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»Manchmal rief Möllemann täglich an«

Die Verbindungen des Bonner Staatsministers zu dem Händler Rolf Wegener *
aus DER SPIEGEL 32/1984

Wenn sich der Kaufmann Rolf Wegener, derzeitiger Wohnsitz Monte Carlo, in Düsseldorf aufhält, erscheint er gewöhnlich gegen zehn Uhr in den Geschäftsräumen des Hauses Kaiser-Wilhelm-Ring Nr. 45 in Oberkassel. Dort unterhält er mehrere Grundstücks- und Immobilienfirmen, darunter die Wohnkauf Grundstückshandels-Gesellschaft mbH & Co. KG.

Am Morgen des 18. Juni trieb es den Porschefahrer schon früh aus seiner Zweitwohnung in der Düsseldorfer Klopstockstraße, wo er von Bekannten über die im Telephonbuch nicht verzeichnete Nummer 66 17 40 zu erreichen ist, in sein Büro.

Als Wegeners Mitarbeiterin Christiane Schlüter _(Name geändert. Der richtige Name ist der ) _(Redaktion bekannt. )

gegen 9.30 Uhr die Firma betrat, stand der Chef schon am Telefax-Gerät und schob nacheinander mehrere Seiten aus dem am selben Tag erschienenen SPIEGEL in den Apparat.

Der Empfänger hatte die Vorwahl 009661 - Riad, Hauptstadt Saudi-Arabiens, wie Frau Schlüter sich erinnert. Dort sitzt Dr. Sami Jadallah, ein Geschäftsfreund Wegeners, der sich seit einigen Monaten immer mal wieder in Wegeners Büro aufhielt und dort, auf Weisung des Chefs, allerlei Dienstleistungen in Anspruch nehmen durfte.

Wegener ging wohl davon aus, daß sich Jadallah für den SPIEGEL-Artikel interessierte. Denn der Name der Firma, die der Araber als »General Counsel« berät, spielte in dem Report über die Geschäfte des jetzigen Staatsministers im Bonner Auswärtigen Amt, Jürgen Möllemann, eine Schlüsselrolle.

Jadallah arbeitet für die Firma »Hazar Establishment for Trading« in Riad. Das Unternehmen gehört dem einflußreichen Saudi Mohammed Bin Chalid Bin Hethlain, einem Milchbruder des saudischen Verteidigungsministers und Königsbruders Prinz Sultan Ibn Abd el-Asis. Mohammeds Sohn Salman, ein junger, geschäftstüchtiger Mann, betreibt jetzt in Genf zusammen mit seinem Bruder Naef die Hazar S. A., die Möllemann im November 1982 seinem Mitgesellschafter am TFK-Verlag ("twen"), Thomas Teves, als Anlaufadresse für Kontakte nach Nahost vermittelt hatte (SPIEGEL 25/ 1984).

Einflußreiche Leute wie Scheich Mohammed oder sein Sohn Salman sind begehrte Adressen für alle, die im arabischen Raum auf Geschäfte mit Petro-Dollar aus sind.

Darauf versteht sich das Unternehmen des Mohammed Bin Chalid Bin Hethlain bestens. Es schloß zum Beispiel im Oktober 1979 ein »Commission agreement« ab, eine Provisions-Vereinbarung mit der mittelständischen Münchner Ölhandelsfirma »Avia« über damals preisgünstiges saudisches Rohöl. Durch das Geschäft, für das auch andere, teilweise zwielichtige, Zwischenhändler Dollarprovisionen abstaubten, kassierte allein Mohammed vom Frühjahr 1980 an bis weit ins Jahr 1981 hinein täglich mehr als 240 000 Dollar, jede Woche über 1,7 Millionen Dollar (SPIEGEL 18/1984).

Auch die deutsche Rüstungsindustrie handelt die Namen Hazar und Bin Hethlain, sei es in Riad, sei es in Genf, als höchst nützliche Adressen. Zwar heißt es, Mohammed befasse sich selbst nur noch mit »non moda matters«, wie in Riad die branchenübliche Bezeichnung für zivile Geschäfte lautet. Doch unter deutschen Waffenhändlern und Diplomaten ist bekannt, daß Sohn Salman den Status eines Beraters von Prinz Sultan besitzt und sich von Genf aus auch um militärische Einkäufe für sein sicherheits- und prestigebedürftiges Vaterland kümmert.

