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»Man lebt damit, man wird alt damit«

West und Ost erinnern diese Woche an den Bau der Mauer vor 25 Jahren - mit Totengedenken hüben, Aufmärschen drüben. Die ohnmächtige Wut über die »Schandmauer«, an der 74 Menschen starben, ist der Gewöhnung gewichen. Künstler, Käuze, Alternative bestimmen den Alltag an der Mauer. *
Von Wolfgang Bayer
aus DER SPIEGEL 33/1986

Wenn Horst Halwass an Wochenenden im Havelflecken Kladow ausspannt, ist er vor unangenehmen Überraschungen sicher. Hier hat er eine fahrbare Laube ("Det neueste uff''m Markt"), ein gastfreundliches Vorzelt ("Cafe Achteck"), vor sich die Freizeitfreunde vom Camping-Club, hinter sich die DDR: »Die beginnt praktisch an der Deichsel meines Wohnwagens.«

Der Hain zwischen Trailer und Mauer ("Allet reinste Natur") gehört als sogenanntes Unterbaugebiet formal schon zur anderen Seite und darf noch nicht einmal von Berliner Amtspersonen betreten werden. Doch dort geht schon mal einer »in die Pilze«, Siemens-Mann Halwass schwärmt: »Der ruhigste Ort von ganz Berlin.«

Gleich hinter den Tennisplätzen der Betriebssportler von Schering, nicht weit vom Übergang Chausseestraße, klettern die Kinder aus dem Wedding über den Zaun am Grünstreifen vor der Mauer. Da spielen sie in einem umfriedeten Klein-Urwald voller Wuchergestrüpp und Getier ("''ne Schlange, ''n toter Hase, ''ne tote Katze") und sind lediglich im Blickfeld der Ostgrenzer ("Die ham immer geglotzt, wa").

Kürzlich habe, berichtet ein Junge, eine, die »ja nu nicht gerade wenig« unterm Pulli trage, glatt »Striptease jemacht für die da drüben, ey. Hab'' mir halb krank jelacht«. Und ein 14jähriges Mädchen meditiert: »Wenn ick auf der Ecke hier sitze, dann bin ick hier in Berlin. Wenn ick auf der anneren Seite sitze, bin ick im Osten. Und wenn ick so jenau drauf sitze, dann bin ick jenau in die Mitte.« Berliner Lagebeschreibung für eine Studie über »Kinder und Jugendliche in der Großstadt«, aufgenommen von einem Pädagogenteam an »Orten, wo Träume noch möglich sind« _(Gerd Harms, Christa Preissing, Adolf ) _(Richtermeier: »Kinder und Jugendliche in ) _(der Großstadt«. Fortbildungsinstitut für ) _(die pädagogische Praxis, Berlin; 505 ) _(Seiten; 18 Mark. )

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Im Stadtteil Buckow, Ecke Ringslebenstraße und Auf der Planweide, ist die Katze von Gerhard Dieterich über die alte Betonmauer der Demarkationslinie geklettert. Dieterich steigt auf einer Leiter die Mauer hoch und zeigt den DDR-Organen, die auf dem naheliegenden Beobachtungsturm - Koordinaten nach Karten der West-Polizei: UU 94 8 08 8 - Dienst tun, ein Pappschild mit der Aufschrift: »Katze ist rübergegangen, dürfen wir sie von hier aus zurücklocken?«

Weder Grenzer noch Haustier lassen sich locken. Darauf beschallen Polizisten die DDR-Seite per Megaphon: »Besteht die Möglichkeit, die Katze herüberzugeben?« Der Besitzer erhält zwei Tage später sein Katzenvieh zurück - »auf unbekanntem Weg« (Polizeibericht).

Die Camper, die ihre Nische im Niemandsland gefunden haben, die Jugendlichen im verbotenen Grenzdickicht, das entlaufene Haustier - inzwischen alltägliche Geschichten von der Mauer. Haben sich die Berliner an das Bauwerk gewöhnt?

