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»MAN MUSS DER BUNDESWEHR AUCH WAS ZUMUTEN«

aus DER SPIEGEL 46/1969

SPIEGEL: Herr Minister, Sie haben den Bundeswehr-Oberbefehl zu einem Zeitpunkt übernommen, zu dem internationale Beobachter die Leistungsfähigkeit deutscher Soldaten geringer einschätzen als 1956, dem ersten Bundeswehrjahr. Bekommt der deutsche Steuerzahler, der bislang 194,3 Milliarden Mark in die Streitkräfte investiert hat, künftig bessere Soldaten für sein Geld?

SCHMIDT: Der Ausdruck Investition ist nicht zutreffend. Das waren weitgehend auch laufende Ausgaben.

SPIEGEL: Also rund 200 Milliarden investiert und ausgegeben.

SCHMIDT: Ich halte es für ausgeschlossen, daß ein mit Urteilsvermögen ausgestatteter internationaler Beobachter zum Ergebnis kommen könnte, daß die Bundeswehr, die doch damals, 1956, wirklich noch in den Kinderschuhen stand ...

SPIEGEL: Es war nicht von der Bundeswehr die Rede, sondern von deutschen Soldaten. Und wir haben die offiziöse »Wehrkunde« zitiert.

SCHMIDT: Wo etwas abgedruckt ist, ist nicht so wichtig, sondern wer es gesagt hat. Es ist offenbar jemand, der sich vielleicht 1956 übertriebene Vorstellungen von der Leistungsfähigkeit deutscher Soldaten in der zweiten deutschen Demokratie gemacht hat. Tatsächlich kann sich die Bundeswehr 1969, nach 15 Jahren ihres Aufbaus, im internationalen Vergleich gut sehen lassen. Auf der anderen Seite ist offensichtlich, daß die Bundeswehr eine Reihe von Problemen mit sich herumträgt und daß sie auch Fehlentwicklungen aufweist. Aber wenn die Bundeswehr genauso viele Fehler hätte wie etwa die deutsche Universität, stünde es schlechter um sie.

SPIEGEL: Schon seit Jahren warnen die europäischen Nato-Oberbefehlshaber, die Streitkräfte in Europa-Mitte reichten nicht hin für den Auftrag, abzuschrecken und zu verteidigen. Trotzdem muß man damit rechnen, daß unsere Alliierten weiterhin Truppen abziehen werden. Kann die Bundeswehr diesen Schwund ausgleichen?

SCHMIDT: Ich würde davor warnen, bereits von einem Schwund zu reden, ehe er eingetreten ist. Natürlich kann die Bundeswehr eine wesentliche Verringerung alliierter Truppen nicht ausgleichen. Das geht aus finanziellen Gründen nicht, es geht auch aus außenpolitischen Gründen nicht.

SPIEGEL: Falls die Amerikaner, wie US-Senatoren es wiederholt angekündigt haben, nun wirklich weitere Truppen abziehen, bleibt dann noch eine andere Wahl, als den Verlust an konventioneller Kampfkraft im Ernstfall durch frühzeitigen Einsatz atomarer Waffen wettzumachen?

SCHMIDT: Lassen Sie mich zunächst sagen, daß ich großen Respekt vor der politisch fundierten Meinung amerikanischer Senatoren habe. Aber die amerikanische Administration verfolgt eine andere Auffassung.

SPIEGEL: Das kann sich ändern.

SCHMIDT: Also theoretisch gesprochen: Wenn die Gewichtsverhältnisse der konventionellen Truppen zwischen Ost und West sich so verschöben, daß ein sehr viel stärkeres östliches Übergewicht entstünde, dann könnte eine ausreichende Abschreckung nur dann gewahrt werden, wenn es gelänge, andere und sich selber davon zu überzeugen, daß relativ früh von nuklearen Waffen Gebrauch gemacht werden muß. Aber ich sage noch einmal, das

* Mit SPIEGEL-Redakteuren Hans Gerhard Stephani, Hans Schmelz, Hagen Graf Lambsdorff und SPIEGEL-Stenograph Heinz Daenicke.

gilt nicht für die gegenwärtige konkrete Lage in Europa.

