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FRANKREICH / WAFFENEMBARGO Maritime Fruit

aus DER SPIEGEL 1/1970

Frankreich feierte. Minister und Admirale hatten die Weltpresse zum Stapellauf des zweiten französischen Atom-U-Boots in den Kriegshafen Cherbourg geladen. Verteidigungsminister Debré taufte das Schiff »Le Terrible« -- der Schreckliche.

1500 Gendarmen und Polizisten sicherten das Hafengelände. Dennoch erspähten Journalisten im Transatlantik-Becken vier Schnellboote -- ein fünftes lag noch verborgen in der Montagehalle der »Chantiers de constructions mécaniques de Normandie« und wurde diskret erst fünf Tage später zu Wasser gelassen.

Niemand hatte die Schiffe bis dahin beachtet, niemand war argwöhnisch geworden, wann immer sie -- mit israelischen Besatzungen an Bord -- zu Probefahrten ausliefen. Seit de Gaulles Waffenembargo waren die Israelis Dauergäste in Cherbourg.

Jetzt aber, als die Flottille in der Heiligen Nacht den Hafen heimlich verließ, zwölf Tage nach dem »Terrible«-Rummel, meldete ein Lokalreporter das Verschwinden der Boote einer englischen Zeitung und der amerikanischen Agentur upi. Während die Welt noch Weihnachten feierte, passierten die fünf Boote die Straße von Gibraltar und nahmen Kurs auf Haifa in Israel.

Frankreichs Schwäche für nationale Größe hatte offenbar eine nationale Blamage verursacht. Die Grande Nation schien vom Zwergstaat Israel übertölpelt.

In Wahrheit konnte das Piratenstück nur gelingen, weil hohe französische Regierungsbeamte mitspielten -nach israelischen Vermutungen sogar Premierminister Chaban-Delmas.

Wichtigstes Indiz: Die Interministerielle Kommission, die den Verkauf von Waffen ins Ausland genehmigt oder verbietet, wird von hohen Vertretern aller interessierten Ministerien beschickt und tagt jeden Monat im Generalsekretariat für nationale Verteidigung. Alle Entscheidungen werden protokolliert, und Durchschläge geben an Chaban-Delmas und Pompidou.

»Es bestätigt sich immer mehr«, schrieb der »Figaro«, »daß die französische Regierung ihr Einverständnis zu einer diskreten Operation gegeben hat ... Erst durch eine verfrühte und ungelegene Veröffentlichung kam dies jetzt zutage.«

Die Pariser Regierung verlangte die Abberufung des israelischen Militär-Attachés im Rang eines Botschaftsrats« Admiral Mordechai Limon, der Frankreich in sieben Jahren Waffengeschäfte mit Israel für rund eine Milliarde Dollar vermittelt hatte. Limon, von seinen Freunden »Moka« genannt, sollte ohnehin nach Israel zurückkehren, wo er voraussichtlich im Mai Generaldirektor im Sicherheitsministerium wird. Außerdem schob Frankreichs Regierung die Schuld auf zwei französische Militärs: Armeegeneral Cazelle, Generalsekretär im Verteidigungsministerium, und General-Ingenieur Bonte, Leiter der Abteilung Ausland im Rüstungsamt, wurden suspendiert.

Denn das Bekanntwerden der israelisch-französischen Kollaboration im Waffengeschäft stellte Frankreichs Glaubwürdigkeit bei den Arabern in Frage. Ägypten, Kuweit und Jordanien zitierten die diplomatischen Vertreter Frankreichs, Syrien forderte von Staatschef Georges Pompidou scharfe Sanktionen gegen die »zionistischen Banditen«.

Schon die erste Stellungnahme französischer Marinesprecher hatte unglaubwürdig geklungen: Die Schnellboote seien rechtmäßig an einen norwegischen Ölkonzern verkauft und sollten vor Alaska eingesetzt werden; die israelischen Seeleute seien in der Eile des Geschäfts gleich mitübernommen worden.

Tatsächlich hatten die Israelis das Zehn-Millionen-Dollar-Geschäft mit den fünf in Cherbourg blockierten Einheiten rückgängig gemacht. Die französische Werft verkaufte die Boote daraufhin umgehend an eine Briefkasten-Firma, Postanschrift: »Starboat and Weill S. A. Oil and Shipping Services«, Postfach 2578, Oslo-Solli, Norwegen.