Dort sind seit 1961 nach westlicher Zählung 74 Menschen gestorben. Das letzte amtlich bekanntgewordene Todesopfer an der Mauer war eine 18jährige DDR-Bewohnerin; sie ließ im November 1980 im Kugelhagel ihr Leben. Doch wenn es nun knallt, wie mal wieder am 25. Juni, versucht die DDR zumindest eine Erklärung, in diesem Fall: Der Grenzsoldat Jürgen Zöller habe nach einem Hitzeschock »durch Abgabe von Signalschüssen Hilfe herbeirufen« wollen. Schlechtes Gewissen nach all den Jahren, in denen die Vopos »auf Menschen wie auf Hasen« schossen, wie es Lothar Loewe 1976, damals Ost-Berliner ARD-Korrespondent, dem Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker vorhielt?

Für Ausdeutungen jeglicher Art besteht wieder mal Anlaß, am 13. August wird die Mauer 25 Jahre alt. Das Ereignis soll auf beiden Seiten begangen werden, mit Sonntagsreden und Menschenkette hier, mit Aufmarsch paramilitärischer

Betriebskampfgruppen dort. Die Westseite plant ein Totengedenken, die in Ausübung ihres Dienstes hingeschiedenen DDR-Grenzer eingeschlossen. Die Ostseite lädt die Bürger zur Mauer-Reminiszenz ins Museum, Abteilung »Sozialistisches Vaterland DDR«.

Die größte städtebauliche Veränderung der Stadt seit dem Kriege hat das Bewußtsein von Erbauern und Anrainern geformt. Der »stachelbewehrte Wurm« ("Neue Zürcher Zeitung"), der zum vierten Mal ausgebaut, renoviert, erneuert worden ist und sich inzwischen auf 165,7 Kilometer Länge um West-Berlin ringelt, hat die DDR letztlich vor dem ökonomischen Kollaps bewahrt.

Die Abriegelung beendete die »Abstimmung mit den Füßen«, wie Westpolitiker, eine wirtschaftliche Schwächung des Ulbricht-Regimes im Kalkül, den ständigen Menschenstrom aus dem Osten nannten. Allein im August 1961, jenem Wendepunkt, »als es dann plötzlich 13 schlug« (Schlagzeile der Ost"Berliner Zeitung"), flüchteten 47437 DDR-Bürger über die damals noch offenen Übergänge von Ost- nach West-Berlin. 50000 waren bis dahin ohnehin im Westen beschäftigt.

Lächerlich erschien da das Argument der DDR-Führung, der »antifaschistische Schutzwall« sei gerichtet gegen die »wütenden politischen, psychologischen und organisatorischen Diversions- und Wühltätigkeiten von West-Berlin aus«. Und erst im nachhinein erfüllte sich die Prophezeiung des SED-Hofhistorikers Stefan Doernberg, der den 13. August zum »Markstein« für den Übergang vom kalten Krieg zur Entspannung erklärte. Daß es dazu erst fast ein Jahrzehnt später kam, mit der neuen Ostpolitik in der sozialliberalen Ära, übergeht die DDR-Geschichtsschreibung.

Je weiter Ost-Berlin das Tor aufmachte - seit 1971 fuhren die West-Berliner zu rund 37 Millionen Ostbesuchen -, desto mehr geriet den Bewohnern die Mauer aus dem Blick. Die gelegentlich auftretende Klaustrophobie kurierten die West-Berliner bevorzugt an der Costa Brava oder auf Sylt, noch heute stehen sie an der Spitze der westdeutschen Urlauber-Statistik. Doch je glatter das Betonband wurde, das die düsteren grobkörnigen und unsauber vermörtelten Hohlblocksteine der ersten Bauphase abgelöst hat, desto aufdringlicher rückte das Mauerwerk wieder ins Stadtbild und ins Bewußtsein der Menschen.

Diese »Schandmauer«, so die Stereotype der ersten Jahre, blieb mit Erinnerungen an die hilflose Ohnmacht gegen die Zerschneidung eines einst natürlich zusammengewachsenen Stadtzentrums behaftet: 193 Haupt- und Nebenstraßen waren abgeriegelt, 74 Übergangsstellen dichtgemacht worden. Rechtsgerichtete Täter, wie 1985 die »Konservative Jugend Deutschlands«, rückten der Mauer mit der Spitzhacke zu Leibe; Ende Juli

sprengten bisher Unbekannte gar ein etwa ein Quadratmeter großes Loch in das Bauwerk.