SPIEGEL: Sie verhandeln diese Woche in Washington, in der Nuklearen Planungsgruppe der Allianz, die Vorschläge für die taktische Verwendung atomarer Waffen fixieren will. Bleiben Sie bei Ihrer Veto-Theorie, wonach mit Atomwaffen ohne deutsche Zustimmung weder vom deutschen Boden aus noch auf deutsche Ziele geschossen werden darf?

SCHMIDT: Ich bin und ich bleibe der Meinung, daß ein so unmittelbar betroffenes Land wie die Bundesrepublik Deutschland im konkreten Fall ein erhebliches Mitspracherecht beanspruchen muß.

SPIEGEL: Wie sieht das Mitspracheverfahren im Ernstfall aus?

SCHMIDT: Die Möglichkeit zur Mitsprache hängt von technischen Bedingungen ab, sie hängt davon ab, daß man auch unter Zeitdruck in der Lage ist, eine gemeinsame Sprache zu sprechen, dieselben Begriffe zu kennen, dieselben Modellvorstellungen vor Augen zu haben.

SPIEGEL: Hypothese: Die Bundesrepublik wird von konventionellen Kräften angegriffen, die so stark sind, daß die konventionellen Abwehrkräfte der Nato nicht standhalten können. Muß dann die Nato die Bundesregierung konsultieren, bevor sie atomare Waffen taktisch verwendet?

SCHMIDT: Die Antwort lautet, daß ich für diesen Fall den taktischen Einsatz nuklearer Waffen ohne Konsultation der Bundesrepublik für unerträglich hielte.

SPIEGEL: Neben neuen Atomträgerwaffen, die mit einer halben Milliarde Mark für verbesserte »Pershing«-Raketen im Rüstungsplan ausgewiesen werden, stehen Entwicklung und Einführung moderner konventioneller Waffen bevor: die Schützenpanzer-Familie »Marder«, der Kampfpanzer 70, fast 600 Fla-Panzer, rund 450 Hubschrauber, dazu Flugkörper-Korvetten und -Schnellboote, der »Phantom«-Aufklärer und das europäische Gemeinschaftsflugzeug MRCA. Wie wollen Sie das alles finanzieren?

SCHMIDT: Die Frage ist wohl nicht an mich allein zu richten. Wie Sie sehr wohl wissen, finde ich alle diese Pläne vor und habe an ihnen nicht mitgewirkt. Ich werde sie mir sorgfältig ansehen und prüfen. Dazu brauche ich Monate, nicht die zwei Stunden eines Interviews.

SPIEGEL: Der Bundeskanzler hat in seiner Regierungserklärung den Hauptakzent auf Wissenschaft und Bildung gesetzt. Das wird viel Geld kosten. Zu Lasten des Verteidigungsetats?

SCHMIDT: Ich bin einer derjenigen, die sich in dieser Bundesregierung mit allem Nachdruck für die Erhöhung des Bildungs- und Wissenschaftsetats einsetzen. Und Sie würden es schwer haben, mich dazu in Gegensatz zu bringen.

SPIEGEL: Auf wessen Kosten soll das geschehen?

SCHMIDT: Auf unser aller Kosten. Wir alle werden als Steuerzahler das zu bezahlen haben. Es soll sich niemand Illusionen machen. Wenn man mehr Wissenschaft will, muß man sie bezahlen. Und wenn man mehr Sicherheit will oder wenn man ein gewisses Maß von Sicherheit kontinuierlich aufrechterhalten will, dann muß man ein bestimmtes Maß an Steuereinnahmen auch dafür verwenden.

SPIEGEL: Sie sind also der Meinung, daß erhöhte Aufwendungen für die Wissenschaftspolitik aufgebracht werden können, ohne daß der Verteidigungsetat darunter leidet.

SCHMIDT: Ich habe Zutrauen dazu, daß die auf kontinuierliches Wachstum abgestellte Wirtschafts- und Strukturpolitik dieser Regierung es ermöglichen wird, die notwendigen Aufgaben nebeneinander zu finanzieren.

SPIEGEL: Vom Geld abgesehen: Reicht das Personal der Bundeswehr für dieses ehrgeizige Waffenprogramm des nächsten Jahrzehnts aus? Kann zum Beispiel das Heer die Hubschrauber-Flotte personell bewältigen?

