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Bonn/Washington Makellose Arie für die Berliner

Von Carlos Widmann
aus DER SPIEGEL 29/1994

Wer wohl dieser Gaerta sein mochte, auf den sich der amerikanische Präsident bei der Ankunft auf dem Flughafen Tegel in so markanten Worten berufen konnte?

Die Frage hat das Pressekorps des Weißen Hauses, es war eine halbe Stunde vor Mitternacht, gewiß keine Zehntelsekunde lang beschäftigt. Doch in der amtlichen Papierflut, die bei einer solchen Reise ausgespuckt wird, blieben die Worte Bill Clintons für immer festgehalten: »Gaerta (phonetisch) schrieb, ,Was Du ererbt von Deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen.''«

So muß es auch im Redetext gestanden haben, den der Präsident dem Mayor of Berlin und Mrs. Diepgen vorgetragen hat, als er am Montag letzter Woche, aus Ramstein und Oggersheim kommend, der Air Force One auf Berliner Boden entstieg. Phonetisch ist Gaerta völlig richtig, weil die meisten Amerikaner den Namen Goethe, korrekt geschrieben, sonst in einer Weise aussprechen würden, die auf deutsch Spitzbart bedeutet - gerade in Berlin, so nahe an der früheren Mauer, ein unpassender Ausdruck.

Aber braucht der Präsident die lautmalerische Schreibweise, um deutsche Worte richtig zu artikulieren? Erneut stellte sich somit die Frage nach den Sprachkenntnissen Bill Clintons, die ebenso legendär wie ungreifbar sind.

Seine junge Sprecherin Dee Dee Myers, die zum erstenmal in ihrem Leben einen Eindruck von Berlin bekam, hat es noch einmal bestätigt: Präsident Clinton habe in seiner Jugend an der Georgetown University in Washington nicht nur (im Hauptfach) Internationale Beziehungen studiert, sondern auch die deutsche Sprache erlernt.

Nun gehört zu den Qualifikationen, die der Wähler in den USA von seinen Präsidentschaftskandidaten verlangt, keineswegs die Beherrschung eines fremden Idioms. Im Gegenteil: Breite Schichten bodenständiger Amerikaner würden derartige Fertigkeiten eher verdächtig finden. An einer First Lady allenfalls, wie etwa bei Jacqueline Kennedy, mochten Kenntnisse des Französischen als gesellschaftlicher Vorzug empfunden werden.

Clintons Vorgänger George Bush, der über letztere durchaus verfügte, hat das im eigenen Lande stets als Staatsgeheimnis behandelt; schließlich war der Patrizier aus Neuengland beim Stimmenfang gern als texanischer Hinterwäldler aufgetreten.

Ronald Reagan, der Unkenntnis niemals vortäuschte, hat 1988 in Moskau sein studentisches Publikum verwirrt, indem er den Nachnamen des Schriftstellers Albert Camus so aussprach, daß er sich auf das englische »famous« reimte. Auch John F. Kennedy hatte vor 31 Jahren noch gewisse Schwierigkeiten mit dem Deutschen: »Lats sie nack Ballin kammen!« war aus dem Zusammenhang noch zu begreifen, jedoch an »Kölle Alaaf« soll er kläglich gescheitert sein.

Aber der Clinton, der kann es: Mit makelloser Strahlkraft, wie einst Pavarotti das hohe C, schmetterte er seine beiden Umlaute über den Pariser Platz, das »für« und das »möglich« kamen in sonorer Fülle und ohne gutturale Verzerrung über die Rampe. Das Jauchzen der Menge bestätigte, daß Clintons Arie ein Triumph war.

Als Arie, nicht als Rede. Irgend jemand in der amerikanischen Botschaft in Bonn hatte angekündigt, der Präsident werde am Brandenburger Tor eine »historische« Ansprache halten. Irgendein Saboteur muß das wohl gewesen sein.

»Historisch« dem Inhalt nach war sie nun zwar gar nicht, die Rede unterm Brandenburger Tor, aber schön war sie schon. Einen »pep-talk« nennen die Amerikaner das, eine Ermunterungsrede. Sie soll kurz sein. Sie soll die Einwohner des Gastlandes in gute Stimmung versetzen, ihnen Hoffnung geben, sie aus ihrer Miesepetrigkeit befreien. Außerdem soll sie zu einer guten Einschaltzeit (zum Beispiel wenn die Ostküste gerade frühstückt) im amerikanischen Fernsehen live zu sehen sein. Alle drei Qualitäten trafen auf diese Berliner Rede Bill Clintons zweifellos zu.

Daß er zu waghalsigen Metaphern griff und den Deutschen bescheinigte, sie hätten aus einem Traum einen Meißel gemacht, entspricht einer Tradition politischer Rhetorik, die den Schwung höher schätzt als die Schärfe. Ein Satz wie »Alles ist möglich« stimme nicht einmal auf englisch und sei es bestimmt nicht wert, vom Präsidenten auch noch ins Deutsche übersetzt zu werden, monierte ein britischer Kritiker.

Wie aber, wenn dieses »Alles ist möglich« sich auf den Richterspruch von Karlsruhe bezogen hätte, der am Dienstag vergangener Woche nur wenige Stunden vor dem Auftritt Clintons gefallen war und den Deutschen nun die Aussicht eröffnete, ihre Bundeswehr im Ausland, ja sogar »out of area« einzusetzen? Dem Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen gelang es, da einen Zusammenhang zu erblicken und die Befürchtung zu artikulieren, der »Erste Mann der westlichen Welt« habe ausgerechnet in Berlin die Deutschen dazu aufgefordert, »wieder Vormacht auf dem Kontinent zu werden«.

Mißverständnisse zu provozieren fällt amerikanischen Präsidenten gerade in Berlin besonders leicht. Es war der beispiellos umjubelte John F. Kennedy, der in seiner rhetorisch brillanten, inhaltlich partout nicht historischen Rede vor dem Schöneberger Rathaus im Juni 1963 zunächst die falschen Akzente setzte: Denen, die da glaubten, man könne mit den Kommunisten zusammenarbeiten, rief er sein sarkastisches »Let them come to Berlin!« zu. Einen Tag später, in seiner Rede vor Studenten, korrigierte sich JFK und sandte Chruschtschow ein Versöhnungszeichen.

Auch der am meisten gefeierte Ausspruch jener Deutschlandreise klang in empfindsamen europäischen Ohren durchaus nicht so harmlos, wie er in Erinnerung ist. Im vollständigen Wortlaut ging der nämlich so: »Vor 2000 Jahren lautete der stolzeste Satz, den ein Mensch sagen konnte: ,Ich bin ein Bürger Roms!'' Heute ist der stolzeste Satz, den jemand in der freien Welt sagen kann: ,Ich bin ein Berliner!''« Dies an der Stelle auszusprechen, wo nur 18 Jahre vorher ein weniger rühmliches Imperium untergegangen war, konnte auch als Taktlosigkeit interpretiert werden.

Kennedy und Clinton: 31 Jahre sind vergangen zwischen diesen beiden Deutschlandbesuchen; Berlin, Germany und das weiter östlich liegende Europa haben sich radikal verändert zwischendurch - aber das Echo, das beide Besuche hervorriefen, gleicht sich in vielem auf erstaunliche Weise. Die Verschnupftheit über eine Aufwertung Deutschlands durch den amerikanischen Präsidenten, das Mißtrauen gegenüber einer bevorzugten Partnerschaft zwischen Washington und Bonn, die Furcht vor einer deutschen Führungsrolle in Europa - das gab es alles schon damals.

