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»Manche hatten 140 Sachen drauf«

Autobahnsperrungen in Nordrhein-Westfalen - Patentrezept gegen Nebelunfälle? *
aus DER SPIEGEL 52/1987

Nachts gegen zwei fuhr der Aachener Polizeipräsident Heinrich Bönninghaus, 49, nach einer Feier in Köln heimwärts. Die Autobahn war fast leer, dennoch »kroch« Bönninghaus »langsam am Seitenstreifen lang«. Über der A4 lag an jenem frühen Sonntagmorgen dichter Nebel. Dennoch wurde der Wagen des Polizeipräsidenten mehrmals überholt: »Manche hatten um die 140 Sachen drauf und den Blinker links rausgestellt.«

Bönninghaus'' Auto war eines der letzten, die durchkamen. Wenig später war der Nebel so dick, daß »Bäume und Sträucher auf zehn bis zwanzig Meter nicht mehr zu erkennen« waren, so ein Polizeibeamter. Um 3.56 Uhr gab die Leitstelle im Kölner Regierungspräsidium Order, den über 70 Kilometer langen Streckenabschnitt zwischen Köln und der Grenze bei Aachen an allen Auffahrten zu schließen - Lebensgefahr.

Wer nach Aachen oder nach Köln wollte, mußte auf Landstraßen daherschleichen. Knapp zweieinhalb Stunden lang ruhte der Verkehr zwangsweise, die Autofahrer reagierten - von wenigen Ausnahmen abgesehen - verständnisvoll. In Bonn hingegen wurde gemeckert, Bundesverkehrsminister Jürgen Warnke (CSU) tadelte die Anordnung von Regierungspräsident Franz-Josef Antwerpes, weil »keine Ausweichstrecke« angegeben und so die »Unfallgefahr erhöht« worden sei. Antwerpes konterte: »Es hat nicht mal eine Beule gegeben.«

Die Autobahnabschnitte im Regierungsbezirk Köln, die mit am stärksten frequentierten Pisten Europas, sind zugleich die gefährlichsten Nebelfallen der Bundesrepublik. Innerhalb kurzer Zeit ziehen, vor allem längs des durch Industrieabwässer übertemperierten Flüßchens Erft und in der Nähe riesiger Braunkohleabbaustätten, mächtige Bänke auf. Die genauen Ursachen dieses Phänomens sind bislang unerforscht.

Allein an fünf Nebeltagen zwischen Anfang 1985 und Februar 1987 starben bei Massenkarambolagen 20 Menschen, 244 wurden teils schwer verletzt. Die Unfallursache war immer die gleiche: überhöhte Geschwindigkeit - »ein geradezu kriminelles Fahrverhalten«, wie Nordrhein-Westfalens Verkehrsminister Christoph Zöpel (SPD) urteilt.

Seit Jahren schon appellieren Politiker und Unfallforscher, Juristen und Automobilklub-Funktionäre an das rasende Volk, bei Nebel langsam zu fahren. Einer der ersten, die mal richtig durchgriffen, war der Amtsrichter Reinhard Kumpmann, 36, aus dem rheinischen Bergheim.

Kumpmann verurteilte im März dieses Jahres einen Lkw-Fahrer, der bei 30 Metern Sicht mit 86 Stundenkilometern in einen Stau gedonnert war und dabei einen Mann getötet hatte, zu 18 Monaten Gefängnis. Das Landgericht Köln bestätigte das Urteil.

Regierungspräsident Antwerpes packte auf seine Art zu. Er drohte nach schweren Kollisionen öffentlich, beim nächsten Nebel die »Geisterbahn« dichtzumachen - und hatte gleich eine ganze Kritikerarmee am Hals.

Ein ADAC-Sicherheitsexperte nörgelte, die »Vollsperrung« verlagere das »Problem nur in die Ortschaften« - Folge: »Staus, Desinformation, nervöses Verkehrsverhalten durch Verärgerung«. In einer Fragestunde debattierte der NRW-Landtag den Plan mit rechter Leidenschaft - wobei die Opposition den Eindruck zu erwecken versuchte, die bürgerlichen Freiheiten seien in Gefahr.

Das Gezeter ringsum störte den streitbaren Sozialdemokraten Antwerpes nicht. Mit Rückendeckung durch NRW-Innenminister Schnoor hatte er seine Fachleute bereits vor Monaten »einen generalstabsmäßigen Plan« entwerfen lassen - »Betr. Verkehrsbeeinträchtigungen auf den Bundesautobahnen (BAB) durch ungünstige Witterungen«.

Nach diesem Erlaß dürfen, bislang einmalig in der Bundesrepublik, Autobahnpolizisten »bei Nebel mit Sichtweiten unter 30 m, Schneefall, Glatteis-» die Auffahrten blockieren und die Fahrer auf Nebenstrecken schicken. Der Regierungspräsident kann sich dabei auf eine eindeutige Rechtslage stützen.

Paragraph 45 der Straßenverkehrsordnung erlaubt ihm, »die Benutzung bestimmter Straßen oder Straßenstrecken aus Gründen der Sicherheit oder Ordnung des Verkehrs zu beschränken oder zu verbieten und den Verkehr umzuleiten«. Antwerpes: »Sicherheit heißt, Autofahrer und meine Polizisten vor dem Trauma eines wüsten Knalls und blutiger Menschenleiber zu bewahren.«

Nach der ersten Schließung einer Autobahn am dritten Advent flammte wieder Kritik auf- nicht zuletzt ausgelöst durch Meldungen, erboste Fahrer hätten Barrikaden einfach beiseite geschoben und seien in den Nebel gebrettert. »Da _(Auf der Strecke Köln-Aachen. )

hat einer meiner Beamten einen Funkspruch falsch interpretiert«, sagt Antwerpes. »Solche Zwischenfälle gab es nicht.«

Heftige Widerworte indes waren nicht selten. »Eine solch dramatische Reglementierung macht das Autofahren im Nebel nicht sicherer«, kritisierte der rheinland-pfälzische Verkehrsminister Rainer Brüderle (FDP): »Überholversuche auf Bundes- oder Landstraßen sind bei schlechtem Wetter viel gefährlicher als auf der Autobahn.« Überdies, meinte Alfons Metzeer vom bayrischen Innenministerium, würden »dann auch Radfahrer und Fußgänger gefährdet«.

Das Münchner Innenministerium kündigte den Einsatz von Sichtmeßgeräten an. Die Apparate sollen - ähnlich wie Radarfallen bei Temposündern - Sichtweite. Geschwindigkeit und das Fahrzeug im Photo festhalten. Bereits bei einer Überschreitung der »angepaßten Geschwindigkeit um zehn Stundenkilometer droht dem Fahrer nach den bayrischen Plänen 100 Mark Bußgeld, bei 20 Stundenkilometern zuviel ein Fahrverbot.

Der Direktor bei der Bundesanstalt für Straßenwesen, Karl-Heinz Lenz, fordert den Einbau eines Abstands-Tachos in alle Fahrzeuge. Das Gerät, das schon in der Erprobung ist, mißt die Entfernung zum Vordermann, zeigt die entsprechende Höchstgeschwindigkeit in Leuchtziffern an und bremst den Wagen gegebenenfalls automatisch ab.

Verkehrsminister Warnke glaubt, der einzig »richtige Weg« sei die Installierung von Nebelwarnanlagen: Alle vier Kilometer sollen quer über die Fahrbahn Brücken mit regulierbaren Geschwindigkeitsanzeigen gebaut werden - Kostenpunkt: acht Millionen Mark.

Antwerpes hält wenig von dem Warnke-Plan. »Das bringt nicht viel«, fürchtet er, »zwischen zwei solcher Brücken kann sich plötzlich eine undurchdringliche Nebelwand formieren.« Er will im Notfall weiterhin sperren lassen.

Nach Ansicht von Antwerpes'' oberstem Chef, Landesinnenminister Schnoor, sollen rasende Autofahrer mit noch schärferen Sanktionen belegt werden können. Schnoor fordert, daß *___bei Sichtweiten von 30 Metern nur noch 30 ____Stundenkilometer erlaubt sind, *___Nebelraser sowie deren Fahrzeuge so lange aus dem ____Verkehr gezogen werden, bis sich die Sichtverhältnisse ____normalisiert haben, *___die vorgeschriebene Geschwindigkeit mit modernster ____Technologie überprüft wird.

Bis es soweit ist, will sich Antwerpes auf das ebenso »effektive wie kostengünstige« Mittel der Sperrung verlassen. Antwerpes: »Ich bin ein Überzeugungstäter.«

Auf der Strecke Köln-Aachen.

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