Befrachtet wurde die Abschottung durch Legenden von Sperrbrechern und Fluchthelfern. Belastet wurde jeder Versuch, die Mauer differenziert zu betrachten, durch Flüchtlingsschicksale wie das von Peter Fechter, dessen Name seit dem 17. August 1962 stellvertretend für die »Opfer der kommunistischen Mauer« (Senatsbroschüre) steht.

Der junge Mann war beim Fluchtversuch auf der Mauerkrone angeschossen worden. 50 Minuten lag er, gerade noch auf Ostgebiet, am Boden, Hunderte von West- und Ost-Berlinern hörten seine Schreie, ein amerikanischer Offizier wagte nicht einzuschreiten: »Sorry, but this isn''t our problem.« Selbst alarmierte US-Generäle scheuten die Verantwortung. Als Präsident John F. Kennedy endlich zwecks »Weisung« unterrichtet worden war, meldete der Lagedienst aus Berlin, der Fall habe sich »soeben erledigt«. Fechter war verblutet.

Viele Berliner Zeitzeugen bekennen heute noch, daß sie diese Eindrücke »nicht aus dem Kopp« kriegen. Drogist Wolfgang Fuchs, Kommandoführer in jenem legendären »Tunnel 57« an der Bernauer Straße, durch den 57 Flüchtlinge 1964 im 70-Zentimeter-Schacht zwölf Meter unter der Erde in den Westen krochen, empfindet ähnlich, wenn auch aus anderer Perspektive: »An der Mauer selbst, da war ich kalt. Aber aus den Kleidern schütteln konntest du diese Erlebnisse nicht.«

Bis heute biegen die meisten West-Berliner am liebsten vor der Mauer ab - es sei denn, sie hätten Besuch von westdeutscher Verwandtschaft. »Die Mauer im Kopf einreißen«, so sieht es der West-Berliner Autor Peter Schneider ("Der Mauerspringer"), »wird länger dauern, als irgendein Abrißunternehmen für die sichtbare Mauer braucht« (siehe auch Seite 47). Der aus der DDR stammende Schriftsteller Karl-Heinz Jakobs traf vor Jahren den Punkt: »Eines Tages wachten wir auf und stellten fest, wir lebten mit der Bombe, mit der Ehe, mit der Mauer.«

Zwischen politischem Fatalismus und dem »tagtäglichen, sonntäglichen und alltäglichen Gleichmut«, den die »Frankfurter Allgemeine« beobachtete, wechselt denn auch die Mauerbefindlichkeit der Berliner.

Während Mauer-Mahner Axel Springer - das West-Berliner Verlagsgrundstück in der Kochstraße grenzt 410 Meter lang an die Mauer - einst die »grauenhafteste Absurdität« in Europa anklagte, mögen es die Berliner heute een bißchen kleener.

Seine Frau habe noch 1961 »mit Blumentöpfen auf die Vopos geschmissen«, erinnert sich ein Bewohner des Leuschnerdamms in Kreuzberg. Nun, 25 Jahre später, sitzt er in seiner Geranienpracht auf dem Balkon über DDR-Territorium und zeigt Verständnis für die Weltläufte: »Die Volkspolizisten tun ja auch nur ihre Pflicht.«

Ein Arbeiter vom Bethaniendamm, der in den Tagen nach dem Mauerbau am Brandenburger Tor selber »ohnmächtig die Faust in der Tasche geballt« hatte, gibt sich heute abgeklärt: »Man lebt damit, man wird alt damit.«

In jüngster Zeit schließt sich auch West-Berlins Linke, deren sensibelste Vertreter lange Zeit einen großen Bogen um das Thema gemacht haben, der Reihe der Mauerbewältiger an. Historiker Dieter Hoffmann-Axthelm etwa sieht, in einer demnächst erscheinenden Analyse über »Berliner Mauern, Berliner Durchbrüche«, das Bauwerk allenfalls noch als

gewachsenes Kuriosum, ein »archaisches Stück Fremdheit im aufgelösten spätkapitalistischen Leben«, eine »Wand, auf die die Signale der Ortlosigkeit projiziert werden können«.

Die gibt''s zuhauf. Eine »irreale Plattenwand« (Hoffmann-Axthelm), mit Gemälden wie von Chagall und Kritzeleien wie von Klein Erna, ist auf weiten Strecken der 45 Kilometer Mauerfläche entstanden, die beide Stadthälften voneinander trennt.