SCHMIDT: Das Adjektivum »ehrgeizig« muß ich, was mich angeht, zurückweisen. Ich hab« bisher keinen Ehrgeiz auf diesem Feld entwickelt. Ich übernehme hier Pläne, die andere gemacht haben, und werde sie mir angucken und werde sie prüfen. Ob das Heer, vom Personal her -- manpowermäßig würde man auf hochdeutsch sagen -, ausreicht? Ich kann diese Frage im Augenblick für die Hubschrauber nicht beantworten, möchte aber unterstellen, daß mein Vorgänger das geprüft hat, ehe er Hubschrauber bestellte.

SPIEGEL: Schon der Plan des Heeres-Inspekteurs Schnez, die Bundesrepublik nahe der Grenze mit aktiven Verbänden, weiter rückwärts in einer zweiten Linie mit einer Reservisten-Armee zu schützen, erfordert Kader -- Führer und Unterführer für diese zweite Linie, die bislang nicht einmal vorne vollzählig vorhanden sind. SCHMIDT: Und was war die Frage?

SPIEGEL: Dies ist ein Gespräch, kein Frage- und Antwortspiel.

SCHMIDT: Aha. Zunächst muß ich mal sagen, daß der sogenannte Schnez-Plan -- besser: die neue Heeresplanung -- keineswegs eine »zweite Linie mit einer Reservisten-Armee« vorsieht. Vielmehr ist rückwärts der hochmobilen Brigaden ein Netz von Sicherungs-Einheiten vorgesehen, die im wesentlichen aus Reservisten bestehen. Eine endgültige Entscheidung über die Struktur dieser Verbände steht noch aus. Wie man aber das Heer auch gliedern wollte: Mangel an Unterführern besteht so und so. Dem Feldheer können keine Führerkader entzogen werden. Die Masse der Führer und Unterführer für die Heimatschutztruppe muß aus den Reihen der Reservisten gestellt werden.

SPIEGEL: Eine moderne, hochtechnisierte Armee wie die Bundeswehr sollte nach Auffassung des Verteidigungsministeriums eine Relation haben zwischen Berufs- und Zeitsoldaten einerseits und Wehrpflichtigen andererseits von 62:38. Tatsächlich aber beläuft sie sich heute auf 45:55.

SCHMIDT: Ich mache mir die Relation von 62:38 nicht zu eigen. Ich möchte das erst prüfen. Wenn wir mal über zehn Jahre in die Zukunft sehen, dann habe ich den Eindruck, daß sich in den modernen Armeen des Westens eine Tendenz ausprägen könnte, den einen Teil, nämlich die Eingreifverbände, sofort präsent zu haben, sie in sehr starkem Maße auf Freiwillige und Längerdienende abzustellen, angenähert dem englischen Beispiel einer Berufsarmee, während ein anderer wesentlicher Teil mit einer sehr kurzen Wehrdienstzeit sich anlehnen mag an das Milizbeispiel, das uns die Schweiz seit langer Zeit gibt. Dies wurde gelten für die Heimatschutztruppe, zum Beispiel Luftabwehr im Objektschutz ...

SPIEGEL: ... und den Konsum von Flaschenbier enorm steigern.

SCHMIDT: Dagegen wäre ja nichts einzuwenden.

SPIEGEL: Der Bundeswehr fehlen rund 2500 Offiziere, 31 000 Unteroffiziere und etwa 30 Prozent freiwillig längerdienende Mannschaften. Haben Sie Pläne, diesem Mangel abzuhelfen?

SCHMIDT: Der fünfte Deutsche Bundestag hat dazu eine Reihe von Gesetzen verabschiedet, die praktisch alle erst 1970 greifen werden. Ich habe Vertrauen, daß diese gemeinsame Anstrengung der Bundesregierung der Großen Koalition und des Parlaments zu wesentlichen Veränderungen Ihrer statistischen Landschaft führen wird. Wenn sich aber herausstellen sollte, daß sich diese Erwartungen nicht oder nur teilweise erfüllen, dann wird man erneut darüber nachdenken müssen.

SPIEGEL: Für absehbare Zeit jedenfalls bleibt die Personalnot bei Unteroffizieren und Offizieren die Bundeswehr-Sorge Nummer Eins.