Insider der Rüstungsbranche bestätigen, was Millionenerbe Teves, der auf Verdienst an deutschen Geschäften mit reichen Saudis hoffte, erlebt hat: Staatsminister Möllemann kann bei Kontakten zu Salman in Genf behilflich sein. Der Genscher-Adlatus, der gerne im arabischen Raum Firmen »die Türen aufmacht« (Möllemann), läßt Hinweise auf seine Beziehungen zu Salman gern in Gespräche mit Repräsentanten der Rüstungsindustrie einfließen.

Möllemann ist dort ein angesehener Gesprächspartner: Er gehört zu den Politikern, die einer offensiven Waffenexportpolitik seit langem das Wort reden. Einer derjenigen, die über unverständliche Bonner Zurückhaltung bei Rüstungsausfuhren jammern, ist Robert Jasper, für »Wehrtechnik« zuständiges Vorstandsmitglied der Münchner Flick-Tochter Krauss-Maffei.

Die Panzerschmiede produziert unter anderem den von den Saudis besonders begehrten »Leopard 2«, den die Bonner, aus Rücksicht auf Israel, nicht an arabische Länder verkaufen wollen. Jasper klagt: »Unsere Freunde, Franzosen und Amerikaner, ziehen an uns vorbei und _(In Dschiddah/Saudi-Arabien. )

machen die Geschäfte.« Zu den raren Lichtblicken, die der Münchner Panzerbauer in seinem Job hat, gehört daher der Staatsminister Jürgen Möllemann.

Zum einen ist er im Haus Flick gut eingeführt: Bei Recherchen zur Parteispenden-Affäre fanden die Steuerfahnder heraus, daß Möllemann 1978/79 als Direktionsassistent mit 60 000 Mark Jahresgehalt auf der Gehaltsliste der damaligen Flick-Tochtergesellschaft »Projektierung Chemische Verfahrenstechnik« (PCV) stand. Zum anderen sieht Jasper in dem FDP-Politiker »einen, der versucht, das Geschehen positiv für deutsche Interessen zu beeinflussen und zu managen«.

Jasper weiß, wovon er spricht. Denn er hat schon mehrmals »Gespräche mit Herrn Möllemann gehabt«, und er wünscht sich, »sie auch in Zukunft noch führen zu können«.

Der Gesprächsstoff wird den Herren so schnell nicht ausgehen. Denn das Auswärtige Amt hat das letzte Wort, wenn das für Waffenausfuhren zuständige Wirtschaftsministerium im Zweifel ist, ob ein bestimmter Exportantrag in einen Nicht-Nato-Staat genehmigt werden darf. Oft hängt es von der Definitionskunst der Sachbearbeiter ab, was als militärisches, was als ziviles Gerät gilt.

Dem Staatsminister muß daher daran gelegen sein, seine Kontakte mit der Rüstungsindustrie und ihrer mächtigen Lobby nicht ruchbar werden zu lassen.

Zupaß kommt ihm dabei sein Amt als Präsident der »Deutsch-Arabischen Gesellschaft«. Auf Zusammenkünften dieses eingetragenen Vereins versammeln sich regelmäßig Repräsentanten deutscher Firmen, Angehörige arabischer Regierungen und deren Bonner Botschaftspersonal. Als ehrenamtlicher Präsident kann der Araberfreund Möllemann je nach Bedarf mal stärker als Politiker, mal stärker als Geschäftseinfädler agieren.

Unter welchem Hut der fixe Münsteraner Lehrer auch auftritt, er darf mit der Diskretion seiner Geschäftspartner rechnen. Kurt Lehnig, Auslandsexportchef für die Wehrtechnik von Thyssen-Henschel, beschreibt die Usancen: »Es gibt Dinge, über die redet man, beispielsweise über den Verkauf von Kinderwagen. In unserer Branche müssen die Dinge, die besprochen werden, vertraulich bleiben.«

In einer Aktennotiz haben Manager eines deutschen Rüstungskonzerns festgehalten, was ihnen der Staatsminister im vergangenen Jahr bei einer vertraulichen Zusammenkunft empfahl: Geduld, strenge Diskretion und Kontakt zu Rolf Wegener, dem Immobilienmakler und Grundstücksrepräsentanten aus Düsseldorf und Monte Carlo.