Die bekannteren Künstler, neben den nach Hunderten zählenden Laien, heißen Christophe Bouchet, Lew Nussberg, Tom Scapoda oder Charles Hambleton.

Eine 61jährige Rentnerin kommentiert schadenfroh, wie Tüncher aus der DDR in den zum Ostterritorium gehörenden Streifen an der Westseite der Wand entsandt wurden, um die Mauergalerie immer wieder mit der Farbe der Unschuld zu überweißen: »Zwee von de Vopos streichen, und zehn Mala stehn Schlange, det kannste beobachten. Aber det sind wunderhübsche Bilder, denn könn'' die drüben wütend werd''n«.

Die drüben haben auch das verschuldet. Erst die fabrikgepreßten und fugenlos angepaßten Mauerelemente, vier Meter im Quadrat, haben die westliche Fassade zur öffentlichen Riesenleinwand, Schreibtafel und Echowand werden lassen ("Getto de luxe«, »Erich komm raus«, »Gott will cash"): kein Toilettenspruch, der nicht mittlerweile irgendwo auf der Mauer stünde.

Der Kontrast ist scharf. Wie »unter Kriegsrecht« (Hoffmann-Axthelm) wirkt die andere Seite, wo sich militärische Logistik ausbreitet. DDR-Bürgern und »Hauptstädtern« ist zwar der Mauerblick am Brandenburger Tor gestattet, sonst aber die Sicht auf ihre Seite der Wand meist versperrt.

Jeder von ihnen weiß auch so, was ihn erwartet, will er den Sprung über die Mauer wagen. Der Weg geht im Extremfall über einen etwa hundert Meter breiten Geländestreifen mit elf unterschiedlichen Hinderniszonen: *___Alarmgitter (mit Signalanlage für den nächstgelegenen ____Wachturm), *___Wachhunde an Kettenlaufanlagen, *___Stolperdrähte, die Leuchtkugeln auslösen, *___mit Wachtposten besetzter Bunker, *___Kontrollzone zwischen den Wachtürmen, *___Asphaltstraße für Patrouillen-Fahrzeuge, *___Beleuchtungsanlage (mit Peitschenmasten), *___Panzergraben, Kfz-Falle oder - in jüngster Zeit ____weiträumig demontierte - Spanische Reiter, *___geharkter Sandstreifen (auf dem sich Fußspuren deutlich ____abzeichnen), *___einbetonierte Stahlspitzen, *___Metallgitterzaun (56,6 Kilometer) oder Betonmauer mit ____aufgelegter Betonröhre (111,2 Kilometer).

»Sicherlich«, hatte DDR-Leutnant Hartmut Beyer in den ersten Mauerjahren einem britischen Reporter eingestanden, »werden wir mit dieser Mauer keinen Architekturpreis gewinnen« - sicherlich aber einen Sicherheitspreis. Die »moderne Grenze« wurde sogar getestet und für gut befunden.

Schon 1965 erhielten Armeesportler in einem Pionierlager in der Mark Brandenburg den Befehl, eine dem Original nachgebildete Versuchsanlage zu durchbrechen: Keiner der Testflüchtlinge kam ans Ziel. Die Zähesten drangen zwar bis zur Mauer vor, scheiterten aber an der gut 50 Zentimeter dicken Betonröhre auf dem First. Die Hände glitten ab, die Kletterer rutschten zurück.

Weil das Betonwerk so perfide konstruiert ist, geriet den Mauerbeobachtern (West) jedes Vorkommnis leicht ins Überdimensionale: »Verletzter Schwan gegen Brückenkonstruktion« - auch das mußte ins Wachbuch.

Wenn West-Berliner gelegentlich in Selbstmordabsicht ihr Auto gegen die Mauer lenkten, präsentierte die DDR danach die Rechnung. Zwanzig Quadratmeter »Verletzung der Staatsgrenze - das macht 3859,59 Mark.

