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Städtebau Markant und brutal

Der legendäre Ost-Berliner Kiez Prenzlauer Berg verrottet. Stadtplaner legen gewagte Entwürfe für das größte Sanierungsgebiet Europas vor.
aus DER SPIEGEL 14/1991

Wie in einer Zeitmaschine fühlte sich Architekt und Städteplaner Rainer Wilkens, 32, als er das erstemal durch den Prenzlauer Berg fuhr.

Der West-Berliner von der Gesellschaft für behutsame Stadterneuerung »Stattbau« hat schon viel verrottete Bausubstanz gesehen. Doch was ihn im »Prenzlberg« (Berliner Jargon) erwartete, überstieg seine bisherigen Erfahrungen bei weitem: »Dort sieht es aus«, staunte Wilkens, »als ob eben erst die Russen abgezogen sind.«

Im Hinterhaus der Dunckerstraße 16 entdeckte er gar eine Wohnung im »Originalzustand von 1928« - ein Zimmer, Gasofen, keine Toilette, rauhe Wände, die vor vielen Jahrzehnten zum letztenmal gestrichen worden waren. Der Prenzlauer Berg mit seinen rund 92 000 Wohnungen, mutmaßt Wilkens nach Dutzenden von Spaziergängen durch die »ruinöse Bausubstanz«, müsse nach dem Krieg wohl schlicht vergessen worden sein.

Ganze Blocks in dem alten Arbeiterbezirk, mit gut 143 000 Menschen so groß wie die Stadt Neuss, haben Stadterneuerer der Berliner Gesellschaft S.T.E.R.N. im Auftrag des Bausenats überprüft. Sie fanden verlotterte Wohnungen, verfallende Häuser, bröckelnden Putz und sechs Millionen Quadratmeter vergammelte Fassaden - das größte Sanierungsgebiet Europas. Fazit von S.T.E.R.N.-Geschäftsführer Hardt-Waltherr Hämer, 68: »Prenzlberg ist Intensivstation.«

Dieter Geffers vom Referat Stadterneuerung beim Bausenat bestätigt: »Die Aufgabe Prenzlauer Berg ist von ihrem Umfang her nur noch mit dem ersten Stadterneuerungsprogramm in West-Berlin nach dem Zweiten Weltkrieg vergleichbar.« Und Bausenator Wolfgang Nagel (SPD), 46, hält den maroden Ost-Berliner Bezirk für die »größte Herausforderung« seines Lebens.

Wenn er ähnliche Summen zugrunde legt, wie sie bei der Reparatur von Altbauten im West-Berliner Bezirk Kreuzberg aufgebracht wurden, braucht Nagel gut acht Milliarden Mark zur Sanierung der Mietskasernenstadt aus der Gründerzeit. Dagegen nehmen sich die rund 700 Millionen Mark, die er dieses Jahr vom Finanzsenator für Sanierungen in Ost-Berlin einfordert, geradezu läppisch aus.

»Mit dem Geld, das Nagel hat, brauchen wir 30 bis 40 Jahre«, klagt Klaus-Jürgen Fritsche, Geschäftsführer bei der Wohnungsbaugesellschaft Prenzlauer Berg, die 57 000 Wohnungen am Prenzlberg verwaltet. Fritsche: »Damit haben wir dann das Schneckentempo des sozialistischen Gangs erreicht.«

Woher die Millionen kommen sollen, weiß in Berlin niemand so genau. Die Zukunft des Prenzlauer Bergs, der nach dem Fall der Mauer zur besten innerstädtischen Lage wurde, ist ungewiß. Um so wilder wuchern die Konzepte, die sich Sanierer, Verwaltungsbeamte und Bürgerinitiativen für das Problemviertel ausdenken: Kuschelecke für Alternative und Bunte, Eldorado für Investoren, Austragungsort der Olympischen Spiele - solche und andere Visionen spuken in den Köpfen. »Da, wo Gelder fehlen«, sagt Wilkens, »ist Abheben doch eine natürliche Reaktion.«

Optimismus verbreitet Hanno Klein, der die Stabsstelle Investitionen beim Bausenator leitet. »Es ist erstaunlich«, sagt Klein in seinem kargen, aber edel möblierten Ost-Berliner Büro, »wie viele Investoren sich in eine positive Entwicklung des Prenzlauer Bergs hineindenken.«

Für die Geldanleger - Großbanken, japanische und amerikanische Consulting-Firmen, Versicherungen - hat Klein 17 »interessante Standorte« in Prenzlauer Berg ausgemacht. Dort hofft er, wie er im Planer-Neudeutsch formuliert, »moderne Dienstleister und intelligente Büros« unterzubringen.