Der heute 38jährige war früher hauptsächlich bei Banken und in der Baubranche aufgefallen. Im Jahre 1977 ging die Düsseldorfer Baufirma H + T Bau-Company, an der er zur Hälfte beteiligt war, in Konkurs. Das Unternehmen war gemeinsam mit der Bremer Treuhand an einem riesigen Wohnungsbauprojekt in Algerien gescheitert. 5050 Wohnungen wollte das Konsortium in der Region von Sidi-bel-Abbes bauen: Am Ende mußte die Bremer Treuhand, damals zweitgrößtes Immobilienimperium der Bundesrepublik, in die Liquidation.

Die Affäre schlug in Bremen hohe Wellen. Schon vorher setzte sich der smarte Jung-Unternehmer mit Mercedes, Maserati, Mini-Cooper und Segelyacht ins Steuerparadies Monte Carlo ab. Zuvor hatte er bei den Algeriern fast 20 Millionen Mark für »Akquisitionsbemühungen und für andere Leistungen« - so ein Bericht von Wirtschaftsprüfern - abgekämmt.

Heute widmet sich Wegener zusätzlich den Bedürfnissen jener Staaten des Vorderen Orients, die mit ihren Öldollar nicht nur Anlagen in deutschem Kapital suchen, sondern auch Rüstungsgüter »Made in Germany« kaufen wollen.

Türen zu Botschaften dieser Staaten kann der Staatsminister öffnen. Irakische Diplomaten berichten von verschiedenen Anrufen Möllemanns. Darin habe er über deutsche Firmen gesprochen, deren Vertreter im Auswärtigen Amt vorstellig geworden seien, weil sie keine Exportlizenzen bekommen hatten. Oder Möllemann habe, als ihm Importwünsche der irakischen Regierung bekannt wurden, angekündigt, er wolle einen Mann seines Vertrauens zu Gesprächen über die Geschäfte vorbeischicken.

Kommentar eines Iraki-Diplomaten: »Natürlich, ein Emissär von Möllemann wird immer sehr gern in unserer Botschaft gesehen.« Möllemann habe geholfen, »Dinge zu bekommen, die wir manchmal nur unter sehr schwierigen Umständen erhalten hätten. Auch wenn wir Schwierigkeiten mit dem Auswärtigen Amt hatten, ebnete er uns den Weg«.

Im Frühjahr dieses Jahres rief eine Sekretärin der Botschaft der Vereinigten Arabischen Emirate bei Wegeners Düsseldorfer Firmengruppe an. Wegeners damalige Sekretärin, Christiane Schlüter, erinnert sich: _____« Sie teilte mir mit, daß Herr Möllemann mit » _____« Botschaftsrat Al Zaabi gesprochen habe wegen eines » _____« Termins für Herrn Wegener und ob Herr Wegener Englisch » _____« spreche. »

Die Botschaft des Sultanats Oman bestätigt, daß Möllemann den Rolf Wegener beim Ersten Sekretär Al-Kahsibi eingeführt habe. Seither geht der Händler dort ein und aus. Im Frühjahr besuchte er den strategisch wichtigsten Wüstenstaat am Persischen Golf.

Auch bei deutschen Waffenfirmen ist Wegener gut bekannt. Exportchef Lehnig bestätigt, daß Wegener im Herbst 1983 »uralte Kontakte« zu Thyssen-Henschel in Kassel wiederaufnahm. Er habe Verbindungen zu einem Land angeboten, »das im Moment ein Tabu« (Lehnig) sei und militärische Radfahrzeuge suche.

