Zur Ausgabe
Artikel 44 / 111

Balkan Mann der Mythen

Ein Romancier an der Spitze in Belgrad verspricht den Serben die nationale Einheit.
aus DER SPIEGEL 26/1992

Slobodan Milosevic, Großmogul der Serben, schäumte: »Für mich ist das Urteil eines Arbeiters konstruktiver als das von 100 Studenten.« Und Uni-Rektoren seien auch nicht mehr wert als Bauern. Jedenfalls denke er nicht im Traum daran, sich vom Pöbel zum Rücktritt zwingen zu lassen.

Wut über die plärrende Arroganz des Serbenzars ergriff Jungakademiker wie Professoren: »Der Mann hat ja jeden Kontakt zur Realität verloren«, spottete Jurastudent Vlatko Sekulovic. Und der Dekan der Mathematischen Fakultät entrüstete sich: »Der Präsident hat uns einfach angepinkelt.«

Nun wollen 10 000 Studenten erst recht so lange auf Belgrads Straßen ausharren, bis der »Wahnsinnige« aufgibt.

Doch der Nationalist Milosevic und seine großserbische Clique kämpfen weiter verbissen um die Macht. Mit der Wahl des serbischen Schriftstellers Dobrica Cosic, 70, zum Staatspräsidenten der neuen Bundesrepublik Jugoslawien versuchten sie in der vorigen Woche, den Niedergang noch einmal aufzuhalten.

Cosic, einst ZK-Mitglied und Fachmann für Propaganda, hatte nach dem Bruch mit Tito 1968 als »serbischer Tolstoi« und Kämpfer für Demokratie ein beachtliches Ansehen erlangt. Doch der Nobelpreiskandidat war auch der geistige Vater jenes spektakulären Memorandums der serbischen Akademie der Wissenschaften von 1986, das die ideologische Grundlage der chauvinistischen Milosevic-Politik bildete und zu ihrem Leitmotiv den Satz erkor: »Alle Serben in einem Staat.«

Viele Belgrader Intellektuelle befürchten, daß der neue Staatspräsident, der bereits viermal am Herzen operiert wurde, zu einer Marionette des Großserben Milosevic werden könnte.

Zwar versprach Cosic in seiner Antrittsrede die Bildung einer Regierung der nationalen Einheit und demokratische Neuwahlen bis Ende des Jahres. Doch zugleich griff er den »albanischen Sezessionismus« an, ortete in Kroatien eine Wiedergeburt des Ustascha-Faschismus und in Bosnien das Wuchern eines militanten Islams. »Einigen westlichen Ländern« warf der Romancier Serbenhaß vor und beschuldigte sie, Jugoslawien zerschlagen zu haben.

Cosic, dessen Bücher ("Zeit des Todes") allesamt vom heroischen Leiden des serbischen Volkes erzählen, vermag offenbar nicht aus den Mythen der serbischen Geschichte auszubrechen.

Der »weiseste aller Serben«, wie einst German, der verstorbene Patriarch der Serbisch-Orthodoxen Kirche, Cosic nannte, hofft Serbien wieder verhandlungsfähig machen zu können. Doch für den Westen wird der Schriftsteller erst ein seriöser Gesprächspartner sein, wenn er dem serbischen Eroberungsfeldzug im zerborstenen Vielvölkerstaat ein Ende setzt.

Viel Zeit für diplomatische Rochaden bleibt dem neuen Staatschef ohnehin nicht. Denn Bosnien-Herzegowina und _(* Vergangenen Montag in Belgrad. ) Kroatien vereinbarten unterdessen eine engere militärische Kooperation. Sollten nun reguläre kroatische Truppen in die Kämpfe eingreifen, käme Belgrad noch stärker unter den Zugzwang, die 1,5 Millionen Serben in Bosnien zu schützen.

Zagrebs militärischen Beistand könnte Bosniens moslemischer Präsident Alija Izetbegovic mit territorialen Zugeständnissen an Kroatien erkauft haben, spekuliert die Belgrader Borba. Izetbegovic, der immer wieder vergebens um eine militärische Intervention der Uno ersuchte, will der fortschreitenden Verwüstung seines Landes nicht länger zuschauen.

Deshalb lehnt der Moslemführer EG-Verhandlungen mit den Serben auch weiter ab: »Es wird keine Gespräche mit Kriegsverbrechern und Terroristen mehr geben.«

Diese Worte wurden sogleich von allen Seiten als Ermunterung zum verstärkten Kampf gedeutet: Der von der Uno ausgehandelte Waffenstillstand brach zusammen. Die erhoffte Öffnung des Flughafens von Sarajevo für humanitäre Hilfslieferungen verzögerte sich erneut.

An vielen Frontabschnitten gingen kroatisch-moslemische Verbände in die Offensive. So wurde Mostar, die drittgrößte Stadt Bosnien-Herzegowinas, eingenommen.

Zagrebs stellvertretender Ministerpräsident Sdravko Tomac forderte unverblümt eine gemeinsame Aktion in Nordbosnien, um die »aufständischen Serben-Enklaven« von Belgrad abzuschneiden. Aus der Krajina wird bereits ein Versorgungsnotstand gemeldet.

Nur wenn Milosevic zurücktrete, sei ein totaler Bürgerkrieg noch zu vermeiden, mahnten Belgrads Studenten. Die Antwort war eine nackte Drohung. Straßenunruhen will Milosevic mit allen Mitteln unterbinden.

Doch Serben-Obere könnten sich verkalkuliert haben. Generalstabschef Zivota Panic, so die Borba, traf sich mit Oppositionsführer Vuk Draskovic. Sollte es bei der geplanten Großkundgebung gegen Milosevic am 28. Juni zu Unruhen kommen, werde sich die Armee nicht einmischen, soll Panic versprochen haben.

Draskovic glaubt jedenfalls: »Unsere jungen serbischen Offiziere sind intelligent. Sie wissen schon selbst, auf welcher Seite sie stehen sollen.«

* Vergangenen Montag in Belgrad.

Mehr lesen über

Zur Ausgabe
Artikel 44 / 111
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.