Zur Ausgabe
Artikel 16 / 73

GRENZZWISCHENFALL Mal so, mal so

aus DER SPIEGEL 6/1964

Elf Minuten lang bewegten sich drei helle Punkte über den Radarschirm. Dann waren es nur noch zwei.

Nicht mehr erkennbar war für die

Radarwächter der US-Air-Force entlang der Zonengrenze, wie der amerikanische Düsentrainer T 39 »Sabreliner« am Dienstag letzter Woche, gegen 15 Uhr, über der Sowjetzone abstürzte und in einem Wald bei Vogelsberg nördlich von Weimar zerschellte.

»Das war der klarste Fall einer ungeheuerlichen Provokation«, verkündete tags darauf der sowjetische Geschäftsträger in Washington, Georgij Kornienko.

In Wirklichkeit war es eine Panne. Gegen Kornienkos Argument, ein Flugzeug fliege »nicht irrtümlich fast 100 Kilometer« in fremdes Hoheitsgebiet ein, sprechen alle Umstände des Fluges. Die Maschine

- war unbewaffnet,

- hatte keine Luftbildkameras an Bord,

- erreichte mit 800 Kilometer in der Stunde nur ein Drittel der Geschwindigkeit eines modernen Jagdflugzeugs wie des Superstarfighters.

Einmal in der Reichweite sowjetischer Mig-Jäger, hätte eine Maschine dieses Typs mithin weder eine Chance, sich erfolgreich zu verteidigen, noch zu spionieren, geschweige denn zu entkommen. Die verirrte T 39 der Amerikaner aber lieferte sich den sowjetischen Verfolgern vollends aus: Von zwei roten Jägern gestellt, kehrte sie nicht um in Richtung Bundesrepublik, sondern flog weiter nach Osten.

Die Erklärung: Die elektronischen Ausrüstungen (Funk- und Navigationsgeräte) waren ausgefallen. Die Piloten konnten sich nicht mehr orientieren. Schon 29 Minuten nach dem Start um 14.01 Uhr hatten die Bodenstationen den Funkkontakt verloren.

Zu diesem Zeitpunkt, um 14.30 Uhr, befand sich die T 39 - in der die US -Offiziere Hannaford und Millard von Hauptmann Lorraine auf den »Sabreliner« umgeschult werden sollten - in 8000 Meter Höhe über Sembach in der Pfalz.

Alle Versuche, die plötzlich von Nordost- auf Ostkurs abschwenkende Maschine zurückzurufen, blieben erfolglos:. Um 14.50 Uhr überflog die T 39 bei Diedorf in der Nähe von Mühlhausen die Zonengrenze.

Solche unabsichtlichen Grenzverletzungen sind keine Seltenheit - weder für Sowjets noch für Nato-Flieger. Und seit Jahren bemühen sich die Amerikaner daher, mit ihren russischen Kollegen in der Berliner Luftsicherheitszentrale eine Sicherungsabsprache zu treffen. Sie soll verhindern, daß über die Zonengrenze abirrende Maschinen abgeschossen werden.

Die Sowjets waren desinteressiert. Sie behielten eine Prozedur bei, die ein amerikanischer Luftwaffensprecher in der vergangenen Woche so umschrieb: »Mal schießen sie, mal schießen sie nicht.«

Am Dienstag letzter Woche schossen sie. Drei Amerikaner starben in Deutschland.

Amerikanischer Düsentrainer T 39 »Sabreliner": Tod über Weimar

Zur Ausgabe
Artikel 16 / 73
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.