Als Geschäftsführer der in Panama registrierten Firma figuriert der Norweger Ole Martin Siem, 54, Schiffsingenieur und Generaldirektor des norwegischen Konzerns »Akers«.

Der Konzern, zu dem Werften, Schiffahrtslinien und Handelsgesellschaften zählen, unterhält jedoch bessere Beziehungen zu Israel als zu Alaska.

Akers-Werften bauten bereits für 40 Millionen Dollar acht 9700 Tonnen große Fruchtfrachter für die »Maritime Fruit Carriers Company Limited« in Israel. Mehrere Tankschiffe wurden von den Israelis bei Akers In Auftrag gegeben. Zum Direktorium der israelischen Fruchtgesellschaft zählt ein Franzose -- Pierre König, 71, Fünf-Sterne-General, Verteidigungsminister a. D., heute Präsident des »Komitees französischer Solidarität mit Israel«.

Wenige Tage nach der Schnellboot-Entführung von Cherbourg hatte Kriegsveteran König Frankreichs Haltung im Nahost-Konflikt kritisiert. In einer Erklärung anläßlich der geplanten Lieferung von angeblich 50 französischen Mirage-Kampfflugzeugen sowie 200 AMX-30-Panzern an die libyschen Revolutionäre verkündete der militante Israel-Freund: »Das neue Regime in Libyen bekennt sich offen zu Nasser ... Frankreich darf nichts unternehmen, was die Offensivbewaffnung der Feinde Israels stärkt.«

König steht für eine ganze Schicht französischer Militärs, die den verlorenen Araber-Krieg gegen die Algerier im Nahen Osten doch noch gewinnen möchten oder Israel als waffentechnisches Experimentierfeld betrachten, das ihnen das verlorengegangene Kolonialreich ersetzt. In den vergangenen 15 Jahren lieferte Frankreich allein flugtechnisches Material im Wert von 1,5 Milliarden Dollar nach Israel. Noch in den letzten zwölf Monaten vor dem Juni-Krieg landeten 156 Flugzeuge aus französischen Rüstkammern in Israel.

Israel, schreibt der Journalist Uri Dan in seinem Buch »De Gaulle gegen Israel«, wurde eine »wahrhafte Filiale« der französischen Luftwaffe. Französische Maschinen wurden in Israel gewartet, israelische Piloten in Frankreich geschult.

Die Zusammenarbeit dehnte sich schließlich auf alle Waffengattungen aus. Israel erhielt unter anderem 150 leichte AMX-13-Panzer, 15,5-Zentimeter-Geschütze, Panzerabwehr-Raketen SS 10 und SS 11 sowie Infrarot-Zielgeräte.

Israelische Aufträge und israelische Erfahrungen wiederum ermöglichten es Frankreich überhaupt erst, manche neue und modernere Waffensysteme zu entwickeln: Raketen, Panzer, Hubschrauber und Flugzeuge.

Allein am »Atar«-Triebwerk der »Mirage« wurden nach israelischen Hinweisen mehr als 800 Verbesserungen vorgenommen. Israelis schickten nach jedem Luftkampf gegen die sowjetischen Mig-Maschinen der Araber Photos an Dassault, nach denen die Armierung verbessert wurde.

Israels Blitzsieg war für Frankreichs Waffenbauer und Militärs bester Beweis für ihre eigene Tüchtigkeit: Die Direktoren von Dassault schickten Glückwunschtelegramme, die Luftwaffe eine Kiste Champagner an die von ihr gedrillten Piloten. Und der -- inzwischen eingegangene -- gaullistische »Candide« triumphierte damals: »Frankreichs Flugzeuge haben die Schlacht in drei Stunden gewonnen.«

Nur Staatschef de Gaulle grollte über den gegen seinen Rat erfolgten Präventivschlag. Zunächst verhängte er ein »selektives Embargo« gegen das »selbstsichere und herrschsüchtige« Israel. Offensiv-Waffen durften nicht mehr geliefert werden.

50 Mirage-V-Jagdbomber, von Israel vor dem Krieg bestellt und inzwischen bezahlt, wurden nicht ausgeliefert. Die letzten drei Maschinen verließen in der vergangenen Woche die Werkshallen. Monatliche Wartungskosten der Regierung für die geparkte Armada: knapp 200 000 Francs.

