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»Mama, warum hast du keinen Schlüssel?«

SPIEGEL-Redakteurin Ariane Barth über Mütter und Kinder im Gefängnis *
aus DER SPIEGEL 24/1985

Viva la mamma, auch wenn sie krumme Dinger dreht. Will die Polizei sie ergreifen, ist sie gerade wieder guter Hoffnung, bis schließlich sieben kleine Kinder für jenes Gesetz im Leben stehen, daß eine schwangere Frau nicht ins Gefängnis gesperrt werden darf und nach der Geburt noch sechs Monate bei ihrem Säugling bleiben kann.

Eine hinreißende Sophia Loren verklärte vor zwei Jahrzehnten in dem italienischen Film »Gestern, heute, morgen« die Verhältnisse im Lande der geheiligten Übermütter. Im Prinzip schützen bis heute die Artikel 146 und 147 des Codice Penale eine werdende oder gerade gewordene Mutter vor Vollstreckung einer Haftstrafe, wenn sie nicht in Mord, Entführung, Terrorismus oder ein ähnlich schweres Verbrechen verwickelt ist. Kürzlich wurde die Schonfrist sogar auf ein Jahr heraufgesetzt.

Gemessen an dieser Rechtsauffassung Italiens, der Wiege aller hochentwickelten Gesetzesordnungen in der westlichen Welt, herrscht in der Bundesrepublik archaische Härte. Gefangene Frauen mit dicken Bäuchen verrichten industrielle Arbeit bis zu Beginn der gesetzlichen Schutzfristen, und erst wenn die Wehen kommen, werden die Zellenriegel, Gittertüren und schweren Pforten für eine Geburt in einer normalen Klinik geöffnet. Es kann aber auch sein, daß eine Kreißende an ihr Bett gefesselt wird, so verfügt und geschehen im Orwell-Jahr 84 in Berlin.

Die Härte unserer Vollstreckungsgesellschaft setzt sich fort und trifft bis ins zweite Glied: An diesem Montag befinden sich 32 Kinder in bundesdeutschen Gefängnissen: Neugeborene unter ihnen, Krabbler, die sich an Gittertüren zum ersten Stehen hochziehen, aber auch hellwache Fünfjährige, die sehr genau wissen, daß sie »Knast-Kinder« sind. Ihre Mütter sind zumeist nur kleine Fische im viel zu engen, lange schon antiquierten Netz der Justiz. Sie gehören in der Regel zum großen Kreis der Inhaftierten, die, wie der Rechtsgelehrte und Kriminologe Peter-Alexis Albrecht sagt, »der Gesellschaft nicht gefährlich, sondern bloß lästig sind«.

Erst recht das Ideal, Gestrauchelten den Weg zur Resozialisierung zu eröffnen, zerbricht tagtäglich in der Wirklichkeit des Knasts, und übrig bleibt dumpfe Einsperrung, »eine Strafe«, so Albrecht, »aus der primitivsten Sphäre der Menschheit, die nur Rachegedanken befriedigt«. Addiert sich hierzu nun noch »die Sozialisation eines Kindes hinter Gittern, eines Kindes, das überhaupt nichts dafür kann«, müsse man, wie er meint, von einem »staatlichen Verbrechen« reden.

Die unguten Gefühle werden geteilt von manchen Repräsentanten des Strafvollzugssystems. »Wir tragen das schlechte Gewissen der Gesellschaft«, sagt die Leiterin der Frankfurter Frauenstrafanstalt, Sigrid Bernhardt, und trägt nicht leicht an der Modelleinrichtung eines Mutter-und-Kind-Heimes hinter der Mauer mit aufgemaltem Regenbogen. »Kind und Gefängnis passen nicht zusammen«, erklärt ihr Kollege in Schwäbisch Gmünd, Peter Peters, und muß doch in seiner Anstalt das Unvereinbare vollstrecken.

»Der Kinderknast ist das Perverseste, was es auf diesem Gebiet überhaupt gibt«, urteilt Horst Isola, ein Radikalhumaner im öffentlichen Dienst, der in Bremen zu entscheiden hat, wo und in welcher Form ein Verurteilter seine Strafe zu verbüßen hat. Gegen »Freiheitsberaubung« von Kindern zürnt bis heute der greise Professor Albert Krebs, ein Reformer im Strafvollzug schon der Weimarer Republik.

Was Krebs zu Beginn der 70er Jahre aufbrachte, sollte im Grunde ein Stück institutionalisierter Menschlichkeit werden: Es hatte die ältere, sehr viel hartgesottenere Generation von Gefängnis- und Zuchthausleitern manches Mal gedauert, einer Insassin ihr Neugeborenes von der Brust zu reißen. In rechtlicher Ungeregeltheit und organisatorischer Improvisation hatten verschiedene Anstalten die Kleinen eine Weile durchgefüttert.

Zugleich waren die Erkenntnisse des US-Kinderpsychiaters Rene Spitz über den Symptomkreis des »Hospitalismus« durchgedrungen. Er hatte weggenommene Kinder von inhaftierten Müttern in einem Heim beobachtet und alarmierende, durch mangelnde Zuwendung bedingte Schädigungen festgestellt, von monotonem Kopfwackeln bis zu geistiger Dumpfheit und gefühlsmäßiger Bindungslosigkeit.

