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Magnet Berlin

aus DER SPIEGEL 1/1996

Berlin bleibt doch nicht Berlin. Wenn der Beschluß des Abgeordnetenhauses in diesem Jahr von einem Referendum bestätigt wird, gehen das Bundesland Berlin (3,4 Millionen Einwohner) und das Bundesland Brandenburg (2,5 Millionen) in dem neuen Land Berlin-Brandenburg auf. Es wäre der erste Zusammenschluß dieser Art seit der Fusion der südwestdeutschen Länder zu Baden-Württemberg 1952.

Die Metropole übt sich derweil ein. Die wiedervereinigte Vier-Sektoren-Stadt lockte an die 200 000 junge Leute zur bizarren »Love-Parade« auf die Straßen, Christos Verhüllungsspektakel holte Millionen aus aller Welt zum Reichstag. Und wie es früher die Türken in Scharen in die westliche Halbstadt zog, wirkt nun die ganze Stadt wie ein Magnet auf Osteuropäer - mehr als hunderttausend aus Rußland, Polen und anderen ehemaligen Ostblockstaaten leben inzwischen in Berlin. Manch einer wähnt die Stadt - mit ihrem kunterbunten Kulturangebot, ihren Kneipen ohne Sperrstunde und der schillernden Szene - auf dem Vormarsch zurück in die legendären zwanziger Jahre. Vorangekommen ist die Stadt allerdings auch mit der Kriminalität. Bei den Straftaten schaffte sie 1995 einen neuen Rekord. Spektakulärster Fall: Geiselnahme mit Lösegeld-Erpressung und Tresorbruch in einer Berliner Bank; die Täter entkamen durch einen zuvor gegrabenen Tunnel.

Bei all dem Gewusel wächst am Spreebogen das neue Regierungsviertel - die größte Baustelle Europas, aber auch nur eine von vielen. Und der Trubel kommt erst noch: wenn Bonn aufbricht nach Berlin, zum größten und teuersten Umzug aller Zeiten.

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