Bei Krauss-Maffei in München diente sich Wegener mit seinen »Verbindungen in afrikanische, arabische und asiatische Staaten« (Vorstandsmitglied Jasper) an. Jasper weiter: »Er hat mich über Geschäftsvorgänge informiert, über Projekte, die dort existieren. Er hat seine Mitwirkung angeboten.«

In der Branche wird berichtet, Krauss-Maffei habe einen schriftlichen Vertrag mit Wegener. Jasper streitet zwar die Existenz einer solchen Vereinbarung ab. Er räumt aber ein, daß Wegener Provisionen zustehen, wenn Krauss-Maffei durch ihn etwas verkauft. Jasper: »Wir verbleiben mit vielen so.« Auf die Frage, ob ihm eine Beziehung zwischen Wegener und Möllemann bekannt sei, antwortet Jasper: »Ich muß es ablehnen,

eine Verbindung zwischen beiden zu sehen.«

Bessere Auskunft über die Verbindung zwischen Immobilienmakler und Staatsminister konnte Hanns-Arnt Vogels, Chef des größten deutschen Luft- und Raumfahrtunternehmens Messerschmitt-Bölkow-Blohm (MBB), geben. Er begleitete im April dieses Jahres zusammen mit anderen Industriellen den bayrischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß nach Indonesien.

Während des Fluges beschwerte sich Vogels über nichterbetene Versuche von Möllemann und Wegener, in Saudi-Arabien MBB-Geschäfte zu fördern. Der Konzern, der in dem Ölstaat eigene Repräsentanten besitzt, will dort Hubschrauber verkaufen.

Nach Rückkehr aus Indonesien berichtete Vogels Vertrauten, Wegener sei bei ihm erschienen. Der Gast habe auf seine Kontakte zu dem Saudi Salman und zu Möllemann verwiesen, mit dem ihn »ein herzliches und enges Verhältnis« verbinde.

Als der SPIEGEL Ende Juni den MBB-Chef fragte, ob Wegener dagewesen sei, er dem Besucher aber die kalte Schulter gezeigt habe, kam die Antwort: »Das letztere ist richtig. Wir haben häufig solche Trittbrettfahrer.« Doch näheren Angaben über eine direkte Beziehung Wegeners zu Möllemann wich Vogels aus: »Ich kenne die Verbindungen der beiden nicht.«

Seine Kontakte zu Firmen der Rüstungsindustrie hatte Möllemann schon vor jenem 1. Oktober 1982 spielen lassen, an dem er Staatsminister wurde. Der Freidemokrat war zuerst Mitglied im Bildungs-, seit 1976 im Auswärtigen und zugleich im Verteidigungsausschuß - und mit 20 000 Mark stiller Gesellschafter der Werbeagentur PR + Text in München.

Bis er zum 1. Oktober 1982 seine Anteile abgab, war er freilich nicht immer still. Er holte etwa bei der Kasseler Wegmann & Co. GmbH., die sich als Zulieferer von Panzertürmen einen Namen gemacht hat, einen PR-Auftrag zum 100jährigen Firmenjubiläum. Am 26. Oktober 1982 stellte PR + Text eine Rechnung in Höhe von 27 000 Mark aus.

Möllemann schrieb an die Bremer Fr.-Lürssen-Werft, die auf Patrouillen-, Minenkampf-, Torpedofangboote sowie Korvetten spezialisiert ist. Er bot die Dienste von PR + Text bei Thyssen, Henschel, Siemens, Salzgitter und bei Sulo in Herford feil, einem Fabrikanten für Munitionskisten.

Über den ehemaligen Bonner FDP-Sprecher Josef Gerwald, einen gelernten Rundfunkjournalisten, den der frühere FDP-Wirtschaftsminister und jetzige Dresdner-Bank-Chef Hans Friderichs zeitweilig bei der AEG untergebracht hatte, schaffte es Möllemann, bei dem Elektrokonzern ins Geschäft zu kommen. PR + Text erstellte für rund 20 000 Mark ein Nahost-Konzept für den Verkauf von Sendern, Telephonen und Funkgeräten für Libyen und Ägypten.

Ein ehemaliger PR + Text-Partner erinnert sich, daß die Vorlage im wesentlichen aus Namen und Adressen von Personen bestand, die Möllemann als Schmiergeldempfänger empfohlen habe.

Doch die Aktivitäten des Abgeordneten reichten noch weiter - in politisch brisante Zonen. Möllemann empfahl PR + Text den Bonner Botschaften Saudi-Arabiens und Nordjemens; er diente die Firma auch Libyen, der PLO, Pakistan und der Sozialistischen Republik Vietnam an. Nach einer Dienstreise Möllemanns ins kommunistische Nordkorea finanzierte PR + Text später einen Trip des Möllemann-Freundes Wolfgang

Müller und zweier Begleiter zu den Ostasiaten.