SCHMIDT: Das würde ich sagen.

SPIEGEL: Trotzdem wollen Sie mehr Wehrpflichtige als bisher einberufen.

SCHMIDT: Das ist richtig. Das muß man der Bundeswehr zumuten. Man kann ja nicht immer bloß Erleichterung versprechen, man muß auch den Mut haben, anderen Leuten etwas zuzumuten. Und hier muß ihnen zugemutet werden, einen größeren Prozentsatz an Wehrpflichtigen einzuziehen und auszubilden. Die geringe Zahl derer, die heute eingezogen werden, hat ein so weit verbreitetes Gefühl der Ungerechtigkeit, der Unzufriedenheit mit diesem Staat erzeugt, daß es nicht nur Verdrossenheit bewirkt, sondern darüber hinaus auch den Kampfwert der Truppe beeinträchtigt. Von daher gesehen, halte ich es für wichtiger, daß die Soldaten aus dem selbst erlebten Gefühl der Gerechtigkeit wissen, was es heißt, einen Rechtsstaat zu verteidigen, als daß sie auch noch die letzte Schraube beim Auseinandernehmen eines Geräts mit Namen herbeten können.

SPIEGEL: Um mehr Wehrgerechtigkeit zu erreichen, wollen Sie womöglich die Wehrdienstzeit von bisher 18 Monaten auf 15 oder 16 Monate reduzieren, so daß mehr Wehrpflichtige dienen müssen.

SCHMIDT: Das ist eine der denkbaren Konsequenzen. Die Bundesregierung will diese Frage prüfen, wenn es soweit ist.

SPIEGEL: Welche Wehrdienstausnahmen oder Rückstellungsfälle wollen Sie aus dem Wehrpflichtgesetz streichen? Sollen zum Beispiel Theologiestudenten eingezogen werden?

SCHMIDT: Ich sehe keinen Grund, eine Wehrdienstausnahme für Studenten der Theologie aufrechtzuerhalten. Aber es geht ja nicht nach meiner Meinung. Das hat der Bundestag früher mal so beschlossen. Ich hab« das damals schon für erstaunlich gehalten.

SPIEGEL: Und der sprichwörtliche einzige Sohn einer Witwe, der die Familie unterhält?

SCHMIDT: Ich will mich im Augenblick nicht festlegen. Aber die verschiedensten Gründe für Wehrdienstbefreiung leuchten mir in ihrer Fülle nicht ein. Sie sind in vielen Fällen das Ergebnis von Interessenten-Druck gewesen.

SPIEGEL: Vollkommene Wehrgerechtigkeit hat es, abgesehen von der Zeit, als Sie zur Wehrmacht eingezogen wurden, nie gegeben. Die Mannschaftsstärke des Heeres machte in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg 0,6 bis 0,8 Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Wir haben heute eine Mannschaftsstärke der Bundeswehr von 0,5 Prozent der Bevölkerung. Im Jahr 1911 wurden nur 53,2 Prozent der Tauglichen einberufen, Die Bundeswehr holt rund 60 Prozent in die Kasernen. Das ist doch alles vergleichsweise günstig?

SCHMIDT: Zunächst mal sportliche Anerkennung für Ihr Quellenstudium. Aber in der Frage steckt zwischen den Zeilen ein Vorurteil, dem ich scharf entgegentreten möchte. Erstens: Was es nie gegeben hat, kann es auch in Zukunft kaum geben. Aber zweitens können Sie nicht die deutsche Heeresgeschichte, die Sie doch auf dem Hintergrund einer damals nicht demokratisch geordneten Staats- und Gesellschaftsverfassung sehen müssen, als Maßstab für die Zeit nehmen, in der wir leben. Niemals steht ein Staat mehr unter dem Zwang zur Gerechtigkeit als die Demokratie.

SPIEGEL: Demokratie also gleich totale Wehrpflicht?

SCHMIDT: Das meine ich gar nicht, das ist Käse. Nur: Wenn in einer Demokratie die allgemeine Wehrpflicht gilt, dann muß sie auch jedermann treffen. Diktaturen können sich leisten zu sagen, wir haben zwar allgemeine Wehrpflichtige, wir nehmen aber nur einen Teil der Wehrpflichtigen, die müssen halt mit der Ungerechtigkeit fertig werden, und wer meckert, wird eingesperrt. In einer Demokratie ist das unerträglich.

