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»Mama Wetus« Abgang

aus DER SPIEGEL 38/1992

Das Ende konnte trauriger kaum kommen. Die verlassene Geliebte zetert und droht dem um Jahrzehnte jüngeren Mann: Er solle aufhören herumzuhuren und ihr gefälligst helfen, die Unterschlagung zu vertuschen, die sie seinetwegen begangen habe. »Ich lass' mich nicht zum Narren halten, Dali.« Und schon gar nicht mit einer »weißen Hexe«.

In Zeitungen konnten die Südafrikaner per Faksimile nachlesen, was Winnie Mandela, 58, am 17. März dieses Jahres an Dali Mpofu, 30, geschrieben hat. Daraufhin legte die einstmals in der ganzen Welt bewunderte Frau alle Funktionen im African National Congress (ANC) nieder. Winnie Mandela war für die Befreiungsorganisation zur unerträglichen Belastung geworden.

Der »Mama Wetu« ("Mutter der Nation") hing der Geruch einer vom Ehrgeiz getriebenen Lady Macbeth an, besonders seit ihre Leibwache 1988 unter ihrer Aufsicht vermeintliche Verräter gefoltert hatte. Stompie Seipei, ein 14jähriger ANC-Enthusiast, starb an Messerstichen. Ein Gericht verurteilte Winnie Mandela wegen Entführung und Beihilfe zur Körperverletzung zu sechs Jahren Haft.

Daß eine Berufungsverhandlung und damit wohl der Strafantritt immer wieder verschoben wurde, verdankt Winnie ihrem Ehemann Nelson Mandela, 74. Südafrikas Präsident de Klerk hatte den legendären Freiheitskämpfer im Februar 1990 nach 27 Jahren aus dem Gefängnis entlassen und schätzt ihn nun als unverzichtbaren Verhandlungspartner beim Übergang vom Apartheidstaat zur Demokratie. Nelson Mandela wird gebraucht, Winnie gemieden.

»Er hat nicht mir gehört, er war ein Mann des Volkes«, sagt Winnie Mandela über ihren Gatten.

Ihr Vater, ein Lehrer aus der Transkei, hatte ihr den Namen »Winifred« gegeben, weil er Wagner-Musik über alles liebte. Winnie wurde Südafrikas erste schwarze Sozialarbeiterin. Sie heiratete den berühmten Anwalt und Bürgerrechtler Nelson Mandela. Doch ihr Mann verschwand immer wieder im Untergrund und nach gerade vier Ehejahren hinter Zuchthausmauern.

Weil sie über Jahrzehnte zu Nelson Mandela und seiner Überzeugung stand, die auch ihr Glaube war, wurde Winnie ein Vorbild für Millionen. Über zehn Jahre Verbannung, anderthalb Jahre in einer Einzelzelle, Verhaftungen und Verhöre konnten sie nicht brechen. Doch als sie Ende 1985 aus dem Zwangsexil nach Soweto zurückkehrte, hatte sie sich verändert. Die immer noch schöne Frau trank, war herrschsüchtig und unnahbar. Sie ließ eine Luxusvilla bauen, fuhr einen goldfarbenen BMW und umgab sich mit gewalttätigen Leibwächtern.

Winnie Mandela brachte den ANC in peinliche Verlegenheit, als sie zu Lynchjustiz »mit unseren Zündhölzern und unseren Halskrausen« aufrief, der grausamen Hinrichtung durch brennende Autoreifen. Sie sah sich offenbar als Kämpferin, die Nelsons Lebenswerk fortsetzen würde. Freunde in Soweto bildeten ein Mandela-Krisenkomitee. Doch weder das Komitee noch Nelson Mandelas Heimkehr im Februar 1990 konnte den Niedergang der Winnie stoppen.

Zwei Jahre später verkündete Nelson, daß er sich nach über 30 Ehejahren von seiner Frau getrennt habe. »Meine Damen und Herren«, sagte er am Ende seiner Pressekonferenz, »ich hoffe, Sie können die Qualen nachfühlen, die ich durchgemacht habe.«

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