Ein »positives Signal im tiefsten Prenzlauer Berg« soll nach Kleins Plänen der »Tour de l'Infini« werden, ein 400 Meter hohes Turm-Monstrum des französischen Stararchitekten Jean Nouvel. Ein Zwillingsbruder des Riesen soll in Paris errichtet werden.

Den Alteingesessenen des Prenzlbergs, derzeit vor allem Rentner, Künstler, Arbeiter und Oppositionelle aus SED-Tagen, graust schon jetzt bei der Vorstellung, daß gutdotierte Angestellte und betuchte Aufsteiger in ihr Revier drängen. Regelmäßig protestieren sie, wenn wieder einmal ein Altbau ihres Kiezes an Westklientel versteigert wird.

»Die treiben hier die Mieten in ungeahnte Höhen«, sagt Hans-Joachim Wilhelm, 39, vom Bürgerkomitee Helmholtzplatz, das sich für eine sozial verträgliche Sanierung des Viertels einsetzt: »In Prenzlberg wird ein Verdrängungsprozeß in Gang gesetzt, der den gewachsenen Stadtteil radikal in Richtung Schickimicki verändert.«

Kein Denkmalschutz für den Prenzlauer Berg, propagiert dagegen der Investorensucher Klein. Denn Berlin brauche eine Gründerzeit »mit Markanz und Brutalität«, da bedeute Stadtplanung nichts anderes als »gutorganisierte Verdrängung«. Die Alteingesessenen, von den Fans des Quartiers liebevoll als »Bergvolk« charakterisiert, müßten weichen - nach Kleins Ansicht in die gesichtslosen Plattenbauten am Stadtrand, die »Staubsauger von Hellersdorf und Marzahn«.

Wie sich der Stadtteil entwickeln soll, darüber denken neben Klein und seinen Investoren auch viele andere Westler nach. Werden die Olympischen Spiele im Jahr 2000 in Berlin ausgetragen, so die Planung, dann fallen Heerscharen von Sportlern, Betreuern, Zuschauern und Journalisten ins baufällige Gründerzeitensemble ein.

Die Planer des Senats wollen den Prenzlauer Berg mit überdimensionierten Stadien und Radsporthallen zu einem »olympischen Schwerpunkt« ausstaffieren. Im engbebauten Kiezquartier sollen beispielsweise ein Baseballstadion, eine Judo- sowie eine Boxhalle hochgezogen werden, Fassungsvermögen jeweils zwischen 6000 und 10 000 Zuschauern. Eine neue Schienenverbindung, der sogenannte Olympia-Express, soll die Fans von einem Sportereignis zum nächsten durch den verfallenden Prenzlberg transportieren.

Selbst wenn Berlin den Wettbewerb um die Olympiade verliert, sind die Sport-Großbauten gar nicht mehr zu verhindern. Berlin müsse seine Wettbewerbsfähigkeit beweisen, argumentiert der Senat, und deshalb bereits in wenigen Jahren Renommierbauten für die Leibesübungen vorweisen können.

Was das Bergvolk mit den Protzbauten soll, ist dem Baustadtrat des Bezirks, Matthias Klipp, 29, schleierhaft. »Nach den Spielen hat hier keiner mehr was davon«, sagt der Kommunalpolitiker vom Bündnis 90, »in den Hallen gibt's dann Großveranstaltungen mit Rudi Carrell, die sich die Leute hier nicht leisten können.«

Erbittert setzen die Kiezler den hochfliegenden Investoren- und Olympiaplanern eigene Vorstellungen entgegen. »Wir wollen uns nicht von überschlauen Besserwessis in die Planung für den Prenzlberg reinreden lassen«, empört sich Claudia Nier, 36, vom Ost-Berliner Informations- und Beratungsinstitut für bürgernahe Stadterneuerung.

