldvoll gnädigen Allüren tot - Opfer eines Attentats, das zwei von einer englischen »Halifax« abgesetzte Fallschirmagenten im Auftrag der tschechoslowakischen Exilregierung am 27. Mai 1942 verübten: der Tscheche Jan Kubis und der Slowake Jozef Gabcik.

Der Coup löste ein vielfaches Echo aus, Nazi-Gegner sahen darin ein Signal. Zum erstenmal war ein Anschlag auf einen Nazi-Führer von solchem Rang gelungen. Präsident Vaclav Havel feierte 50 Jahre später den »Widerstandsakt": Er habe »der ganzen Welt gezeigt, daß wir uns selbst als unterjochtes Volk reflektieren, das ein Opfer der Gewalt geworden ist«.

In Berlin rasten Hitler und Himmler. Sie befahlen, sofort »die gesamte oppositionelle tschechische Intelligenz zu verhaften und heute nacht bereits die hundert wichtigsten zu erschießen«. Als Heydrich am 4. Juni seinen Verletzungen erlag, wurde sein Leichnam im Eingangshof des Hradschin aufgebahrt. SS-Männer hielten die Totenwache, endlose Kolonnen von _(* Am 26. Mai 1942, dem Abend vor dem ) _(Attentat, bei einem Konzertbesuch im ) _(Prager Waldstein-Palais. ) Trauergästen, darunter viele Tschechen, gaben dem »Mann mit dem eisernen Herzen« (Hitler) die letzte Ehre.

Mit Schaudern erinnern sich Prager, die diese Zeit miterlebt haben, an das, was folgte: 1017 Hinrichtungen in den ersten Wochen, die Namen der Opfer schallten aus Lautsprechern über den Wenzelsplatz, hinter jedem dröhnten ein paar Takte deutscher Marschmusik. 300 Tschechen ließ Kurt Daluege, Heydrichs Nachfolger, »wegen Gutheißung des Attentats« erschießen.

Straßensperren, Razzien, Orgien der Vergeltung: Am 10. Juni nahmen sich SS-Truppen das Dorf Lidice im Westen von Prag vor. Sie erschossen alle Männer (insgesamt 198), deportierten die Frauen in das KZ Ravensbrück, verschleppten die Kinder, brannten die Ortschaft nieder und machten sie, wie es ihr Befehl war, »dem Erdboden gleich«. Ähnlich verfuhren sie zwei Wochen später mit der Gemeinde Lezaky.

Lidice wurde zur Chiffre für SS-Greuel, für Willkür und Grausamkeit. In England pinselten Piloten den tschechischen Ortsnamen auf die Bomben, die sie über Deutschland abwarfen.

Verrat und Grausamkeit halfen den Nazi-Häschern auf die Spur. Ein ebenfalls in England ausgebildeter Widerstandskämpfer, Karel Curda, sicherte sich einen Teil der zur Belohnung ausgesetzten 20 Millionen Kronen und nannte die Namen. Ein junger Mann gab am 17. Juni das Versteck preis, als die Gestapo-Vernehmer ihm den Kopf seiner Mutter in einem Glasbehälter präsentierten.

In der Krypta der orthodoxen St.-Kyrill-und-Method-Kirche in der Prager Resselgasse, wohin sich die beiden Attentäter mit fünf ihrer Kameraden geflüchtet hatten, endete der ungleiche Kampf. Die Widerstandskämpfer wehrten sich gegen die anstürmenden SS-Truppen bis zur letzten Patrone - die gaben sie sich selbst. Ihre abgeschnittenen und aufgespießten Köpfe wurden während der nachfolgenden Verhöre den Angehörigen gezeigt, bevor auch diese der Terrorjustiz zum Opfer fielen.

Nach der »Heydrichiade«, wie die Prager die Schreckensphase nach dem Attentat nennen, sank die Bereitschaft in der Bevölkerung, den Widerstand zu unterstützen, auf ein Minimum. Viele strömten nun zu den »Sieg Heil«-Kundgebungen, die überall im Land organisiert wurden, den Unterdrückern ihre Ergebenheit zu zeigen. Die größte Demonstration der Jubel-Tschechen, die am 3. Juli auf dem Wenzelsplatz mit über 200 000 Teilnehmern stattfand, ist in der Ausstellung dokumentiert. »Bis jetzt«, sagt Kaplan, »war es in Prag so gut wie tabu gewesen, Fotos davon zu zeigen.«

Tschechische Soldaten kämpften in den Reihen der Engländer gegen die Deutschen, auch in der Roten Armee gab es tschechische Bataillone, aber in Prag selbst breitete sich tiefe Resignation aus. Die Besatzer blieben gleichwohl wachsam. Ihr Anführer Frank begeisterte sich an den Sondergerichten, die es fertigbrachten, »in Blitzesschnelle und mit äußerster Härte« pro Monat 100 Tschechen zu töten.

Ausführlich schildern MacDonald und Kaplan die Prozedur des langen Mordens in Text und Bild, bis hin zu makabren Einzelheiten. In der düsteren k. u. k. Strafanstalt Pankrac im Südosten Prags starben die Häftlinge meist durch den Strick und die »Fallschwertmaschine«. War das Tagespensum so groß, daß sich Warteschlangen bildeten, durften die Todeskandidaten auf Stühlen Platz nehmen. Die Kosten für Urteilsverkündung und Hinrichtung hatten die Angehörigen zu tragen. Auf Wunsch war Ratenzahlung möglich.