Im sozialliberalen Reformklima gedieh ein neues (1976 verabschiedetes) Strafvollzugsgesetz, das im Paragraphen 80 bestimmt: _____« Ist das Kind einer Gefangenen noch nicht » _____« schulpflichtig, so kann es mit Zustimmung des Inhabers » _____« des Aufenthaltsbestimmungsrechts in der Vollzugsanstalt » _____« untergebracht werden, in der sich seine Mutter befindet, » _____« wenn dies seinem Wohle entspricht. » _____« Vor der Unterbringung ist das Jugendamt zu hören. »

Das Unvereinbare war geboten: Es galt, eine kindgemäße Atmosphäre in Häusern zu erzeugen, in denen die Gesinnung der Jahrhundertwende oder noch früherer Zeiten zu Stein geworden war:

Gesellschaftlichen Abschaum zu beschließen und zu kasernieren, niederzuhalten und zu disziplinieren, dazu waren diese Zellengalerien wie im bayrischen Aichach (zehn Plätze für Kinder) und im niedersächsischen Vechta (acht Plätze für Kinder) gebaut worden.

Diese Vielzahl von Gittertüren, eine jede stark genug, ein Rudel wilder Tiere zurückzuhalten - und am Ende findet man, im abgeschafften Aichacher Sondertrakt einstiger Beruhigungszellen, Märchenszenen an den Wänden und

Spielidylle in den Räumen: Hier könnte ein solide geführtes Kleinkinderheim sein, wären nicht die Gitter vor den Fenstern.

Die Mütter, deren Lebensraum die Galeriehallen und die Kleinsträume sind, aus denen eine nur hinausschauen könnte, wenn sie auf einen Stuhl steigen würde, kommen jeden Tag zu Besuch zu ihren Kindern. In Vechta dagegen haben die Gefangenen mit Kindern in einer Abteilung abseits vom allgemeinen Betrieb Gitterbetten in ihre vergitterten Zellen gestellt bekommen.

Auf einem der Flure im ebenfalls uralten Gefängniskrankenhaus in Bochum zeigt ein Arzt einem anderen gerade die Röntgenaufnahme von einem verschluckten Messer im Bauch eines Häftlings. Siebenmal war vor einem auf- und hinter einem wieder zugeschlossen worden, dann schließlich wird eine Zelle entriegelt, ein verhuschtes Kind mit aufgerissenen Augen liegt in seinem Bett, eine verhuschte Frau mit aufgerissenen Augen sagt monoton, sie mache keine Angaben, Zelle zu: ein noch eingeschlossener Neuzugang in der Mutter-Kind-Station (drei Plätze). Während dessen bewegt sich eine andere, schon länger einsitzende Insassin fröhlich saubermachend, umkrochen von ihrem Söhnchen, frei durch verschiedene Stockwerke.

Ganz anders die Atmosphäre in Schwäbisch-Gmünd, wo das Frauengefängnis in einem ehemaligen Kloster untergebracht ist. Ein kleines bescheidenes Haus - es diente einstmals Wärtern als Dienstwohnung - beherbergt eine Art Mütterkommune (acht Plätze). In der etwas schäbigen, doch gemütlichen Wohnküche sitzen alle beieinander, Geschwätz, Gelächter, spielende Kleinkinder dazwischen, und die beiden Babys lallen zum Trubel. Die Schlafstübchen haben Fenster zum Öffnen ohne Gitter davor. Das Haus in dem Klosterhof mit dicken Mauern wird nur abends um acht verschlossen. Seine Bewohner können in Notfällen über eine Sprechanlage Kontakt zum Aufsichtspersonal aufnehmen.

Aufwendig im Vergleich zu dieser Improvisation die für zwei Millionen Mark gebaute Modelleinrichtung (18 Plätze) innerhalb der Gemäuer der hundert Jahre alten Anstalt in Frankfurt-Preungesheim. Das untere Stockwerk wirkt wie eine moderne Kindertagesstätte, die weitläufigen Räume haben große Fenster und Türen hinaus auf einen Spielplatz, der wie alle guten Spielplätze wäre, wenn nicht die Welt an der großen, von Kunststudenten bemalten Mauer endete.

Der Stacheldraht auf der Krone schimmert unverkennbar durch die gelbe Plexiglasverkleidung. Schwere Gittertüren, des nachts verschlossen, trennen vom Spielbereich für den Tag die Flure mit den Zellen, wo Mütter und Kinder schlafen: »Unsere Wohnung«, »unser Zimmer«, wie es im Sprachgebrauch der inhaftierten Frauen heißt, hat Gitter vor den Fenstern:

Das »Feinste vom Feinen«, rühmt man sich in der Berliner Justizbehörde, sei hier für Mütter mit Kindern eingerichtet worden. Es begann mit einem Ausbruch von vier Terroristinnen aus der ehemaligen Heeresarrestanstalt: Als politische Antwort klotzte Berlin für rund 117 Millionen Mark das modernste Frauengefängnis in der Bundesrepublik hin, das Anfang März dieses Jahres mit einer feierlichen Schlüsselübergabe eingeweiht wurde, während vor der Pforte der einstige Apo-Clown, spätere Zündler, Häftling und jetzige AL-Abgeordnete Dieter Kunzelmann mit Gefährten in Trauerkleidung samt Grabkranz Protestwache hielt und schwarzgeränderte Anzeigen gegen »diese in Beton gegossene Unmenschlichkeit« verteilte.

Das Mutter-und-Kind-Haus (zehn Plätze) ist zweckdienlich ausgestattet bis hin zur Nachttopfspülmaschine. Überreichlich sanitäre Einrichtungen, massenhaft Kinderklos. Die Zellen mit großen und kleinen Betten ähneln Kleinzimmern in Schlichthotels. Mit Gemeinschaftsraum wurde nicht gegeizt. Raum allerdings von einer blitzblanken, unglaublich öden Sterilität, alles in Beige gehalten, abgesetzt mit düsterem Grün, der Farbe auch der Gittertüren.