Wo deutsches Teilungselend lediglich verwaltet werden kann, brachen die Verkrustungen auf beiden Seiten der »siamesischen Stadt« (Peter Schneider) nur mählich auf. Stets bedurfte es zäher Verhandlungen, selbst wenn es um scheinbar Selbstverständliches ging. Bis an jenen Spree-Strecken, wo der Uferrand Demarkationslinie ist, Notrufsäulen installiert wurden, vergingen eineinhalb Jahre zäher Konsultationen.

Die Problematik einer östlichen Staatsgrenze, die nach westlichem Verständnis

keine ist, schlägt bis auf die Verkehrsvorschriften durch. Wegen einer baubedingten Umleitung sollte vor kurzem die DDR-Hälfte einer Mauerstraße für den Westverkehr geöffnet werden. Die Autos durften erst passieren, nachdem beide Seiten geklärt hatten, welche Straßenverkehrsordnung für die wenigen Meter zu gelten habe - die bundesdeutsche. »Das ist«, so Oberamtsrat Klaus Dürr, Mauer-Referent beim Innensenator, »die Ebene von Fortschritten, auf der wir uns bewegen.«

Die fortdauernde Anormalität macht selbst aus Ansätzen der Verständigung noch konspirative Akte. »Von der anderen Seite ist mir folgende Information zugegangen«, gibt etwa ein Beamter der Senatskanzlei seine Meldung über »grenzüberschreitende Gefahrensituation« in den Geschäftsgang, als ob es sich um Staatsgeheimnisse handele. Dabei wurde im Osten nur was gesprengt, und der Westen war, offiziell, auf mögliche Splitterwirkung hingewiesen worden.

Wo gerätselt wird, ob an der - seit je unverminten - Mauer der Schießbefehl aufgehoben ist oder die Grenzer nur danebenzielen, erhält jedes unbedachte Wort Gewicht. Vor Jahresfrist beobachteten britische Soldaten, wie DDR-Grenzer eine Person abtransportierten, da waren sie sich trotz »künstlichen Lichts und eingeschränkten Blickfelds« sicher. Der Bericht der Vorgesetzten von der Militärpolizei wirkte schon wie mit angehaltenem Atem formuliert. Einem Zeugen sei es vorgekommen, _____« als ob es so schien, daß auf dem unbefestigten » _____« Grenzstreifen eine leblose Person lag. Ein weiterer » _____« Armee-Angehöriger habe angeführt, daß es so schien, als » _____« ob diese Person von einem Grenzsoldaten zu einem nahe » _____« abgestellten Krad gezogen wurde. Ein dritter Soldat habe » _____« erklärt, daß es so schien, als ob diese Person über das » _____« Krad gelegt wurde. »

Die deutsch-deutsche Sichtblende trübt in der Tat die Optik. Die DDR-Stellungnahme zu diesem »Zwischenfall«, lediglich ein Rehbock und eine Wildsau hätten erlegt werden müssen, stieß bei West-Berliner Amtsstellen auf Unglauben. In einer weiteren Version des Rapports gingen die Berichterstatter dann nur noch nach Gehör: »Bei keiner legitimen Jagd wird mit automatischen Waffen auf Tiere geschossen.«

An derselben Mauer, wahrlich ein »unkonventionelles Denkmal«, wie es die Ost-»Berliner Zeitung« nennt, haben sich andere gesundgestoßen. In Ost-Berlin akkreditierte Diplomaten exotischer Länder profitieren vom Währungsgefälle. Am Bahnhof Zoo wechseln sie Westgegen Ostmark, offizieller Kurs: eins zu eins, im Verhältnis eins zu fünf. Andere nutzen die Mauer als eine Art Freihandelszone. So verhökerte ein Botschaftsrat aus Guinea Silber von Ost nach West, West-Bürger schmuggeln billige Zigaretten aus dem DDR-Intershop.

Selbst die jüngste Berliner Korruptionsaffäre konnte vor der Mauer nicht haltmachen. Der bestechungsverdächtige Bordellwirt Wolfgang »Otto« Schwanz, mit Ex-Stadtrat Wolfgang Antes auf der Anklagebank, war in einen Schmuggel mit DDR-Schnaps Marke »Nordhäuser Doppelkorn« verwickelt. Er durfte bevorzugt durch die Mauer - mit Dauervisum der DDR.

