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KILOMETERGELD Marathon zum Büro

aus DER SPIEGEL 38/1966

Der Allgemeine Deutsche Automobil-Club (ADAC) schrieb an den Bundesfinanzminister Rolf Dahlgrün. Es sei an der Zeit, die steuerfreie Pauschale für berufsbedingte Autofahrten zu erhöhen. 25 Pfennig je Kilometer reichten heutzutage nicht einmal für einen VW 1200.

Die Antwort aus Bonn - vor einem halben Jahr - versprach dem ADAC, seine Bitte werde eingehend geprüft. Jetzt hat das Ministerium erkennen lassen, daß es tatsächlich die Pauschale ändern will: Sie soll zu Jahresbeginn für Fahrten zwischen Wohnung und Arbeitsplatz von 25 auf fünf oder sogar vier Pfennig gekürzt werden.

600 bis 800 Millionen Mark mehr Lohn- und Einkommensteuer jährlich glaubt der Finanzminister dadurch herausholen zu können. Für diesen Happen nimmt die Regierung eine Menge politischen Ärger in Kauf. Gewerkschaften und Autofahrer-Klubs, Verbraucherverbände und Automobilhersteller protestieren heftig: Es sei unsozial, dem kleinen Mann eine derartige Steuererhöhung aufzuladen. Der Bund der Steuerzahler droht mit einer Verfassungsbeschwerde.

Applaus ist lediglich beim Verband öffentlicher Verkehrsbetriebe zu hören. Er hofft auf neue Kunden für seine unrentablen Straßenbahnen und Omnibusse.

Die geltende Lohnsteuer-Pauschale verlockt Millionen westdeutscher Arbeitnehmer, im eigenen Wagen zu fahren. Am besten stehen sich - wenn auch außerhalb der Legalität - die sogenannten Fahrgemeinschaften: Gruppen von Arbeitskollegen, die alle ein Auto und einen Steuerfreibetrag haben, aber von Woche zu Woche umschichtig immer nur in einem Auto gemeinsam in die Fabrik oder zum Büro fahren.

Bisher haben die Finanzämter (für Hin- und Rückfahrt) 50 Pfennig je Kilometer als Werbungskosten anerkannt. Für einen Werftarbeiter in Hamburg zum Beispiel, der 20 Kilometer von seiner Arbeitsstelle entfernt wohnt und an 250 Tagen im Jahr zur Schicht fährt, summieren sich die Fünfziger zu einem steuerfreien Betrag von 2500 Mark. Mit der gesparten Steuer konnte er das Benzin bezahlen.

In Zukunft darf er nicht mehr 50, sondern nur noch acht oder zehn Pfennig in seinen Antrag auf Lohnsteuer -Ermäßigung einsetzen. Statt 2500 Mark Fahrkosten rechnet das Finanzamt dann lediglich 400 oder 500 Mark an.

Der Kraftfahrer muß mithin für 2000 bis 2100 Mark, die er bisher netto einsteckte, in Zukunft Lohn- und Kirchensteuer bezahlen: über 400 Mark. Und das zu einem Zeitpunkt, da ihn die geplante und im Bundeswirtschaftsministerium »wohlwollend« betrachtete Erhöhung der Haftpflicht-Versicherungsprämien (für einen VW und in der Großstadt) zusätzlich etwa 40 Mark kostet.

Von 4,5 Millionen Bundesbürgern, die bisher alljährlich bei den Finanzämtern erhöhte Werbungskosten geltend machten, scheiden nach dem neuen Pauschalsatz 1,7 Millionen aus: Ihre Autokosten übersteigen, wenn sie mit nur acht oder zehn Pfennig je Doppelkilometer angesetzt werden, nicht mehr die jedermann zustehende und in die Steuertabelle eingearbeitete Werbungskosten-Pauschale von 564 Mark jährlich.

Dem Aufruhr der enterbten Autofahrer versucht das Finanzministerium mit einem Trick zu begegnen: Es behauptet, auch Selbständige würden von der Kürzung getroffen, und verspricht überdies, daß von 1967 an jedermann Wegegeld vom Staat erhalte, sogar Radfahrer und Fußgänger.

Solange freilich Geschäftsfahrten weiterhin mit 25 Pfennig Kilometergeld taxiert werden, liegt es für Selbständige nah, den Weg von der Wohnung zur Praxis, zum Büro oder zum Laden bei den Betriebsausgaben anschreiben zu lassen. Der Bund Deutscher Steuerbeamter hat auf diese Verwechslungsgefahr bereits hingedeutet.

Wegegeld für Radfahrer und Fußgänger wiederum springt nur in jenen seltenen Fällen heraus, in denen ein Lohnsteuerzahler sehr hohe sonstige Werbungskosten (Gewerkschaftsbeiträge, Arbeitsanzüge, Lehrbücher) hat und schon damit seine 564 Mark Pauschale verbraucht.

Die meisten lohnsteuerpflichtigen Fußgänger müßten Marathon laufen, um über diesen Betrag hinauszukommen: täglich etwa 50 Kilometer.

Berufsverkehr (in Hamburg)

Wegegeld für Fußgänger?

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