Der einflußreiche Journalist Joseph Alsop, ein enger Freund der Kennedys, schrieb vor der Reise des Präsidenten, das Deutschland Konrad Adenauers habe bereits »die Schlüsselposition in Europa und der Nato eingenommen«, dies gelte es in dem »Grand Design« zu berücksichtigen, wie Kennedy seine Außenpolitik gern nannte. Wegen ihres »gewachsenen politischen Gewichts«, so wurde in Amerika schon damals geschrieben, müsse die Bundesrepublik der »Eckpfeiler aller amerikanischen Pläne in Europa« werden.

Die Humanite, das Parteiblatt der französischen Kommunisten, hätte mit einem Namenstausch schon vor 31 Jahren die gleiche Schlagzeile machen können wie am Dienstag letzter Woche: »Kohl von Clinton zum Herrn Europas eingesetzt«. Auch manche Pariser Blätter, die nicht links stehen, beschwören das Gespenst einer von Amerika eingesetzten Hegemonialmacht Deutschland.

Bei den Engländern sitzt die Verschnupftheit offenkundig tiefer als bei den Franzosen. David Howell, der Vorsitzende des außenpolitischen Ausschusses im Unterhaus, hat dem amerikanischen Präsidenten »Unkenntnis der europäischen Geschichte« vorgeworfen, weil dieser das deutsch-amerikanische Verhältnis als »einzigartig« anpries und die bewährte »special relationship« zwischen Briten und Amerikanern als nur noch »historisch« abwertete.

Zwischen Washington und London hat sich schon etwas verändert von Kennedy zu Clinton. Der junge JFK hat als Sohn des US-Botschafters Joseph Kennedy an dem Court of St. James eine verwöhnte, von gesellschaftlichem Glanz umstrahlte Existenz geführt. Bill Clinton war während seiner zwei Jahre als Rhodes-Stipendiat in Oxford wesentlich weniger glücklich. Sein enger Berater George Stephanopoulos, ebenfalls Rhodes-Stipendiat, hat sogar zu Papier gebracht, daß die jungen Amerikaner von ihrer britischen Umwelt oftmals arrogant ignoriert wurden. Clinton, mit seinem Südstaatenakzent, dürfte noch mehr zu leiden gehabt haben.

Die »Spasmen der Bestürzung«, die der Londoner Independent spöttisch in Britannien immer dann wahrnimmt, wenn die »besondere Beziehung« zu Amerika gefährdet scheint, wirken im Zeitalter Bill Clintons nahezu berechtigt. Während Kennedy mit der britischen Oberschicht immerhin verschwägert war, hatte das Proletarierkind Clinton in Oxford sogar Probleme mit der Landessprache.

Kennedys Vater, reich und bigott, hatte Sympathien für die Nazis gehabt, die das Gewissen des Sohnes belasteten. Der ältere Bruder des jungen Kennedy ist als Pilot wahrscheinlich von der deutschen Luftwaffe oder der Flak abgeschossen worden. JFK hat immerhin das »Dritte Reich« besucht, er entwickelte eine starke Abneigung gegen Deutschland. Von dessen Botschafter Wilhelm Grewe sagte Kennedys Pressechef Pierre Salinger: »Der Präsident kann seinen Anblick nicht ertragen.«

Bill Clinton dagegen pflegt eine alte Freundschaft zu seinem einstigen deutschen Kommilitonen, dem Journalisten Rüdiger Löwe vom Bayerischen Rundfunk. Bei den frühen Deutschlandbesuchen des unternehmungslustigen Bill hinterließen vor allem die ausschweifenden Künstlerfeste des Münchner Faschings einen prägenden Eindruck.