Hinter einer befand sich, völlig isoliert, verloren in einem ganzen Stockwerk, eine Libanesin, die abwechselnd stumpf dasaß, dann wieder mit dem Kopf gegen Wände rannte und derart wütete, daß Aufseherinnen sich schon um ihr Baby sorgten. Sie bemühten sich um Lockerung der gesetzlich vorgeschriebenen Trennung von Verurteilten und Untersuchungshäftlingen, doch der Richter ließ sich zunächst nicht erweichen, da die Frau verdächtigt wird, in größerem Stil mit Heroin gehandelt zu haben. Erst nach drei Wochen gab er nach, die durchgedrehte Fremde wurde zu den übrigen Müttern verlegt.

Nein, eingerichtet haben sich in der teuren Unwirtlichkeit weder Bedienstete noch Insassinnen. »Ick fühl' mir hier völlig eingebunkert«, sagt eine Mutter, ihre Kleine will ständig »Ada-Ada« gehen. Zwar könnten sie sich jederzeit aus dem Haus herausschließen lassen, aber wohin? In dem ganzen Komplex hinter einer 5,30 Meter hohen Betonmauer mit fünf Wachtürmen und zwei Beobachtungskanzeln wohnt die neuzeitliche Tristesse, die um so bodenloser ist, als sich hier die alte Verschließergesinnung in einer ästhetisierten Architektur präsentiert, bis hin zum Detail schräggestellter, weißer Gitterstäbe mit schwarzgemalten Verbindungsstücken, damit sie nicht so gittrig aussehen.

Das wären sie, die bislang sechs Kindergefängnisse der Bundesrepublik. Daß sie trotz aller Investitionen wenig geeignet für ein Aufwachsen jüngster Staatsbürger sind, stellten die Gefängnisdirektoren selber unter Beweis. Den gesetzlichen Rahmen, den Nachwuchs gefangener Frauen bis zur Schulpflicht zu behalten, mögen sie nicht ausschöpfen.

Aus dem Bochumer Krankenhaus müssen die jüngsten Insassen mit 18 Monaten hinaus. »Danach erfassen sie zu sehr ihre Umgebung, und das kann nicht gut sein«, wie der Anstaltsleiter Gerhard Berg sagt. In vier Einrichtungen beträgt die Altersgrenze etwa drei Jahre. »Nur schweren Herzens« nimmt der Aichacher Chef Wolfgang Deuschl ein größeres Kind auf. Allein das Frankfurter Modellheim hat, wie der Gesetzgeber vorsah, auch Plätze für Vorschulkinder.

Es ist gewiß ein Fortschritt, daß der Staat überhaupt begonnen hat, bestraften Frauen das Problem abzunehmen: Wohin mit dem Kind? Das Privileg, sich nicht trennen zu müssen, genießt nur eine Minderheit von Müttern. Was dem Kindeswohl entspricht - der Paragraph ist dehnbar, die Auffassung der Jugendämter höchst unterschiedlich. Wer nicht in Hessen wohnt, aber ein Kind über drei Jahre mit in die Haft nehmen will, muß das Glück haben, daß verschiedene Instanzen rotieren und eine Überführung nach Frankfurt ermöglichen. Manche Frauen haben tränenreiche Abschiede und zähe Kämpfe hinter sich, bis sie nach Monaten schließlich doch mit ihrem Kind hinter Mauern wieder vereint wurden.

Wie viele Kinder wer weiß wo untergebracht sind, während ihre Mütter sitzen, ist der deutschen Bürokratie unbekannt. Völlig im dunkeln verbleibt das Schicksal der über Sechsjährigen, für die der Gesetzgeber keine spezielle Fürsorge vorgesehen hat. Wurstelt sich die Restfamilie nicht irgendwie durch, die allgemeine Wohlfahrt wird's schon richten.

Ihr fallen in der Regel auch diejenigen Kleinkinder anheim, deren Mütter zu langjährigen Strafen verurteilt wurden. In Berlin nahm der Justizsenator der Gefangenen Beate Hermany, die wegen eines Raubüberfalls mit Schießerei zu elf Jahren Haft verurteilt wurde, den neugeborenen

Sohn mit dem Argument, eine sofortige Trennung würde dem Kindeswohl eher entsprechen als ein Aufschub von einigen Jahren. Die Existenz des Kindes ist ohnehin eine Provokation der Behörden, denn es wurde gezeugt, als sich Frau Hermany mit ihrem ebenfalls inhaftierten Mann in Räumlichkeiten der katholischen Kirche hatte treffen können. Gegen den Willen der Eltern wurde der Säugling in einem Heim untergebracht. Um die Muttermilch zu transportieren, waren Bedienstete der Anstalt täglich drei Stunden unterwegs.

Die Zwangstrennung von Mutter und Kind erregte öffentliches Aufsehen, Proteste erhoben sich, was Anstaltsleiter Wolfgang Höflich so recht nicht verstehen kann: »Da gibt es viele solcher Fälle.« Er hat den nächsten bereits im Haus: eine schwangere Untersuchungsgefangene, die, gemeinsam mit ihrem Geliebten, den Gatten umgebracht haben soll.

In Aichach allerdings wurde ein ähnlicher Fall milder gehandhabt. Eine zu lebenslanger Haft verurteilte Frau durfte ihr Kind bis zum Alter von zweieinhalb Jahren behalten, dann wurde eine Pflegefamilie in der Nähe gefunden, der Wechsel gut vorbereitet. Mutter und Kind sehen sich jetzt alle zwei Wochen. Der Junge kennt seine alte Umgebung, wird geliebt vom Personal, das noch heute ständig von ihm spricht: Das Gefängnis ist kein Schock für ihn, der Gegensatz von draußen und drinnen ist ihm geläufig, er kann sein Schicksal von klein auf tragen lernen, statt eines Tages von ihm überwältigt zu werden.

Befriedigende Lösungen aber sind bei derartigen Tragödien selten zu finden. Eine Gefangene in Schwäbisch-Gmünd aber war an einen Richter geraten, der sie für die Tötung ihres Geliebten bewußt so niedrig bestraft hatte, daß sie, wenn ihre Tochter drei Jahre alt sein wird, mit Strafnachlaß rechnen kann. Sie kam zudem in eine Anstalt, wo sie eine bessere Schulbildung nachholen kann.

Für gewöhnlich aber findet man hinter Mauern und Gittern keine Mütter, die schwere Schuld auf sich geladen haben. Es sind kleine Diebinnen aus dem Armutsmilieu; eine klaute in Läden trotz siebenmaliger Verurteilung immer wieder für ihre vier Kinder etwas anzuziehen und zu essen. Andere verschoben unbezahlte Versandhauswaren. Im getrennten Knast endeten die Züge von Bonnie-und-Clyde-Pärchen, die sich mit täppischen Überfällen oder auch Brüchen durchzuschlagen versuchten. Schecks verführten zu diversen krummen Touren; eine löste, allerdings im Rückfall, nur die eigenen ungedeckten Postschecks ein. Hier und da eine Betrügerin

mit etwas raffinierterer Tat oder auch eine Hochstaplerin - zumeist Eigentumsdelikte aller Art, oft nur mit geringem Schaden.

Dazu kommen Frauen aus der Drogenszene, teils bloße Geschäftemacherinnen, teils Getriebene ihrer Sucht. In Frankfurt sitzen fast immer einige Mütter aus exotischen Ländern, die sich als fliegende Drogenkruiere verdingt und gehofft hatten, mit Kind auf dem Arm nicht aufzufallen.

Daß es sich nicht um schwerkalibrige Kriminelle handelt, zeigt auch die durchschnittliche Verweildauer der Mütter mit Kindern an: in Frankfurt 18 Monate, in Vechta 16 Monate, in Aichach bloß um die neun Monate, was jedoch nicht etwa an bayrischer Gnädigkeit liegt, sondern ganz im Gegenteil an der Hartnäckigkeit der Justiz, auch Kurzstrafen von drei Monaten zu vollstrecken. »Geht es nicht anders?« ist da die stehende Frage von Gefängnisdirektor Deuschl: »Dann heißt es bei der Staatsanwaltschaft, nein, die Frau braucht einen Denkzettel.«

So mußte eine Frau, im siebten Monat schwanger mit Zwillingen, in den Bau, weil sie von einer Geldbuße in Höhe von 3000 Mark (wegen uneidlicher Falschaussage) die restlichen 1000 Mark nicht gezahlt hatte; deshalb verlor sie die Bewährung, zu der eine andere Strafe von sechs Monaten Gefängnis (wegen Verletzung der Unterhaltspflicht) ausgesetzt worden war. In ihrer Geldnot konnte sie auch nach der Verurteilung für ihr bei Pflegeeltern untergebrachtes Kind nicht zahlen. Ebensowenig vermochte sie sich dann einen Anwalt zu leisten, der für sie vielleicht Haftverschonung hätte erwirken können.

In dieselbe Anstalt wurde eine mädchenhaft junge Frau eingeliefert, weil sie zwei Jahre zuvor bei einem Ausgang aus dem Jugendgefängnis ausgerissen war. Sie hatte inzwischen geheiratet, ein Kind bekommen und angemeldet, den Führerschein gemacht, ein polizeiliches Führungszeugnis beantragt und erhalten, also durchaus ein bürokratisches Dasein geführt und sich absolut in Sicherheit gewähnt, als eines Tages die Polizei vor der Tür stand und sie mit Sohn auf dem Arm aus ihrem bürgerlichen Leben riß; ihr Mann, sagt sie, sei dabei »regelrecht durchgedreht«.

Einen Schock erleben so gut wie alle Frauen, wenn sie dem Gesetz der totalen Institution unterworfen werden, und zweifelsohne geben sie ihn an ihre Kinder weiter, auch an die ungeborenen, die, wie die pränatale Medizin neuerdings weiß, hochsensibel auf das Befinden ihrer Mutter reagieren.

Die ersten Tage, manchmal Wochen der Dumpfheit, als wanderten sie in einem Alptraum - Schwangere reißen sich schließlich unter der Angst zusammen, daß sonst das Wesen in ihrem Bauch noch mehr abbekommen könnte. Genervt von Schreiereien ihrer Sprößlinge, fügen sich Neuzugänge in das tägliche Einerlei.

Das gemeinsame Gefangensein verstärkt die symbiotische Situation, in der sich Mutter und Kind normalerweise befinden. Einige Kinder mit einem Defizit an Symbiose, daheim vernachlässigt, herumgeschubst, nachts allein gelassen, blühen unter den neuen Verhältnissen auf. Es gibt Frauen aus derart desolaten Lebensumständen, daß sie im Schonraum der totalen Institution Zeit zur Besinnung und die Chance finden, eine tragfähige Beziehung zu ihrem Kind aufzubauen.

In der Regel aber bringt es die erzwungene Nähe von Mutter und Kind mit sich, daß sich die Gefühle schnell überwälzen und die miese Lage der Gefangenen zum Lebensgefühl des Kindes wird. Äußerlich allerdings wechseln sich Zusammenhocken auf engstem Raum und Trennung ständig ab. In allen Anstalten müssen die Mütter arbeiten, durchweg sieben Stunden am Tag. Sie drücken Dias in Rähmchen, sie sitzen an der Nähmaschine, sie waschen die Anstaltswäsche. Derweil werden ihre Kinder von Fachpersonal betreut, zumeist innerhalb der Anstalt.