SPIEGEL: Die Wehrdienstzeit von 18 Monaten hat vielfache Wirkung. Die 18-Monate-Soldaten haben oft Aufgaben von Längerdienenden nicht nur als Hilfsausbilder, auch in technischen Funktionen, beispielsweise in den fliegenden Verbänden und den Raketenregimentern der Luftwaffe. Bei verkürzter Wehrdienstzeit fehlen Ihnen diese erfahrenen Wehrpflichtigen für solche Aufgaben. Denn von der Grundausbildung und Verbandsausbildung können Sie ohnehin nichts abstreichen.

SCHMIDT: Ich will Ihnen mal eins sagen: Ich bin hier 14 Tage im Amt und denke nicht daran, auf Sie oder Ihre Leser den Eindruck zu machen, als ob ich in meinem Hinterkopf bereits ein Lexikon über sämtliche Details militärischer Probleme mit mir herumtrüge. Und ich nehme mir die Freiheit, auf manche Fragen zu antworten: Das weiß ich noch nicht. Aber da ich nicht faul bin, werde ich es in angemessener Zeit wissen. Ich bitte Sie, das zu drucken.

SPIEGEL: Wie wollen Sie es mit den Kriegsdienstverweigerern halten? Werden die auch künftig ihre Gewissensentscheidung in einem Drei-Instanzen-Verfahren glaubhaft machen müssen?

SCHMIDT: Ich hoffe nein. Der Bundesverteidigungsminister ist nicht das federführende Ressort auf diesem Gebiet, sondern der Bundesjustizminister. Aber ich hoffe, daß wir das Verfahren wesentlich vereinfachen können. Ich halte nichts davon, In einem Komitee schließlich und endlich durch Abstimmung festzustellen, »Was im Gewissen eines Dritten vorgeht.

SPIEGEL: Was spricht dagegen, den Kriegsdienstverweigerer, der schlicht erklärt, er könne nicht dienen, sofort zum Ersatzdienst zu schicken?

SCHMIDT: In meinen Augen sehr wenig. Ich würde einer solchen Lösung zuneigen. Allerdings muß der Ersatzdienst funktionieren, das heißt: Es muß erst einmal die ausreichende Zahl von Ersatzdienst-Plätzen zur Verfügung stehen.

SPIEGEL: Der Begriff der Inneren Führung ist oft entweder mißverstanden oder bewußt falsch interpretiert, jedenfalls oft falsch praktiziert worden. Wie definieren Sie diesen Begriff? SCHMIDT: Ich bin kein Pädagoge.

SPIEGEL: Dürfen wir das als Kritik an der Inneren Führung auffassen?

SCHMIDT: Nein. Wieso ist ein Politiker verpflichtet, pädagogische Definitionen zu liefern? Das sollen die Pädagogen tun. Jeder muß bei seinem Leisten bleiben,

SPIEGEL: In der Regierungserklärung heißt es, die Innere Führung solle den Zeitläuften angepaßt werden. Was ist erneuerungsbedürftig?

SCHMIDT: Ein Beispiel: Ich kann mir vorstellen, daß der General künftig nicht mehr mit »Herr General« angeredet wird, sondern nur mit »General«, und daß umgekehrt der Vorgesetzte seine Untergebenen genauso mit dem Dienstgrad anredet, nicht mit »Schulze« oder »Herr Schulze«.

SPIEGEL: Einige Ihrer Parteifreunde haben bemängelt, die Bundeswehr sei immer noch nicht in die Gesellschaft integriert. Wie sieht die Integration aus, die Sie erreichen wollen?

SCHMIDT: Ich will mir diese Kritik nur insoweit zu eigen machen, als ich sage, das gilt für manche anderen staatlich organisierten gesellschaftlichen Gruppen in ähnlicher Weise. Ob etwa die deutsche Richterschaft in die Gesellschaft so voll integriert ist, wie man es eigentlich wünschen mag, ob sie sogar mehr Integriert ist als -- sagen wir -- die Stabsoffiziere der Bundeswehr, kann man bezweifeln.

