Zur Ausgabe
Artikel 22 / 49

Malaia - Malaise

aus DER SPIEGEL 28/1948

Chinesische Köche ließen ihre Schnecken im Stich, Araber ihre Freiluftläden, malaiische Passanten verkrochen sich in die Häuser. Es war in Singapur und hatte seine Gründe. Hintergründige. Ein polizeilicher Großrazzia-Monsun wirbelte durch alle Gassen der malaiischen Halbinsel und fegte 600 Kommunisten zusammen.

Die malaiische Regierung behauptet, allen Grund zu der Annahme zu haben, daß vorwiegend chinesische Kommunisten die unzähligen Morde der letzten Wochen auf ihr Konto buchen. Die Mordwelle überschwemmte alle neun Staaten des malaiischen Staatenbundes und schlug über Europäern und kuomintangierten Chinesen zusammen.

Als britische und einheimische Polizisten und indische Gurkhas in der Dschungelhauptstadt Kuala Lumpur das Hauptquartier der malaiischen Kommunisten stürmten, fanden sie das Nest leer. Sie hatten dort die Zentrale der Banditen gesucht, die seit acht Wochen der Schrecken der Gummipflanzer und Zinngrubenbesitzer auf der malaiischen Halbinsel und in Singapur sind. Aber die chinesischen Führer der kommunistischen »Liga des malaiischen Volkes« hatten sich rechtzeitig in die undurchdringlichen Dschungel abgesetzt. Von dort forderten sie alle »alten Kameraden« auf, die Waffen gegen die Briten zu erheben.

Sir Edward Gent, Hoher Kommissar Britanniens und Vorsitzender des Regierungsausschusses, verhängte über ganz Malaia den Ausnahmezustand. Er verstärkte die Polizei durch Truppen und gab den Einheiten die Vollmachten, nach eigenem Ermessen das Standrecht zu verhängen. Außerdem bat er seinen Vorgesetzten, Englands Kolonialminister Arthur Creech-Jones, um Waffen für die Europäer und um britische Truppen gegen die kommunistischen Chinesen. Die Unterhäusler berieten inzwischen darüber.

Eigentlich ginge sie die Sache gar nicht mehr so sehr an. Malaia hat seit dem 1. Februar des 48er Jahres eine Verfassung, die ein großer Schritt zur Selbständigkeit sein sollte. Damals wurde die »Federation of Malaya« geboren. Arthur Creech-Jones bekennt sich zur Vaterschaft und ist ganz froh darüber, daß der heftig strampelnde Staatenbund-Säugling neben seinen neun Sultan-Betreuern noch einen britischen Kommissar behalten hat.

»Der Kommunismus erntete, was die japanische Propaganda gesät hatte, und macht sich die Abneigung des Volkes gegen den Westen nutzbar«, hinterbegründete die London-»Times« die Terroraktionen. »Es gibt nur spärliche Beweise für eine direkte Einmischung der Sowjets in Südasien, dagegen mehr als genug für die dortigen Aussichten Rußlands. Außerdem weiß man, wie gut asiatische Politiker in der herkömmlichen kommunistischen Taktik geschult sind.«

Die Taktiker des panmalaiischen Gewerkschaftsverbandes können ihre 120000 Figuren nicht mehr auf rote Felder schieben. Sir Edward hat die Gewerkschaften für ungesetzlich erklärt. Mit der gut organisierten kommunistischen Geheimarmee ließ sich das nicht machen. »Raus mit den Europäern!« appelliert sie nach wie vor aus ihrem verborgenen Dschungelhauptquartier munter an das Nationalgefühl der braunen Roten Malaias.

Der Ruf erweckt in den Malaien selige Erinnerungen an die japanische Besatzungszeit. Die Japaner waren sehr für Selbständigkeit der Halbinsel und noch mehr dafür, den britischen Leu von Malaia zu vertreiben, der seine schützenden Tatzen seit 1864 um die vier Fürstentümer Perak, Selangor, Negri Sembilan und Pahang gelegt hatte.

Die Sultane der vier De-facto-Kolonien haben seit jener Zeit nicht mehr viel zu sagen. Bessere Chancen hatten ihre vier Pendants der nördlichen Sultanate Kedah, Kelantan, Trenganu und Perlis, die bis 1909 zu Siam gehörten und sich erst später mit britischem Nachdruck nach Süden brientieren mußten.

Immerhin behielten sie fast die gleichen Rechte wie der neunte, der Sultan von Johor. Er genoß außenpolitisch zwar den militärischen Schutz Großbritanniens, wahrte aber in einem eifersüchtigen Kompetenzkrieg mit der Kolonialverwaltung seine innenpolitischen Rechte. Bis die Japaner kamen.

Als es sich für die Japaner ausbesatzt hatte, versuchten die Engländer die verschiedenen Kolonien und Protektorate unter einen Hut, einen englischen Kolonialhut, zu bringen. Sie wollten vor allem den neun Sultanen die Macht nehmen. Und die Möglichkeit einer fortgesetzten Kollaboration mit den Japanern.

Die Malaien waren dagegen, die Chinesen waren dagegen. Die Malaien waren gegen die Chinesen und umgekehrt. Die Weißen vermittelten zwischen Braunen und Gelben. Sie vermittelten so lange, bis die Roten die Situation noch mehr verwirrten.

Hauptvermittler Sir Edward Gent vermittelte als Gent-leman: zu liebenswürdig, zu wenig durchgreifend. Man kabelte ihm aus London, er möge sich als mit sofortiger Wirkung gekündigt betrachten. Sir Edward fand keine Gelegenheit mehr, sich auf seinem englischen Landsitz zur Ruhe zu setzen: auf dem Rückflug stürzte er mit einer Verkehrsmaschine tödlich ab.

Gents Kollege Sir Alex Newboult, der Hauptsekretär der malaiischen Verwaltung, fungiert einstweilen als Hoher Kommissar. Gemeinsam mit Englands Generalkommissar für Südostasien, Marlcolm McDonald, soll er mit härteren Mitteln die annähernd 10000 malaiischen Terroristen bändigen. Zu viel steht für England auf dem Spiel: Malaia ist immer eins der reichsten Gebiete des Commonwealth gewesen. Sein Zinn und sein Gummi sind gerade heute für das dollararme Mutterland als Dollarverdiener unentbehrlich geworden.

Zur Ausgabe
Artikel 22 / 49
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.