In Berlin werden Kinder ab einem Jahr (per Taxi), in Frankfurt vom dritten Lebensjahr an (vom Anstaltsbus) in ein öffentliches Kindertagesheim gebracht.

Zu Mittag übernehmen in der Regel die arbeitenden Mütter wieder ihre Kinder, füttern die Kleinen, essen gemeinsam mit den größeren. Für die Babys gibt es Fertigmilch und Gemüse aus Gläsern, ältere Kinder bekommen teils ein Extraessen, teils die Gefängniskost. Die Zeiten, als noch der letzte Fraß in den Blechnapf kam, sind vorbei. Schlecht ernährt sind die jüngsten Insassen in bundesdeutschen Haftanstalten nicht.

Nach der Mittagszeit werden die Mütter zur zweiten Arbeitsschicht umgeschlossen. Wer sich drückt, schmälert sein Hausgeld (60 bis 120 Mark pro Monat) für Einkäufe.

Einzig die Anstalt Vechta gibt den Müttern nachmittags frei bei finanziellem Ausgleich; aber es wird darauf geachtet, daß sich die Gefangenen in dieser Zeit wirklich mit ihren Kindern beschäftigen.

Entkommen läßt sich der Symbiose in der Zelle nur in die Gruppenräume, in den Streß einer Gemeinsamkeit mit Frauen und Kindern, die einander als Umgang keinesfalls erwählt haben würden. Der Clinch unterschiedlichster, auch schwierigster Charaktere ist ein Nährboden für Krach und Gemeinheit. In so einem Klima kann es passieren, daß Babymilch mit Putzmittel versetzt wird, wie in Schwäbisch Gmünd geschehen.

Unterhalb der Hierarchie des Personals formiert sich die Kleinhierarchie der Gefangenen immer wieder mit Handgreiflichkeit. Ständig schwirrt Mißstimmung, ständig müssen Bedienstete als

soziale Feuerwehr eingreifen, gewiß kein günstiges Lernfeld für Kinder.

Die Fachkräfte sind zumeist an Werten der Mittelschicht orientiert, gefangene Frauen stammen aber überwiegend aus der Unterschicht. Wer da herkommt, wo Schläge zur Erziehung üblich sind, hat sich umzustellen, gewiß ein Vorteil für die Kinder, aber eine schwierige Situation für die Mütter. Erzieher, die auf Fragen phantasieanregende Antworten geben, während die eigene Mutter sprachlos mit den Schultern zuckt, Erzieher, die mit ihren Zöglingen knuddeln, während die eigene Mutter zu verhärtet für Zärtlichkeit ist: So ergibt sich, daß manches Kind, auch um sich aus seiner Verkettung mit dem Schicksal der Mutter zu befreien, im Personal die bessere Mutter sucht.

Diese Bitternis müssen gefangene Frauen ertragen, die zugleich anderer gewohnter Rollen beraubt sind: nicht länger begehrte Frau eines Mannes, nicht länger Herrin im eigenen Haushalt, nicht länger eine sich nach eigenem Gutdünken verkaufende Person in der Arbeitswelt, nicht länger eilende Einkäuferin oder müßige Spaziergängerin. Sie haben ihre Autonomie verloren, ihre Muster zur Selbstdarstellung sind zerstört, aber ihre Intimsphäre ist bis hin zur kriminellen Verfehlung transparent.

Es kann gar nicht ausbleiben, daß sich Kindern das Verschwinden von Persönlichkeitsmerkmalen ihrer Mütter mitteilt. Den Kleinsten schleift sich in hochsensibler Prägungsphase von vornherein ihr nächster Mensch als eine Person minderen Wertes ein. Größere Kinder neigen dazu, ihrer Mutter nicht mehr zu folgen. Wie auch sollten sie eine Autorität anerkennen, die von der totalen Institution tagtäglich und in unzähligen Kleinigkeiten abgewirtschaftet wird? So wie die Mutter, die immer gehorchen muß, können sie gar nicht sein wollen.

Kaum ein Kind, das schon greifen kann, für das nicht Schlüssel von besonderer Bedeutung wären, die klar erkennbaren Insignien von Macht, deren Träger über Türen und Gitter herrschen. Daß Kinder alles stehen- und liegenlassen, wenn sie das Rasseln von Schlüsseln hören und immer wieder fassungslos das Auf- und Zuschließen beobachten, gehört zum Gefängnisalltag. Kaum ein Bediensteter, der nicht im Konflikt steht, ob er ein Kind mit dem Zauberding mal spielen läßt und gegen die Vorschriften verstößt oder ob er durch Verweigerung das hochgereizte Interesse noch mehr anheizt und riskiert, daß ihm ein Schlaumeier das Symbolmetall stibitzt. Kaum ein Kind, das schon Sätze spricht und nicht fragt: »Mama, warum hast du keinen Schlüssel?«

In Frankfurt hat man den Müttern, damit sie den Kindern wenigstens etwas vorweisen und ein bißchen Intimität beschließen können, den Schlüssel für die eigene Zelle ausgehändigt. Der Einschluß erfolgt flurweise, das zentrale Problem bleibt bestehen. In Berlin stecken die Kinder ständig Tintenkulis in die Schlösser. In Aichach sind massenweise Plastikschlüsselbunde angeschafft worden.

Da rennen und klappern die Kleinen damit herum, das Wort Gefängnis aber kennen sie nicht, wie das Personal versichert. Man sagt allgemein »daheim«, und so sagen die Kinder. Die Frankfurter Anstalt verlangt jedoch von den Müttern die schriftliche Zusicherung, daß sie ihre Kinder vom dritten Lebensjahr an über ihre »Haftsituation« in Zusammenarbeit mit den Erziehern »altersgemäß« aufklären.

