Zur Ausgabe
Artikel 136 / 165
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

ÖSTERREICH Manische Lust am Zündeln

Seit Jörg Haider verstärkt gegen Juden hetzt, legt die FPÖ im Wiener Wahlkampf wieder zu. In der Kultusgemeinde häufen sich anonyme Schmähungen.
aus DER SPIEGEL 12/2001

Es ist Mittwochabend, kurz nach 20 Uhr, Wahlkampfzeit in Wien-Donaustadt. Im »Haus der Begegnung« an der Bernoullistraße widmet sich Jörg Haider den Linken. Über den um die Wiederwahl ringenden Wiener Bürgermeister und dessen Neigung, »zum Branntweiner« zu gehen, spottet er und über den Parteichef, »den Gruselbauer« - SPÖ-Boss Alfred Gusenbauer.

Außerdem, sagt Haider, und setzt eine dramatische Pause, haben die Linken ja jetzt einen Wahlkampfstrategen, »den Herrn, wia haaßt er« - wissendes Gelächter im Publikum -, »Greenberg, direkt von der Ostküste«. »Wollt ihr Ostküste oder Wienerherz?«, hatte der Ex-FPÖ-Chef schon Wochen zuvor gefragt - im Klartext: jüdische Weltverschwörung aus den USA oder anständige Österreicher. »Wie soll dieser Herr Greenberg wissen, was die Wiener bewegt?«, höhnt Haider nun.

Dann legt er nach: »Die Waschmittelfirma Ariel hat sich bei mir bedankt, weil ich so mannhaft dafür eingestanden bin, dass Ariel nur mit Sauberkeit in Verbindung gebracht wird.« Der Saal brüllt vor Entzücken. »Ich verstehe nicht, wie einer, der Ariel heißt, so viel Dreck am Stecken haben kann«, hatte Haider am Aschermittwoch ausgerufen - an die Adresse von Ariel Muzicant. Der ist Vorsitzender der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) in Wien.

Das Publikum lacht, noch bevor manche Sätze vollendet sind. Die Codes sind bekannt. Die »Ostküste« stammt aus der Zeit der Waldheim-Affäre, gegen »dreckige Juden« hetzte schon der »Stürmer«, und auch Namenswitze Marke Gruselbauer waren bei den Nazis üblich.

Während Haider in der Donaustadt den Vorsitzenden der Wiener Juden mit Spott übergießt, sammelt eine IKG-Mitarbeiterin Reaktionen. »Der Schmarotzer-Jud Ariel bleibt uns sicher erhalten, weil er viel zu feig ist, um in seine Heimat Israel zu gehen«, ist als E-Mail um 10.09 Uhr aufgegeben worden. Vermutlich »hat der Ariel jetzt einen Persilschein«, spottet ein anderer User.

Seit Haiders Aschermittwochsrede in Ried hat die Zahl der antisemitischen Schmähungen und Beschimpfungen nach Angaben der Gemeinde rapide zugenommen. Die Lage hatte sich, nach einem Rekord im Gefolge des FPÖ-Regierungseintritts, zwischenzeitlich beruhigt.

Zur erneuten Zuspitzung hat auch die Kontroverse um die finanzielle Lage der IKG beigetragen. Während Bundeskanzler Schüssel und die FPÖ davon ausgehen, dass mit dem Gesetz zur Entschädigung für arisiertes Eigentum, das Ausschüttungen von 360 Millionen Dollar vorsieht, auch die jüdischen Ansprüche abgegolten werden, fordert die IKG separaten Ausgleich für die materiellen Verluste durch den Nazi-Terror.

Auf umgerechnet 1,1 Milliarden Mark beziffert Ariel Muzicant den Schaden für seine Gemeinde, nur drei Prozent davon seien wieder gutgemacht, keine einzige der ehemals 55 Synagogen in Wien sei wieder aufgebaut worden.

Die Schulden seiner Gemeinde, sagt Muzicant, beliefen sich derzeit auf gut 90 Millionen Mark. Engagiere sich der Staat nicht nach deutschem Vorbild stärker, drohe die Jüdische Gemeinde »liquidiert«, das heißt »materiell vernichtet« zu werden.

Auch der nach eigenem Bekenntnis SPÖ-nahe Muzicant spart nicht mit grobem Schrot. Er zielt in Richtung ÖVP-Bundeskanzler Schüssel: »Für diese Regierung sind wir ein Feind. Daher bekämpft sie uns, wo es nur geht.« Die Antwort, warum die Sozialdemokraten, die von Kreisky bis Klima 30 Jahre lang den Kanzler stellten, keine gesetzliche Regelung geschaffen haben, die Juden zu entschädigen, bleibt Muzicant schuldig.

Der Konflikt mit Haider soll nun vor Gericht ausgetragen werden. Muzicants Anwalt Gabriel Lansky, der Klage eingereicht hat, wird zum Tatbestand des Antisemitismus in der Zeitschrift »Format« zitiert: »Es genügt zumeist, in Codices zu sprechen, etwa Personen als ,jüdisch', ,zionistisch' oder als ,Jude XY' zu bezeichnen.« Eine Woche zuvor stand in »Format« unter den Fotos der beiden Kontrahenten: »Bierzeltredner Haider, Jude Muzicant«.

Zwangloser rhetorischer Umgang mit der eigenen Vergangenheit ist in Österreich ohnehin kein Privileg der FPÖ. Unvergessen ist der ÖVP-Generalsekretär Michael Graff, der 1987 der Pariser Zeitschrift »L'Express« kundtat, solange nicht erwiesen sei, dass Bundespräsident Kurt Waldheim »mit seinen eigenen Händen sechs Juden erwürgt hat«, bestehe kein Grund, ihn für schuldig zu halten. Im Dezember 1999 hat der Kärntner SPÖ-Landtagsabgeordnete Gebhard Arbeiter unter explizitem Verweis auf den Urheber Goebbels mit dem Spruch brilliert: »Das Volk muss fühlen, wer das Sagen hat.«

In Österreich müsste das derzeit der Bundeskanzler sein. Doch der schweigt zumeist zu Haiders Ausfällen, ausnahmsweise in seliger Eintracht mit dem Bundespräsidenten. Oder er lässt seinen in der EU-Kommission untergeschlüpften Parteifreund Franz Fischler das Nötige sagen. Der wehrt sich aus der Ferne gegen jeden »auch nur aufkeimenden Antisemitismus« und mahnt die eigene Parteispitze, »auch öffentlich« zu erklären, »dass solche Aussagen nicht hinnehmbar sind«.

Einstweilen darf der »Jörg, der sich was traut« (Wahlwerbung) weiter seine manische Lust am Zündeln ausleben. Je lauter der Protest, desto lieber. Es geht nicht nur gegen die Juden. Auch Jacques Chirac, »der Westentaschen-Napoleon« oder »Napoléon de poche«, wie Haider höhnt, bekommt wieder sein Fett ab. Und Gerhard Schröder: Wer den sehe, sagt Haider in seiner Wahlrede, verstehe das deutsche Lied »Ich hab noch einen Koffer in Berlin«. Koffer heißt auf Wienerisch »Idiot«.

Am Sonntag wird in der Hauptstadt gewählt. Die FPÖ liegt in den Umfragen bei 22 Prozent, Tendenz steigend. WALTER MAYR

Zur Ausgabe
Artikel 136 / 165
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel