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»Man spielt auf der 'Titanic' nicht Poker«

Hongkong in der Angst vor der Machtübernahme durch China *
aus DER SPIEGEL 52/1987

Dies ist eine Zeit des Abschiednehmens in Hongkong: Die Stadt im Fieber von Abschiedspartys: »Wir sind fast jeden Abend eingeladen«, sagt Mary Chau, die Frau eines erfolgreichen Rechtsanwalts, »all unsere Freunde scheinen das Land zu verlassen.«

Bis 1997, wenn die britische Fahne auf diesem letzten Fernost-Territorium des Empires eingeholt wird und Hongkong nach gut anderthalb Jahrhunderten britischer Herrschaft an China zurückfällt sind es immerhin noch fast zehn Jahre. Daß die Abwanderung der Hongkong-Chinesen so früh einsetzen würde, hatte kaum jemand gedacht.

Doch tiefe Zweifel an der Aufrichtigkeit Chinas, der britischen Kronkolonie wirkliche Autonomie zu gewähren und ihr westliches System beizubehalten, veranlassen immer mehr Menschen, ihr Glück schon jetzt woanders zu versuchen. Der Börsenkrach brachte auch jene auf Fluchtgedanken, die bislang noch des Geldes wegen geblieben waren, trieb andere, die vorerst noch nicht weg wollten, zu schnellerer Abreise.

Es gibt »Abschiedskäufe« chinesischer Malereien und Möbel für all jene, die ein paar Andenken an zu Hause mitnehmen wollen. Abschied ist auch das Motto von Fernsehsendungen. Ein halbes Dutzend bekannter Stars hat dieses Jahr bereits dem Hongkonger Publikum in längeren »Abschiedssonderprogrammen« goodbye gesagt.

Wie viele Menschen genau das Land verlassen, welchen Berufs- und Einkommensgruppen sie angehören, wird offiziell geheimgehalten: Die Regierung von Hongkong fürchtet, daß das Vertrauen in die Zukunft der Kolonie noch weiter untergraben wird, wenn das Ausmaß dieses Exodus unter die Leute kommt.

»Solche Statistiken führen wir nicht«, erklärt der für Sicherheitsfragen zuständige Beamte David Jeaffreson. Auch die wichtigsten Aufnahmeländer- Kanada Australien und die Vereinigten Staaten - halten mit Einzelheiten zurück, um Hongkongs Regierung nicht in Verlegenheit zu bringen.

Die Auswirkungen der großen Flucht aber sind überall spürbar. Ausländische Manager klagen über Mangel an qualifizierten Sekretärinnen; große Banken und Finanzinstitute liefern sich Kleinkriege um gut ausgebildetes Personal, das Abgewanderte ersetzen kann.

Bis Ende dieses Jahres werden etwa 35000 Menschen Hongkong verlassen haben, fast das Doppelte des Durchschnitts der vergangenen fünf Jahre. »Bis 1997«, meint Hilton Cheong Lin von der Hongkonger Verwaltung, »werden wir mindestens eine halbe Million Menschen verloren haben.«

Für ein so kleines Territorium ist der Exodus »ein Aderlaß, der Hongkong zu Tode blutet«. So formuliert es Emily Lau, Anführerin einer Interessenvereinigung, die London und Peking unermüdlich ermahnt, die bei Abschluß des chinesisch-britischen Abkommens gegebenen Versprechen gewissenhafter einzuhalten und damit den Verlust »lebenswichtigen Bluts« zu stoppen.

Vor allem verliert Hongkong seine Elite. In den vergangenen zehn Jahren haben 173000 Studenten in der Kolonie eine Hochschule absolviert. Diese Menschen, jetzt in den Dreißigern, sind die Basis für den Erfolg Hongkongs bis 1997 und noch danach. Gleichzeitig haben genau diese Akademiker die größten Chancen, in fremden Ländern einen Job zu finden. Die Ärztevereinigung Hongkongs warnte bereits, daß ein weiterer Abzug das Niveau der medizinischen Versorgung beeinträchtigen werde.

So mußte das Hongkonger Polytechnikum eine Abwanderung von acht Prozent seines Lehrkörpers hinnehmen.

IBM hat fast hundert Computerexperten eingebüßt.

Die größte Gefahr jedoch droht jener glitzernden Finanzwelt, die Hongkong, das kleine kapitalistische Einsprengsel auf der großen roten Landmasse, so einmalig gemacht hat. Schon im vergangenen Jahr hat die Hongkong und Shanghai Bank zehn Prozent ihrer Führungskräfte verloren. »Hongkong«, so der Börsenmakler Nigel Fu, »wird weiterhin Blue jeans herstellen, sich als internationales Finanzzentrum aber kaum halten können, wenn es weiterhin die besten Leute aus unserem Gewerbe verliert. »

Auf die Zukunft Hongkongs als Finanzzentrum fällt der Schatten des kommunistischen China. »Wer will schon ein Konto in Budapest unterhalten, solange es Zürich gibt«, fragt der Wirtschaftsexperte George Hicks.

Die Aussicht, daß Hongkong trotz aller Garantien schlicht zu einer gewöhnlichen Stadt im sozialistischen China herabsinken könnte, ist die Hauptursache für die Abwanderung. Die Hongkonger waren sich darüber bei Abschluß des chinesisch-britischen Abkommens 1984 nicht voll im klaren.

Damals wurde der Enklave vorgegaukelt, ihre Zukunft werde sich von der Gegenwart nicht sehr unterscheiden. China versprach, die soziale und wirtschaftliche Ordnung in Hongkong nach 1997 noch 50 Jahre lang aufrechtzuerhalten und dem Territorium nach dem Motto »Hongkonger werden Hongkong regieren« Autonomie zu gewähren.

Die Einzelheiten dieses Plans wurden in zähen Gesprächen zwischen London und Peking ausgehandelt. Die Menschen in Hongkong hegten damals gewisse Hoffnungen, daß der Plan funktioniere. Diese Hoffnungen haben sie inzwischen begraben.

Die Ereignisse der letzten drei Jahre haben ihnen gezeigt, daß China nicht gewillt ist, die Bewohner Hongkongs über ihre Zukunft entscheiden zu lassen. Teng Hsiao-ping, Chinas starker Mann erklärte der Kommission, die ein Grundgesetz für Hongkong ausarbeiten soll, unmißverständlich, daß allgemeines Wahlrecht und Gewaltentrennung - die beiden Säulen der westlichen Demokratie - für die Stadt nicht in Frage kämen.

Großbritannien andererseits gab zu erkennen, daß ihm seine guten Beziehungen zu China wichtiger sind als der Schutz der Freiheiten Hongkongs.

Dank der demokratischen Traditionen der britischen Kolonialmacht genoß Hongkong vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg ein höheres Maß an Freiheit besonders an Pressefreiheit, als die meisten Länder Asiens. Es gab praktisch keine Zensur. Doch im März 1987 erließ die Regierung ein Pressegesetz, das die neuen Herrscher ab 1997 jederzeit zur Unterdrückung der freien Meinungsäußerung einsetzen können. »Großbritannien«, so ein junger chinesischer Rechtsanwalt, »leistet die Dreckarbeit für die kommunistischen Chinesen.«

Vor drei Jahren erklärte der inzwischen verstorbene britische Gouverneur Edward Youde die britische Verwaltung werde allmählich einer einheimischen Verwaltung Platz machen, die Hongkonger könnten beginnen, ihre eigenen Vertreter zu wählen - direkte Wahlen schienen sich abzuzeichnen.

Doch die neue Verwaltung unter Gouverneur Wilson veröffentlichte die Ergebnisse einer sogenannten Umfrage nach der die Bewohner Hongkongs Wahlen gar nicht wollten. »Auf diese Weise«, sagt Kavin Sinclair, Kolumnist des »Hong Kong Standard«, »kann man auch beweisen, daß die Australier kein Bier mögen.«

Der westlich gebildete chinesische Mittelstand erkennt jetzt, daß er in Wahrheit keine Chance hat, bei der Gestaltung der Zukunft Hongkongs mitzureden. Für die meisten geht es nicht mehr darum, ob sie gehen wollen, sondern nur noch, wann und wohin.

