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Makler der Macht

Zum erstenmal seit 28 Jahren versagten Amerikas Gewerkschaften dem demokratischen Präsidentschaftskandidaten ihre Unterstützung. Denn Gewerkschaftsboß Meany lehnt den Demokraten McGovern ab.
aus DER SPIEGEL 32/1972

Der alte Mann kaute sinnend auf seinem erkalteten Zigarrenstummel. Er hatte Schwierigkeiten. »Wenn ich nur wüßte, wie man das drehen kann«, murmelte er.

Der greise Machtmakler George Meany. 77, Boß der US-Gewerkschaft AFL-CIO, grübelte über einem Problem, das ihm in seiner fünfzigjährigen Gewerkschafts-Karriere noch nicht begegnet war: Er wünscht den Präsidentschaftskandidaten beider großen amerikanischen Parteien eine Niederlage. Meany: »Das wäre in meinem Interesse.«

Denn George Meany, »wahrscheinlich der mächtigste Mann Amerikas außerhalb der Regierung« ("Newsweek"), lehnt beide ab -- den Republikaner Richard Nixon ("der führende Roßtäuscher der Nation") und den Demokraten George McGovern ("dieser Mann ist einfach kein gutes Material").

Seit 1944 hatten Amerikas Gewerkschaften den demokratischen Präsidentschaftskandidaten unterstützt. Jetzt wird Meanys Bund von heute 117 Einzelgewerkschaften mit zusammen 13,5 Millionen Wählern neutral bleiben -- auf Wunsch Meanys. Keine Gelder und keine Stimmen für den Demokraten McGovern, so hämmerte es Meany in 800 Briefen an die lokalen Unterabteilungen der Gewerkschaft den Funktionären ein.

Noch 1968 hatten die Gewerkschaften den Demokraten Hubert Humphrey unterstützt und damit dessen Rivalen Nixon an den Rand einer Niederlage gebracht. Die Gewerkschaften halfen Humphrey mit zehn Millionen Dollar, 15 Millionen Flugblättern und Broschüren und fast 100 000 freiwilligen Helfern. Sie ersetzten praktisch den damals zerschlissenen demokratischen Partei-Apparat« Alles, was Hubert Humphrey hatte, waren wir«, brüstete sich George Meany.

Für 1972 wollte der Gewerkschaftsbund seine Anstrengungen verdoppeln. Statt einen Dollar Wahlbeitrag von jedem Mitglied forderte die Washingtoner Zentrale zwei Dollar -- schon lief die Organisation auf Hochtouren, um Richard Nixon zu schlagen, den »gewerkschaftsfeindlichsten Präsidenten dieses Jahrhunderts« (so Jerry Wurf. Chef der amerikanischen ÖTV).

Doch plötzlich drehte Ex-Klempner Meany den Hahn zu. Der bärbeißige Alte fühlte sich von den Heerscharen jugendlicher McGovern-Fans auf dem Parteikonvent von Miami Beach übergangen, die weder das Alter als politische Tugend ehrten, noch den Machtansprüchen der Gewerkschaftsbosse Rechnung trugen »Kinder, Quatschköpfe, Kommunisten und andere linke Krakeeler«, nannte sie Al Barkan, Meanys rechte Hand. Stahlarbeiter-Boß Abel: »Dieser Konvent hatte nur ein Thema -- die Gewerkschaften zu ignorieren und rauszuhalten.«

Vergeblich versuchte der auf diesem Parteitag nominierte George McGovern, Meany zu versöhnen. »Ich habe ihn selbst angerufen, um ein Treffen zu arrangieren« Doch der Präsidentschaftskandidat blieb an einer Meany-Sekretärin hängen: »Ich bin nicht diejenige, die seine Treffen vorbereitet« McGovern: »Können Sie meinen Wunsch nicht weitersagen?« -- Sekretärin: »Da bin ich nicht so sicher.« McGovern: »Könnte ich denn wenigstens mit seinem Assistenten, Mr. Kirkland. sprechen?« Sekretärin: »Ich glaube, der ist auch auf Reisen.«

An seinem fünfzigsten Geburtstag erhielt McGovern Meanys Antwort: Mit 27 zu 3 Stimmen entschloß sich der Vorstand der Gewerkschaften, ihn zu boykottieren.

Damit schien McGoverns politisches Schicksal besiegelt: Der Außenseiter aus der Prärie würde auf die verläßlichste Hilfe verzichten müssen, die normalerweise dem demokratischen Kandidaten zukommt.

Doch McGovern sah es als »ein Zeichen dafür, daß neue Zeiten angebrochen sind. Wir werden testen, ob die Makler der Macht in den Gewerkschaften tot oder lebendig sind«.

George Meany -- so verraten erste Berichte aus der Provinz -- ist eher tot als lebendig. In seiner Halsstarrigkeit erscheint er fast wie der ideale Adressat der gesamten McGovern-Kampagne gegen das Establishment.

Und wahrscheinlich ruht die Macht Meanys nur noch auf einem emotionellen Polster alter Gewerkschaftstugenden. Als die Bosse seinen Einigkeitsparolen lauschten, entschied -- so Wurf -- »ein Gefühl der Solidarität, der Loyalität, der Freundschaft« für Meany und seine Abstinenz im Wahlkampf gegen Richard Nixon. Wurf: »Ich glaube nicht, daß das mit der Kandidatur McGoverns irgend etwas zu tun hat.«

Bereits bei den Vorwahlen bewies McGovern, daß er nicht nur ohne, sondern sogar gegen Meany gewinnen konnte. Seine Organisation war zumindest genausogut wie die der Politprofis aus den Gewerkschaften. »McGovern erreichte seinen Platz grundsätzlich ohne Gewerkschaftshilfe«, urteilte das »Wall Street Journal«.

Und das Treffen der Bosse in Washington, bei dem Meany sich durchsetzte, verließen die Teilnehmer mit gemischten Gefühlen. »Ich glaube, daß nach einer Weile alle großen Industrie-Gewerkschaften für McGovern stimmen«, sagte ein Funktionär.

Die Automobilarbeiter -- die der AFL-CIO nicht angehören -- stützten McGovern von vornherein, Inzwischen kamen so viele Einzelgewerkschaften aus Meanys Bund hinzu, daß Gewerkschaftler bereits heute mit der Unterstützung von fünf Millionen AFL-CIO-Mitgliedern für den Demokraten rechnen.

Das verstieß formell noch nicht gegen die Absprache der Dachorganisation, nicht für McGovern einzutreten, denn jede Einzelgewerkschaft ist in ihren Entscheidungen frei. Doch was Gilbert Teitel, Chef des lokalen Gewerkschaftsrats der AFL-CIO in der Gewerkschafterstadt Pittsburgh, tat, schlug der Autorität Meanys ins Gesicht.

Im Namen von 90 000 Arbeitern aus 140 Bezirksverbänden verkündete er den Reportern der Fernsehgesellschaft CBS: »Ich kann nicht für George Meany reden ... ich werde George McGovern unterstützen -- ohne jede Einschränkung.«

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