Ähnlich wie Wegener mischte Müller unter Berufung auf seine Kontakte zu Möllemann in allerlei Nahost-Händeln mit. Aus Nordkorea brachten die Akquisiteure freilich nur einen Auftrag für die Betreuung des Staatszirkus heim.

Nie vergaß Möllemann, der in seinen Werbebriefen an die arabischen Botschafter sein Bundestagsmandat erwähnte, die guten allgemeinen politischen Beziehungen zu loben, die man doch auch im privatgeschäftlichen Bereich nutzen könne.

Nach seiner Ernennung zum Staatsminister im Bonner Außenamt mußte der geschäftstüchtige Liberale mehr Vorsicht walten lassen.

Spätestens seit der Reise von Bundeskanzler Helmut Kohl und Staatsminister Möllemann nach Saudi-Arabien im Oktober vorigen Jahres lassen sich Kontakte zwischen dem FDP-Politiker und dem Kaufmann Wegener nachweisen, von denen die Rüstungsmanager so wenig wissen wollen.

Was nach dieser Reise in Wegeners Büro am Düsseldorfer Kaiser-Wilhelm-Ring vorging, beschreibt seine Mitarbeiterin Schlüter: _____« Ungefähr eine Woche nach dem Besuch von Bundeskanzler » _____« Kohl und Staatsminister Jürgen Möllemann in Saudi-Arabien » _____« rief Staatsminister Möllemann zum ersten Mal bei der » _____« Wohnkauf GmbH & Co. KG an und verlangte nach Herrn » _____« Wegener. Wegener war abwesend, und ich als seine » _____« Sekretärin nahm den Anruf von Möllemann persönlich » _____« entgegen und teilte Herrn Möllemann mit, wie ich es » _____« standardmäßig immer tat, daß Herr Wegener ihn zurückrufen » _____« werde, sobald ich ihn erreicht habe. Ich leitete den » _____« Anruf an Wegener weiter. »

Am nächsten Morgen rief Wegener gegen neun Uhr an und ordnete an, seine Haushälterin möge sofort zwei Koffer mit leichten Sachen packen. Für denselben Tag mußte Frau Schlüter einen Flug von Frankfurt nach Riad buchen; eine weitere Mitarbeiterin flog wenig später mit dem Gepäck nach Frankfurt und fuhr mit Wegeners Porsche nach Düsseldorf zurück. Es dauerte über eine Woche, bis Wegener wieder in seinem Düsseldorfer Büro auftauchte.

»Von da an meldete sich Möllemann laufend und verlangte Herrn Wegener«, berichtet Frau Schlüter: »Manchmal rief er täglich an, manchmal sogar zweimal am Tag.« Möllemann mußte über Wegeners jeweiligen Aufenthaltsort gut informiert gewesen sein, ob der Kaufmann in Düsseldorf weilte oder in Monte Carlo. Dort, am Boulevard du Larvotto in der Residence »Le San Juan«, sitzt Wegeners Firma Hawerk AG. Frau Schlüter: _____« Mir ist aufgefallen, daß Möllemann immer dann anrief, » _____« wenn Herr Wegener ins Büro kommen sollte oder wenn er da » _____« war. Möllemann rief nicht an, wenn Wegener, der uns » _____« vorher nie informierte über seine Anwesenheit im » _____« Düsseldorfer Büro, unterwegs war. »

Mal teilte Möllemann mit, er bitte um Wegeners Rückruf zwischen 19 und 19.30 Uhr in Münster, mal hinterließ er, so am 14. Februar 1984, er sei zwischen 12.30 und 17 Uhr in Bonn zu erreichen. Ein andermal bestellte der Staatsminister, er sei mit dem Auto nach Düsseldorf, später nach Essen unterwegs.

Frau Schlüter über den Kontakt zwischen Unternehmer und Staatsmann: »Ich gehe davon aus, daß die beiden sich öfters getroffen haben. Nach Anrufen Möllemanns stand Wegener häufig auf und ging.«

Doch nicht nur Möllemann wählte seit Ende vergangenen Jahres regelmäßig die Telephonnummer 0211/57 30 97 an. Über den Draht gingen auch Informationen für und von Managern der deutschen Rüstungsindustrie.

