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SÜDKOREA Mann der Mängel

Mit einem Referendum kämpft Präsident Roh ums politische Überleben: Das Vertrauensvotum soll ihm auch für die Parlamentswahlen die nötige Mehrheit verschaffen.
aus DER SPIEGEL 43/2003

In seiner Not flüchtete der Staatschef in die Pose des jungen, unerschrockenen Kämpfers. Er habe beschlossen, »sich vor die Nation zu werfen, um das Vertrauen des Volkes zu suchen«. Mit solchem Beistand werde er seine Regierung völlig umbauen und einen Neuanfang machen - spätestens »ab dem nächsten Jahr«.

So sprach sich Südkoreas Präsident Roh Moo Hyun, 57, vergangene Woche vor dem Parlament in Seoul selbst Mut zu. Seine müde Körpersprache indes führte der Nation den alten Roh vor: einen glücklosen Amtsinhaber, der überfordert scheint.

Kaum acht Monate im Amt, muss der Staatschef um seine Zukunft bangen: Mitte Dezember will er seine Landsleute per Referendum um Unterstützung bitten. Für den Fall einer Niederlage kündigte er seinen Rücktritt an, um im April einen Nachfolger wählen zu lassen. In Washington, Tokio und selbst in Peking löste die Ankündigung tiefe Besorgnis aus. Ausgerechnet

jetzt, da Nordkorea die Region mit seiner atomaren Aufrüstung erpresst, droht im Süden der Halbinsel politische Instabilität.

Dass Roh dieses Wagnis eingeht, hat er auch sich selbst zuzuschreiben. Seine Beliebtheit, Anfang des Jahres bei 80 Prozent, fiel laut Umfragen auf unter 30 Prozent. So rapide verlor keiner seiner demokratisch gewählten Vorgänger an Kredit. Der Auslöser für den Popularitätsverfall war ein Korruptionsskandal. Ein enger Roh-Vertrauter soll von dem Mobilfunk- und Ölkonzern SK eine illegale Spende in Höhe von 1,1 Milliarden Won (816 000 Euro) kassiert haben. Für den früheren Menschenrechtsanwalt Roh ein peinlicher Vorwurf, denn er war mit dem hehren Versprechen angetreten, Filz und Mauscheleien zu bekämpfen.

Zur Krise eskalierte der Bestechungsfall, weil Roh im Parlament die eigene Mehrheit fehlt. Außerdem spalteten sich seine Anhänger unlängst von der Partei des Amtsvorgängers Kim Dae Jung ab: Von insgesamt 273 Abgeordneten halten nur etwa 45 Politiker treu zum Präsidenten.

Vor allem die von Roh versprochene Modernisierung der Wirtschaft kam nicht voran. Erstmals seit der Finanzkrise 1997/98 rutschte Südkorea wieder in die Rezession. Wochenlang sah der Gewerkschaftsfreund unentschlossen zu, wie Streiks in der Autoindustrie und im Speditionsgewerbe den Ruf seines Landes bei ausländischen Investoren schädigten.

Rohs Dilemma: Zwar wurde der Reformer im vergangenen Jahr mit Hilfe der jungen Generation selbstwusster, wohlhabender Koreaner ins Amt gewählt. Gleichzeitig aber verfügen die Seilschaften aus der Zeit der Militärdiktatur noch über entscheidenden politischen und wirtschaftlichen Einfluss. Südkoreas Gesellschaft bleibt geteilt in zwei tief verfeindete Lager von Traditionalisten und Reformern.

In dieser Lage hätte selbst ein starker Präsident wenig Manövrierraum. Doch Roh erwies sich als Mann der Mängel. Statt die Sehnsucht seiner Landsleute nach kräftiger Führung zu stillen, verunsicherte er die Öffentlichkeit mit Gerüchten über Selbstzweifel und fehlendes Durchhaltevermögen.

Nun setzt der angeschlagene Präsident alles auf das Referendum. Sollten die Wähler ihm ihr Vertrauen schenken, wähnt Roh, könnte er sich auch bei den im April anstehenden Parlamentswahlen endlich die nötige Mehrheit verschaffen. Rohs Anhänger hoffen, dass das gewagte Kalkül aufgeht. Dabei vertrauen sie auch auf die Furcht ihrer Landsleute vor politischem Chaos - denn die Opposition verfügt über keine personelle Alternative.

»Zwar mögen viele Leute Roh nicht«, sagt der Abgeordnete und Präsidenten-Intimus Chung Sye Kyun, »aber derzeit ist kein Politiker in Sicht, der ihn ersetzen könnte.« WIELAND WAGNER

* Bei einer Parade am 1. Oktober in Seoul.

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