In den Kneipen vom Wedding und in Kreuzbergs Pinten, wo die Aufforderung »Geh doch rüber« als Formalbeleidigung gilt, legt man auf solche Privilegien nicht unbedingt Wert. Dort, dicht bei der Mauer, sind zerstörte Infrastrukturen noch immer Spätfolge, zeigen sich die Versäumnisse der Stadtpolitiker.

Allein »um weiterleben« zu können, formuliert nicht ohne Selbstkritik der Berliner Kultursenator

Volker Hassemer (CDU), hätten Bewohner, Politiker und Planer diesem »in keine Lebensvorstellung integrierbaren Monstrum der Mauer den Rücken gekehrt«. Die Folgen: Sozialbrache auch im Mauerumfeld auf West-Berliner Gebiet.

Gewachsene Gewerbestrukturen verkümmerten, die Tante-Emma-Läden machten Billig-Discountern Platz, von Kundschaft verlassene Mittelstandsbetriebe wichen Ein-Mann-Klitschen am Rande des Existenzminimums. Die Tabak-Händlerin konnte »nur überleben«, weil sie sich auf Mauer-Devotionalien warf: Brandenburger Tor, Wappentier, Berliner Leierkasten.

Türken belegten frei gewordene Etagen und zupften Schafswolle im Mauerschatten. Alte harrten gezwungenermaßen aus, wie jene 80jährige Oma aus dem Mauer-Kiez SO 36. Der Frau, zeitlebens an Ofenheizung gewöhnt, ist längst der Mann mit dem Koks wichtiger geworden als der Grenzer mit der Kalaschnikow: »Von mir aus könnten se die Mauer ruhig höher bauen. Die Kälte kommt ja von''n Osten, nich.«

Den »ausgesparten Lebensraum buchstäblich am ungestörten Rand der Gesellschaft« entdeckte Richard von Weizsäcker schon zu Zeiten als Regierender Bürgermeister in solchen mauernahen Regionen. Kein Zufall, daß Nachfolger Eberhard Diepgen seine Berliner »Schandfleckentour« durch die Bezirke der Stadt an der Mauer begann.

Die Berliner, laut Goethe ein »verwegener Menschenschlag«, bauten sich dort zuweilen ihre Maueridylle selber. Laubenpieper, die ihre Schrebergärten ironisch »Schmidtsruh« oder »Helmutstal« tauften, okkupierten DDR-»Unterbaugebiet« ungeniert bis zur Mauer: für Kaninchenställe oder ("Hier ist es windstill") den Gummi-Pool. Die Mauer, die über 30 Kilometer Wald- oder Landschaftsschutzgebiet durchschneidet, entzückte Jogger ("Nischt als Jejend") wie Ornithologen: Nach 55 Jahren Pause wurde im Berliner Norden gar wieder der Graureiher heimisch.

Die Szene allerdings, die sich in den Sanierungsgebieten von Kreuzberg, Neukölln oder Wedding der Mauer-Tristesse annahm, praktizierte eine andere Form bürgerlicher Ungeduld. Hausbesetzer übten, bis zum Rauswurf oder der Legalisierung, Instandbesetzung. Die Alternativen lockte der urbane Freiraum. Statt »klinisch weißer Fassaden«, begründet ein aus München zugereister Ingenieur, genieße er jetzt die »marode Atmosphäre« zwischen »Brand- und Stadtmauer«, sein »Elixier«.

»Hier kannst du«, sagt ein Jung-Lehrer im ehemaligen Besetzerquartier, »Geschichte atmen, deine Gefühle ausleben, und billig ist es auch.« Studentin Cora klagt zwar: »Die Mauer nervt mich tierisch.« Dennoch kommt sie im siebenten Berlin-Jahr nicht los: »Die Mauer ist auch irgendwie sehr ehrlich. Hier bin ich ganz klar und deutlich begrenzt, das wird mir ständig bewußt.« West-Berlinern gilt solche Differenzierung nicht als Widerspruch.

Die Vorposten der Gegengesellschaft werden nicht lange unter sich bleiben. Internationale Bauausstellung und 1987 die Berliner 750-Jahr-Feiern verändern auch die vergessenen Ödlandbrachen. Das Stadtjubiläum feiern beide Berlin-Hälften. Es werde auf westlicher Seite, verspricht Senator Hassemer, »nicht mehr mit dem Rücken zur Mauer, sondern angesichts der Mauer begangen«.

