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Wohnungsnot Man muß nur wollen

Eine sächsische Gemeinde hat begonnen, ihre Wohnungen billig an die Mieter zu verkaufen - jetzt zieht Dresden nach.
aus DER SPIEGEL 15/1991

Den Gebäudereinigungs-Meister Horst Großmann, 64, lockt auf seine alten Tage noch das Abenteuer: Er will, mit einem Zuschuß von der Bank, Eigentümer seiner Wohnung in Freital bei Dresden werden - das Objekt ist nicht gerade ein Schmuckstück.

Großmann wohnt mit seiner Frau Ruth, 66, im Neubauviertel Zauckerode, Ringstraße 3a. Ihre Vier-Zimmer-Wohnung liegt im zweiten Stock eines DDR-typischen Wohnsilos aus Betonplatten: zugig, hellhörig und schlecht isoliert. Dennoch will Großmann die »erste reelle Chance« nutzen, Eigentümer zu werden.

Das sei für ihn zwar »alles Neuland«, sagt Großmann. Doch so wie er wollen viele Einwohner von Freital ihre kümmerliche Barschaft riskieren. Beinahe 4000 Mieter haben bereits einen Kaufantrag bei der kommunalen Privatisierungs-, Wohnungsbau- und Verwaltungsgesellschaft mbH (Priwo) gestellt. Täglich sprechen weitere 50 bis 80 Interessenten vor.

Der Zulauf ist verständlich. So billig wie in Freital können Mieter wohl nirgendwo in Deutschland zu den eigenen vier Wänden kommen. Im Schnitt soll der Quadratmeter rund 100 Mark kosten, ein Zwanzigstel des Preises, der im Westen mindestens verlangt würde. Die Großmanns müßten demnach für 75 Quadratmeter rund 7500 Mark bezahlen.

Das günstige Angebot hat Priwo-Chef Johannes Viethen, 27, kalkuliert. Der Diplom-Kaufmann aus Düren bei Aachen hat ein beispielhaftes Modell zur Sanierung von Wohnraum ausgetüftelt, das sich auf viele Mietshäuser in der Ex-DDR übertragen läßt. Viethen: »Man muß nur wollen.«

Mittlerweile wollen auch andere Städte. Das Freitaler Modell hat jetzt das Stadtparlament in der Nachbarstadt Dresden überzeugt. Am Donnerstag vergangener Woche setzte die Unionsfraktion gemeinsam mit der DSU in der Sachsen-Hauptstadt einen Beschluß durch, die Übernahme der Freitaler Initiative vorzubereiten. Danach sollen 75 000 kommunale Wohnungen so schnell wie möglich an die Mieter verkauft werden.

Die Städte im Osten werden von den Schulden erdrückt, die sie von ihren kommunalen Wohnungsunternehmen geerbt haben. Die dürftigen Mieten reichen meist noch nicht mal aus, um die Heizungsrechnungen zu bezahlen. So sahen sich die Stadtverwaltungen nach der Vereinigung nicht in der Lage, auch nur das Nötigste zum Erhalt der verfallenden Mietshäuser zu tun.

Auch Bonner Politiker wissen inzwischen, daß unkonventionelle Lösungen nötig sind. Matthias Wissmann, wirtschaftspolitischer Sprecher der Unionsfraktion, regt an, Ost-Wohnungen nicht nur an die Mieter zu verkaufen, sondern sogar »zu verschenken« - vorausgesetzt, daß »bei schlechtem baulichen Zustand sehr große Investitionen nötig sind«.

Viethen in Freital machte vor, wie die Privatisierung funktionieren kann. Er brachte die Parteien von DSU bis PDS auf seine Seite und gewann die Banken für unkonventionelle Kreditangebote. Selbst die sonst so vorsichtigen Baubehörden ziehen mit.

Rund 11 000 Wohnungen gehören der Kreisstadt Freital. Sie sind mit 52 Millionen Mark Schulden belastet. Die Stadt hat bei einem Haushaltsvolumen von acht Millionen Mark nicht mal genug Geld, um die Zinsen, jährlich 2,6 Millionen Mark, zu bezahlen.

Damit die Häuser nicht an Miethaie aus dem Westen fallen, blieb nur die Möglichkeit, sie an die Bewohner zu verkaufen. Die aber haben meistens zuwenig Geld.

Viethen überredete deshalb zunächst die Freitaler Kreditinstitute, den Mietern ohne die üblichen Sicherheiten die nötigen Mittel vorzustrecken - bis zu einem Betrag von 25 000 Mark. Das Geld müssen die Käufer in die Renovierung ihrer Wohnungen stecken. Dadurch entfaltet das Freitaler Modell eine gewaltige Schubkraft für die lokale Wirtschaft.

Heizungen müssen erneuert, Thermostate eingebaut und Fenster abgedichtet werden. Baumärkte, eine Fensterfabrik und ein Kabelhersteller wollen sich im Freitaler Gewerbegebiet ansiedeln. Für den kommunalen Bauhof interessieren sich zwei Unternehmer aus Baden-Württemberg.