Trotz des Embargos blieb Israel 1968 Frankreichs bester Waffenkunde, und trotz des Embargos stiegen Frankreichs Einnahmen aus Waffenverkäufen um ein Drittel gegenüber 1967. Denn Ersatzteile und Defensivmaterial wurden weiterhin verschifft.

Ebenfalls nicht von de Gaulles Selektiv-Embargo betroffen waren die von Israel bestellten Super-Frelon-Hubschyauber der Sud-Aviation -- und die Schnellboote aus Cherbourg.

Als Israelis jedoch am 28. Dezember 1968 mit Super-Frelon-Hubschraubern auf dem Zivilflughafen Beirut 13 arabische Passagiermaschinen zerstörten, verkündete de Gaulle in Paris das totale Embargo.

Nur wenige Stunden später liefen in Cherbourg zwei der insgesamt zwölf von Israel bestellten Schnellboote -- fünf waren bereits abgeliefert -- zu einer Probefahrt aus, von der sie nicht zurückkehrten. Unbemerkt von der Weltöffentlichkeit gingen sie in Haifa vor Anker.

Wie die Schwesterschiffe wurden sie mit »Gabriel«-Raketen bestückt, ebenfalls einer französisch-israelischen Koproduktion. Reichweite der flach fliegenden Waffen: etwa 20 Kilometer. Die schwimmenden Abschußrampen haben eine Wasserverdrängung von 220 Tonnen und einen Aktionsradius von maximal 2000 Seemeilen. Vier Mercedes-Diesel mit insgesamt 14 000 PS lassen bei ruhiger See (bis Stärke drei) Spitzengeschwindigkeiten von über 40 Seemeilen (rund 75 Stundenkilometer) zu.

Die Schnellboote aus Cherbourg sind Israels Antwort auf die mit »Styx"Raketen ausgerüsteten sowjetischen »Osa« und »Komar«-Schnellboote, mit denen die Ägypter nach dem Sechs-Tage-Krieg Israels veralteten Zerstörer »Elath« versenkt hatten.

Israels Marine, bis zum Juni 1967 schwächster Punkt der Landesverteidigung, muß seither nicht mehr 150, sondern 850 Kilometer Küste schützen. Ohne die jetzt entführten Einheiten und sieben Schwesterschiffe verfügt Israels 3000 Mann starke Marine über vier ehemals englische U-Boote, einen Zerstörer, eine Fregatte und neun Torpedoboote.

Dieser Flotte steht allein auf ägyptischer Seite eine rund viermal stärkere Übermacht entgegen, die zudem noch mit modernem sowjetischen Material versehen ist.

Wegen dieser Überlegenheit der Araber hat Israel kürzlich vier weitere Schnellboote der Cherbourg-Klasse in Auftrag gegeben -- allerdings nicht wie geplant in Frankreich, sondern in Japan, das viel schneller liefern kann. In Cherbourg breitet sich derweil Existenzangst aus. Bürgermeister Hébert errechnete, daß der städtischen Wirtschaft durch das Embargo bereits Millionen-Aufträge entgangen seien sowie den Werftarbeitern Beschäftigung für zwei Jahre.

Noch bevor die entführten Schnellboote nach einwöchiger Seereise im Kishon-Hafen von Haifa eingetroffen waren, ließ Pompidou Israels 50 blockierte Mirage-V-Jagdbomber demonstrativ oder vorsichtshalber unter militärischen Schutz stellen. Denn -- so geht das Gerücht -- auch zur Entführung der Flugzeuge hatten Israelis schon Pläne gemacht.

Schon einmal, während des Unabhängigkeitskrieges 1948, hatten die Israelis ihren Flugzeugpark per Entführung bereichert.

In England gründeten sie eine Filmproduktionsgesellschaft, die angeblich Neuseelands Rolle im Zweiten Weltkrieg nachzeichnen sollte. Laut Drehbuch kletterten Piloten-Darsteller in vier Beaufighter-Bomber und starteten nach Regieanweisung. Sie kamen aber nicht zurück. Denn die Piloten-Darsteller waren Piloten. Nach Geheimdienst-Regie tankten sie auf Korsika und landeten schließlich in Israel.

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