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BRASILIEN / KORRUPTION Mann für Mannesmann

aus DER SPIEGEL 8/1968

General Ayrton Salgueiro de Freitas, brasilianischer Offizier und Geheimdienstmann des Bundesstaates Guanabara, meldete sich in strammer Haltung im Militärklub von Rio de Janeiro. Er nestelte sich alle Orden von der Brust, knallte sein Generals-Patent auf den Tisch und hob die Hand zum Schwur: »Das alles soll verloren sein, wenn Ich auch nur die geringste strafbare Handlung begangen habe.«

Bis zu diesem Auftritt -- Ende vergangenen Jahres -- hatte der gedrungene Offizier mit dem graumelierten Haar als eine Zierde der armee gegolten. Sein Buch »Demokratie und Kapitalismus« war Pflichtlektüre für alle Kommandeure gewesen, Und als im Jahre 1965 die deutsche Tochterfirma Companhia Siderurgica Mannesmann (CSM) beschuldigt wurde, Tausende ungedeckter Wechsel ausgegeben zu haben, wurde Ayrton mit der Untersuchung beauftragt (SPIEGEL 10/1966).

Jetzt ist Ayrton selbst wegen Korruption und Erpressung angeklagt und wartet auf seinen Prozeß. Rund 300 000 Mark Schmiergelder sollen er und seine Komplicen allein von brasilianischen Staatsbürgern erpreßt haben, die nach öffentlichen Aufrufen ihre Wechsel-Ansprüche gegen die CSM gemeldet hatten.

Brasiliens Justizminister beklagte in einem Brief an das Finanzministerium, daß »ausgerechnet ein General, der in seinem Amt Korruption bekämpfen und verhindern sollte, solche ehrlosen Handlungen begangen hat«.

Die Schande trifft Brasiliens ganze Wehrmacht, denn der Geheimdienstgeneral von Guanabara besitzt als einziger das Offiziersdiplom für Heer, Luftwaffe und Marine.

Als ihn der SPIEGEL während der Mannesmann-Untersuchung in seinem Büro im Gebäude der Blindenanstalt von Rio befragte, stellte sich Ayrton als Olympia-Fünfkämpfer, Besucher von 35 Ländern in allen Erdteilen und strenger Fahnder vor: »Ich bin kein Operetten-General mit Sombrero, wie man sich das in Europa vorstellt.«

Streng untersuchte Ayrton die Mannesmann-Affäre, legte ganze Bände mit Namen der Wechselinhaber und Höhe der Summen an und ließ sich von seinen pistolenbewaffneten Mitarbeitern Zeugen vorführen.

Ziel seiner Bemühungen War es nachzuweisen, daß nicht nur, wie die Mannesmann AG in Düsseldorf erklärte, ihr ungetreuer brasilianischer CSM-Direktor Jorge de Serpa, sondern auch alle deutschen Direktoren von den ungedeckten Wechseln gewußt hätten. Mithin habe Mannesmann für die festgestellten rund 60 Millionen Mark aufzukommen, befand Ayrton.

Als auch der deutsche CSM-Direktor Dr. Hermann Kleinheisterkamp beim Verhör in der Blindenanstalt zu Protokoll gab, nur Finanzdirektor Serpa habe die Wechsel ausgegeben und das Geld kassiert, schrie ihn der General an: »Vôce é canalha (Du bist eine Kanaille)«.

Obwohl Mannesmann eine rechtliche Verpflichtung nicht anerkannte, hat die CSM mit Hilfe der deutschen Muttergesellschaft inzwischen 3300 Brasilianer, die 20 958 Wechsel präsentiert hatten, mit Schuldverschreibungen zu besänftigen versucht. Gegen den Wechselreiter Serpa läuft eine Klage auf Schadenersatz.

Untersuchungsführer Ayrton hatte nahezu 8000 Wechselinhaber registriert. Das Verfahren gegen ihn erhärtet jetzt die Ansicht der Juristen von Mannesmann, daß ein erheblicher Teil der Wechsel gefälscht und Ayrtons Ergebnisse manipuliert waren.

Nach dem Befund des Justizministeriums in Rio haben der Geheimdienstgeneral und seine Pistoleros in »einer psychologischen Atmosphäre des Schreckens« gearbeitet. Erst durch die Anzeigen einiger Finanzmakler sei Ayrton aufgeflogen.

Die Mannesmann-Wechsel waren mit 60 Prozent Jahreszins ausgestattet und dienten brasilianischen Sparern als Absicherung gegen die horrende Inflation. Da jedoch die Annahme solcher Wechsel zumindest zeitweilig gesetzlich verboten war, konnte Ayrton wie es in der Anklageschrift heißt, »die Vorgeladenen durch Zwang. Drohung mit Gefängnisstrafen und sogar durch Entführung von Familienangehörigen zu Aussagen zwingen und erpressen«. Abkassierer war der Generalssohn Adylton.

Weitere Gelder habe General Ayrton als Bevollmächtigter einer Kaffeeschmuggler-Bande sowie von der Automobilfirma Presidente erhalten, die mit der Herstellung eines brasilianischen Personenwagens betraut ist. Um die Autofirma soll sich Ayrton mit einem günstigen Bericht an den Staatspräsidenten und durch die Anfertigung einer Photomontage verdient gemacht haben, die den Präsidenten vor einem Automodell der Firma zeigt.

Ayrton, sein Sohn sowie der mitangeklagte Leiter der »Unterkommission Mannesmann« General Ayporé dos Reis bestreiten alle Schuld.

Das Justizministerium dagegen behauptet, sie hätten gemeinsam gehandelt und die Bestechungsgelder brüderlich gefeilt. Seit der Mannesmann-Untersuchung sei der Geheimdienst-General »ein reicher und glücklicher Mann mit fünf Autos, einer großen Geflügelfarm und allerlei Aktien«.

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