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MIETEN / DEMONSTRATIONEN Mal geschoben

aus DER SPIEGEL 35/1970

Nervös hantierte an der Ecke Brandsende-Ferdinandstraße in Hamburgs Innenstadt ein grauhaariger Herr an seiner Rollei SL 66. Im Sucher der Kamera: rund 200 Demonstranten und Transparente mit radikalen Sprüchen: »Hamburgs Wohnungsideal -- viel Profit fürs Kapital.« Oder: »Makler, Hauseigentümer -- Aasgeier der Gesellschaft.«

Der Photo-Amateur mit der Rollei (Preis: 4000 Mark), der am Samstag vorletzter Woche mit dem gleichen Eifer knipste wie Profis von der Kripo, war direkt angesprochen: Es war Dr. Rudolf Sasse, Syndikus des hanseatischen Haus- und Grundeigentümer-Verbandes.

Den örtlichen Montagsblättern konnte Besitzer-Funktionär Sasse entnehmen, daß er eine von der »Arbeitsgemeinschaft studentischer »Mietgruppen« und einer privaten Mietergemeinschaft inszenierte Polit-Premiere belichtet hatte: »Am Wochenende erreichte ein Demonstrationszug«, so notierte die »Welt«, »wovon studentische Theoretiker bisher nur träumten: Solidarität mit der Bevölkerung.«

In der Tat stießen die akademischen Miet-Marschierer in Hamburg ("Schöner Wohnen": »Schreckgespenst für Durchschnittsverdiener") auf das Wohlwollen derer, für die sie auf die Straße gegangen waren: Als der Zug ein altes Abbruch-Viertel passierte, reihten sich spontan Rentner ein, am Gänsemarkt klatschten Bauarbeiter Beifall vom Gerüst, und bei der Schlußkundgebung auf dem Hansaplatz im Vergnügungsbezirk St. Georg verkündete ein Werktätiger: »Man versucht, uns Arbeiter gegen die Studenten aufzuhetzen, dabei sind das die Leute, die uns am ehesten helfen können.«

Der Konsens zwischen der Apo und den Bürgern im Wohnungsnotstandsgebiet Hamburg, wo die Bodenpreise seit 1958 um 800 Prozent gestiegen sind und ein Quadratmeter Wohnraum auf dem freien Markt durchschnittlich sieben Mark Miete kostet, ist exemplarisch: Auch in anderen westdeutschen Ballungsräumen« in denen das freie Spiel von Angebot und Nachfrage Mietwucher und Maklerallmacht verfestigt hat, machten in den letzten Wochen linke Akteure die Mieter munter, protestierten Sozialisten und Bourgeois einträchtig gegen den liberalistischen Komment, das Dach über dem Kopf nach Gemüsemarkt-Maßstäben zu behandeln:

* In München ergriff die Bevölkerung Partei für eine studentische »Projektgruppe Lehel«, die 40 zum Abriß bestimmte Häuser eines vornehmlich von Rentnern bewohnten Altbauviertels mit linken Parolen bemalte und deshalb wegen »groben Unfugs und Sachbeschädigung« von der Polizei behelligt wurde.

* In der Frankfurter Innenstadt marschierten sozialistische Studenten Arm in Arm mit Altbau-Bewohnern, denen von zwei SPD-gesteuerten Gesellschaften drastisch die Miete erhöht worden war. Gemeinsam skandierte Parole: »Wer hat uns verraten: Sozialdemokraten.«

* In Düsseldorf besetzten unter dem Beifall von Passanten Kunststudenten ein gut erhaltenes, doch unbewohntes Haus aus städtischem Eigentum. Spruchband-Parole: »Dieses Haus steht leer. Wir brauchen es.«

Die Börsen- und Bankenstadt am Rhein soll auch Schauplatz einer Massendemonstration sein, die der Deutsche Mieterbund Anfang Oktober organisieren will. Vize-Präsident Herbert Günter ("Es ist vielleicht ganz gut, wenn die Bundesregierung mal geschoben wird") rechnet mit mehr als 20 000 Mietern aus allen Teilen der Bundesrepublik, deren Mieten -- im Bundesdurchschnitt -- von 1962 bis 1970 bei Altbauwohnungen um etwa 70 und bei Neubauten um mehr als 50 Prozent gestiegen sind. In den nächsten fünf Jahren, so besagen zwei Gutachten der Universitäten München und Münster, wird der Wohnungszins noch einmal um die Hälfte klettern.

Noch bevor sich westdeutsche Mieter-Massen in der nordrhein-westfälischen Hauptstadt zur ersten überregionalen Demonstration sammeln, will die »Mieter-Solidarität Düsseldorf«, eine Dachorganisation örtlicher Notgemeinschaften, erneut die lokalen Mißstände anfechten. Vor dem Schauspielhaus, inmitten der City, soll eine Mini-Stadt aus Pappe und Latten gezimmert werden. Parole: »Baut Euch Eure Häuser selbst.« Bewohner: Studenten und Gastarbeiter.

Aktionssprecherin Chris Reinecke: »Selbst wenn die Polizei kommt, werden wir nicht welchen. Man muß mal zeigen, was das für eine Schweinerei mit den Mieten ist.«

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