»Der Gast, der Deutsche in Ekstase bringt«, betitelte die Süddeutsche Zeitung vor 31 Jahren ihren Hauptbericht über den Besuch John F. Kennedys. Von einem »viertägigen Massenrausch« schrieb damals ihr Chefreporter Hans Ulrich Kempski. Er beobachtete in Berlin eine Szene, die leider nicht fotografiert wurde: Kennedy, Adenauer und Willy Brandt mit gebeugten Köpfen vor einer Sekretärin, die ihnen mit einer Kleiderbürste das Konfetti aus dem Haar zu kämmen suchte. Vor dem Kurhaus in Wiesbaden drängten sich »jeder Besinnung beraubte Massen«, berittene Polizisten preschten »gleich Kosaken« durch Blumenbeete.

Im SPIEGEL berichtete damals Peter Brügge, wie Walter Ulbricht zu Kennedys Besuch die Zwischenräume des Brandenburger Tors mit rotem Stoff und seiner Spalterflagge zuhängen ließ. Er beobachtete auch, warum Willy Brandt im eingeflogenen offenen Lincoln Continental des Präsidenten etwas größer als Kennedy und Adenauer wirkte: weil er in der Mitte stand, über der Kardanwelle. Kennedy mußte sich an der Seitentür aufstützen, um seine Rückenschmerzen zu lindern. Fünf Monate später, in Dallas, sind solche Fahrten der Staatsmänner durch Menschenmassen für immer undenkbar geworden.

Auch für Bill Clinton sind Massenerlebnisse nicht mehr möglich - nicht nur wegen der Sicherheit, sondern auch mangels Massen.

Vor 31 Jahren brachte Kennedy in Berlin anderthalb Millionen Menschen auf die Beine; vor das Schöneberger Rathaus kamen 250 000. Diesmal schaffte Clinton es gerade noch, ein Zehntel dieser Menge auf den Pariser Platz vor das Brandenburger Tor zu locken. Im Hintergrund, Unter den Linden, war alles leer.

Dafür kann der Präsident natürlich nichts, das sind die veränderten Zeiten. Im Kalten Krieg, im gespaltenen Deutschland, im zugemauerten West-Berlin war es ein stolzer Akt der Herausforderung, einem amerikanischen _(* Mit Clinton-Ehefrau Hillary und ) _(Bürgermeister Diepgen. ) Präsidenten zuzujubeln. Aber auch die Euphorie der Befreiung und Vereinigung ist verklungen, und wenn Clinton jetzt die von der Marktwirtschaft bewirkte Revolution anpreist, sind die Befreiten nicht zum Jubeln zu bringen: Die Segnungen des Marktes kennen sie ja schon seit ein paar Jahren, und 40 Prozent der Ost-Berliner, die zuletzt die PDS gewählt haben, wissen sie immer noch nicht richtig zu schätzen.

Rundum entzückt war Helmut Kohl offenbar nicht, als Bill Clinton eine deutsche Führungsrolle verlangte und die Einzigartigkeit der Beziehung zwischen Washington und Bonn/Berlin hervorhob. Da wiegelte er lieber ab, sprach von der notwendigen Bereitschaft, im Rahmen der Vereinten Nationen militärische Verantwortung zu übernehmen, wies immer wieder auf das große Europa hin, dem Deutschland dienen und sich unterordnen wolle.

Führungsrolle? Igitt. Das sagt man nicht; das tut man.

Alles übrige besorgt die Chemie, oder, um mit Bundeskanzler Kohl zu reden, »was die Amerikaner die ,chemistry'' nennen«. Unser Helmut, so stellt die Washington Post fest, rage »unter allen Weltführern heraus« als des amerikanischen Präsidenten »Favorit«. Richard Holbrooke, der bisherige US-Botschafter in Bonn, von Clinton zu höheren Zwecken nach Washington zurückberufen, drückt das so aus: »Die beiden mögen sich einfach. Sie sind physisch große Männer. Sie lieben das Essen und haben einen ähnlichen Sinn für Humor.«

Die Chemie zwischen den beiden spielt sich nicht im Reagenzglas ab. Y

Kennedy entwickelte eine starke Abneigung gegen Deutschland

* Mit Clinton-Ehefrau Hillary und Bürgermeister Diepgen.

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