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Frankreich Mann von Wert

Seine erstaunliche Popularität macht Premierminister Balladur zum potentiellen Präsidentschaftskandidaten.
aus DER SPIEGEL 42/1993

Der Bürger Christian Grandgirard befolgte den Aufruf seines Premierministers Edouard Balladur, Frankreich »mit Kühnheit neu aufzurichten«. Weil die Kommunalpolitiker im ostfranzösischen Thaon den Entscheid über eine Baugenehmigung verschleppten, zog er sein Haus einfach in einer alten Scheune hoch. Dann brach der Bauherr den Schuppen ab, und wie aus dem Ei gepellt zierte ein Neubau die Vogesen.

Von seinem Bürgermeister wegen illegalen Bauens vor Gericht gezerrt, berief das Schlitzohr sich auf den von Balladur beschworenen »Innovationsgeist«. Die Justiz beeindruckte soviel Initiative: Der Heim-Werker kam mit rund 600 Mark Geldbuße davon.

Balladur hier, Balladur da: Frankreichs silberhaariger Premierminister mit den melancholischen Augen, dem hängenden Doppelkinn und den englischen Maßanzügen ist der Superstar der Pariser Politsaison. Nur ein halbes Jahr nach den Wahlen, in denen die Franzosen die Sozialisten des Staatspräsidenten Francois Mitterrand zermalmten, lebt Frankreich nach »la methode Balladur«, beschwört »l'effet Balladur« und bestaunt »le phenomene Balladur«. Der gaullistische Regierungschef hält alle Popularitätsrekorde.

Die beharrliche Zuneigung der sonst politisch sehr launischen Franzosen hat den 64jährigen, der mit dem Sozialisten Mitterrand in einer (noch) reibungsarmen Kohabitation regiert, zu einem potentiellen Kandidaten für die im Frühjahr 1995 fällige Präsidentschaftswahl gemacht. Der Herausgeber der linken Liberation, Serge July, sieht in Balladur schon »den höchstwahrscheinlichen Nachfolger von Francois Mitterrand«.

Nervös beäugen die beiden Aspiranten der Rechten, der Chef der Gaullistenpartei (RPR) und Pariser Bürgermeister Jacques Chirac und der rechtsliberale Ex-Staatschef Valery Giscard d'Estaing, den gefährlichen Außenseiter. Bisher glaubten Giscard (1981 von Mitterrand aus dem Elysee vertrieben) und Chirac (1988 von Mitterrand geschlagen), sie müßten nur einander aushebeln. Nun drohen der Rechten ruinöse Diadochenkämpfe.

Nach herkömmlichen Pariser Maßstäben müßte Balladur, Finanzminister in der ersten Links-rechts-Kohabitation von 1986 bis 1988, eher im unteren Abschnitt der Popularitätsskala rangieren. Die abendlichen TV-Interviews des mäßigen Redners ersetzen jedes Schlafmittel - das in einem Land, in dem rhetorische Kunst im allgemeinen höher bewertet wird als gute Argumente. Der sozialistische Ex-Premier Michel Rocard verhöhnt den rechten Nachfolger denn auch als politischen »Anästhesisten«.

Bislang hat Frankreich unter Balladur mehr Tiefs als Hochs durchlebt. Die Arbeitslosenzahl ist auf über 3,2 Millionen gestiegen, der Franc taumelt von einer Krise in die nächste. Firmenkonkurse häufen sich. Bahn, Post und Sprit werden unter Balladurs Sparregie teurer.

Erste Nagelproben überstand der Premier jedoch mit Bravour. Als nach dem chinesischen Atomtest vom 5. Oktober Chirac auf Wiederaufnahme der französischen Versuche drängte, der oberste Feldherr der Nation, Mitterrand, dies jedoch ablehnte, überbrückte Balladur die gefährliche Kohabitationskluft durch Zeitschinden: Paris werde erst nach Konsultationen mit Washington, Moskau und London entscheiden. Streiks im Öffentlichen Dienst nahm der Premier vorige Woche gelassen hin.

Balladur erschien im genau richtigen Augenblick an der Rampe der Pariser Politbühne. Die Franzosen hatten genug von den Bestechungsaffären der Sozialisten und dem Gezänk der Rechten. Politikverdrossen, beunruhigt durch Rezession, steigende Kriminalität und Immigranten, wandte Frankreich sich alten Werten zu: Rückkehr in den Schoß der Familie, Ferien auf dem Lande statt in Saint-Tropez, Cassoulet-Eintopf statt Gänseleberpastete.

In diese Seelenlage der Nation paßte der »Monsieur Edouard«, wie ihn seine Umgebung liebevoll-spöttisch nennt. Solide, kompetent, fernab dem Parteienhader, bot er sich dem schlechtgelaunten Volk als vertrauenerweckende Leitfigur - »halb Provinz-Notar, halb Familiendoktor«, so die TV-Journalistin Memona Hintermann. Die Balladur-Biographin Claire Chazal sieht ihren Helden als »untypischen Politiker«, er sei »konservativ in seiner Lebensweise, aber nicht in seinen Gedanken«.

Welche Register er auch zieht, der Premier wirkt glaubhaft. »Der Maurer beginnt seine Arbeit von unten, werdet nicht schwach«, belehrte er, ein weißes Häubchen auf dem Kopf, salbungsvoll wie ein Landpfarrer Arbeiter in einer Käserei in Charcenne bei Besancon. Die applaudierten begeistert. Dann wieder klingt er wie Blut, Schweiß und Tränen: »Seit dem Krieg war die Lage nicht mehr so ernst.«

Die politische Konstellation in Paris begünstigt Balladurs Aussichten, nach 14 Jahren Mitterrand Frankreichs nächster Staatschef zu werden. In der ersten Kohabitationsregierung kämpften der Sozialist Mitterrand und sein Gaullistenpremier Chirac mit allen Tricks um die Oberhand in Innen- und Außenpolitik. Das ging so weit, daß unter internationalem Gespött Chirac dem Präsidenten nach Tokio hinterherflog, nur damit der bei einem Weltwirtschaftsgipfel nicht allein für Frankreich spräche.

Jetzt hat Mitterrand es mit einem Kohabitationspremier zu tun, dessen geschmeidige Art ihm zusagt. Im Unterschied zu 1986/88 läßt Mitterrand diesmal »seinen Regierungschef regieren«, wie ein Präsidentenberater betont.

Nach der Wahldemütigung im vergangenen März und dem Selbstmord des letzten Linkspremiers Pierre Beregovoy hat Mitterrand überdies alles Interesse, seine Ära nicht mit kreischenden Bremsen auslaufen zu lassen. Keiner kann ihm dabei besser helfen als der populäre Balladur. Und wenn nebenbei die von Mitterrand gleichermaßen verabscheuten Elysee-Anwärter Chirac und Giscard auf der Strecke bleiben - um so besser. So lobt der linke Präsident seinen rechten Premier als »Mann von Wert«.

Jacques Chirac, 60, hatte sich in der ersten Kohabitation als Mitterrands Premier von dem alten Strategen verschleißen lassen. Diesmal wollte er schlauer sein. Der Obergaullist schob Balladur vor; er selbst wollte sich fern von den Tücken des Regierungsjobs staatsmännisch aufbauen.

Jetzt steckt der RPR-Führer in einer üblen Klemme. Wenn Balladur scheitert, schwinden auch Chiracs Chancen, für die Gaullisten den Elysee-Palast zu erobern. Hat Balladur Erfolg, profiliert er sich weiter als Elysee-Kandidat - auf Kosten Chiracs.

So übt der Gaullistenführer sich erst einmal in Umarmungstaktik: Balladur könne mit seiner »vollen Solidarität« und »enthusiastischen Unterstützung« rechnen, behauptete er vor RPR-Abgeordneten. Der Premier wiederum versichert Chirac öffentlich seiner »Freundschaft«. In Paris zirkuliert allerdings ein geflügeltes Balladur-Wort: »Freundschaft in der Politik - das gibt es nicht.« Y

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