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England Marktgesetze Gottes

Mit kommerziellen Unternehmungen kämpft die Kirche gegen schwindenden Gottesdienstbesuch und finanzielle Auszehrung.
aus DER SPIEGEL 15/1991

Bratenduft weht aus den Gewölben des Bauwerks mit den korinthischen Säulen - das Kellerrestaurant ist »in«. An der anderen Flanke des Gebäudes wanken Stadtstreuner treppab - da unten gibt es Tee und Trost.

In dem prachtvollen Backsteingemäuer haben sich eine Buchhandlung und eine Malerwerkstatt installiert, im Hof drängen sich Touristen um Stände mit knalligen T-Shirts und Teetassen mit dem Konterfei der Queen. Damit Bauschutt die Kundschaft nicht vergrätzt, beruhigt ein Schild: »Business as usual in the crypt« - das Geschäft geht weiter. Die Vielzweckhalle ist eine berühmte Kirche: St. Martin-in-the-Fields am Londoner Trafalgar Square.

Das aus dem 18. Jahrhundert stammende Gotteshaus ist ein Beispiel dafür, wie die Staatskirche, die »Church of England«, neue Anhänger zu gewinnen hofft. Da es in Großbritannien keine Kirchensteuer gibt, muß der Klerus sich das Geld für Unterhalt und tätige Nächstenliebe selbst verdienen.

Immer mehr Geistliche suchen sich einen Nebenjob. Hunderte - statistisch sind es bereits zwölf Prozent - arbeiten als Taxifahrer, Bäcker oder Busschaffner. Der Trend zum angewandten Christentum dürfte sich noch verstärken: Nächste Woche wird ein Gottesmann in Hemdsärmeln Primas der Anglikanischen Kirche - der lebensnahe, dem Arbeitermilieu entstammende Bischof George Carey, 55, ersetzt den im Januar zurückgetretenen Robert Runcie.

Die weltlichen Nebentätigkeiten der englischen Gottesmänner, so die Londoner Pastorin Ulla Monberg, seien eine »alternative Art, Gott zu dienen«, und stellten eine »neue Vision von der Kirche in der Stadt« her.

Die Seelsorgerin wirkt an der Kirche St. James's am Londoner Piccadilly, einem weiteren Klerikal-Multi der Hauptstadt. Unter dem Kirchendach veranstaltet die Lufthansa ihr jährliches Barockmusik-Festival, verkauft eine Cafeteria Erfrischungen und praktizieren Ärzte, Psychiater und Akupunkteure.

Wie andere christliche Glaubensgemeinschaften auch, leidet die 1534 von Heinrich VIII. nach seinem Bruch mit Rom geschaffene Church of England (Oberhaupt: die Queen) an galoppierendem Kirchgängerschwund.

Nur etwa drei Prozent der knapp 30 Millionen Kirchenmitglieder besuchen am Sonntag Gottesdienste. Der anglikanische Klerus wehrt sich aber dagegen, die leeren Gotteshäuser aufzugeben.

Die Church of England gehört zwar zu den größten Immobilienbesitzern des Inselreiches, aber es fehlt ihr an Barem. Allein für die Reparaturen ihrer 42 Kathedralen benötigt sie bis zu 450 Millionen Mark, der Staat steuert nur einen Bruchteil bei.

Noch mehr braucht die Kirche zur Bergung der Gestrandeten aus elf Jahren Thatcherismus und aus der neuen Rezession. Die Zahl der unterhalb der Armutsgrenze lebenden Briten ist auf 7,7 Millionen (1990) gestiegen, die Arbeitslosenzahl klettert monatlich um 80 000.

Manchmal geraten Gottesmänner auf dem schmalen Pfad zwischen Bibel und Mammon ins Schleudern. So wollte das Domkapitel von Hereford in Westengland Geld machen, indem es die letzte noch existierende Weltkarte aus dem 13. Jahrhundert, »Mappa mundi«, bei Sotheby's zur Versteigerung anbot. Nur weltweiter Protest stoppte den Frevel.

Mit fast 100 000 Mark Schulden ging der Pfarrer einer Londoner Kirche mit einem »Luncheon Club« bankrott. Über 230 000 Mark Verlust machten die Kirchenväter der Kathedrale in Lincoln auf einem Australien-Trip, der als »fund raising« - Spendensammeln - geplant war. Vorige Woche übernahm der Staatsanwalt den Fall.

Begreiflich, daß da der künftige Erzbischof von Canterbury und »Primas von ganz England«, George Carey, seine Hirten ermahnte: Sie sollten die Kirche bei aller löblichen Lebensnähe nicht zum »fund raising«-Service degradieren - denn »erst kommt der Glaube, dann die Kirche«.

Ansonsten kann der englische Klerus auf einen sozial engagierten neuen Boß zählen. Carey, ehemals Bischof von Bath und Wells, wird der erste echte Cockney aus dem Londoner East End an der Spitze der Anglikanischen Kirche sein.

»Modest George«, wie das Massenblatt Sun den Vater von vier Kindern taufte, verließ mit 15 Jahren die Schule, mit 17 sah er das erstemal eine Kirche von innen. Und er ist, Schrecken der Fundis, Befürworter weiblicher Priester.

Carey will die Kirche »verbraucherfreundlicher« gestalten. Daß er über Sinn fürs Praktische verfügt, hat der designierte 103. Erzbischof von Canterbury bewiesen: Auf der Bahnfahrt zu einer Sitzung des Londoner Oberhauses - dem »House of Lords« gehören 25 Bischöfe an - bemerkte er, daß er seinen steifen weißen Priesterkragen vergessen hatte. Der Bischof borgte sich die Nagelschere seiner Frau und schnippelte sich einen zurecht - aus einem weißlichen Plastiktablett der British Railways.

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