Schon vor der Wende war die Architektin in einer Bürgerinitiative aktiv, die sich vor drei Jahren noch erfolgreich gegen SED-Kahlschlagssanierer wehrte. Nach der Wende haben sich die gleichen Bewohner zu einer Mietergenossenschaft zusammengeschlossen, um ihre Altbauten zu erneuern und später auch zu kaufen.

Bei der Sanierung, so regelt es ein Vertrag mit dem Senat, werden sie finanziell vom Land Berlin unterstützt. Ähnliche Abkommen haben die Mieter von rund 30 weiteren Häusern im Bezirk Prenzlauer Berg abgeschlossen, darunter viele ehemalige Hausbesetzer. Nier: »Die Mischung aus allen sozialen Schichten muß am Prenzlberg bleiben, die darf nicht an den Stadtrand gedrängt werden.«

Die Erwartungen im Bezirk, wo etwa 30 Bürgerinitiativen an Konzepten für die Erneuerung des Stadtteils arbeiten, sind hochgespannt. Die Bewohner, die den Prenzlberg schon zu DDR-Tagen zur Nische für Unangepaßte und Widerspenstige ausgebaut haben, setzen auf »selbstbestimmte Stadterneuerung von unten«, sagt S.T.E.R.N.-Geschäftsführer Hämer: »Die wollen die Wiederansiedlung von Gewerbe, von Cafes, Kneipen, Handwerksbetrieben und Lebensmittelläden.«

Ohne Rücksicht auf die Ebbe in den Kassen wird alternativ munter drauflos geplant, um den Prenzlauer Berg zur perfekten Idylle auszubauen. So will der Verein »Trautes Heim« ein ehemals besetztes Haus gründlich sanieren - mit Kindertagesstätte, umweltfreundlicher Energieversorgung und Fassadenbegrünung. Unabhängige »Wohn- und Kulturobjekte« schweben der »Autonomen Aktion Wydoks e.V.« vor, und die Projektgruppe Pfefferberg möchte eine historische Brauerei gleichen Namens zur Kulturfabrik ausbauen.

Behutsame Stadterneuerer wie S.T.E.R.N. und Stattbau warnen vor überzogenen Ansprüchen. Welche Schwierigkeiten noch bevorstehen, zeigt das Schicksal des 25-Millionen-Mark-Notprogramms, das der Bausenator vor gut einem Jahr gestartet hat. Nagel damals: »500 zusätzliche Baugerüste sagen mehr als drei Erklärungen zur Deutschlandpolitik.«

Bürgerinitiativen durften mitbestimmen, für welche Häuser die Gelder verwendet werden sollten. Monate später wird an den Häusern aus Nagels Notprogramm kaum noch gehämmert und verputzt.

Denn auf fast alle Altbauten erheben frühere Eigentümer nun Besitzansprüche. Solange die ungeklärt sind, darf nicht weiter saniert werden. Die Hausbesitzer in spe wollen lieber auf eigene Kosten modernisieren und die Wohnungen dann zu erhöhten Preisen an eine zahlungskräftigere Klientel vermieten oder verkaufen.

Kiezbewohner, die erwartet hatten, sie könnten für bereits geleistete Sanierungsarbeit langfristige Nutzungs- oder Mietverträge bekommen, sehen sich getäuscht. »Wir haben schon Fälle, wo Eigentümer erklärten, mit Selbsthelfern machen wir nichts«, sagt Soziologe Hartmut Dieser, 46, der beim Bausenator das Nagel-Programm im Prenzlauer Berg betreut: »Die Hausbesitzer bestrafen so genau jene Gruppen, die sich schon zu SED-Zeiten gegen den Abriß ihrer Altbauten wehrten.«

Baustadtrat Klipp will überhaupt nicht einsehen, daß die Sanierung seines Bezirks, an der schon die SED kläglich scheiterte, nun von Westlern vermasselt wird. »Wenn die Westler weiter an den Bürgern hier vorbeiplanen«, sagt Klipp, »werden die Leute vom Prenzlberg, von denen ja die Revolution in Berlin ausging, spätestens im Herbst wieder auf die Straße gehen.« o

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