SPIEGEL: Ihr Parlamentarischer Staatssekretär Berkhan hat zum Thema Integration moniert, daß die Bundeswehr nicht den rechten Kontakt zu den Gewerkschaften habe.

SCHMIDT: Das war früher sehr ausgeprägt, ist aber im Verlauf der letzten Jahre wesentlich besser geworden. Man muß aber auch sehen, daß manche Gewerkschaften früher nicht sehr kontaktfreudig den Soldaten gegenüber waren. Meine eigene Gewerkschaft, die ÖTV, hat im Laufe der letzten zehn Jahre vieles dazugelernt.

SPIEGEL: Wird es nun einen Run auf die ÖTV in diesem Hause geben?

SCHMIDT: Ich hoffe nein. Denn das wäre ein Zeichen für Opportunismus.

SPIEGEL: In einer soziologischen Arbeit heißt es, das Problem sei nicht, daß die Bundeswehr in der Gesellschaft einen zu .hohen Status einnehme, sondern daß sie gar keinen, zumindest keinen selbstverständlichen Status habe.

SCHMIDT: Was mir am meisten am Herzen liegt, das ist der soziale Status des Unteroffiziers. Ich glaube, daß der soziale Status des Unteroffiziers in der Gesellschaft ganz wesentlich abhängt von seinem Status in der Armee -- noch deutlicher gesagt: von dem Status, den ihm die Vorgesetzten zuerkennen, nicht etwa seine Rekruten.

SPIEGEL: Zur Regierungserklärung haben Sie den Satz beigetragen, daß künftig die Führungsstäbe der Streitkräfte nach international üblichen und bewährten militärischen Grundsätzen neu geordnet werden. Was verstehen Sie darunter?

SCHMIDT: Soldaten sind in einem anderen Führungsstil erzogen als dem, der in der preußischen

Ministerialverwaltung üblich war. Was ich behutsam, aber in der Tendenz eindeutig ändern möchte, ist dieser den Soldaten aufgepfropfte Verwaltungsstil.

SPIEGEL: Als Abgeordneter haben Sie getadelt, daß 60 Beamte aus einer einzigen Hauptabteilung mit Verfügungen oder Erlassen direkt in die Bataillone hineinregierten. Wie wollen Sie das ändern?

SCHMIDT: Ich werde verhindern, daß ministeriell arbeitende Referenten, die in einem zivilen Ministerium natürlich das Recht haben, im Rahmen ihrer Befugnisse einen Erlaß in die Welt zu schicken, Erlasse an die Truppe richten. Die Truppe muß Empfänger von militärischen Befehlen sein, die nur von ihren militärischen Vorgesetzten kommen können, Diese militärischen Vorgesetzten will ich nämlich verantwortlich machen für den Zustand ihrer Truppe und für die Ausführung von Befehlen. Da soll sich niemand drüber täuschen. Und deswegen sollen die Inspekteure künftig Truppenvorgesetzte sein.

SPIEGEL: Welche Rechte werden sie haben?

SCHMIDT: Sie werden militärische Vorgesetzte mit allen Rechten und Pflichten sein, soweit wir nicht Zuständigkeiten auf die Kommandobehörden der Nato übertragen haben. Befehle und Weisungen werden sie von der Leitung dieses Hauses erhalten.

SPIEGEL: Sie wollen künftig das Wort Planung ganz groß schreiben.

SCHMIDT: Nein, ich will es nicht groß schreiben, ich will anständig planen.

SPIEGEL: Bislang wurde nicht anständig geplant?

SCHMIDT: Nicht durchgängig, weil die Planung nicht befriedigend organisiert Ist.

SPIEGEL: Sie haben doch Unterabteilungen im Haus, die mit

Planungsaufgaben befaßt sind.

SCHMIDT: Ja, hier liegt, wie ich denke, ein struktureller

Mangel in diesem Ministerium. Diejenigen, die die Planung in der Hand haben, sind von der Leitung des Hauses viel zu weit weg. Nehmen Sie das Thema nukleare Planung. Das wird in diesem Hause bearbeitet von sehr fähigen Offizieren, die aber von der politischen Leitung durch vier Stufen getrennt sind. Das halte ich nicht für gut.