Dort sprießen nun bunte Blüten. So durfte ein Kauz vom Bodensee, der Bildhauer Peter Lenk, vorübergehend die Touristen an der deutschen Schicksalsstätte persiflieren. Auf die Aussichtsplattform am Checkpoint Charlie montierte er drei »Mauerkieker« auf Stelzen. Die Gipsfiguren brachten zumindest Augenblickserfolg, die »Berliner Morgenpost": »Sogar Vopos lachten.«

Geht es nach Marianne Kewenig, der Frau des Innensenators Wilhelm Kewenig, soll Christos Verhüllung des mauernahen Reichstags den Grenz-Wert weltweit neu festsetzen helfen. Eine von ihr mitangeführte Bürgerinitiative will das Projekt vorantreiben.

Die Avantgarde wiederum leistet einen individuellen Beitrag. Die Gestalter der Ausstellung »Mythos Berlin«, die schon seit längerem mit Erfolg den Fundgruben städtischer und deutscher Geschichte auf der Spur sind, haben Architekten, Stadtplaner und Künstler zum internationalen Ideenwettbewerb aufgerufen, Thema: »Behutsame Verstädterung der Mauer«.

Zur Beantwortung der letzten noch offenen Mauerfrage dagegen, wann das Bauwerk bricht, fehlen noch brauchbare Ideen. Das West-Berliner Abgeordnetenhaus hat sie nicht. Dort verkündet der Präsident jedesmal vor Eintritt in die Tagesordnung den »unbeugsamen Willen, daß die Mauer fallen ... muß«. Ein Teil der Parlamentarier erlebt den kategorischen Imperativ stehend, ein anderer Teil bleibt inzwischen sitzen.

Der DDR-Staatsratsvorsitzende Erich Honecker wiederum memoriert zum Thema, wenn''s denn sein muß, ein Wort des seligen Nikita Chruschtschow: »Die Mauer bleibt nur so lange bestehen, wie die Bedingungen existieren, die sie notwendig gemacht haben.«

Thomas R. P. Mielke, langjähriger Experte für die Berlin-Werbung des Senats, mochte nicht warten. Der Geschäftsführer der Berliner Werbeagentur Dorland, für Science-fiction-Literatur preisgekrönt, schrieb sich auf 281 Taschenbuchseiten den Berliner Traum von der Seele: »Der Tag, an dem die Mauer brach.« _(Die (inzwischen wieder abgebauten) ) _("Mauerkieker« des Bildhauers Peter Lenk ) _(am Checkpoint Charlie. )

[Grafiktext]

SICHERUNGEN DER DDR-GRENZE UM WEST-BERLIN OST-BERLIN Beobachtungsturm (insgesamt 295) Sichtblenden (vereinzelt) Bunker (insgesamt 43) Metallgitterzaun (56,6 Kilometer) Hundelaufanlage (insgesamt 243) Alarmzaun (125,1 Kilometer) Stolperdrähte (lösen Leuchtkugeln aus) Betonplattenwand (111,2 Kilometer) Kolonnenweg (124 Kilometer) Beleuchtungsanlage Pfostenreihe, vordere Begrenzung des Grenzpostens Betonröhre Kfz-Sperrgraben (108 Kilometer) oder Panzersperren (bis zu 5 Meter tief, auf 4,2 Kilometer) Kontrollstreifen, geharkter Sand »Unterbaugebiet« (unterschiedlich breit), gehört zur DDR WEST-BERLIN Die Mauer um West-Berlin Sektorenübergang Chausseestrasse Checkpoint Charlie DDR WEST-BERLIN OST-BERLIN TEGEL WEDDING HAVEL SPREE KLA-DOW Grunewald KREUZ-BERG NEUKÖLLN BUCKOW SCHÖNEFELD 10 Kilometer

[GrafiktextEnde]

Gerd Harms, Christa Preissing, Adolf Richtermeier: »Kinder undJugendliche in der Großstadt«. Fortbildungsinstitut für diepädagogische Praxis, Berlin; 505 Seiten; 18 Mark.Die (inzwischen wieder abgebauten) »Mauerkieker« des BildhauersPeter Lenk am Checkpoint Charlie.

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