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Marine auf sanfter Tour

Mit sechs Landungsbooten, die über Binnengewässer nach Berlin gelotst wurden, zeigte die Bundesmarine letzte Woche erstmals Flagge in der nun wiedervereinigten Stadt. Dort lud der Standortkommandant 150 Ehrengäste zu einer Wannsee-Tour mit anschließendem Biwak ein - SPIEGEL-Reporter Hans Halter war dabei.
Von Hans Halter
aus DER SPIEGEL 25/1991

Mit dem stahlgrauen Landungsboot »Koralle«, 24 Meter lang, 6 Meter breit und oben offen, kann man nicht viel Staat machen. »Wo fahrt ihr denn hin?« ruft eine fröhlichversoffene Rentnerbrigade vom sicheren Ufer, »kegeln?« Die Passagiere schauen indigniert. Schließlich sind sie von Beruf General, Attache, Präsident, wenigstens Oberstleutnant und ausnahmslos »Ehrengäste« des Berliner Bundeswehr-Standortkommandanten Hasso Freiherr von Uslar-Gleichen.

Frische Brise aus Nordwest. Die Sonne scheint. Es glitzern die Litzen, Paspeln, Biesen und Schnüre aller Art, mal golden, mal silbrig. Wo man auch hinschaut, der bunte Rock ist geschmückt mit Schwertern, Eichenlaub, Ankern, Feuerzeichen, Adlern und Sternen. »Muß i denn zum Städtele hinaus . . .?« fragt sich das Marinemusikkorps Ostsee. Nein, die Tonkünstler bleiben am Havelstrand zurück. Wir aber müssen auf den Wannsee und eine Landungsoperation wagen bei Potsdam, in den neuen Bundesländern, den NeBuLä.

Erster Berlin-Besuch der deutschen Marine seit 1941. Sechs Strandmeisterlandungsboote sind aus Kiel über die Binnengewässer herangeführt worden. Famose Operation, tadellos manövriert auf engen und strömenden Gewässern. Das Kommando führt Korvettenkapitän Fritz Breyer, S-3-Stabsoffizier des Seebataillons. Soll man etwa das ganze Beitrittsgebiet dem Heer und seinen Stoppelhopsern überlassen?

Schließlich hat ja Berlin auch eine große Marinetradition. Hier erkannte unser letzter Kaiser, daß Deutschlands Zukunft auf dem Wasser liegt. Der Kieler Knabenanzug wurde Festkleid in Berlin. Großadmirale nahmen Wohnung in der Spreestadt. Zweimal, 1914 und 1939, führten sie von hier aus Zehntausende in ein nasses Grab.

Die letzten Überlebenden, vereint in der"Marinekameradschaft 1886 e.V.«, sind diesmal wieder mit dabei. Steifbeinig haben sie die »Koralle« geentert. Jetzt zaust der Wind ihr weißes Haar. Kurs Südsüdwest, vorneweg ein Polizeiboot mit Blaulicht. In Berlin wimmelt es von Wehrflüchtigen aus alten Mauertagen. Vorsichtshalber ist der Törn nicht bekanntgegeben worden. Ehrengäste bleiben am liebsten unter sich.

Die »Koralle« dreht bei. Wir dümpeln, am Montag letzter Woche, vor Schwanenwerder. Hier hat erst Propagandaminister Joseph Goebbels und dann Axel Springer gewohnt. Die Kampfschwimmer der Bundesmarine aus Eckernförde wollen zeigen, was sie alles können. Zum Beispiel hoch aus der Luft in den braungrauen Wannsee springen, unter Wasser an unser Boot ranschwimmen, uns einen Schreck einjagen. Weil aber Berlin, wie der General von Uslar-Gleichen erkannt hat, »für die Bundeswehr seit ihrem Bestehen eine Tabuzone, ein weißer Fleck auf der Landkarte« war, sitzen die Berliner Bezirksämter irgendwie am längeren Hebel und sichern ihre Wannsee-Hoheit durch ein Verbot des Großen Sprungs.

Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern, zeigt er eben seine anderen Kunststücke: bei 20 Knoten aus einem Gummiboot purzeln oder, spektakulärer noch, sich in rasender Fahrt retten lassen. Die Herren Militärattaches justieren ihre Ferngläser. Zivilisten in dunklen Trenchcoats schlagen den Kragen hoch. Seit 1945 unterhält der amerikanische Marinegeheimdienst an Spree und Havel ein Büro. »Wonderful«, staunt ein Trenchcoat-Mann links neben mir. »Alles Einzelkämpfer«, knurrt ein anderer Ehrengast, »erste Garde in jedem Truppenteil, Sie verstehen?«

Die Ladeluke geht nach unten, aus dem dunklen Wasser kommen die Kampfschwimmer ans Licht. Gutmütige Gesichter über trapezförmigen Brustkörben, durch schwarze Gummianzüge zusammengepreßt. Einer spuckt den großen Bogen. Das Bad im dreckigen Wannsee fordert ganze Kerle.

Nun wird das Wasser unterm Kiel aber zu flach, Schluß mit der Kampfschwimmerdemo. »Demo« heißt es im offiziellen Programm, nicht »Demonstration«. Man geht mit der Zeit. Das Soldatenbild des Berliners, so erfahre ich von einem deutschen Oberstleutnant, sei in vielfältiger Weise gebrochen; es setze sich aus alten Erinnerungen an die Wehrmacht, die Alliierten, die Nationale Volksarmee zusammen und müsse nun durch die Bundeswehr neu justiert werden. Seit dem 3. Oktober residiert deshalb Freiherr von Uslar-Gleichen in der Stadt, 56 Jahre alt, schon sein Vater war ein General.

Verkörpert der Sohn den neuen deutschen Militärtypus? Groß, gelassen, dunkle Brille und helle Handschuhe, die nur ausgezogen werden, wenn eine Dame zu begrüßen ist. Uslar plaudert, mal mit dem adretten Verbindungsoffizier der Amerikaner, mal mit dem Bürgermeister des Ost-Berliner Bezirks Treptow, nicht zu vergessen die alten Maate der Marinekameradschaft. Freiherr von Uslar sagt danke in immer neuen Wendungen. Wie nett die Reichsbahn und der Reservistenverband, die Oberfinanzdirektion und das Umweltbundesamt, sogar die Königlich Preußische Porzellanmanufaktur (KPM) der Bundeswehr das Entree erleichtert hätten. KPM hat Weihnachten 2000 Geschenkpäckchen für russische Soldatenkinder organisiert; danke schön, Ehrengast.

Uslar-Gleichen stiftet Frieden. Er ist, im Umherziehen, ein Betroffenenbetreuer von Rang. Kein preußischer General von altem Schrot und Korn, sondern ein Diplomat. Nur kein Streit, kein vorlautes Wort. Statt dessen für alle Linderungsmittel en gros, weiße Salbe auf jede Wunde. Höchstens 2000 Soldaten will die Bundeswehr in ganz Berlin stationieren, vornehmlich Musikanten und Schreibstubenkrieger. Niemand soll sich gereizt fühlen; allen, auch den Wehrflüchtigen, werden Verständnis und Hilfsbereitschaft signalisiert - die deutsche Armee als Sozialamt.

Der russische General sagt morgens um acht den Wannsee-Ausflug ab; er hat zuviel zu tun, sein Weg zurück ist lang und frustig. Ob dann nicht, wird höflich angefragt, die Offiziere seiner Entourage ein bißchen mitfahren mögen? Sie mögen, und alle sind sehr nett zu ihnen.

Für die Amerikaner, Engländer und Franzosen ist die deutsche Wiedervereinigung ja auch keine reine Freude. »Hier endete der britische Sektor«, bemerkt ein englischer Zivilist mit melancholischem Blick auf die östliche Uferbefestigung.