SPIEGEL: Wie soll das künftig gemacht werden?

SCHMIDT: Ich glaube, daß die politische Leitung dieses Haues über einen ihr unmittelbar zugeordneten kleinen, qualifizierten Planungsstab verfügen muß. Den werden wir auch schaffen.

SPIEGEL: Wie groß soll der Stab sein? Welche Kompetenzen soll er haben, welche Aufgaben?

SCHMIDT: Die Aufgaben möchte ich noch nicht definieren, Kompetenzen wahrscheinlich überhaupt keine. Er wird nicht eingegliedert sein in die Hierarchie dieses Hauses, sondern direkt der politischen Leitung des Hauses zuarbeiten.

SPIEGEL: Und wie groß wird er?

SCHMIDT: Ich denke, daß er einen Leiter braucht, einen Stellvertreter und vielleicht sechs, maximal acht Referenten.

SPIEGEL: Das wäre eine kleine Mannschaft ausgeruhter Köpfe.

SCHMIDT: ... die Zeit haben zu denken, nicht mit tödlichem Papierkram belastet werden und die auch nicht jeden Tag Fernschreiben lesen müssen.

SPIEGEL: Der Bundeskanzler hat den Gedanken einer europäischen Sicherheitskonferenz grundsätzlich bejaht. Welche Ergebnisse versprechen Sie sich von einer solchen Konferenz?

SCHMIDT: Weder mir noch anderen würde ich im Augenblick Ergebnisse versprechen wollen.

SPIEGEL: Auf welche Faktoren käme es Ihnen bei einer westöstlichen Rüstungsbegrenzung an.

SCHMIDT: Es sind zwei Kategorien von Faktoren, die man auseinanderhalten muß. In der ersten Kategorie nenne ich die Faktoren des Gleichgewichts, zum Beispiel Gleichwertigkeit, Gleichzeitigkeit. Und dazu gehört, damit man dessen sicher sein kann, auch ein gewisses Maß an Kontrollierbarkeit.

SPIEGEL: Und die andere Kategorie?

SCHMIDT: Das ist das Verhältnis von qualitativen Faktoren zueinander. Ich würde zum Beispiel scharf widersprechen, wenn jemand den Vorschlag machte, möge er noch so »gleichwertig« und »gleichzeitig« scheinen, sämtliche konventionellen Rüstungen in Ost- und Westeuropa auf einen ganz kleinen Stand herunterzuschrauben, aber auf dem nuklearen Felde alles so zu lassen, wie es heute ist, einschließlich der 700 sowjetischen Mittelstreckenraketen. Das würde die Qualität wesentlich verschieben.

SPIEGEL: Halten Sie eine Rüstungskontrolle durch westliche Inspektoren auf Ostblockterritorium für denkbar?

SCHMIDT: Ich halte wechselseitige Inspektionen auf fremdem Territorium durchaus für denkbar, will aber hinzufügen, daß ich nicht den Eindruck habe, daß die Sowjet-Union in absehbarer Zeit bereit sein würde, Inspektionen auf ihrem eigenen Hoheitsgebiet zuzulassen.

SPIEGEL: Rüstungsbegrenzung schließt die Möglichkeit ein, die Mannschaftsstärke der stehenden Heere beiderseits der Demarkationslinie herabzusetzen. Bekommen wir dann eine Berufsarmee?

SCHMIDT: Das ist denkbar, das muß aber nicht so sein. Es kann auch Gegenstand der Begrenzung konventioneller Rüstung sein, daß beide Seiten sich verpflichten, die Verteidigung auf Milizen umzustellen, die ja offensichtlich sehr viel stärker defensiv akzentuiert sind als stehende Heere. Das wäre ein wesentlicher Beitrag zur Entspannung der Gesamtsituation.

SPIEGEL: Welche Lösung würden Sie vorziehen, die Berufsarmee oder die Miliz? Oder gibt es eine Berufsarmee nur in Verbindung mit Miliz?

SCHMIDT: Ich würde überhaupt keine Vorlieben aussprechen wollen. Aber jeder muß sich darüber klar sein, daß Berufsarmeen wesentlich teurer sind als die Wehrpflicht.

SPIEGEL: Herr Minister, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

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