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BELGIEN Mal rechts, mal links

Seit 50 Jahren dreht sich in einer belgischen Kleinstadt ein revolutionäres Energiesparhaus - ein fast vergessenes Öko-Wunder.
aus DER SPIEGEL 20/2008

In Brüssel begann gerade die Weltausstellung, als François Massau nicht weit entfernt den Bau seines Häuschens im Grünen vollendete.

Millionen Besucher aus aller Welt strömten 1958 in die belgische Hauptstadt, bestaunten sowjetische Sputniks, die ersten elektronischen Wahl-Zählmaschinen aus den USA und natürlich das »Atomium«. Das 165-milliardenfach vergrößerte Eisenkristallmodell ist noch heute weithin sichtbares Wahrzeichen der Metropole.

Manchen der angereisten Technikenthusiasten, Architekten oder Baufachleute genügte die künstliche Wunder- und Glitzerwelt nicht, sie nahmen sich auch noch Zeit für einen Abstecher aufs Land. Im 20 Kilometer entfernten Örtchen Wavre stauten sich in einer kleinen Gasse täglich Autos mit geschwungenen Heckflossen. Die Neugier galt dem eigenwilligen Haus des noch eigenwilligeren Bauherrn.

Am äußeren Eindruck allein lag es wohl kaum. Der kreisrunde Bungalow, mit seinem auf quaderförmigen Stelzen ruhenden sechseckigen Flachdachdeckel, stand auf einer steinübersäten Bauernwiese wie ein futuristischer Pavillon auf einer noch nicht eröffneten Gartenschau.

Das Besondere sind bis heute die inneren Werte. Massau setzte seinen Rundbau nämlich auf zwei Schienenringe. Mit Hilfe eines winzigen Motors im Keller lässt sich das Gebäude so um einen stabilen Kern in der Mitte drehen. Eineinhalb Stunden brauchen die vier Zimmer plus Küche und Salon für eine komplette Runde. Mal ist der Eingang links, mal ist er rechts. Mal geht der Blick ins Grüne, mal zur Straße.

Dabei ging es dem Konstrukteur nicht um die Aussicht, und auch die Besucher interessierten sich dafür wenig. Massau wollte ein Haus, das dem Lauf der Sonne folgen konnte: Wer will, wärmt sich auf seinem Sessel im Salon den ganzen Tag in deren Strahlen, vorausgesetzt natürlich, sie scheint. So wollte er seiner schwerkranken Frau helfen, die Sonne gern hatte, und ihr Linderung verschaffen.

Der Bauherr ließ auch noch die Mauern besonders isolieren und die Fenster doppelverglasen. So schaffte er, ohne Heizung, kuschelige 22 Grad Raumtemperatur, auch wenn draußen noch Schnee lag. An brütend heißen Tagen dagegen dreht man Salon oder Schlafzimmer einfach in den Schatten, wie man es gern hätte. »Es ist das perfekte Energiesparhaus«, schwärmt Dominique Quinet, 49, die heutige Besitzerin.

Und quasi ganz nebenbei ein kleines Öko-Wunder.

Massau hat für sein grünes Haus nie einen Architekturpreis gewonnen, und bis heute ist er in den Annalen der Baumeisterzunft und der Welt der Designer unauffindbar. Aber er fand einfache Lösungen für komplexe Probleme: beispielsweise, wie Brauchwasser aus der Küche entsorgt wird.

»Einfach über diese Rinne«, sagt Madame Quinet. Sie deutet auf eine Art Dachrinne, die unter der Kellerdecke hängt und nach oben mit zwei überlappenden Gummistreifen abgedichtet ist. Sie läuft rund um den festen Kern, an dem auch die Abflüsse montiert sind. Von oben kommen zwei Kunststoffrohre und zwängen sich durch die Gummilappen. Dreht sich das Haus, rutschen die Abwasserrohre einfach mit in die neue Position, die Gummidichtung versiegelt den Rest - nichts suppt, nichts spritzt, nichts riecht.

Solch schlicht-geniale Ideen grenzten 1958 nahezu an ein architektonisches Wunder. Fachleute wie Laien kannten kein vergleichbares, so von Sonnenlicht durchflutetes Haus. Die außen und innen gerundeten Wände gaben dem 130-Quadratmeter-Prototyp einer Wohlfühl-Moderne einen futuristischen Schliff. Und für wolkige Tage gab es natürlich auch eine ganz profane Heizung, ölbefeuert.

Viele kamen, staunten, lobten - und vergaßen Massau, das Haus und seine eigenbrötlerische Technik schon bald wieder. Auch nachdem die Einsicht in die Endlichkeit fossiler Brennstoffe die Preise und das Bewusstsein für Klimawandel und Energieverbrauch hochtrieb, änderte sich das nicht.

Baupioniere der Neuzeit, wie der deutsche Architekt Rolf Disch oder sein US-Kollege Richard Foster, versuchten sich inzwischen an eigenen rotierenden Häusern. Hochspezialisierte Wissenschaftler werkeln an immer komplizierteren Modellen drehbarer, dem Sonnenlauf folgender Bauten herum. In Dubai wird sogar ein »Rotating Tower« konzipiert. Der soll sich mit Hilfe von Windturbinen um die eigene Achse drehen und zusätzliche Energie aus der Wüstensonne gewinnen. Nur der Pavillon in Wavre - für den interessierte sich kaum noch jemand.

Nachdem Massaus Frau gestorben war, verkaufte der sein Technikwunder 1968 an Dominique Quinets Eltern, die vererbten es knapp 20 Jahre später ihrer Tochter. Dominique richtete einen Schönheitssalon darin ein, mit Sonnenbank und Behandlungsstühlen wie beim Zahnarzt. Dabei wäre es wohl auch geblieben, wenn Madame Quinet junior den avantgardistischen Rundbau nicht vor ein paar Monaten samt 1000 Quadratmeter Garten für erschwingliche 345 000 Euro zum Verkauf angeboten hätte.

Erst fiel das der Lokalzeitung auf, dann dem Regionalfernsehen. Es kamen Architekturstudenten und Bauexperten, die seither über das alte, vergessene »Öko-Haus« eines gewissen Monsieur Massau, verstorben 2002, ins Schwärmen geraten.

Dominique Quinet hat die Kartons mit den Fotos von 1958 aus dem Keller geholt und entstaubt, hat die alten Zeitungsberichte ebenso parat wie verblichene Skizzen und Pläne aus jener Zeit. Wieder kommen die Autos, viele neue Bewunderer des alten Objekts finden sich plötzlich ein. Nur, seltsam, ein Käufer war bislang nicht darunter. HANS-JÜRGEN SCHLAMP

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