Käpten Breyer faßt das Landegebiet ins Auge, einen Uferstreifen beim Haveldorf Sacrow. Hier hat früher Albrecht der Bär gewohnt. Theoretisch könnte die »Koralle«, geschoben von 700 PS, uns mit Karacho anlanden, Action wie in der Normandie 1944. Der Kapitän, ein vitaler Mariner, den seine blauen Jungs bedingungslos verehren, würde das schon prima hinkriegen. Aber was würde es für einen Eindruck machen?

Ganz sanft manövriert das kleine Kriegsschiff an einen Steg. Der General läßt den älteren Ehrengästen den Vortritt. Zwei dicke Volkspolizisten, noch in den alten Uniformen und »Lada«-motorisiert, verkrümeln sich. Soviel Lametta haben sie nicht mal in den großen Tagen ihrer Tätärä auf einem Haufen gesehen. Man schlendert zur Sacrower Heilandskirche, 300 Meter Fußweg.

Helm ab zum Gebet? Aber nein, nur ein wenig klassische Musik, und dann sagt der General, draußen vor der Tür, noch mal danke. Die Alliierten stehen beieinander, die Herren der Industrie auch. Inzwischen hat sich herumgesprochen, welche Bundeswehroffiziere vor neun Monaten noch in der Nationalen Volksarmee gedient haben. Die halten jetzt Distanz zueinander. Ihnen ist eine zweijährige Bewährungszeit auferlegt worden. Danach soll jeder zweite sein neues Lebensziel erreichen dürfen: echter deutscher Beamter zu sein, endlich unkündbar, alimentiert durch Grundgehalt, Ortszuschlag, Sonderzuwendung, Urlaubsgeld, Kindergeld, vermögenswirksame Leistungen, Aufwandsentschädigung, Amtszulage, Stellenzulage, Erschwerniszulage, ach, wär' das schön.

Der Blick geht auf Wannsee und Havel aus einer Position, die noch vor 18 Monaten so sicher war wie die Friedhofsmauer vor einem Peloton. Hier wurde scharf geschossen. Nun wird sehr manierlich geplaudert über Potsdam und Carrara-Marmor, die steigenden Mieten, Georg Friedrich Händel in London, seinerzeit, und darüber, daß man die Kinder leider im Beitrittsgebiet nicht zur Schule schicken könne, das sei wirklich unzumutbar. Oberst Hoppe, der Mann nach dem General, erlaubt sich, den Gästen »noch einige Informationen anzubieten«, um Himmels willen nichts Militärisches, nur Kunst und Kultur und die Weisheit des preußischen Offiziers Scharnhorst, daß nämlich Bildung den Soldaten »verfeinert«.

Mag ja sein, aber jetzt ist Mittagszeit, und die Kommunalpolitiker unter den Ehrengästen bekommen ernsthaft Durst. Auf der »Koralle« gab's nichts zu trinken, denn die hat nur eine kleine Nottoilette, und niemand wollte die Prostata älterer Herren auf die Probe stellen. Zwei »Ikarus«-Busse, alte Stinker aus NVA-Zeiten, nehmen die Gäste auf, und ab geht's auf dem Grenzweg zum Schloß Sacrow. Hier war die Hundeschule des DDR-Zolls, die Hunde sind abgewickelt, die Zöllner neu eingekleidet, sie schikanieren jetzt die Polen.

Wir werden im Schloßpark der Einladung des Generals folgen und ein Biwak machen, mit Bier und Erbsensuppe, in Sichtweite der preußischen Soldatenkönige. Für den Lärm sorgen 68 Musiker der 5. Deutschen Luftwaffendivision, frisch in die blauen BuWe-Uniformen gesteckt. Früher bliesen diese Soldaten als »Zentralorchester« der NVA den Marsch. Ihr Programm haben sie perfekt umgestellt; statt des »Marsches der jungen Revolutionäre« bringen sie jetzt vergessene Melodien eines Herrn von Moltke zu Gehör.

Das ist zuviel des Guten. Der Himmel verfinstert sich, ein Platzregen geht nieder. Rette sich, wer kann. o

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