Doch es fällt ihnen schwer, und viele flüchten sich erst einmal in die Ausrede vom Aufenthalt im »Krankenhaus«. Die Erzieher aber drängen darauf, daß keine Lügen erzählt werden. »Warum sind Gitter vor unseren Fenstern?« Auf solche Fragen antworten sie: »Was meinst du, warum das wohl so ist?« - »Daß wir nicht rausfallen.« Diese, den Kindern immer wieder von ihren Müttern suggerierte Antwort lassen die Erzieher so nicht gelten. Je nachdem, wie ein Kind seine Lage selber sieht, fügen sie Informationen hinzu, und sie nennen die Institution beim bürokratischen Namen: »Mutter-und-Kind-Heim für straffällig

gewordene Frauen«. Standardfrage: »Was ist eine straffällig gewordene Frau?« Standardantwort: »Sie hat einen Fehler gemacht, wie wir alle ihn machen könnten.«

Freiheit und Unfreiheit, Begriffe, die anderen Kindern bis weit in die Schulzeit fremd bleiben - die jüngsten Insassen deutscher Gefängnisse vermögen sie zwar nicht zu verstehen, aber sie erfahren den Gegensatz ständig am eigenen Leib.

In jeder Anstalt wird Sorge dafür getragen, daß die Kinder oft hinauskommen. Die an Reizen arme Umwelt innerhalb von Mauern kann - da herrscht Klarheit in den Köpfen der Verantwortlichen - auf Dauer nicht förderlich sein für Kinder. »Selbst ein Säugling muß ab und zu durch die Gegend geschaukelt werden«, sagt in Bochum der Strafvollzugsleiter Berg.

Finden sich keine Angehörigen, die das Kind abholen, ziehen Bedienstete mit dem Kinderwagen los. In Vechta wird einmal die Woche Ausgang von Müttern und Kindern in ein Stadthaus organisiert, wo sich interessierte Bürger einfinden.

Der Weg hinaus aber führt durch eine beklemmende Abfolge von Gittern, durch öde Gänge und triste Höfe, schließlich durch die hochgesicherte Pforte. Wieder hinein kommt ein Kind nur, nachdem es nackt ausgezogen wurde. Die Entwürdigung, die sie als Erwachsene dabei empfinden würden, mildern Bedienstete, indem sie die Prozedur so unauffällig wie möglich gestalten, als Umziehaktion oder Badezeremonie. Aber sie tun sorgsam ihre Pflicht. Es sind selbst in Windeln schon Drogen geschmuggelt worden, und auch für kleine Annehmlichkeiten wie Kosmetika, die sich Gefangene von ihrem Hausgeld kaum kaufen können, dienten Kinder oft genug als Versteck. Gleichwohl verzichtet man in Frankfurt bei Kindern über zweieinhalb Jahren auf die Körperkontrolle.

Drinnen und draußen, Kinder verkraften den Wechsel zwischen zwei Welten nicht leicht. Zumal in den hochgereizten Tagen, da ihre Mütter endlich Urlaub vom Knast haben, sind sie oft verstört. Daß der Sohn die erste Nacht in Freiheit nur schrie und am anderen Morgen ständig gegen Gegenstände lief, daß die Kleine wieder ins Bett machte und ihre Puppe krampfhaft umklammert hielt, daß der große Junge plötzlich ganz atemlos, aber irgendwie stolpernd sprach, derartige Schockreaktionen sind den Müttern geläufig. Die Reizüberflutung nach der Reizarmut hat ihre Folgen. Die Einsperrung wirkt nach in einer Versessenheit auf das Spiel, Türen auf- und zuzuschließen.

Drinnen und draußen - manche Kinder trennen beides derart stark, daß sie im Gefängnis nie von der Außenwelt reden und ebenso stoisch schweigen, wenn ihre Verwandten sich nach Einzelheiten über das Leben in der Anstalt erkundigen: »Frag nicht so dumm, du weißt doch, wo wir sind« - Antwort eines Viereinhalbjährigen an seinen Onkel.

Draußen, das ist die Gesellschaft, die zur Hälfte aus Männern besteht, Drinnen aber, das ist der künstliche Kosmos nur der einen Hälfte der Geschlechter. Die wenigen Männer, die sich darin privilegiert bewegen, geben allein schon deswegen für die Kinder ein verzerrtes Realitätsbild ab. Sie sind obskure Objekte von Sehnsüchten und Ängsten.

In Schwäbisch-Gmünd passiert es dem Anstaltsleiter Peters immer wieder, daß ihm ein Kind »Papa, Papa« nachruft, und die Mutter erklären muß: »Nein, das ist nicht Papa, das ist ein Mann.« Wenn in Aichach männliche Strafgefangene an einem Zaun vorbeikommen, geht durch die spielende Kindergruppe im Garten immer wieder der Ruf »Männer, Männer«, und wer laufen kann, rennt zum verdrahteten Durchgang. Babys, die sich von fremden Frauen ohne weiteres auf den Arm nehmen lassen, schreien, sobald ein Mann sie hochnimmt.

Kleine Kinder haben, so weiß die Psychologie, ihre Geschlechtsidentität im 18. Lebensmonat bereits ausgeprägt, teils positiv, teils negativ codiert (Ich bin wie der Papa, der Doktor, der Bäcker, aber nicht wie die Mama, die Oma, die Marktfrau). Wie dieser komplizierte Prozeß in der weiblichen Subkultur eines Gefängnisses abläuft, ist unbekannt.