Die 43 000 Freitaler Bürger fangen an, Hoffnung zu schöpfen, weil Viethen einen Knoten aus Verwaltungsvorschriften durchschlagen hat. Doch Widerstände gibt es hier ebenso wie in Dresden gegen den Ausverkauf.

Zwar »jubeln alle«, wendet der Dresdner Vermögensamtsleiter Peter-Michael Gerhardt ein, doch »was Freital macht, ist ein Gesetzesverstoß«. Paragraph 63 sämtlicher Haushaltsordnungen verbiete es, kommunales Eigentum unter Wert zu verschleudern.

An dieser Vorschrift, zugeschnitten auf die Städte im Westen, scheiterten bislang fast alle Konzepte, gemeindliches Eigentum zu privatisieren. Laut Einigungsvertrag sollen sich die Kommunen aber gerade von ihrem Wohnungsbestand trennen. Bei den hohen städtischen Schulden könne außerdem von Vermögen kaum die Rede sein, meint Viethen, eher von Lasten.

Der Privatisierer hat keine Angst davor, sich mit dem zuständigen Bonner Finanzminister Theo Waigel anzulegen. Wenn der Christsoziale die Stadt Freital für entgangene Verkaufserlöse haftbar machen wolle, sagt Viethen, dann »rechnen wir mit den vielen Millionen auf, die hier angeblich noch aus Bonn eintreffen sollen«.

Der Priwo-Chef, den es ursprünglich als Niederlassungsleiter eines japanischen Elektronikkonzerns nach Dresden verschlagen hatte, läßt sich von den Bedenkenträgern so schnell nicht beeindrucken.

Vor der Aufteilung der Wohnblocks braucht er beispielsweise von der Baubehörde eine sogenannte Abgeschlossenheitserklärung. Mit diesem Dokument wird bescheinigt, daß jede Wohneinheit den aktuellen Brand-, Schall- und Wärmeschutzanforderungen entspricht.

Nach westlichen DIN-Normen würde wohl kaum einer der Freitaler Wohnblocks dieses Zertifikat erhalten. Wegen der östlichen Leichtbauweise, mit der die Plattensilos im Schnellverfahren auf die grüne Wiese gestellt wurden, ist »hier im Osten keine einzige Wohnung ordentlich abgeschlossen«, sagt Viethen.

Die Folge: Die Häuser könnten eigentlich nur en bloc an kapitalkräftige Westler verscherbelt werden. Die Mieter wären den Spekulanten ausgeliefert, und die staatlich geförderten Privatisierungsprogramme liefen ins Leere. Die Freitaler wollen nun die Bauvorschriften befolgen, so gut es eben geht. Ansonsten aber sind die zuständigen Behörden fest entschlossen, großzügig zu verfahren.

Solche Eigenmächtigkeiten werden von der Landesregierung des Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf (CDU) gedeckt: Sozialminister Hans Geisler (CDU) hat den Vorsitz im Priwo-Aufsichtsrat übernommen. Nur mit solch allerhöchster Protektion kann Wessi Viethen, der im Wahlkampf Plakate für Biedenkopf und die CDU geklebt hat, sein Projekt durchziehen.

Schiefgehen kann das Freitaler Experiment jetzt eigentlich nur noch, wenn es die Mieter mit der Angst bekommen. Die Arbeitslosigkeit steigt, viele fürchten, sich finanziell zu übernehmen - »grundlos«, wie der Erfinder des Modells findet. Viethen: »Wer in Not kommt, kann seine Wohnung wieder zurückgeben« - er zahlt dann Miete wie zuvor.

Dennoch stößt der Priwo-Chef, wenn er durch die Häuser geht, immer wieder auf verunsicherte Bewohner. Volkmar und Erika Kreh zum Beispiel leben auf 75 Quadratmetern in einem der wenigen renovierten Häuser von Freital. Dafür zahlen sie jetzt noch 65 Mark Miete im Monat. Die unbequeme Brikettheizung und die schon wieder undichten Fenster nehmen sie in Kauf und würden am liebsten alles so lassen, wie es ist.

Doch so wie bisher kann es mit den Mietwohnungen zwischen Mecklenburg und Sachsen nicht weitergehen. Nicht mal fünf Prozent ihres Einkommens geben die Mieter für ihre Wohnung aus. Schon im August können sich, nachdem Bonn neue Verordnungen erlassen hat, die Mieten verdoppeln und die Umlagen für die Betriebskosten gar verdreifachen.

Wer jetzt kauft, wohne bald günstiger als ein Mieter, hat Viethen ausgerechnet. Im Schnitt wird die monatliche Belastung für die neuen Eigentümer etwa 150 Mark betragen. Von solchen Preisen können die Mieter vom Herbst an nur noch träumen.

Joachim Kuntke und Frau Daniela aus der Dresdner Straße 309/E sind dennoch reserviert, als Viethen bei ihnen vor der Tür steht. Beide sind Kurzarbeiter und halten jetzt lieber ihr Geld zusammen.

Die Fundamente des Mietshauses zerbröseln, im Bad fallen die Fliesen von den Wänden. Der Traum vom eigenen Heim sieht halt anders aus. »Das Beste«, sagt Kuntke, »wäre ein Einfamilienhaus.« o

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