Die Zentrale des SS-Terrors befand sich im Pecek-Palais in der Nähe des Wenzelsplatzes, einer ehemals jüdischen Bank. Die Tresorräume dienten nun den Gestapo-Verhörexperten als schalldichte Folterkammern. Von dort wurde die Mutter des tschechischen Filmregisseurs Milos Forman nach Auschwitz deportiert, wo sie 1943 starb.

Einen ähnlichen Weg nahm ein großer Teil der Prager Juden. Nur wenige Tausende der etwa 60 000 Juden, die damals hier lebten, hatten 1939 noch ausreisen können. Der Rest saß in der Nazi-Falle.

70 Kilometer von Prag entfernt hatte Heydrich in Theresienstadt ein Vorzeige-KZ installieren lassen. Hinter der Ghetto-Fassade war es von 1942 an für über 45 000 Prager Juden Durchgangsstation in die Vernichtungslager weiter östlich.

Nur 484 Juden haben in Prag überlebt. Kaplan erläutert: »Hier war es besonders schwierig unterzutauchen. Das Risiko, Juden zu helfen, war hoch. Darauf stand die Todesstrafe.«

Bis kurz vor Kriegsende blieb Prag von Bomben verschont. Seit Februar 1943 mußten alle Tschechen zwischen 17 und 45 Jahren, Männer wie Frauen, »zwangsverpflichtet« in den Fabriken für Hitlers »Endsieg« arbeiten, 64 Stunden die Woche.

Dabei gab es immer weniger zu essen. Die Regale in den Geschäften waren leer, in den Schaufenstern standen Schilder, die von Haseks Schwejk hätten stammen können: »Geschlossen für den Sieg des Reichs«.

Als sich das Ende der Nazi-Herrschaft abzuzeichnen begann, warteten die Tschechen geduldig, bis sich die Truppen der Alliierten der Stadt näherten. Am 5. Mai 1945 brach dann der Prager Aufstand los, an dessen Spitze sich der im Untergrund formierte tschechische Nationalrat CNR setzte.

Die Stunde, jahrelang von den Widerstandsgruppen inbrünstig beschworen, war gekommen. Erbitterte Straßenkämpfe, Tieffliegerangriffe, Geiselerschießungen, fieberhafte Verhandlungen um Kapitulation und freien Abzug kennzeichnen das Chaos der letzten Tage - fast 2000 Menschen kamen auf tschechischer Seite dabei um.

Die amerikanischen Panzer verharrten 60 Kilometer westlich bei Pilsen und griffen gemäß einer Absprache mit den Sowjetrussen nicht ein. Am Morgen des 9. Mai, die letzten deutschen Truppen verließen gerade die Stadt im Westen, tauchten von Norden her die ersten Sowjetpanzer im Zentrum Prags auf, stürmisch bejubelt von der Bevölkerung. Die Rote Armee konnte sich rühmen, die letzte europäische Hauptstadt befreit zu haben.

Es war auch die Stunde der Rache. Gestapo- und SS-Männer, die sich nicht rechtzeitig abgesetzt hatten, wurden gejagt und an Straßenlaternen aufgehängt. Die Sudetendeutschen wurden über die Grenze getrieben - bis zum Jahresende 1946 über zwei Millionen, zum Teil unter grausamen Exzessen.

Mehr als 700 Todesurteile ergingen gegen deutsche Besatzer und ihre tschechischen Helfershelfer. Den nach Westen geflohenen Frank lieferten die Amerikaner den Tschechen aus. Die machten ihm den Prozeß und henkten ihn am 22. Mai 1946 in Prag vor 5000 Zuschauern, darunter einige Witwen aus Lidice, spektakulär mit dem Galgen. Auch Verräter Karel Curda wurde hingerichtet. Chef-Kollaborateur Hacha starb am 1. Juni 1945 in der Gefängniszelle.

Drei Jahre später, als die Kommunisten die Gefängnisse mit ihren politischen Gegnern zu füllen begannen, waren viele darunter, die sich im Widerstand gegen die deutschen Besatzer bewährt hatten. Die Sowjets ließen sich weiter als Befreier von der Nazi-Herrschaft feiern, während sie ihre eigene Herrschaft mit der stalinistischen Knute festigten.

NA VECNE CASY - »in alle Ewigkeit«, steht in großen Lettern auf dem Schlußbild der Ausstellung. Es zeigt einen sowjetischen Kosaken, der sein Pferd unter einer Brücke in der Moldau tränkt, das Cover eines Propagandabuches aus der Nachkriegszeit. So ganz falsch war sie nicht, diese Voraussage, sagen die Prager, die es überlebt haben: 40 Jahre können ewig lang sein. Y

Tresorräume dienten der Gestapo als Folterkammern

* Im Prager Pankrac-Gefängnis.* Am 26. Mai 1942, dem Abend vor dem Attentat, bei einemKonzertbesuch im Prager Waldstein-Palais.

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