Zur Zeit sind die Bedingungen günstig. »Kanada heißt Einwanderer willkommen«, steht auf einem großen Schild im 12. Stock des Hongkonger Exchange Square Building, in dem der kanadische Botschafter seinen Sitz hat. Dutzende gutgekleideter Chinesen warten darauf, ihre Papiere abzugeben.

»Wir sind das zweitgrößte Land der Welt«, erklärt der kanadische Einwanderungsbeamte Al Lukie, »wir haben nur 25 Millionen Einwohner und kein Bevölkerungswachstum. Die Leute, die bei uns vorsprechen, sind gebildet, fleißig und können Englisch. Für uns sind sie geradezu ideal.«

Kanada zieht derzeit die meisten Hongkong-Chinesen an, 20000 werden sich allein in diesem Jahr dort niederlassen. An nächster Stelle liegen Australien und die Vereinigten Staaten.

Bislang hatten viele Familien zunächst Frauen und Kinder außer Landes geschickt, während die Männer vorerst noch in Hongkong blieben, um Geld zu verdienen. Doch das scheint sich nach dem Börsenkrach zu ändern - er hat hier zu größeren Verlusten geführt als in anderen Teilen der Welt.

Hongkong verlor nach dem schwarzen 19. Oktober insgesamt 44 Milliarden US-Dollar, das ist mehr als das Bruttosozialprodukt von 1986.

»Diejenigen«, so Leo Lee, ein Millionär, »die Milliarden besaßen, haben auch Milliarden verloren, diejenigen, die über ein Vermögen von Millionen verfügten, haben Millionen verloren. Wer nur wenig besaß, hat alles verloren.« Auch Banken, Firmen und Einzelpersonen aus der Volksrepublik China sollen schwere Verluste erlitten haben.

Der Konjunkturabschwung nach dem Börsenkrach und die Angst vor einer Rezession haben den Mittelstand zusätzlich beflügelt, das Land zu verlassen. »Welchen Sinn hat es«, fragt Finanzbeobachter Shaw Sinming, »auf der ,Titanic' Poker zu spielen?«

»Das Problem ist nicht 1997, sondern 1993/94«, meint der Jesuitenpater Laszlo Ladany. »Dann wird der größte Teil des Mittelstands schon abgewandert sein und Hongkong eines seiner Standbeine verloren haben.«

Die Abwanderung der Elite bedeutet auch eine Abwanderung von Kapital. Wer etwa einen kanadischen Paß erhalten möchte, muß in Kanada investieren - 250000 kanadische Dollar. Der Kapitalabfluß wiederum beschleunigt den Konjunkturabschwung, was seinerseits die

Chancen mindert, einen »letzten Dollar« zu verdienen.

»Die Gleichung Hongkong«, so der Kolumnist Frank Ching, »ist sehr einfach: Die britische Macht geht unter, die chinesische Macht geht auf, und die Menschen gehen weg.«

Das Symbol der aufstrebenden Macht Chinas wird jetzt unmittelbar im Zentrum von Hongkong neben der Hongkong und Shanghai Bank hochgezogen: der neue, spitzenförmige Turm der kommunistischen Bank of China, mit dessen Bau Peking den amerikanischen Architekten Jeoh Ming Pei beauftragt hat.

Früher hatten die beiden Banken einander einen erbitterten Konkurrenzkampf geliefert, hatten immer höhere Fahnenstangen aufgerichtet, um jeweils der Größte zu sein.

Das neue Gebäude der Bank of China wird das bei weitem größte Gebäude in Hongkong sein, das neue Wahrzeichen des Territoriums. Chinesen, die ihre Häuser auf den Bergen der Insel haben, klagen bereits jetzt, das Gebäude störe den Fernsehempfang und werde ihnen bald den Blick auf den Hafen verstellen. Am meisten aber stört sie, daß dieses Gebäude kleine Illusionen mehr zuläßt wer die neuen Herren in Hongkong sind.

»Allein schon die Tatsache, daß dieses Gebäude hochgezogen wird, läßt mich schaudern«, bemerkt ein junger chinesischer Rechtsanwalt, dessen Familie 1949 aus China geflohen war. »Ich werde mit Sicherheit alles tun, um nicht in seinem Schatten leben zu müssen.«

Kurz darauf saß er im kanadischen Einwanderungsbüro, um sein Visum zu beantragen.

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