Überhaupt ist ungewiß, ob Kinder in Strafanstalten nicht doch Schaden nehmen. Die Frage wird jetzt erst vom Frankfurter Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik untersucht.

Unabhängig davon, was denn als »Schaden« zu definieren wäre - Kinder erhalten durch ein Gefängnis zweifelsohne eine Prägung, eine Prägung für ihr ganzes Leben.

Säuglinge mögen das Gefängnis relativ unberührt überstehen. Spätestens aber, wenn ein Kind die Kapazität hat, ein so komplexes System wie Sprache erfassen zu lernen, dann dürfte sich auch die Struktur eines Gefängnisses in sein Innerstes eingraben. Kann es erst Mama sagen, hat es von seiner Umwelt schon immens viel kapiert.

Bei Spielkindern wird die Prägung dann offensichtlich. Schönste Puppenhäuser in der Frankfurter Anstalt, Kinder spielen damit immer wieder Zweierlei: heile Familie, ihre Sehnsucht, oder Gefängnis, ihre Realität. Das Kinderbild von einem Futterhäuschen für Vögel mit Gittern rundum, gemalt ebenfalls in Frankfurt, ist eine Anklage gegen unsere Strafvollzugsgesellschaft.

Es wäre ungerecht, den Mißstand innerhalb der Institutionen zu suchen, ihre Mitarbeiter bemühen sich oft genug über das normale menschliche Maß hinaus um ihre schwierige Klientel. Etwa die Aufseherin in Schwäbisch-Gmünd, die mit Engelsgeduld ein Glöckchen klingelte, um ein behindertes Kleinkind dafür zu interessieren, die ärztlich verordneten Bewegungsübungen zu machen und die Ärmchen auszustrecken.

Kein Ehepaar in der Bundesrepublik wie die Maelickes, die derart verstrickt

sind in die Fürsorge für gefangene Mütter mit Kindern und trotzdem zu den intimsten Kritikern der herrschenden Praxis gehören. Die Sozialarbeiterin Hannelore Maelicke, die selber eine kleine Tochter und einen halbwüchsigen Sohn hat, leitet das Frankfurter Mutterund-Kind-Heim, ihr Mann Bernd ist Leiter des Sozialpädagogischen Instituts, das dieses Heim wissenschaftlich begleitet.

Unermüdlich wie ein Prediger tritt er für Veränderungen ein. Besser als totale Institutionen wären seiner Vorstellung nach Wohngemeinschaften mit ambulanter Betreuung. Da die meisten Frauen mit Kindern für einen Freigang geeignet sind, müßten zumindest offene Anstalten her. Weil es aber in der Bundesrepublik derartige Einrichtungen nicht gibt, verlieren die Mütter durch diese systembedingte Ungerechtigkeit das kleine Stückchen Freiraum, das der Gesetzgeber im Grunde vorgesehen hat.

Das soll sich wenigstens in Frankfurt ändern. Frau Bernhardt, die Leiterin des gesamten Frauengefängnisses, plant, die Mauer mit dem Regenbogen einreißen und neu so ziehen zu lassen, daß sich das Mutter-und-Kind-Heim außerhalb der Umzwingung befindet. Innerhalb soll es nur noch eine kleine Station geben, vor allem für Untersuchungshaft, damit zum »Schockmoment« der Festnahme nicht noch der »brachiale Akt« kommt, einer Mutter das Kind wegzureißen.

Als Modell wurde die Frankfurter Einrichtung wegweisend, nun ist zu befürchten, daß sie kopiert wird, ohne Berücksichtigung des bevorstehenden Wandels. Frau Bernhardt: »Es ist nicht angebracht, das zu wiederholen, denn hier wird sich einiges ändern.«

Von Frankfurt inspiriert, befindet sich in Berlin bereits das geschlossene Mütterhaus, in Vechta wird gegenwärtig neu gebaut, für künftige elf Mütter und 15 Kinder, hinter der Mauer; in Nordrhein-Westfalen stehen sechs Millionen Mark bereit, um der Justizvollzugsanstalt Willich eine Abteilung für 20 Frauen mit 24 Kindern anzugliedern, in Aichach werden diverse Neubauten geplant, auch für Kinder, wiederum hinter der Mauer. Allein in Schleswig-Holstein wurde ein anderes Konzept entwickelt: Vor der Mauer des Gefängnisses in Lübeck-Lauerhof wird ein tagsüber offenes Haus für Sozialtherapie errichtet, in dem, neben männlichen Gefangenen, auch drei Mütter mit Kindern untergebracht werden sollen. Auf Gitter vor den Fenstern wird auch hier nicht verzichtet werden.

Strafvollzugskritiker kennen den fatalen Mechanismus. Sind Einrichtungen erst da, werden sie auch genutzt. Der Sozialwissenschaftler Maelicke spricht von einem »Sogeffekt": »Jede neue Anstalt war bisher schnell zu.«

Mußten seit Inkrafttreten des Gesetzes schon einige hundert Kinder das Gefängnis durchlaufen, werden es in den 80er Jahren an die tausend werden. »Die beste aller Lösungen aber wäre«, so Maelicke, »wenn Mutter und Kind gar nicht erst aus ihren sozialen Bezügen herausgerissen würden.« Statt neuer Baumaßnahmen bedürfte es eines tiefgreifenden Wandels in unserem Rechtssystem.

Aufgerufen sind als erste die Richter, die nach Maelickes Einschätzung viel zu wenig die sozialen Folgen ihrer Urteile bedenken. Anstatt daß der Ermessensspielraum zu Milde genutzt wird, verführt die Existenz von Kinderstationen im Gefängnis offenbar zu der richterlichen Denkart, es sei ja alles geregelt, was müsse man sich da um das Kind einer Angeklagten den Kopf zerbrechen.