In Wegeners Düsseldorfer Büro meldeten sich *___von Krauss-Maffei das Vorstandsmitglied Robert Jasper; ____der Geschäftsbereichsleiter »Wehrtechnik«, Hans-Georg ____Riehle; der Projektleiter für Kampfpanzer, Wolfgang ____Nürnberger; *___von Thyssen-Henschel in Kassel (Schützenpanzer ____"Marder«, Jagdpanzer »Jaguar«, Flugabwehrraketenpanzer ____"Roland") der Vorstandsvorsitzende Hans U. Wolf sowie ____der Direktor für »Wehrtechnik/Ausland«, Kurt Lehnig; *___von der Flick-Tochter Dynamit-Nobel in Troisdorf ____(Sprengstoffe, Munition, Minen, Panzerabwehrmunition, ____Raketen) die Direktoren Herbert Noethen und Erich ____Tappert; *___von den Eisenwerken Kaiserslautern (Amphibienfahrzeuge, ____Panzerschnellbrücke »Biber") Geschäftsführer Ullrich ____Göppner; *___von der Siemens AG München (Radaranlagen, ____Stromaggregate für Luftwaffe

und Heer, Flugabwehranlagen) Siegfried Eickel-Schulte.

Aus Würzburg meldete sich ein Dr. Klose bei der Immobilienfirma und bat um Rückruf, mal unter seiner Geschäfts-, mal unter seiner Privatnummer. Sekretärin Schlüter: _____« Ich kann mich daran erinnern, daß er mich einmal » _____« fragte, ob Herr Wegener schon die Nachricht über » _____« kugelsichere Westen bekommen habe. Aus einem Telex, das » _____« am gleichen Tag einging, konnte ich entnehmen, daß die » _____« Westen für den Iran bestimmt waren. Herr Wegener zerriß » _____« in meinem Beisein das Telex mit allen Kopien in kleine » _____« Stücke. »

Horst Klose ist tatsächlich ein Branchenkollege Wegeners. Er ist geschäftsführender Gesellschafter der Würzburger Mero-Firmengruppe, die nach seinen eigenen Worten »Zulieferer der Bauindustrie« ist. Und er ist Vize-Präsident der Deutsch-Arabischen Gesellschaft in Bonn. Präsident der Gesellschaft: Staatsminister Jürgen Möllemann.

Klose bestreitet, was in der Rüstungsbranche als gesichert gilt - daß es nämlich sein Präsident Möllemann war, der ihn mit Wegener bekanntgemacht habe.

Wie weit sich die vielfältigen Kontakte zur Rüstungswirtschaft und zur Politik für den Immobilienmakler Rolf Wegener lohnen, geht aus den Büchern seiner Düsseldorfer Firmen nicht hervor. Kassenführung und Kassenbücher verraten lediglich eigenartige Praktiken im Umgang mit Geld. Wegener ließ sich in den vergangenen Jahren von seiner Mitarbeiterin gelegentlich Bargeld aus der Kasse reichen. Diese Auszahlungen durfte seine Sekretärin nicht als Privatentnahme ins Kassenbuch eintragen. Sie ließ sich dafür von ihrem Boß provisorische gelbe Ausgabenbelege abzeichnen, die sie gesondert abheftete.

Bei der Abrechnung für das Jahr 1983 im Mai 1984 erhielt sie dafür von Wegener einige kleine Posten in bar zurück. Für vier Positionen im 1. Quartal 1983, zweimal 20 000, einmal 25 000 Mark, und im Dezember vergangenen Jahres einmal 15 000 Mark, mußte Frau Schlüter auf Geschäftsbogen der Wohnkauf GmbH Belege schreiben.

Als Empfänger geleisteter Zahlungen mußte sie den Züricher Rechtsanwalt Dr. Vuille einsetzen, als Zahlungszweck »Adressenkartei« eintragen. Noch im Mai erhielt Frau Schlüter die Belege von Wegener mit der Unterschrift des Schweizers für ihre Kasse zurück. Ähnliche Quittungen von Wegeners Hawerk AG in Monte Carlo, mit denen offene Kassenposten der Wohnkauf GmbH & Co. KG ausgeglichen werden sollten, standen Ende Juni noch aus.

