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KABINETT Mal was Neues

CDU-Parlamentarierinnen sind empört, daß Kanzler Helmut Kohl eine - wenn auch fähige - Außenseiterin zur neuen Gesundheitsministerin machte. *
aus DER SPIEGEL 37/1985

Er habe sie zu sich gebeten, eröffnete Helmut Kohl der Dame, um sie näher kennenzulernen. Dann plauderten der Kanzler und die Professorin über Philosophie und Theologie. Dabei, staunte die Sozialpädagogin Rita Süßmuth, erwies sich ihr Gesprächspartner »als ausgewiesener Kenner auch der neuen Schriften«.

Noch mehr freilich überraschte die Dortmunder Hochschullehrerin eine Frage des Kanzlers zum Schluß dieser Begegnung im Juli: Ob sie Interesse habe, Nachfolgerin von Familienminister Heiner Geißler zu werden?

Rita Süßmuth hatte, doch es war die »schwierigste Entscheidung« ihres Lebens. Als sie, vor ihrer Zusage, ein zweites Mal mit Helmut Kohl sprach, nahm sie ihre 18jährige Tochter Claudia mit ins Kanzleramt, die der Offerte womöglich noch skeptischer gegenüberstand als Rita Süßmuth selbst.

Mit seinem Angebot folgte der Kanzler einer Empfehlung von Heiner Geißler; der hatte die Wissenschaftlerin und engagierte Katholikin bei der Vorbereitung des Essener Frauen-Parteitages kennengelernt und sie Helmut Kohl als seine Traum-Kandidatin angepriesen.

Der Entschluß des Kanzlers, Rita Süßmuth zur Ministerin zu küren, verärgerte die Riege der CDU-Parlamentarierinnen. Es sei empörend, schimpfte am letzten Dienstag die CSU-Abgeordnete Ursula Männle, wie die Unionsmänner mit den Parteifrauen umsprängen.

In zwei Briefen hatten die CDU-Abgeordneten Roswitha Verhülsdonk und Helga Wex den Kanzler ausdrücklich gebeten, eine der gestandenen Politikerinnen aus der Fraktion zu wählen. Das Amt stünde den Parlamentarierinnen zu, die, oft gegen den Widerstand ihrer männlichen Parteifreunde, für die Sache der Frauen und der Familie streiten. Wen auch immer von ihnen Kohl aussuche, die Solidarität der Kolleginnen sei der neuen Ministerin gewiß.

Eine Antwort erhielten sie nicht. Statt dessen wurden die möglichen Kandidatinnen in den Sommermonaten öffentlich »abtaxiert« (Männle): ob sie mütterlich genug oder zu sehr Emanze, nur Junggesellin, Mutter zu kleiner oder gar unehelicher Kinder seien.

Unverzeihlich finden die Christdemokratinnen, daß ihr Parteichef sie so lange im ungewissen ließ. Helga Wex, die Vorsitzende der CDU-Frauenvereinigung, erfuhr von der Entscheidung für Rita Süßmuth erst durch eine Agenturmeldung. Ursula Männle: »Ein solch böses Spielchen hätte man sich mit den Männern nicht erlaubt.«

Daß Außenseiter wie Rita Süßmuth, CDU-Mitglied erst seit 1977, den rührigen Parteifrauen vorgezogen werden, hat in der Union inzwischen Methode. Weder in Schleswig-Holstein noch in Rheinland-Pfalz wurden die Kandidatinnen der CDU-Frauen zur Sozialministerin bestellt: In Kiel machte die Gutsherrin Ursula Gräfin Brockdorff, in Mainz die Ärztin Ursula Hansen das Rennen. Die vielgepriesene Ochsentour, die mühsame Parteikarriere von unten, das müssen die Christdemokratinnen nun erkennen, wird ihnen bei der Postenverteilung nicht gelohnt. »Da gilt« 'so schimpft eine Unionsfrau, »der männliche Grundsatz: 'Lieber mal was Neues.'«

Sosehr sich die Unionsdamen über das Verfahren erbosen, wie die neue Familienministerin berufen wurde, politisch und auch persönlich hat niemand etwas gegen Rita Süßmuth einzuwenden. Sie gilt als unabhängige, fleißige und durchsetzungsfähige Wissenschaftlerin.

Die Bonner Szene ist der Professorin bislang nur vertraut aus der Perspektive einer Expertin, die zu Fachtagungen und Hearings gebeten wird. Ihren Mangel an parlamentarischer Erfahrung hofft sie ausgleichen zu können durch ihre »Fähigkeit, auch aus Fehlern zu lernen«. Auf jeden Fall soll die bisherige Parlamentarische Staatssekretärin Irmgard Karwatzki im Amt bleiben.

In ihrem künftigen Fachgebiet aber kennt Frau Süßmuth sich aus. »Politisch«, meint Ursula Männle, »liegt sie ganz auf unserer Linie.« Zwar leitet sie die Kommission »Ehe und Familie« beim Zentralkomitee der Deutschen Katholiken und ist Vizepräsidentin des erzkonservativen katholischen Familienbundes, aber als stramme Ideologin oder gar Propagandistin der heilen Familie trat sie niemals auf. Daß Frau Süßmuth in einem ihrer ersten Interviews ihr künftiges Amt als Ministerin für Jugend, Familie, Gesundheit und Frauen bezeichnete, sei nicht aus Versehen geschehen, betont sie. Vielmehr habe sie damit deutlich machen wollen, »daß die Frauenthematik keineswegs mit dem Begriff Familie abgedeckt ist«.

Daß Frauen einen Beruf ausüben, hält sie für selbstverständlich. Sie selbst hatte in ihrer eigenen Karriere immer wieder mit konservativen Vorurteilen zu kämpfen. Als sie sich um eine Dozentenstelle bewarb, fragte sie der Professor, wie sie sich die Arbeit denn vorstelle, wenn sie einmal ein Kind bekomme, und wie ihr armer Mann das aushalte.

Mit Vorurteilen aufräumen wollte Rita Süßmuth auch, als sie 1982 auch noch Leiterin des niedersächsischen Instituts »Frau und Gesellschaft« wurde. Schwerpunkt der Forschung wurden Themen wie »Mädchen in technischen Berufen« oder »Frauen und neue Technologien«. Sie wollte beweisen, daß auch der weibliche Teil der Bevölkerung für technische Berufe geeignet sei.

Daß sie sich nach langen Überlegungen und Gesprächen doch für das Ministeramt entschied, hat vor allem mit ihren Erfahrungen als Wissenschaftlerin in Bonn zu tun. Dort seien sie und ihre Kollegen nur interessant, solange sie die »richtigen« Daten und Erkenntnisse liefern - was damit geschehe, »darauf haben wir keinen Einfluß mehr«.

Jetzt möchte sie herausbekommen, »was eine Person in der Politik bewirken« kann. Ihre Sorge ist nur, »daß man vorsichtiger wird, entweder verstummt oder nur noch Allgemeinplätze von sich gibt«.

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