Wäre andererseits mit unserer Rechtsvorstellung vereinbar, daß ein Kind seine Mutter vor dem Gefängnis bewahrt? »Ja, doch«, sagt der Bremer Jurist Isola, »der Staat kann sehr wohl die Abwägung vornehmen, daß ihm das unbeeinträchtigte Mutter-Kind-Verhältnis mehr wert

ist als die Vollstreckung einer Strafe; es reicht die Feststellung von Schuld.«

Der Rechtsgelehrte Albrecht verweist darauf, daß bei der Aussetzung von Strafen zur Bewährung ohnehin eine Fülle von sozialen Indikatoren berücksichtigt wird; die Fürsorge für ein Kind müßte selbstverständlich auch dazu zählen: »Und wenn dadurch ein paar Kinder mehr geboren werden, da sollten wir nicht so zimperlich sein, viele dürften es sowieso nicht werden.«

Warum nicht auch Halbwüchsigen in ihren Adoleszenzkrisen die Mutter belassen, warum nicht auch Väter berücksichtigen, sind doch durch deren Inhaftierung ganze Familien bestraft? Denkbar wäre zum Nutzen einzelner wie der Gesellschaft, statt Menschen einzusperren und immer neue Haftplätze zum Preis von je 300 000 Mark zu schaffen, sie zu gemeinnütziger Arbeit zu verurteilen. Wegweisend in dieser Richtung ist, daß seit kurzem Geldstrafen, die arme Leute nicht bezahlen können, statt in Haft in die Aufgabe sozialer Mithilfe umgewandelt werden.

In Kreisen von sozialdemokratischen Juristen und bei den Grünen sowieso wird die Forderung laut, daß der gesamte Bereich der kleinen und mittleren Kriminalität der Abstrafung in Anstalten entzogen werden sollte. Es gärt bei Gefängnisdirektoren, in Arbeitsgemeinschaften wird über Sinn und mehr noch Unsinn des Vollzuges nachgedacht, dient er doch keineswegs der Resozialisierung und ist auch nicht durch Hereinpumpen von noch mehr Geld zur sozialen Reparaturanstalt zu machen.

»Das Zeitalter der Einsperrung geht zu Ende«, sagt Albrecht, »die Gesellschaft muß sich andere Modelle zur Konfliktschlichtung einfallen lassen.«

Vordringlich zu ändern wären Bewährungsgesetzgebung und Praxis. Die Beschränkung, daß nur bei Strafen bis höchstens zwei Jahren die Vollstreckung ausgesetzt werden darf, muß fallen, die soziale Kontrolle verbessert werden. Wenn sich Rückfall an Rückfall reiht, wenn sich lauter winzige Delikte zu längerfristigen Strafen summieren und schließlich eine Mutter mit Kind im Gefängnis landet, so liegt das nicht nur am Charakter der Betroffenen. Auch die Hilfe zur Bewährung hat versagt; zu den Ursachen der kriminellen Verfehlungen, ob diese nun in materiellen oder seelischen Problemen begründet sind, drang sie nicht vor. Hilflose Helfer, überlastet von Fällen, obwohl doch so ein großes Reservoir von Arbeitslosen aus Psychologie, Pädagogik und anderen sozialen Berufen zur Verfügung steht - die Gesellschaft verschiebt Konflikte und Kosten zu großem Schaden, anstatt im Kleinen Probleme zu lösen.

Gnade vor Recht, dieser theoretisch bestehende Weg führt die mitgefangenen Kinder selten in Freiheit. Zwar verweisen Experten in den Justizministerien gern auf die Gnadeninstanzen, wenn sie rein moraltheoretisch mit der Frage Kind hinter Gittern konfrontiert werden, in der Praxis aber ist Gnade rar.

Frauen mit mangelhafter Bildung, desinteressierte Anwälte, da kommt es oft gar nicht erst zu einem Gnadengesuch. Findet sich aber ein Trommler - auch er scheitert leicht wie der Berliner Anwalt Dietrich Scheid, obwohl er verschiedene Instanzen mit Schriftsätzen bombardierte: Er erhob beim nordrhein-westfälischen Justizministerium Beschwerde gegen die negative Entscheidung des Gnadenbeauftragten, vergeblich, er wandte sich an den Petitionsausschuß des Düsseldorfer Landtages, erfolglos.

Der Sohn seiner Mandantin konnte sich in die Frankfurter Anstalt nicht einfügen, er nahm ab, er machte wieder ins Bett, er hatte Durchfall, er erbrach und überaß sich abwechselnd. Die Ärztin, die ihn untersuchte, ließ er in panischer Angst kaum an sich heran. Sie diagnostizierte, daß die psychosomatische Krankheit des Kindes als Auflehnung gegen seine neue Lebenssituation gedeutet werden müsse, und plädierte dafür, den Jungen zusammen mit seiner Mutter schleunigst in »normale Verhältnisse« zurückzulassen.

Die beiden saßen 19 Monate, als schließlich die Gnadenstelle der Gefangenen das letzte (übliche) Drittel der Strafe und einen einzigen Monat darüber hinaus erließ. Ein kleiner Junge, der Resignation hat lernen müssen, verließ die Anstalt mit einer Mutter, die noch immer ins Zittern gerät, wenn sie an ihr demütigendes Erscheinen vor dem Gnadenbeauftragten denkt: »Da saß er, braungebrannt, Typ Playboy mit Brillantenklunker, machte eine wegwerfende Handbewegung, sagte, was wollen Sie, Sie stehlen mir nur meine Zeit, und ich stand da wie eine Laus, zertreten von seinem Grinsen.«

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