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Polen Marki für Germania

In Polen warten über 100 000 Rumänen auf eine Chance, nach Deutschland zu gelangen.
aus DER SPIEGEL 38/1992

Am Bahndamm vor dem Warschauer Ost-Bahnhof haben Roma ein Lager aufgeschlagen: Rund 30 Behausungen sind aus Brettern, Pappe und Stoffetzen gefertigt. Alte Matratzen oder Papier dienen als Schlafstellen.

Buntgekleidete Frauen hängen Wäsche zum Trocknen an einem Zaun auf und kochen am offenen Feuer. Kinder tollen herum, wenn sie nicht gerade einen Passanten anbetteln.

Neben den Zelten rollen die Züge nach Westen, nach Berlin und Köln. Deutschland ist auch das ersehnte Ziel der Roma, die hier kampieren. Die meisten kommen aus Rumänien.

Bevor die Reise weitergeht, müsse er sich in Warschau »Marki für Germania« besorgen, sagt einer der Roma, der mit Frau und Kindern vor einem Bretterverschlag hockt. Daß er für die Einreise nach Deutschland kein Visum besitzt, kümmert ihn nicht. Er will sich illegal über die Grenze schleusen lassen.

Seit sich in Osteuropa die Schlagbäume öffneten, kommen nicht nur westliche Geschäftsleute und Touristen ins Land, sondern auch viele ungebetene Gäste: Für Russen, Ukrainer und Kaukasier ist Polen der Vorgarten zum Paradies, in dem sie auf »Russen«-Märkten ihre Habseligkeiten verscherbeln und mit dem kargen, in Dollar umgetauschten Gewinn mehr verdienen als daheim in mehreren Monaten.

Warschau ist zudem Durchgangsstation für Bürgerkriegsflüchtlinge aus dem früheren Jugoslawien, die in Skandinavien ihr Heil suchen; und es ist Sammelpunkt für Roma, die den Sprung in die reiche Bundesrepublik wagen wollen.

Die Rumänen reisen als Touristen an die Weichsel. Ein Visum benötigen sie nicht. Polens Grenzer verlangen lediglich den Nachweis von 20 Dollar pro Person und Aufenthaltstag. Mit Kurieren schicken die Eingereisten das Geld sofort zurück, damit es die Nachfolgenden vorweisen können.

Seit Anfang des Jahres trafen mehr als 100 000 Rumänen in Polen ein. Sie biwakieren in Parks und Wäldern. Auf den Straßen von Warschau, Danzig und Stettin betteln Roma-Frauen mit apathischen Säuglingen im Arm.

Unter den Warschauern überwiegt bislang noch das Mitleid. Nicht selten alarmieren sie die Erste Hilfe, wenn ihnen der Gesundheitszustand der Kinder auf dem Pflaster zu bedrohlich erscheint.

Bei den Bewohnern der Grenzstädte, wo sich, wie in Zgorzelec, gegenüber Görlitz, zuweilen Hunderte von Roma auf Marktplätzen und an Busstationen sammeln, ist das Mitgefühl indes Zorn und Unsicherheit gewichen. Die Rumänen, so sagt der Stellvertretende Bürgermeister Wieslaw Kosobucki, werden den Einwohnern durch aggressives Betteln ("Marki, Marki") lästig. Zudem leerten sie die Schrebergärten.

Görlitz ist Ziel der meisten Rumänen und Bulgaren, weil hier die Neiße im Sommer so flach ist, daß sie durch den Fluß waten können. Viele schaffen es dennoch nicht. Polnische Grenzer nahmen in den ersten sechs Monaten dieses Jahres rund 18 000 Personen fest, die entweder auf Güterzügen, zu Fuß, meist aber schwimmend nach Deutschland gelangen wollten.

Und es werden immer mehr. Derzeit greifen die Polen rund 1000 Rumänen in der Woche auf. Sie müssen das Land innerhalb von 48 Stunden verlassen. Ein Stempel im Paß weist sie als unerwünscht aus.

Konsequenzen hat die Ergreifung jedoch nicht. Denn für eine Zwangsabschiebung per Bahn oder Flugzeug haben die Behörden kein Geld. Folge: Die Ertappten sind nur wenige Stunden später wieder an der Grenze.

Behilflich sind ihnen dabei gut organisierte Schlepperbanden, die im Hotel Polonia in Slubice an der Oder offen ihre Dienste anbieten und dabei kräftig absahnen - mit Vorkasse, versteht sich. Allein die Information über einen unbeladenen Güterwagen auf dem Grenzbahnhof Kunowice, der gen Westen rollen soll, kostet bis zu 50 Mark.

Für eine kurze Fahrt zur Grenze verlangen Stettiner Taxifahrer 100 Mark. Die Führung zu einer angeblich sicheren Passage über die Oder ist bis zu 300 Mark teuer, Kinder zahlen die Hälfte. Manche Schlepper nehmen die illegalen Grenzgänger skrupellos aus: Sie lassen ihre Klientel durch einen Oderarm schwimmen, der fünf Kilometer von der Grenze entfernt ist.

Bonns Innenministerium drängt in Warschau darauf, die Rumänen effektiver aufzuhalten, möglicherweise mit einer Visumspflicht. Auch Polens Ombudsmann Tadeusz Zielinski verlangt eine Einreisebeschränkung, die »Sicherheit und Ordnung« der Grenzbewohner sei anders nicht mehr zu gewährleisten.

Doch eine Visumspflicht für Rumänen und Bulgaren verstoße, sagt Außenamtssprecher Wladyslaw Klaczynski, gegen den »Grundgedanken der europäischen Einigung«. Polen könne nicht allenthalben für seine Bürger den Wegfall aller Reisebeschränkungen fordern und selbst neue Hürden errichten.

Wohl noch wichtiger: Verlangt Warschau ein Visum, dürften Bukarest und Sofia Zug um Zug ebenfalls die Einreise erschweren. Dies würde die Reisen polnischer Geschäftsleute über die Balkanländer in die Türkei und den Nahen Osten erheblich behindern.

Warschaus Diplomaten erwägen eine andere Lösung: Jeder Rumäne soll fortan die schriftliche Einladung eines Polen vorweisen. Der müßte dann notfalls die Abschiebung bezahlen.

Doch diese Maßnahme werde wenig weiterhelfen, befürchtet Grenzschutzsprecher Jaroslaw Zukowicz. In den GUS-Staaten, für deren Bürger eine ähnliche Regelung gilt, blühe bereits der Handel mit gefälschten Einladungen.

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