Vom SPIEGEL nach den Wohnkauf-Quittungen befragt, räumte Vuille ein: »Daß wir Quittungen unterzeichnet haben, ist möglich.« Seltsamerweise bestreitet er jedoch Verbindungen zu der Wegener-Firma: »Mit Wohnkauf keine Beziehungen, Null, noch nie gehabt.« Vuille, der Wegener kennt ("Ich weiß, wer es ist"), kann sich nicht einmal erinnern, wofür er Quittungen unterschrieben hat. Für Adreßkarteien? »Das ist denkbar, mag sein.«

Wofür Wegener Bares brauchte, hat Christiane Schlüter selten erfahren. Seit 1981 mußte sie monatlich 3000 Mark von Konten der Rolf Wegener KG bei der West LB oder der Stadtsparkasse Düsseldorf an die Wolfgang-Döring-Stiftung überweisen. Offiziell betreibt die Stiftung Erwachsenenbildung, und zwar ausschließlich für den nordrhein-westfälichen Landesverband der FDP - dessen Vorsitzender seit 1983 Jürgen Möllemann heißt.

Einmal mußte Frau Schlüter auch Sami Jadallah, dem Berater der Hethlain-Firma »Hazar"/Riad, einen Briefumschlag mit 20 000 Mark ins »Steigenberger Parkhotel« in Düsseldorf bringen. Christiane Schlüter: »Da Jadallah nicht anwesend war, hinterlegte ich den Umschlag an der Rezeption gegen Empfangsbestätigung. 10 000 Mark stammten aus meiner Kasse. Wegener gab mir einen Tag später seine Paraphe unter den Ausgabenbeleg für meine 10 000 Mark.« Der Verwendungszweck wurde nicht angegeben.

Anfang Juni 1984 mußte Frau Schlüter tief in die Kasse greifen. Wegener brauchte auf einen Schlag 43 719 Mark. Für das Geld brachte er einen »XY-Mini Spy Detector« mit, ein »Feldstärkemeßgerät«, mit dem sendende Mini-Spione abgewehrt werden können.

Dem Kauf dieser Büroeinrichtung folgten seltsame Aktivitäten in Wegeners Büro am Kaiser-Wilhelm-Ring und in seinem Domizil Klopstockstraße 14 - nach Erscheinen des SPIEGEL-Artikels vom 18. Juni 1984 über Möllemann.

Am 21. Juni, einem Donnerstag, meldete sich Möllemann zwischen elf und zwölf Uhr aus seinem Auto und fragte nach Wegener. Frau Schlüter: »Ich teilte ihm mit, daß Herr Wegener vielleicht vor fünf Minuten das Haus verlassen habe, sich aber sicherlich noch im Düsseldorfer Raum aufhalten würde und von daher die Möglichkeit bestünde, ihn über Autotelephon zu erreichen. Ich teilte Herrn Möllemann die Nummer mit, und er fragte mich: ''Ist das auch die richtige Nummer, sind Sie ganz sicher, kann ich mich darauf verlassen?«

Am Donnerstag, 28. Juni, abends versuchte der SPIEGEL erstmals, Wegener über seine Geheimnummer zu erreichen. Rückruf wurde zugesagt. Doch von Freitagmorgen an war nur noch ein Anrufbeantworter eingeschaltet.

An diesem Morgen ging es in Wegeners Düsseldorfer Büro rund. Frau Schlüter: »Am Freitag, dem 29. Juni, vormittags, teilte mir Herr Wegener mit, daß es möglich wäre, daß die Büroräume der Wohnkauf beobachtet würden und daß sich jemand mit ''Möllemann'' melden könnte, der gar nicht Herr Möllemann sei.«

Fortan sei er für niemanden zu sprechen, ordnete Wegener an und teilte mit, er verreise für mehrere Wochen. In einem zweiten Gespräch bat er um Vorsicht und darum, alle Anrufe an ihn nach Monte Carlo weiterzuleiten. Wochenlang war das Büro am Kaiser-Wilhelm-Ring von der Außenwelt abgeschnitten - jedenfalls telephonisch. Der Anrufbeantworter verwies auf »Betriebsferien«.

Name geändert. Der richtige Name ist der Redaktion bekannt.In Dschiddah/Saudi-Arabien.

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